Das Komplott der Senatoren

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»Der Chef ist nicht zu sprechen.«

Lee platzte der Kragen. »Jetzt machen sie schon das verdammte Tor auf, Mann. Ich bin Lee O’Sullivan, der Sohn des Senators!« Es kam ihm nur schwer über die Lippen, aber hier musste er offensichtlich mit schwerem Geschütz auffahren. Sein Name beeindruckte den Wächter nicht im Geringsten, aber der Ton gefiel ihm scheinbar nicht. Er richtete den Lauf der Waffe auf Lees Brust und wiederholte emotionslos, als spreche er vom Band:

»Der Chef ist nicht zu sprechen.«

Mit rotem Kopf zischte Lee zurück:

»Ein paar andere Wörter kennen Sie wohl nicht, was? Wie wär’s zum Beispiel mit: Ich frage mal nach?« Plötzlich erweiterte sich das Vokabular des Wächters. Er sprang ein paar Schritte zur Seite, wo Marion mit ihrem Handy fotografierte und stellte sich vor die Kamera.

»Keine Bilder. Fotografieren verboten!«, rief er aufgeregt.

»Gibt es etwas, das hier nicht verboten ist?«

»Ja, abhauen«, knurrte der Mann und fuchtelte unmissverständlich mit der gefährlichen Waffe. Lee biss sich auf die Lippen. Er zählte innerlich langsam auf fünf, um sich etwas zu beruhigen, bevor er einen weiteren Versuch wagte:

»Hören Sie, ich verstehe, dass Sie auch nur Ihren Job machen, so wie wir. Aber wir sind den langen Weg von der Ostküste hierher gereist, um mit dem Management von AZ Technologies zu sprechen, da niemand ans Telefon zu kriegen ist. Also, würden Sie uns jetzt bitte anmelden? Es ist sehr dringend.«

»Ganz recht, Mister. Ich mache hier nur meinen Job. Und meine Anweisungen sind sonnenklar: keine Besucher, keine Auskunft, keine Fotos, kein gar nichts. Verstanden?«

Bevor Lee wieder ausrasten konnte, zupfte ihn Marion am Ärmel und flüsterte ihm ins Ohr: »Kommen Sie, es hat keinen Sinn. Wir werden mit einem Gerichtsbeschluss wiederkommen.«

Gerichtsbeschluss? So etwas konnte Monate dauern. Er wollte protestieren, doch sie drängte ihn mit eiserner Hand zum Wagen zurück.

»Was fällt Ihnen ein, ich bin noch lange nicht fertig mit dem Blödmann!«, schnauzte er sie an, als sie wieder im Auto saßen.

»Ich weiß, ich auch nicht, aber rohe Gewalt hilft hier nicht weiter, es sei denn, sie hätten auch so eine Artillerie im Handschuhfach.«

»Sehr witzig.« Er brauchte eine Weile, bis sich sein Puls wieder beruhigte. »Verscheucht, weggejagt wie zwei lästige Schmeißfliegen«, empörte er sich.

»Wir lassen uns schon etwas einfallen, keine Angst«, beschwichtigte sie. »Wir kommen da hinein, und wenn wir den Richter bemühen müssen. Diese Fabrik ist nicht die NSA.«

Er hörte ihr nur mit halbem Ohr zu, war zu sehr damit beschäftigt, seinen Ärger zu pflegen. Er wendete den Wagen und fuhr zurück nach dem Städtchen mit dem schönen Namen Fountain Hills.

Unvermittelt sagte sie:

»Ich habe Hunger. Mit leerem Magen kann ich nicht denken.«

»Ein vernünftiger Satz«, brummte er mürrisch. Vielleicht kehrte seine Energie mit ein paar zusätzlichen Kalorien wieder zurück. Nach diesem demütigenden Erlebnis fühlte er sich schlapp und mutlos.

Sie hielten bei einer Trattoria und setzten sich in den schattigen Garten. In seinen Gedanken war er weit weg, in der Villa des Senators in Potomac. Welches Geheimnis versteckst du vor mir?, fragte er seinen Vater. Wie immer erhielt er keine Antwort.

»Pilze, Peperoni, extra Käse?«

»Wie bitte?« Er brauchte einen Moment, um Marions simple Frage einzuordnen. Nach einem kurzen Blick auf die verwirrende Vielzahl der Pizzavariationen in der Speisekarte vor ihm bestellte er einfach Pizza, ohne jede Schikane. Er brauchte irgendetwas zwischen die Zähne, aber Lust zu essen hatte er im Grunde nicht. Ganz anders seine Begleiterin. Sie blühte auf, als hätten sie sich zu einem extravaganten Dinner getroffen, suchte die schärfsten Zutaten aus, die der Süden zu bieten hatte und vergaß auch das Glas Rotwein nicht. Sie errötete leicht, als sie seine Verblüffung bemerkte.

»Wenn ich frustriert bin, bekomme ich Appetit«, erklärte sie, als müsste sie sich entschuldigen.

»Wie es scheint, werden sie sehr selten enttäuscht, gertenschlank wie Sie sind.«

Sie lächelte säuerlich. »Haben Sie eine Ahnung! Aber Danke für das Kompliment, wenn es denn eines gewesen ist.«

»Ist es«, antwortete er ernst. »Tut mir leid, wenn ich manchmal etwas grob erscheine. Ist eigentlich nicht meine Art, aber dieser Reinfall heute geht mir ganz schön an die Nieren. Wir haben noch nicht einmal einen Namen, an den wir uns halten können.«

Sie nickte nachdenklich. Nachdem sie eine Weile schweigend aufs Essen gewartet hatten, griff sie plötzlich in ihre Tasche, holte das Telefon heraus und begann aufgeregt Knöpfe zu drücken. Sie lächelte zufrieden, als sie ihm den kleinen Bildschirm vor die Nase hielt und sagte triumphierend:

»Wusste ich’s doch. Namen haben wir keine aber Zahlen.« Auf dem vergrößerten Bildausschnitt erkannte er deutlich ein Autokennzeichen.

»Die Nummern der geparkten Wagen!«, rief er erfreut. »Sie sind die Größte.« Ein wenig ärgerte ihn schon, dass er nicht selbst auf diese Idee gekommen war, aber das trübte seine Freude über die wertvolle Entdeckung nicht.

»Wenn Sie einverstanden sind, werde ich diesen Nummern nachgehen. Einer der Besitzer wird wohl reden. Wenn nötig helfen wir mit etwas Kleingeld nach. Ist das O. K.?«

Selbstverständlich war er einverstanden. Alles was diese leidige Angelegenheit schneller aus dem Weg räumte, war gut. Die Kellnerin trug das Essen auf und Marion fiel mit Heißhunger über ihren Pizzaberg her, während er sie amüsiert aus den Augenwinkeln beobachtete. Eigentlich ist die hübsche Kratzbürste ganz in Ordnung, dachte er.

Capitol Hill, Washington DC

Senator Douglas erhob sich von der Bank unter der alten Eiche im Innenhof des Russell Senate Office Building. Die fünf Minuten im Grünen vor dem Hearing gönnte er sich bei fast jedem Wetter. Er hatte die kleine Gruppe altbekannter Kämpfer gegen Big Coal, die mächtige Lobby der Kohlekraftwerke, auf zehn Uhr in den Saal SR-253 bestellt und rechnete mit einem frühen und ausgedehnten Lunch mit angenehmeren Besuchern aus dem Süden bei Charlie Palmer. Eine Stunde, mehr Zeit würde er nicht brauchen, um den Wirrköpfen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Wie jedes Mal, wenn es eine gute Gelegenheit gab, seine Gegner in die Pfanne zu hauen, freute er sich auf die Begegnung. In dieser Hinsicht stand er dem verblichenen Senator O’Sullivan in nichts nach.

»Alles dabei?«, flüsterte er ohne die Lippen zu bewegen, als er neben seinem Privatsekretär Platz nahm. Sein Vertrauter nickte lächelnd. Selbstverständlich hatten sie sich beide bestens auf diese Sitzung vorbereitet, so wie die vier Zeugen am Tisch unter ihnen anscheinend auch. Jedenfalls kam ihr Wortführer Wolford, der alte Wolf, gleich auf den Punkt, als er das Wort erhielt.

»Herr Vorsitzender, ich möchte mich zuerst in meinem Namen und im Namen der hier anwesenden Zeugen bedanken, dass wir unser wichtiges Anliegen vor Ihrem Subcommittee vorbringen dürfen. Wie Sie unserer Dokumentation entnehmen können, wird fünfzig Prozent der elektrischen Energie in diesem Land in Kohlekraftwerken erzeugt. Kohle liefert viel mehr Energie als jede andere einzelne Energiequelle. Umgerechnet bedeutet das, jede Person in den Vereinigten Staaten verbraucht im Schnitt zwanzig Pfund Kohle für seinen Strombedarf, jeden Tag.«

»Sie sagen es«, zischte der Senator zwischen den Zähnen, während er seine Akten zu studieren vorgab. Der alternde Aktivist am Zeugentisch trank einen Schluck Wasser, bevor er weiterfuhr:

»Es ist uns sehr wohl bekannt, dass Kohle reichlich vorhanden und billig zu gewinnen ist in unserem Land. Leider aber ist dieser Energieträger auch schmutzig und gefährlich. Ich weise auf die umfangreiche Zusammenstellung schrecklicher Minenunfälle in Pennsylvania, Kentucky, Virginia und anderen Staaten hin, wo durch Nachlässigkeit der Betreiber dutzende Arbeiter ihr Leben lassen mussten. Der Punkt, den ich hier mache, ist, dass Kohle unter anderem so billig ist, weil es zuwenig griffige Sicherheitsvorschriften für die Minengesellschaften gibt und weil die Vorschriften nicht rigoros durchgesetzt werden, dort wo es sie gibt.«

Douglas zog demonstrativ ein dickes Dossier aus seinen Akten, hielt es mit der Rechten hoch und sagte mit väterlicher Stimme, als müsste er einen Schüler beruhigen:

»Das sind tragische Unfälle, Mr. Wolford, die jedoch seriös abgeklärt worden sind, wie ich in diesen Berichten gelesen habe. Die Untersuchungen haben kein Verschulden der Minengesellschaften ergeben. Das Unglück 2002 in Quecreek zum Beispiel war eine Naturkatastrophe, eine Flut, die ins Bergwerk eingedrungen ist.«

»Hätte die Gesellschaft die Sicherheit nicht fahrlässig vernachlässigt, würden diese Menschen noch leben, Herr Vorsitzender. Wie Sie wissen, wurde die Firma damals zu einer Geldbuße verurteilt.«

»14.100 Dollar, lese ich hier«, schmunzelte der Senator verächtlich.

»Lächerlich, nicht wahr?«, stimmte ihm Wolford ironisch zu. »Allerdings hat die gleiche Firma anschließend eine halbe Million Dollar Staatsgelder für die Kosten der Rettungsaktion erhalten.«

»Was jetzt nicht hierher gehört.«, entgegnete Douglas mit giftigem Blick. »Ich bitte den Zeugen, beim Thema zu bleiben.«

»Selbstverständlich, entschuldigen Sie, Herr Vorsitzender.« Es war dem alten Wolf anzusehen, dass ihm der gelungene Seitenhieb kindliche Freude bereitete. »Ungleich gefährlicher als der Abbau von Kohle ist es jedoch, sie zu verbrennen. Ich verweise auf die Anlage 2 unserer Dokumentation. Kohlekraftwerke sind verantwortlich für sechzig Prozent aller Schwefeldioxid-Emissionen in unserem Land, ebenso stoßen sie zwanzig Prozent der Stickoxide und gar über dreißig Prozent des Quecksilbers aus, das unsere Umwelt vergiftet. Das führt zu horrenden Gesundheitskosten, wie wir ausführlich darlegen. Ich möchte besonders auf die Untersuchung von Joel Schwartz hinweisen, wonach mehr Menschen durch Feinstaub und Luftverschmutzung sterben als durch AIDS.«

 

»Und das alles haben die Betreiber der Kohlekraftwerke zu verantworten?«, unterbrach Douglas, wobei er sein verächtliches Grinsen gar nicht zu verbergen suchte.

»Mit Verlaub Sir, ja das glaube ich. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Ich komme nun zu meinem letzten und wichtigsten Punkt, wenn Sie erlauben.« Er machte eine Kunstpause, trank nochmals einen Schluck Wasser und räusperte sich, bevor er fortfuhr: »Die bisher aufgeführten Probleme der Kohlekraftwerke sind schlimm genug, weit schlimmer ist jedoch ein anderes Problem: der CO2-Ausstoß. Noch immer sind die Kohlekraftwerke für vierzig Prozent, fast die Hälfte der Kohlendioxid-Emissionen der Vereinigten Staaten verantwortlich, und das zu einer Zeit, da der Klimawandel längst im Gang ist, die Trockenperioden auch unser Land gefährden, der Wassermangel akut wird in der Landwirtschaft.« Er blickte mit ernster Mine zuerst seinem Gegenüber in die Augen, bis der Senator blinzelte, dann hinüber zu den wenigen Journalisten und Zuschauern, die sich in dieses Hearing verirrt hatten. Seine Stimme wurde noch eindringlicher, als er schloss: »Das, Herr Vorsitzender, sind die Gründe, weshalb wir die in Anlage 3 beschriebene schrittweise Stilllegung der Kohlekraftwerke fordern. Das Amerikanische Volk hat Besseres verdient.«

Darauf hatte Douglas gewartet. Ein hintergründiges Lächeln umspielte seine Lippen, als er Wolford seinen ersten Köder hinwarf.

»Es ist dem Zeugen doch sicher bekannt, dass sich die technologischen Fortschritte nicht von der Hand weisen lassen«, begann er freundlich. »Mittlerweile gibt es wirksame Filter und Waschanlagen für die Abgase der Kraftwerke.«

»Das ist richtig, aber die Messwerte …«

»Aus welchem Jahr stammen Ihre Zahlen?«, unterbrach Douglas scharf. Sein Sekretär hatte ganze Arbeit geleistet, denn wie erwartet zögerte Wolford mit der Antwort, sichtete nervös seine Unterlagen, als wüsste er die Antwort nicht ganz genau. Der Umweltschützer kam ins Schwitzen, gut.

»Die letzten Messungen sind vor einem Jahr gemacht worden, Sir.«

»Vor einem Jahr?« Douglas blickte überrascht in die Runde. »Bei den heutigen rasanten Fortschritten der Technologie ändert sich viel in einem Jahr, nicht wahr?« Wolford öffnete den Mund, aber der Senator schnitt ihm das Wort ab: »Es sind also alte Zahlen, die wir hier diskutieren. Ich denke nicht, dass wir uns länger mit der Vergangenheit beschäftigen sollten. Wir müssen nach vorne schauen. Es geht immerhin um die gesicherte Energiezukunft der Vereinigten Staaten von Amerika.« Wolford und seine Mitstreiter ließen die Köpfe hängen, als säßen sie auf der Anklagebank. Ein paar Sekunden herrschte peinliche Stille im Saal, bis ihr Sprecher einen weiteren Versuch unternahm, seinem Anliegen doch noch Gehör zu verschaffen:

»Auch wenn die Zahlen ein Jahr alt sind, zeigt der Trend doch klar in die falsche Richtung. Die Emission von CO2 jedenfalls hat in den letzten Jahren klar zugenommen.«

Douglas nickte zustimmend und stellte seine nächste, überraschende Frage mit freundlichem Lächeln:

»Dieses Treibhausgas ist doch einer der Hauptverursacher der globalen Erwärmung, nicht wahr?«

»Ja, so ist es«, antwortete Wolford vorsichtig. Er war auf der Hut, fragte sich wohl wie viele andere im Saal, worauf Douglas mit seiner rhetorischen Frage hinaus wollte.

»Mr. Wolford, Sie haben uns eine umfangreiche Dokumentation mit vielen eindrücklichen Zahlen vorgelegt, auch wenn diese nicht auf dem neusten Stand sind. Lassen Sie mich nun auch ein paar Fakten darlegen.« Er nickte seinem Sekretär zu, worauf dieser eine Schautafel enthüllte, die unbeachtet auf einem Dreibein in der Ecke gestanden hatte. »Sehen Sie sich bitte die beiden Linien auf dieser Grafik an. Es ist eine Übersicht über Durchschnittstemperatur und Trockenperioden in den USA über die letzten zehn Jahre. Wie Sie sehen, haben wir auch die neusten Zahlen nicht vergessen.« Man hörte beifälliges Raunen und vereinzeltes Kichern. Der Senator lehnte sich befriedigt in seinem Sessel zurück, ein Richter, der sich seines gerechten Urteils sicher ist. »Die rote Linie zeigt die beängstigende Zunahme der Trockenheit, wie Sie selbst richtig bemerkt haben. Das ist eines der größten Probleme, mit denen sich unsere Landwirtschaft, und allmählich die ganze Wirtschaft konfrontiert sieht. Da muss ich Ihnen leider zustimmen.«

Er legte eine dramatische Pause ein, bis das erneute Raunen verstummte, dann setzte er zu seinem vernichtenden Schlag an: »Die grüne Linie zeigt den Verlauf der Durchschnittstemperatur im gleichen Zeitraum. Wie Sie sehen, hat sie seit fünf Jahren kontinuierlich abgenommen, nicht zugenommen, wie man aus der Zunahme des CO2-Ausstoßes schließen müsste. Korrigieren Sie mich, aber ich sehe hier beim besten Willen keine Klimaerwärmung. Die CO2-Emissionen unserer Kohlekraftwerke können also keineswegs das dringende Problem sein, das wir jetzt sofort lösen müssen. Sie wollen doch auch nicht, dass wir die Kohlenenergie einfach durch Kernenergie ersetzen, nicht wahr? Atomkraftwerke wären nämlich CO2-frei.«

Die Reaktion des Publikums setzte nach einer Schrecksekunde lautstark ein. Das Hearing war vorbei, noch bevor es Douglas offiziell für beendet erklärte. Kopfschüttelnd und mit hängenden Schultern verließ Wolford den Saal mit seinen Gefährten. Keiner sprach ein Wort, im Gegensatz zur Entourage des Senators.

»Gute Arbeit, Jim«, murmelte er höchst zufrieden, als er sich von seinem Privatsekretär verabschiedete. Fünf nach elf, O. K., er hatte fünf Minuten länger gebraucht als geplant, um den Vorstoß der grünen Träumer an die Wand zu fahren. Kein Problem, die Bewunderung seiner Anhänger aus Arizona war ihm trotzdem sicher. Er hatte Charlie Palmers saftiges Steak redlich verdient. Es angenehmer Lunch erwartete ihn.

Flagstaff, Arizona

Niemand konnte ernsthaft behaupten, Ken Holden, der Chef der Clearwater Kohlekraftwerke im Osten Flagstaffs, wäre auf den Mund gefallen. Mitarbeiter, Freunde und Feinde kannten ihn als geselligen, bodenständigen Kerl, der stundenlang über nichts reden konnte. Doch was sich nun unter dem Fenster seines Büros am Fuß des Devils Head abspielte, verschlug selbst ihm die Sprache. Er und seine Leute waren es gewohnt, hin und wieder von ein paar verirrten Umweltschützern mit orthografisch fragwürdigen Parolen auf Pappkarton belästigt zu werden, aber dieser organisierte Massenaufmarsch bedeutete nichts anderes als Krieg. Seit über einer Stunde herrschte hier Belagerungszustand. Die Sprüche auf den Plakaten wurden zunehmend aggressiver.

Hilfe, wir kriegen keine Luft!

Hört auf uns anzulügen – saubere Kohle gibt es nicht!

Stoppt die Kohle!

Schleift die Dreckschleuder!

Er hatte aufgehört zu zählen, aber es mussten hunderte wütender Demonstranten sein, die immer wieder im Chor skandierten: »Stoppt die Kohle, stoppt die Kohle, …« Allmählich drohte ihm die Sache über den Kopf zu wachsen. Der Mob besetzte nicht nur das Werksgelände, die Leute blockierten auch die wichtigen Zufahrtswege vom Highway 89. Wenn das noch lange so weiterging, mussten sie den Betrieb herunterfahren. Und er fragte sich bange, wann die ersten Steine fliegen würden.

»Ken«, meldete sich seine Sekretärin schüchtern und hielt ihm den Telefonhörer hin. »Der Gouverneur.« Sichtlich erleichtert ergriff er den Rettungsanker und rief ins Telefon:

»Governor, Lucy, Gott sei Dank, dass du zurückrufst. Hier ist die Hölle los!«

»Das höre ich durchs Telefon. Habt ihr Krieg?«

»Das kannst du laut sagen. Unsere Männer und die Polizei geben sich alle Mühe, aber die Meute ist einfach zu groß. Ich befürchte …« Die Gouverneurin unterbrach ihn:

»Willst du mir nicht erst einmal sagen, was überhaupt passiert ist?«

Er schilderte in grellen Farben, was sich zu seinen Füßen abspielte und lieferte auch gleich die Erklärung dafür: »Weißt du, was ich glaube, Lucy? Ich glaube, die Leute sind fuchsteufelswild, weil es immer noch vernünftige Leute in Washington gibt, die uns keine weiteren Steine in den Weg legen wollen. Wir haben weiß Gott schon genug investiert für Sicherheit und saubere Energie.«

»Ja, ja, ich kenne deine Sprüche, Ken. Hör mal, ich habe wenig Zeit. Ich schlage vor, wir schicken dir Verstärkung aus Phoenix hinüber, um die Zufahrt und den Betrieb zu sichern. In spätestens zwei Stunden sind sie da. Die Demonstranten lassen wir schön in Ruhe. Irgendwann werden sie von selbst müde und kehren heim. Nur keine Provokation.«

»Werde mich hüten«, brummte Ken, aber er war zufrieden. Die Angelegenheit hatte nun die nötige Management Attention. »Vielen Dank, Governor.« Es half nichts, er musste sich in Geduld üben, so schwer es ihm auch fiel.

Nach dem Telefongespräch setzte er sich etwas ruhiger an den Schreibtisch und begann, die Pendenzen abzuarbeiten. Die Wichtigste war nirgends notiert. Eine heikle Sache, bei der man besser keine schriftlichen Spuren hinterließ. Er griff zum Telefon.

»Tut mir leid, Mr. Holden, Mrs. Harper ist im Kesselhaus.«

»Was in Gottes Namen treibt sie denn in diesen Ofen, friert sie?« Er lachte lauthals über seinen gelungenen Scherz.

»Sie zeigt den Herren von MCT das Werk. MCT ist einer der Anbieter für die neuen …«

»Ich weiß, wer die Leute sind, danke. Beth soll die Führung beenden und sofort in mein Büro kommen, sagen Sie ihr das. Es ist dringend.« Die Führung war ohnehin gegenstandslos, aber das wusste die gute Beth Harper noch nicht. Ein wenig tat ihm die Projektleiterin leid. Sie hatte viel Zeit und Energie in die Ausschreibung für den Bau der neuen CO2 Waschanlage investiert, aber die Götter in Washington hatten nun mal entschieden, nichts zu entscheiden.

»Beth, gut, dass du so schnell kommen konntest«, begrüßte er seine altgediente Angestellte, als sie atemlos zur Tür hereinplatzte.

»Du hast mir ja keine Wahl gelassen. Was gibt’s denn so Dringendes?«

»MCT waren die letzten?«

»Ja, mein Assistent betreut sie weiter.«

»Gut, obwohl du sie auch gleich hättest nach Hause schicken können, fürchte ich.«

»Nach Hause – wie meinst du das?« Sie musterte ihn misstrauisch. »Hat es etwas mit der Demo zu tun?«

Er schüttelte den Kopf, sagte nur: »Setz dich doch«, aber Beth zog es vor, stehen zu bleiben. Er wusste, dass er ihr nichts vormachen konnte und beschloss, nicht lange um den heißen Brei herum zu reden. »Wir stoppen das Projekt.«

Sie zuckte zusammen, als hätte er sie geohrfeigt und starrte ihn ungläubig an. »Sag, dass das nicht dein Ernst ist!«, rief sie. »Die Evaluation ist beinahe abgeschlossen. Ken, es geht um fünf Millionen!«

»Eben«, murmelte er. Er hasste es, zu ihr aufzuschauen und erhob sich. In väterlichem Ton versuchte er ihr seine Entscheidung zu erklären, doch sie winkte schnell ab:

»Das ist Bullshit, Ken. Du brauchst mir die Kröte nicht schmackhaft zu machen. Es bleibt eine Kröte und ich werde sie schlucken, aber du kannst nicht erwarten, dass sie mir sonderlich mundet. Was ist der wahre Grund?«

Er grinste erleichtert. Er hatte sie richtig eingeschätzt, auf Beth war Verlass. Seine Entscheidung bedeutete, dass sie und ihr Projektteam ein Jahr lang mit Leib und Seele für den Papierkorb gearbeitet hatten. Trotzdem steckte sie die Niederlage ein, ohne den Kopf hängen zu lassen.

»Also gut, lassen wir die Spielchen, Beth. Der Grund, warum wir die fünf Millionen sparen können, ist die erfreuliche Pattsituation in Washington. Unsere Gegner sind einmal mehr grandios abgeblitzt mit ihren extremen Forderungen, dank der tatkräftigen Unterstützung des Senatskomitees. Wir müssen also weiterhin nicht mit verschärften Kontrollen und Vorschriften rechnen. Du wirst verstehen, dass ich unter diesen Umständen nicht bereit bin, das Geld für eine luxuriöse Filteranlage rauszuschmeißen.«

Sie schaute ihn lange schweigend mit zusammengekniffenen Lippen an. Es war nicht zu übersehen, dass sie mit sich kämpfte. Er erwartete eine giftige Bemerkung, aber sie drehte sich schließlich auf ihren Absätzen und fragte auf dem Weg zur Tür lediglich:

»Sonst noch was?«

»Nein.« Die Tür fiel schon wieder zu hinter ihr, als er hinzufügte: »Sorry, Beth.« Er ging zu seinem Wandschrank, schob die paar Bücher zur Seite, packte die dickbauchige Flasche, die er im Gegensatz zu den Büchern schon oft geöffnet hatte und goss sich eine großzügige Ration des köstlichen Tequila ein. Der erste Teil der Pendenz Nummer eins war erledigt, der zweite würde weniger Nerven kosten. Unter seinen Fenstern ging die Demonstration mit unverminderter Lautstärke weiter, aber sie hatte ihren Schrecken verloren. Diese Leute verschwendeten nur ihre Zeit. Bald würde die Verstärkung aus Phoenix dafür sorgen, dass der Betrieb ungestört weiterging. Er setzte sich entspannt an den Schreibtisch und ließ sich zur Buchhaltung durchstellen.

 

»Schöne Scheiße da draußen«, schimpfte der CFO, als er seine leuchtend weiße Mähne zur Tür hereinstreckte. Ken schmunzelte. Er kannte seinen Vertrauensmann schon seit der Highschool und schätzte dessen direkte Art im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten.

»Beth war eben hier. Das Projekt ist Geschichte.«

»Gut für unseren Bonus«, brummte der CFO. Ken lachte.

»Du sagst es. Die fünf Millionen bleiben in der Kasse, aber die Provision müssen wir jetzt natürlich zahlen, wie wir besprochen haben.«

»Zwanzigtausend?« Ken nickte. Verglichen mit dem Ersparten war es ein lächerlicher Pappenstiel, den die Buchhaltung an Ritter und Co., den bewährten Treuhänder in Chicago, überweisen würde.

Business District, Washington DC

Das Licht ging plötzlich aus. Marion schreckte in ihrem Sessel hoch und wedelte mit den Armen, bis die Sensoren ihre Bewegung registrierten und die Leuchtröhren eine nach der anderen wieder aufflackerten. Sie musste lange unbeweglich über ihren Akten gebrütet haben. Stöhnend rieb sie sich den Rücken, stand auf und streckte sich. Die Fenster der Büros gegenüber waren dunkel, außer der Reihe im neunten Stock, wo der unbekannte junge Mann am Computer saß. Er hatte sie bemerkt, winkte begeistert und hielt ein großes Blatt Papier ans Fenster. Hungrig, Essen? stand drauf. Sie schmunzelte. Es war nicht das erste Mal, dass er sie auf diese Art zu verführen versuchte. Beinahe bedauerte sie, ihn schon wieder enttäuschen zu müssen, aber ihr Arbeitstag war noch nicht zu Ende. Grund genug jedenfalls, sich nicht ernsthaft mit anderen Ausflüchten beschäftigen zu müssen. Sie schwenkte die Schachtel mit der erkalteten Pizza am Fenster und zuckte bedauernd die Achseln, worauf ihr Gegenüber das Blatt wendete. Schade! stand auf der Rückseite.

Lachend und angewidert zugleich klaubte sie ein Stück des fettigen Fladens aus dem aufgeweichten Karton. Das Zeug war nur noch mit rauen Mengen Cola zu genießen, aber sie musste ihren Magen auf irgendeine Weise ruhigstellen, ohne Zeit zu verlieren. In ihrem Single-Dasein empfand sie das Essen als lästige Pflichtübung, die sie bisher so schnell und effizient erledigt hatte wie die Suche nach Präzedenzfällen im Büro. Bisher, außer dem einen Mal im Garten der bescheidenen Trattoria in Fountain Hills. Sie hatte vergessen oder verdrängt, wie es sich anfühlte, zu zweit an einem gedeckten Tisch zu sitzen und von einem Teller zu essen, mit Besteck, das nicht aus Plastik bestand, sich bei einem Glas Wein zu unterhalten. Beängstigend gut fühlte es sich an.

Unwirsch verscheuchte sie die lähmenden Gedanken. Sie kippte die Schachtel mit dem Rest der Pizza in den Abfalleimer, wischte die öligen Finger an der Papierserviette ab und öffnete die Mappe mit den Unterlagen aus Arizona. Zuoberst lag der Zettel mit User-ID und Passwort für die Webseite, die ihr der Kollege aus der IT für die Suche nach Autonummern empfohlen hatte. Sie breitete die ausgedruckten Handyfotos auf dem Schreibtisch aus und trug alle Nummern der geparkten Wagen, die sie entziffern konnte, in eine Liste ein. Sieben Nummernschilder waren zu erkennen, allesamt mit dem charakteristischen dreifingrigen Saguaro in der linken unteren Ecke, dem Wahrzeichen des Wüstenstaates Arizona. Sie tippte die Adresse des Suchdienstes in die Kopfzeile des Browsers und meldete sich an.

Willkommen zurück, Gringo, begrüßte sie die Webseite. Sie fand nicht auf Anhieb was sie für ihre Suche benötigte, denn unter dem Pseudonym ihres Kollegen standen ihr praktisch sämtliche Regierungsdatenbanken offen. Das Material, das auch die Bullen benutzten, wie Gringo stolz behauptete. Gespannt tippte sie die Daten des ersten Nummernschilds ein. Das System ließ sich Zeit. Ungeduldig drückte sie die ENTER-Taste ein zweites Mal, ohne Erfolg. Endlich erschien die verblüffende Antwort auf dem Bildschirm: »Nummer nicht gefunden«, zusammen mit ein paar hilfreichen Tipps, was sie bei der nächsten Suche besser machen könnte. Ärgerlich tippte sie die Ziffern und Buchstaben, diesmal konsequent groß geschrieben, ein zweites Mal ein. Wieder dauerte es einige Zeit, bis die gleiche Antwort erschien.

»Das fängt ja gut an«, murrte sie. Sie tippte die nächste Nummer aus ihrer Liste ein, mit dem gleichen Ergebnis. Als die Suchmaschine auch die dritte Nummer nicht fand, wurde sie richtig wütend. Sie schlug auf die Tasten ein, als könnte sie dem widerborstigen System die Flausen austreiben, aber es half nichts. Die scheinbar allwissende Datenbank enthielt keine der sieben Autonummern. »Weißt du was, Gringo? Das ist richtig Scheiße«, schnauzte sie den Computer an. Wieder eine Stunde Arbeit für die Katze. Kurz entschlossen rief sie ihren Kollegen an. Ihr war vollkommen egal, wobei sie ihn gerade störte. Wenn er schon im Bett lag, umso besser.

»Marion, was verschafft mir die Ehre?« Er war kaum zu verstehen neben der laut stampfenden Musik und dem Stimmengewirr in ihrem Hörer.

»Kannst du bitte mal den Stecker ziehen?«, schrie sie ins Telefon. Eine Tür knallte, der Lärm wurde erträglicher.

»Warum schreist du so? Ich kann dich gut hören.«

»Spaßvogel. Hör mal, dein Gringo Passwort ist nicht viel wert. Ich versuche seit mehr als einer Stunde, diese läppischen sieben Autonummern abzufragen, aber das miese System will sie nicht kennen.«

»Interessant.«

»Mehr fällt dir dazu nicht ein?« Sie warf ihrem Computer einen bösen Blick zu. »Kennst du auch eine vernünftige Datenbank?«

»Ich meine es ernst, Marion. Das ist wirklich sehr interessant. Die Webseite, die ich dir angegeben habe, kennt alle öffentlichen Records. Das kannst du mir ruhig glauben. Wenn deine Nummern unbekannt sind, gibt es nur noch zwei Möglichkeiten.«

»Und die wären?«, drängte sie ungehalten, als er sich Zeit ließ mit der Antwort.

»Entweder sind es geheime Regierungsnummern oder es gibt sie nicht.«

»Gibt sie nicht!«, äffte sie wütend nach. »Was heißt das? Es sind stinknormale Nummernschilder aus Arizona.«

»Hollywood, Fälschungen, Täuschungsmanöver.« Sie hatte den ungeheuerlichen Verdacht auch schon, ohne ihn ernst zu nehmen. »Gib mir mal eine deiner Nummern«, unterbrach der Kollege ihren Gedankengang.

»Warum, was willst du damit?«

»Ich kenne noch eine andere Adresse, ziemlich illegal, aber dort findet man auch Polizei- und Armeefahrzeuge. Besser du kennst sie nicht.«

Sie buchstabierte die erste Nummer ihrer Liste und wartete, aufgeregt mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte trommelnd. Die Zeit wollte nicht vergehen, bis sie endlich ein Knacken in der Leitung hörte.

»Und?«, rief sie erwartungsvoll.

Der Kollege räusperte sich, hüstelte und antwortete etwas unsicher: »Nichts. Tut mir leid.«

»Mir auch, Mist!«, schimpfte sie. »Warum sollte jemand Autonummern erfinden?«

»Wie gesagt, in Hollywood machen sie das ständig. Marion, ich bin zu 95, was sage ich, 99 Prozent sicher, dass das Fälschungen sind. Den Grund musst du wohl selbst herausfinden.«

Sie starrte eine Weile auf den Bildschirm mit der nervtötenden nicht gefunden Meldung, dann rief sie ihren Kunden an, trotz der fortgeschrittenen Zeit. Warum sollte er nicht an ihrer Frustration teilhaben?

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