Urmensch, Feuer, Kochen - eBook

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KNOCHENMARK – DAS SALZ DER ERDE

»Xangô – du Mächtiger! Feuer bringen deine Blicke. Deinen Tanz in Kraft und Ruhe willkommen heißen schafft Räume weiser Ordnung.«

Schon lange lebten die Menschen zusammen mit den anderen Tieren, den Steinen, den Pflanzen und mit der Erde, die, mal heiß, mal feucht, dann wieder trocken und kalt, vieles für sie bereithielt. Neugierig waren sie und auf ihre Art immer bereit für ein Schwätzchen mit allen rundherum; und doch wussten sie noch nicht, wie ein Feuer zu machen sei, und noch weniger, wie man kocht. Eines Tages jedoch begann ihnen ihre Nahrung schwer im Bauch zu liegen, und auch der Austausch mit der sonst so lebendigen Welt der Orixás rund um sie herum wurde mühsam.

So gingen sie zur Kreuzung von Exú und baten diesen um Hilfe. Wenn jemand weiterwusste, dann er, das spürten sie. Sie warteten drei Tage und drei Nächte, ohne dass ein Zeichen gekommen wäre. Aber dann hörten sie ein Geräusch im Wald. Es waren Bäume, die über ihnen lachten, indem sie ihre Äste aneinanderrieben. Den Menschen gefiel dieses Spiel überhaupt nicht, und sie riefen nach Xangô, dass er ihnen helfe und Blitze über die Bäume sende.

So geschah es! Von den in Brand gesetzten Bäumen fielen Teile auf die Erde und verbrannten, bis nur die glühende Kohle blieb. Das gefiel den Menschen, und sie begannen die Glutstücke zu sammeln, mit Holzspänen und Erde zu bedecken. Sie waren eben verspielt und neugierig und dachten sich nicht so viel dabei. Nach einiger Zeit machten sie das Hügelchen auf und fanden schwarze Stücke. Und als sie diese Teile (die wir heute Kohle nennen) gemeinsam mit den Glutresten zwischen Steine legten, blies zuerst der Wind hinein, bis sich ein Feuer entzündete. So inspiriert und beschützt durch Xangô – und seine Windfreundin Iansã –, erfanden die Menschen das Feuer, den Herd und das Kochen. Und sie kochten und aßen und teilten, das war gut für sie und die Orixás.

Von einem Tag auf den anderen hat sich dieser Übergang natürlich nicht vollzogen. Wie viele Entdeckungen, die dem Menschen zugeschrieben werden, wurde auch diese zuvor schon von anderen Lebewesen gemacht. So ist auch von Landtieren und vor allem Vögeln bekannt, dass sie gelegentlich Nahrung aus von einem Waldbrand heimgesuchten Landstrichen besorgen. Aber dank dem Rückgang der Körperbehaarung und der damit verbundenen größer gewordenen Fähigkeit zu schwitzen konnten sich diese Menschen näher als ihre befellten Ahnen an ein Feuer wagen.

Etwas rätselhaft an dem hier wiedergegebenen Mythos ist die Stelle, an der die Bäume »lachten«, indem sie ihre Äste aneinanderrieben. Wie wir wissen, kann durch das Aneinanderreiben von trockenen Hölzern auch ein Feuer entfacht werden. Nur, diese Technik begannen die Menschen erst viele hunderttausend Jahre später einzusetzen. Und auch die Kunst, Kohlestücke zu platzieren und mit Glutstücken zu entfachen, entdeckten sie erst später. Zunächst beschieden sie sich damit, in von Blitzen in Brand gesetzten Wäldern gekochte beziehungsweise gebratene Nahrung aufzustöbern.

Keinen »Pelz« mehr zu haben hatte in Afrika auch einen Nachteil. Das menschliche Wesen wurde anfällig für Sonnenbrand und Insektenstiche. Doch es wusste diesen Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln. Dank seines aufrechten Gangs entwickelte es die Fähigkeit des »Joggens«. Da es wegen des fehlenden Haarpelzes über eine herausragende Schwitz- und damit Abkühlfähigkeit verfügte, konnte es ausdauernder laufen als alle anderen Lebewesen, und es vermochte so, weite Strecken schneller zurückzulegen als sie. Gegen den Sonnenbrand schützte sich das Wesen durch die Änderung seiner Hautfarbe in Schwarz, was später einmal als »Rassenmerkmal« definiert werden sollte. Gegen Insektenstiche entwickelte es eine so starke Abneigung, dass es lernte, Mücken- und Tsetsefliegen-Gebiete zu meiden und somit gleichzeitig den mit diesen Insekten verbundenen Krankheitserregern auszuweichen.

In jenen Zeiten waren die feuchteren Landstriche unseres Planeten primär mit Wald, die trockeneren Gebiete mit Savanne oder Steppe bedeckt. Wald- und Steppenbrände galten damals noch nicht als »Naturkatastrophen«, sondern als normaler Bestandteil der Wachstumskreisläufe. Meist durch Blitzschlag verursacht, brannte es immer irgendwo. Und dies machte sich der Erectus zunutze. Der Blick zum Himmel sagte diesen Menschen, ob ein Gewitter kam, und aufgrund des aufsteigenden Rauchs sahen sie, wo ein Brand entfacht war. Sie eilten dann auf die windabgekehrte Seite der Brandgebiete, und dort fanden sie in der Glut gegarte essbare Nahrung. Falls sich der Wind drehte und das Feuer plötzlich in die eigene Richtung kam, nutzten sie ihre Fähigkeit des ausdauernden Rennens, um dem Feuer auszuweichen. Nach und nach verlor der Mensch – als einziges Lebewesen – die Angst vor dem Feuer, es wurde ihm ein Freund, der ihnen köstliche und verträgliche Nahrung versprach.


Das Trinken aus der hohlen Hand ist eine der schönsten Gesten der menschlichen Gattung (hier ein Homo heidelbergensis). Im Hintergrund ein kleines Wildfeuer, vermutlich von einem Blitz entfacht, das Nahrung verspricht.

Anders als beim Australopithecus, dessen Wanderungen sich auf jenen Raum beschränkten, der genügend Früchte, Nüsse und essbare Pflanzen bereithielt, erlebte der Homo erectus eine enorme Reichweitenvergrößerung. Dank der sich stetig fortentwickelnden Fähigkeiten der Fernsicht, des ausdauernden Wanderns und der intellektuellen Kapazität erweiterte sich seine Welt um ein »Jenseits des Horizonts«, ein »Jenseits des Sichtbaren«. Blitz und Donner waren nicht mehr nur bedrohlich, sondern auch ganz pragmatisch nutzbare Botschaften. Das Lesen der Rauchzeichen am Himmel befähigte den Erectus schließlich, seine Schritte dahin zu lenken, wo Nahrung zu finden wäre.

Neben den nahrhaften Knollengewächsen, von denen viele ungekocht schwer verdaulich, ungenießbar oder gar giftig gewesen wären, kam einem Nahrungsmittel für die frühen Menschen eine zentrale Bedeutung zu, nämlich dem Knochenmark. Mit dem Faustkeil, einem Werkzeug, das zwei Millionen Jahre lang das »Multitool« der Frühmenschen war, wurden die Knochen von in Bränden umgekommenen Tieren aufgebrochen, um das schmackhafte Mark zu verspeisen.

Das phosphatreiche Knochenmark und die leichtere Verdaulichkeit gekochter Nahrung verhalf der menschlichen Evolution zu der grundlegenden Entscheidung: weniger Darm – mehr Hirn. Knochenmark ist das Anabolikum des Gehirns, das sich in den zwei Millionen Jahren um ein Dreifaches vergrößerte. Die Hirntätigkeit der Menschen verbrauchte nun ein Viertel der Energie, während das Rennen sie nicht mehr Energie kostete als das Gehen. Die zwei Millionen Jahre reichten aber auch, um in den Genen eine Abhängigkeit von salzhaltiger Nahrung – denn das war das Knochenmark – festzulegen. Seither entwickelt der Mensch, wenn er keine Salzzufuhr erhält, Entzugssymptome.

Neben dem Knochenmark mussten die frühen Menschen auch die Blutwurst entdeckt haben. In den Adern der in Bränden umgekommenen Tiere fand sich gekochtes und geronnenes Blut, das ebenso salzig wie das Knochenmark und durchaus genießbar war.

Eine der ersten warmen Mahlzeiten der Menschheitsgeschichte war möglicherweise auch die Schildkrötensuppe. Auf der hastigen Flucht vor dem Buschbrand war irgendwann eine Schildkröte im Gehölz umgekippt und lag hilflos auf dem Rücken. Im eigenen Panzer gekocht und in der Glut warm gehalten, wurde sie früher oder später entdeckt. Irgendwann gab dann ein Mensch in so einen Schildkrötenpanzerinhalt vielleicht zusätzlich Wasser, salziges Knochenmark und eventuell eine Zwiebel: Der Geschmack muss umwerfend gewesen sein, und der erste Maître de Cuisine war geboren.

Busch- und Waldbrände stellten also für den Erectus eine Art wandernde Küche dar, der er dank seines geübten Blicks zum Himmel folgen konnte. Da es je nach verbranntem Material unter der Asche noch tage-, ja wochenlang glimmen konnte, dürften die Menschen auch noch eine Weile nach dem durchgezogenen Wildfeuer auf warme Nahrung gestoßen sein. Wenn sie dann mit ihren Stecken durch den Untergrund stocherten, stellten sie auch fest, dass eine verborgene Glut wieder zu einem Feuerchen entfacht werden konnte, vor allem wenn ein Windstoß hineinblies. Und sie entdeckten, dass sich Glut verschieben lässt. Vielleicht lernten sie auch, kurzzeitig über glühende Kohlen zu gehen – als Vorläufer des heutigen »Feuerlaufens«, das eigentlich »Glutlaufen« heißen sollte. Die Füße verbrannten sie sich dabei auch deshalb nicht so schnell, weil sie als Aufrechtgeher eine robuste Hornhaut entwickelt hatten.

So waren diese Menschen als Gruppe unterwegs, ihre Ausrichtung dorthin, wo Nahrung lockte, ihre Heimat da, wo sie sich niederließen: an einem Gewässer am Rande von verbrannter Erde. Natürlich nahmen sie weiterhin auch jene Speisen zu sich, die sie von früher her kannten: Früchte, Nüsse und Beeren. Aber die neue gekochte Nahrung gab ihnen so viel Nährwert mit so wenig Verdauungsaufwand, dass sie kein Interesse mehr hatten, zum früheren Leben zurückzukehren. Ein Zurück auf die Bäume war ohnehin nicht mehr möglich, die Entscheidung für lange Beine und kurze Arme unumkehrbar.

Damit entfiel aber der Schutz der Bäume vor Raubkatzen und anderen Feinden, die ihre Verwandten aus der Primatenfamilie sich noch zunutze machen konnten. Umso mehr waren sie angewiesen auf ein dichtes Zusammensein in der Gruppe. Faustkeil und Stecken waren noch keine sehr wirksamen Waffen, höchstens für Drohgebärden.

Es stärkte den Gruppenzusammenhalt, wenn die gefundene Nahrung egalitär verteilt wurde, und die Kommunikation untereinander wurde differenzierter: Wohin gehen wir, wo bleiben wir, was macht das Wetter? Noch war die Sprache nicht so entwickelt wie beim späteren Sapiens. Kommuniziert wurde überwiegend »nonverbal« über eine reiche Gestik und Mimik, über Laute und den gesamten Körperausdruck.

 

Aus der Primatenforschung wissen wir, dass ein einziger Laut bis zu sechzig Bedeutungen haben kann, je nach zugehörigem Körperausdruck, vor allem jenem des Gesichts und der Hände – Grimassen und Gestikulieren. Gegenüber den Primaten pflegten die frühen Menschen dank ihres leistungsstarken Großhirns einen immensen Informationsaustausch; die Entwicklung der komplexen Sprache war nur noch eine Frage der Zeit; es brauchte lediglich die dafür notwendige Positionsveränderung des Kehlkopfes.

Wie der Anthropologe Michael Tomasello in seinem Buch Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation aufzeigt, hat sich gerade auch deswegen unsere Fähigkeit entwickelt, zusammenzuarbeiten, gemeinsam zu planen und zu teilen.5 Tomasello sieht da den großen Unterschied zwischen Menschen und Primaten. Er meint, wenn Schimpansen auf etwas zeigen, heiße dies, dass sie das bestimmte Objekt haben wollen. Doch wenn ein Kleinkind auf einen Hund zeige, der gerade vorbeigehe, dann sei das keine Aufforderung, ihm diesen Hund zu bringen. Nur wenn der Erwachsene abwechselnd auf das Kind und den Hund blicke und dabei emotional positiv reagiere – »Was für ein schöner Hund, ist der nicht toll!« –, sei das Kind zufrieden. Denn jetzt sei ein gemeinsamer Aufmerksamkeitsrahmen entstanden, eine geteilte Welt.

Dazu müssen die Menschen nicht einmal miteinander reden, sie können es einander an den Augen abschauen. Deshalb – meint Tomasello – hat uns die Evolution mit Augen ausgestattet, an denen auch der weiße Teil des Augapfels sichtbar ist. So erkennen wir gegenseitig, wohin wir schauen. Wir folgen sozusagen den Augen der anderen. Bei unseren dunkelhäutigen Vorfahren war das noch deutlicher sichtbar.

Ob diese frühen Menschen schon ein Gefühl der Dankbarkeit entwickelten, können wir nicht wissen. Auf jeden Fall waren es ja nicht sie, die das Essen kochten, sondern die Natur: der Blitz, das Feuer, der Wind. Wir wissen aber, dass noch viel Zeit verstreichen sollte, bis die Menschen tatsächlich in der Lage waren, den Göttern ein warmes Mahl zu bereiten.

Die neue Nahrungsquelle war so reichhaltig, dass sich Menschen auf einmal verstärkt zu vermehren begannen, während ja die Population ihrer Vorfahren, der Australopithecinen, über fünf Millionen Jahre mehr oder weniger gleich blieb. Und so kam man nicht umhin, sich früher oder später wieder etwas einfallen zu lassen, um die vielen hungrigen Münder stopfen zu können.

Nach den Tausenden Jahren Erfahrung mit der Nahrungssuche in der Glut, dem Herumstochern, dem Holzauflegen, dem Reinblasen, war es nur noch ein Schritt zur Entwicklung der Kunst des Gluttransports. Diese neue Möglichkeit, Glut in pflanzlichen oder tierischen Hartschalen oder Beuteln an einen anderen Ort zu transportieren, zu konservieren und wieder neu anzublasen, war ein riesiger Entwicklungsschub, denn jetzt wurden die Menschen unabhängig von Waldbränden, und sie konnten sich eine neue Nahrungsquelle erschließen: Aas.


REZEPT

KNOCHENMARK

Ganze Rinderknochen (Oberschenkel) in die Glut geben. Nach 20 Minuten die Knochen mit einem Stein aufschlagen und das Mark herausnehmen. Mit Meersalz würzen.

Eine etwas weniger archaische Variante ist: Die Knochen vom Metzger längs durchsägen lassen. Die Enden sollen aber dranbleiben, weil sonst das Mark beim Erhitzen auslaufen würde. Die Knochenhälften 20 Minuten in 80 Grad heißes Wasser geben, um das Mark zu garen. Dazu passt getoastetes Brot.

In prähistorischen Feuerstellen fanden Archäologen immer wieder aufgeschlagene Knochen als Nahrungsreste. Knochenmark muss unter unseren Urahnen eine weit verbreitete Delikatesse gewesen sein.

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TROCKEN FLEISCH – MANNA DES HIMMELS

»Oxossi – du großer Bruder aus alten Zeiten. Deinen Spuren zu folgen, dein Suchen und Finden, dein Nehmen in Maß ist mir heilig.«

Von der genetischen Ausstattung her sind wir Menschen ja nicht so gut in der Lage, rohes, frisches Fleisch zu verzehren. Und »verdorbenes« Fleisch vertragen wir auch nicht; allein beim Geruch wird uns schon übel. Unsere Mägen sind geschaffen für »abgehangenes« Fleisch, wie der Metzger sagt. Das war die absolut einmalige Nahrungsnische, die dem frühen Menschen ein riesiges Angebot bereithielt. Geübt im Blick zum Himmel und der Deutung der Rauchzeichen, ward ihm ein neues Zeichen zum Leitstern der Nahrungsfindung: der Vogelflug.

Aus Wildwestromanen und -filmen wissen wir, dass die Aasgeier schon zu kreisen beginnen, sobald ein möglicher Tod sich abzeichnet. So früh diese Vögel erscheinen, so spät erst können sie sich an dem Opfer gütlich tun. Diese Vögel müssen sich nämlich gedulden, bis beim verendeten Tier der Verwesungsprozess einsetzt.

Und genau diese Frist war nun die Stunde des Menschen. Sobald man kreisende Aasgeier gesichtet hatte, hieß es, sich zu sputen. Vielleicht war ein größeres Tier einem Unfall zum Opfer gefallen oder an einer Krankheit gestorben, oder Löwen hatten es gerissen, sich aber schnell satt gefressen und einen großen Teil der Beute liegen lassen.

Der Vogelflug verriet den Menschen, wie weit entfernt und wie groß die Beute etwa sein würde. Dementsprechend machte sich dann eine Gruppe auf den Weg, die groß genug war, möglichst viel der Beute ans heimatliche Lagerfeuer in Sicherheit zu bringen. Das waren nicht nur Männer und Frauen, sondern auch Kinder. Letztere vermochten zwar noch nicht so viel zu tragen, aber ausdauernd zu rennen. Das konnten sie, und sie tun es ja auch heute noch liebend gern, weil es in unseren Genen verankert ist. So wie das Fußballspielen. Man kann sich solch eine Gruppe in etwa wie eine Kicker-Elf vorstellen. Es gibt keinen »Chef«, der befiehlt, die Gruppe organisiert sich durch Zeichen und Zurufe und findet laufend die aktuell optimale Kooperation.

Die Notwendigkeit derart intelligenter Zusammenarbeit kombiniert mit der großen Verfügbarkeit von phosphatreicher Nahrung förderte das Hirnwachstum enorm, der frühe Homo wurde immer gescheiter. Diese Entwicklung sollte noch weiter gehen, bis trotz der Erfindung der physiologischen Frühgeburt und der elastischen Hirnschale des Säuglings durch den zu engen Geburtskanal der Frau vor einigen hunderttausend Jahren eine Grenze gesetzt wurde.

Aber zurück zu unseren Urahnen, die durch die Beobachtung des Vogelflugs zu frischem Aas geführt wurden: Vom erbeuteten Fleisch wurde nur das sofort gegessen, was roh verzehrbar war, beispielsweise die Leber. Eine zweite Tranche konnte später am Feuer gebraten und der große Rest durch Sonnen-beziehungsweise Lufttrocknen für künftige Gerichte haltbar gemacht werden. Fett konnte nicht luftgetrocknet werden, da es zu feucht ist und ranzig wird, aber man konnte es am Feuer »auslassen«; das heißt, die sich verflüssigenden und heruntertropfenden Fettanteile wurden für den weiteren Gebrauch aufgefangen. Die andere Variante war, fetthaltige Fleischteile zu räuchern, wie das heute noch mit Speck und Schinken angewandt wird. Dass diese Menschen vom frisch erbeuteten Wild Stücke herausschnitten, um sie auf dem Spieß am Feuer zu grillen, ist wohl eher ein Bild neuzeitlicher Lagerfeuerromantik.

Diese Vorstellung hatte ich auch, bis ich als Greenhorn auf einer meiner ersten Südamerikareisen eines Besseren belehrt wurde. Nach meinem Aufenthalt in Kolumbien begab ich mich nach Peru, wo ich eine Trekkingtour in den Anden leiten sollte. Da erlernte ich jene Art des Fleischgarens, die ich als den »Peruanischen Hirtenofen« bezeichne. Aus Steinen wird eine Kuppel errichtet, die man mit einem Feuer im Innern eine Stunde lang erhitzt. Die peruanischen Begleiter gaben dann Schweinefleisch hinein, bedeckten das Ganze mit Blättern und Erde und ließen es etwa eine Stunde garen. Auf diese Weise wird auch frisch geschlachtetes Fleisch zart.

Die Einheimischen nannten den Ofen »Pacha-Mama«, weil er anlässlich der Festlichkeiten zu Ehren der Erdgöttin Pacha Mama zum Einsatz kommt. Beim Pacha-Mama-Ritual werden in dieser Art Ofen die Speisen für die Gottheit gekocht. Den Andenvölkern ist dieses Ritual sehr wichtig und das Prinzip der Reziprozität ein ungeschriebenes, selbstverständliches und verbindliches Gesetz. Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit besagt, dass das gesamte Leben darauf ausgerichtet ist, ein ständiges Gleichgewicht von Geben und Nehmen zu schaffen. Die Natur wird als Gebende erlebt, der man auch gibt.

An jenem ehernen Gesetz vermochten auch die christlichen Missionare nichts zu ändern, die ja die Lehre verbreiteten, dass der Ausgleich erst im Himmel geschähe. Die Andenvölker machten – weil eine Anpassung an christliche Dogmen für ihr Überleben dienlich schien – einfach die heilige Maria zur Pacha Mama. Dieser heiligen Maria zu dienen hieß, Achtung und Ehrerbietung sowie Speis und Trank darzubieten. Wie auch in Europa sind die Orte dieser heiligen Gottheit in Peru offiziell die vielen Kirchen mit Namen wie »Kirche unserer Mutter des heiligen Herzens« (Iglesia de Nuestra Señora del Sagrado Corazón) und viele andere. Die werden an Sonntagen von den Gläubigen gehorsam aufgesucht. Aber wirklich verehrt wird Pacha Mama bei Naturheiligtümern: Bergen, Felsen, Steinen.

Im westlichen Denken und religiösen Handeln gibt es keine heilige Natur mehr, für deren Gaben man sich bedanken sollte. Und die »Reziprozität« unter den Menschen selbst wird über das Geld geregelt. In meiner Kindheit hatte ich – weil so gelernt und gesehen – die Idee, dass das Opfer darin besteht, beim Kirchenbesuch ein paar Münzen in einen »Opferstock« zu geben.

Als Südamerika-Novize war auch ich weit davon entfernt, eine Idee von dieser ursprünglichen Form der Reziprozität zu haben. Ziemlich verlegen stocherte ich im gebratenen Meerschweinchen herum, das die Gastgeberfamilie unserer einheimischen Begleiter extra für mich brieten und an einem einsamen Tischchen vor einer Wand servierten, während die Familie in der Küche sich mit einem frugalen Mahl beschied. Ich war ja während der Vorbereitungen für die Trekkingtouren allein unterwegs und konnte da auch viele Rucksacktouristen erleben, die im Glauben an eine grenzenlose Gastfreundlichkeit der Einheimischen mit ziemlich wenig Geld herumreisten, da die Indigenen gar nicht die Idee hatten, dass ihr Angebot an Essen und Unterkunft mit Geld abgegolten werden könnte. Aber die westlichen Touristen hatten ja nichts anderes zu geben. Inzwischen haben die Einheimischen dazugelernt und wissen nun, zum Ärgernis mancher Besucher, sehr wohl, eine hohle Hand für Geld zu machen.

Nun muss man natürlich sehen, dass es sich bei Andenbewohnern ja längst nicht mehr um reine Naturvölker handelt. Schon vor Ankunft der Europäer waren große Gebiete längst keine Sammlerkulturen mehr, sondern hierarchisch gegliederte Reiche mit einer privilegierten Elite, die sich auf eine auf Sklavenarbeit beruhende Agrarwirtschaft stützte und deren Opfergaben an die Götter Menschen, vorzugsweise auch Kinder waren. Die ankommenden Spanier setzten der Gewaltherrschaft noch eins drauf, plünderten die Schätze, töteten die Männer und unterwarfen die Frauen. Die Nachkommen nennen sich heute Ecuadorianer, Peruaner, Bolivianer. Aber die alten hierarchischen Herrschaftsreiche der Inkas, der Mayas, der Azteken und so weiter waren damals noch nicht flächendeckend, und es lebte außerhalb der Ballungszentren weiterhin ein großer Teil der Menschen eine Sammler-Jäger-Kultur, deren kulturelles Erbe auch noch lebendig ist und die viele westliche Touristen anlockt. Eine sogenannte »Abenteuerreise« nach Südamerika hatte deshalb immer zwei Komponenten zu enthalten: einerseits den Besuch der Stätten der alten Hochkulturen und andererseits eine Trekkingtour in einem Wildnisgebiet mit Kontakt zu Einheimischen, die als indigen wahrgenommen wurden.

Nach und nach lernte ich auf meinen vielen Reisen zu differenzieren, was kulturell eher den Wildbeutern zugehörig ist und welche Gepflogenheiten mehr den späteren Ausbeutern zuzuschreiben sind. Einfach war das keineswegs.

 

»Auf einem alten Goldgräberpfad über die Anden bis hinunter in den Urwald«: So war die Reise ausgeschrieben, die ich in Bolivien erkundet hatte und dann leitete. Es war eine Reise, auf der alles schiefging, was nur misslingen konnte. Schon die Ankunft in La Paz war ein Desaster. Der Flieger landete um ein Uhr nachts. Es war verdammt kalt fast 4000 Meter über dem Meeresspiegel, und wir steckten nicht gerade in den wärmsten Kleidern. Ein ziemlicher Nachteil, wenn man in das Hotel nicht eingelassen wird, weil es belegt ist. Ich hatte bei der Buchung nicht bedacht, dass ein Uhr nachts ja mit dem Datum des Vortages hätte beginnen müssen. Wenigstens gab es dann einige Traveller, die früh aufbrachen, und nach und nach konnten wir unsere Zimmer beziehen.

Am nächsten Tag ging es dann per Bus zum Titicacasee und weiter zu einer Landstadt namens Sorata. Dort empfing uns der von mir kontaktierte Organisator mit der Bemerkung, es sei »alles« für uns organisiert, es fehlten »nur« noch die Tragtiere …!

So starteten wir denn unsere Trekkingtour vorerst ohne die Lastenträger, das Gruppengepäck konnte mit einem Geländewagen auf einer Schotterstraße bis zu einem kleinen Dorf jenseits der Passhöhe transportiert werden, dort würden wir dann Tragtiere finden. Es gelang, einen kleinen Trupp von Einheimischen mit Maultieren für die nächsten vier Tage zu buchen. Danach gäbe es in einem Goldgräberdorf wieder Geländefahrzeuge, die Transporte hinunter bis zum nächsten Urwaldfluss durchführen würden.

Der Goldgräberpfad ist ein alter, steinbelegter Fußweg, der die Anden durch alle Vegetationsstufen bis hinab ins Amazonasbecken führt. Beginnend in der kalten Einöde, begegnet einem bei der Wanderung durch den Wolken-, den Nebel- und zuletzt den Regenwald bei fast jedem Schritt eine neue Pflanzenart. Vereinzelt trifft man einfache Hütten auf dem Weg, an den gegenüberliegenden Hängen hier und da kleine Rodungen, Spuren der Goldgräber, die ihr Glück suchen.

Den ersten Tag mit den Tragtieren gingen wir so lange, bis es wieder Bäumchen und damit Brennholz zum Kochen gab. Es war eine etwas eigenartige Stimmung, während wir als Reisegruppe gemeinsam aßen und die Einheimischen etwas entfernt hockten und uns nur zuschauten. Vor dem Schlafengehen baten sie mich, ihnen den Lohn für den einen Tag schon auszuhändigen.

Am nächsten Morgen waren sie dann verschwunden, sie hatten sich klammheimlich nachts aus dem Staub gemacht; und mir dämmerte allmählich, dass wir sie wahrscheinlich hätten zum Essen einladen sollen. Ich war ja gar nicht auf die Idee gekommen, war das in Nepal doch ganz anders. Da nahmen die Begleiter jeweils ihr Essen selbst mit und aßen separat. Kurzum, wir hatten keine andere Wahl, als das gesamte Gepäck nun selbst zu tragen. Zum Glück war die Gegend nicht völlig unbesiedelt, und es gelang uns, ab dem zweiten Tag mal einige Träger, mal ein Maultier anzuheuern und schlussendlich ohne weitere Pannen in Guanay anzukommen, von wo aus die Reise per Boot auf dem Río Mapiri weiterging.

Um die Flussreise attraktiv zu gestalten, schlug uns der Bootsführer vor, weiter unten einen Nebenfluss hinaufzufahren zu einem verborgenen See im Urwald. Das ließen wir uns natürlich nicht entgehen. Erst ging es noch ziemlich flott, aber dann folgte eine erste Untiefe, an der uns nichts anderes übrigblieb, als aus dem Boot zu steigen und zu schieben. Es blieb nicht bei der einen, und mit jeder weiteren Untiefe sank die Stimmung der Gruppe, bis wir den Punkt erreichten, dass einige zu murren begannen.

Es war wie ein Wunder, dass ich sie zum Weitermachen motivieren konnte mit dem Versprechen, dass wir bei Ankunft am See ein Wildschwein braten würden. Und das Wunder geschah, nach einigen Minuten kam uns ein Boot entgegen, in dessen Rumpf tatsächlich eine erlegte Sau lag; und die Jäger waren sogar bereit, sie zu verkaufen.

Bald darauf erreichten wir unser Etappenziel. Während unsere Begleiter sich an die Zerlegung des Schweins machten, bauten wir aus grünen Holzstämmchen einen Grillrost, unter dem wir ein kräftiges Feuer entfachten. Leider wurde der Braten nicht richtig gar, und je länger wir die Stücke auf dem Grill ließen, desto zäher wurden sie. Daher gestaltete sich unser Abendessen als etwas anstrengend.

Rurrenabaque hieß die Ortschaft, die wir nach ein paar weiteren Tagen auf dem Río Mapiri und später auf dem Río Beni erreichten. Von dort aus sollte uns ein Flugzeug zurück nach La Paz bringen. Die planmäßige Ankunft des Fliegers aus La Paz wurde mir im örtlichen Office bestätigt, doch als wir am nächsten Tag zum Flugplatz wollten, war weit und breit kein Taxi zu finden. Das einzige Fahrzeug in der Ortschaft war ein Lastwagen, von dem gerade Ziegel ausgeladen wurden. Glücklicherweise willigten die Arbeiter ein, dass wir ihnen beim Abladen helfen und sie uns dafür und gegen ein Entgelt zum Flughafen fahren würden. Das musste aber schnell gehen, und es war der Einsatz der ganzen Reisegruppe gefragt. Das Flugzeug zu verpassen wäre ein Drama gewesen, da ich den Rückflug nach Europa schon für den nächsten Tag gebucht hatte.

Trotz all der Schwierigkeiten verlief die Reise alles in allem nach Programm, und die Teilnehmer kamen wohlauf nach Hause. Aber ich rechnete mit dem Schlimmsten, Reklamationen und damit der Gefahr, meinen Job zu verlieren. Doch es kam anders. Die Rückmeldungen der Teilnehmer waren durchaus positiv; und einer von ihnen verfasste sogar einen handgeschriebenen Brief, in dem er kundtat, dass ihn diese Reise tief bewegt hätte und er jetzt sein Leben verändern würde. Ich hatte keine Ahnung, was genau der Anlass dazu war; ich vermutete die Wirkung des einfachen Unterwegsseins mit einer Menschengruppe in einer Urlandschaft. Das war eine Offenbarung für mich, die Geburtsstunde einer neuen Tätigkeit, die sich dereinst Erlebnispädagogik nennen sollte. Aber das ist noch Zukunft – und es brauchte noch viele weitere Erfahrungen bis zum Erkennen des Grundprinzips, das Menschen bewegt und motiviert: das Erleben von Kooperation.

In der Kooperation sind wir ganz Mensch, weil wir genetisch so angelegt sind. Zwei Millionen Jahre wandten wir dieses Modell erfolgreich an. Und zwar nicht nur innerhalb unserer Spezies, sondern auch zwischen uns und der Natur. Wie gesagt schauten unsere Ahnen ehrfürchtig den Blitzen zu und lauschten dem Donner. Mächtige Kräfte des Himmels, oft bedrohlich, aber auch großzügig. Ihnen verdankten die Menschen reichliche Mahlzeiten. Und sie verdankten ihnen auch das Feuer, das sie zu kultivieren lernten. Der geschulte Blick zum Himmel ermöglichte ihnen die genaue Lokalisierung von frisch gestorbenen Tieren, ihre Fähigkeiten des ausdauernden Rennens und der kooperativen Organisation das Einholen reicher Beute. Und die Aasgeier ihrerseits kamen so leichter an die Überbleibsel, weil sie von den Menschen schon aufgeschnitten waren. Jetzt galten nicht mehr Donner und Blitz als die Himmelskräfte, die Nahrung brachten, sondern die Vögel, und das Verhältnis mit diesen entwickelte sich zu einem des gegenseitigen Gebens und Nehmens.

Die Nutzung des Feuers brachte dem Menschen nicht nur eine große Erweiterung des Nahrungsangebots, sondern reduzierte darüber hinaus gewaltig die Gefahr, selbst Nahrung für andere zu sein. Der Mensch war nicht mehr Teil jener Balance unter den Lebewesen, die dem Gesetz des Fressens und Gefressenwerdens unterlag. Das führte zu einem so großen Bevölkerungswachstum, dass mit der Zeit das vorhandene Angebot von Aas für die Ernährung nicht mehr ausreichte, und so begannen die Menschen, die Tiere auch aktiv zu töten, sie wurden zu Jägern. Diese frühen Jägertruppen machten mit ihren Holzspeeren mit Vorliebe Jagd auf Großwild. Großwild war gutmütig und schwerfällig und leichter in eine Falle zu treiben als kleinere Tiere. Die Beute reichte für eine ganze Sippe, und das über Wochen.

Das Feuer ermöglichte die Weiterverarbeitung des Erbeuteten, während es gleichzeitig Schutz vor Raubtieren bot – und durch seinen Schein erhellte es die Nacht im Umkreis der Gruppe und brachte somit einen weiteren Gewinn gegenüber der Tierwelt: die Verlängerung des Tages. Nach Verrichtung des Tagewerks kauerten sie nun abends rund ums Feuer und ließen den Tag Revue passieren – die Menschen wurden zu Geschichtenerzählern.