Urmensch, Feuer, Kochen - eBook

Text
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

URMENSCH, FEUER, KOCHEN


INHALT

Vorwort

Kapitel 1

FRÜCHTE Alle mögen sie

Kapitel 2

BLÄTTER Belebend, heilend, berauschend

Kapitel 3

KNOCHENMARK Das Salz der Erde

Kapitel 4

TROCKENFLEISCH Manna des Himmels

Kapitel 5

KNOLLEN Nahrung aus der Unterwelt

Kapitel 6

MUSCHELN Der Schatz am Meeresstrand

Kapitel 7

HONIG Die Süße des Lebens

Kapitel 8

DRY AGED BEEF Ein teures Stück Nahrung

Kapitel 9

FISCH Reichtum der Gewässer

Kapitel 10

BOHNE Die verbotene Frucht im Paradies?

Kapitel 11

DAS HUHN Ziemlich dumm und ziemlich heilig

Kapitel 12

WEIZEN Segen oder Fluch?

Kapitel 13

KÄSE Die besten stinken am meisten

Kapitel 14

DAS LAMM Eine gutmütige Nahrungsquelle

Kapitel 15

DAS SCHWEIN Dies arme Tier ist vielen wurst

Kapitel 16

MARSHMALLOWS Synthetisch oder natürlich?

Kapitel 17

NÜSSE Außen hart und innen weich

Nachwort

Rezeptverzeichnis

Anmerkungen

Bildnachweis

Der Autor


VORWORT

Ein Buch wie dieses zu schreiben, ist eine delikate Angelegenheit, um gleich mit einer kulinarischen Metapher zu beginnen. Im Zusammenhang mit den Themen Urmensch, Feuer und Kochen werden nämlich auch Aspekte zur Sprache kommen, die einen schnell in Teufels Küche bringen könnten, etwa das ungebremste Wachstum der Menschheit in einer endlichen Welt. Die kulinarische Metapher kann hier etwas abdämpfen, weil das Sprechen über Nahrung völkerübergreifend und instinktiv verständlich ist. Konstruktiv-kritische Botschaften, vor allem wenn sie ethisch-moralische oder Glaubensfragen berühren, werden leichter verdaulich und sind – weil Liebe durch den Magen geht – in einer grundsätzlichen Menschenliebe aufgehoben, die ich in meinem Fall als »Menschheitsliebe« bezeichnen möchte.

Es sollte ursprünglich ein Kochbuch werden, ich koche ja so gern draußen am offenen Feuer. So hieß denn der Titel ehedem auch »Das Kochbuch der Menschheit«. Aber ein »klassisches Kochbuch« wäre dann vielleicht doch nicht das Richtige gewesen, sondern eher ein Lesebuch. Weil aber die einzelnen Kapitel mit dem Fokus auf je einem Nahrungsmittel bleiben sollten, fand jeweils doch ein archaisches Rezept seinen Weg auf diese Seiten.

Nach den ersten dreißig Seiten lief das Schreiben zu meiner Überraschung wie von selbst. Es wurde zu einer Art »Dreaming«, jenem »Traumzeit«-Prozess, den die australischen Aborigines als magisches Muster leben und worin sich die Schöpfung als Wirklichkeit fortlaufend entwickelt: Mein Denken gestaltete sich nichtlinear, und meine Finger schrieben eine »Songline«, einen »Traumpfad«.

Neben dem Menschheitsgeschichtlichen, mit dem ich mich nun schon seit Jahren befasse, bot mir das die Gelegenheit, auch Biografisches einzufügen, Ereignisse und Erfahrungen, die Urgeschichtliches mit Erlebtem verflechten. Dazu gesellte sich noch die Idee, hin und wieder einen afrikanischen Göttermythos zu erzählen und den Kapiteln eine afrikanisch-mythische Huldigung oder Anrufung der Götter voranzustellen. Afrika wird meist vergessen, wenn es darum geht, vergleichende Geschichten und Philosophien anderer Kulturen beizuziehen, jene der alten Griechen, der chinesischen Philosophen, der Indigenen Amerikas. Dabei sind wir Menschen doch alle Afrikaner. Diesem Umstand ist das Buch vor allem gewidmet.

Ich bin kein Wissenschaftler, sondern – ähnlich wie die Urmenschen – Outdoorkoch, Naturtherapeut, Tiefenmythologe und Musiker. Natürlich war ich aber stets darum bemüht, alle Fakten fachlich sauber zu recherchieren. Dabei habe ich sehr viel gelernt und bin sehr dankbar für diese geistige Nahrung, auch wenn sie mir manchmal ein wenig den Appetit verschlug. Weil ich die vielen Forscherinnen und Forscher wertschätzend als Mitwirkende betrachte, sind sie, wie es in Anmerkungen üblich ist, ähnlich einem Abspann im Kinofilm »in order of appearance« am Ende des Buches aufgeführt, also der Reihe nach, wie sie bei der Lektüre auftreten.

Dankbar bin ich auch all jenen Menschen, die mich in diesem Anliegen unterstützten. Allen voran meiner Partnerin Astrid Habiba Kreszmeier für die vielen Stunden des Austauschs, für das konstruktiv-kritische Lesen des Manuskripts und vor allem auch für die Beratung und Erzählung der Orixá-Mythen in ihrer Kompetenz als Mãe de Santo (eingeweihte Priesterin afroamerikanischer Traditionen). Mein Dank geht auch an Juliette Chrétien; als Fotografin und Verfasserin von Kochbüchern hat sie mich sehr unterstützt in der Startphase des Projekts. Danke auch an Friederike Lenart für die fachliche Prüfung meiner Texte und die wertvollen Rückmeldungen. Nicht zuletzt geht ein großer Dank an all die unsichtbaren Kräfte, die mir immer wieder gute Inspirationen zukommen ließen.

1

FRÜCHTE – ALLE MÖGEN SIE

» Euá – Wasserwesen der vielen Gesichter! Mal zeigst du dich als Fluss, bald als klarer Regen, oft als Nebel, oft bist du einfach unsichtbar. Mit dir will ich ständig wandelnd leben lernen.«

Es ist still im Urwald. Lautlos schleicht der Jaguar, und lautlos flattern die Riesenschmetterlinge. Nur hier und da ein Blatt oder eine reife Frucht, die zu Boden fällt. Aber dann wird ein dumpfes Grollen wahrnehmbar, das sich erst wie ein Vibrieren tief im Erdinnern anfühlt, dem sich einige Minuten später ein unheimliches Rauschen hinzugesellt. Es sind die Wasser des Iguazú-Flusses, die sich über eine Höhe von mehr als siebzig Metern und über eine Fallkante von fast drei Kilometern tosend in die Tiefe stürzen. Die aufsteigenden Nebel des stiebenden Wassers sind nur vom Flugzeug aus sichtbar oder von der Brücke, die ein paar Kilometer unterhalb der Fälle Argentinien mit Brasilien verbindet.

Über diese Brücke betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben brasilianischen Boden. Es war frühmorgens, und ich hatte die Idee, auf der brasilianischen Seite zu frühstücken. Ich erwartete nichts Besonderes – in Argentinien bekam man zum Kaffee ein Brötchen oder ein Croissant; das halbe Kilo Bife de chorizo und der halbe Liter Malbec des späten Dinners hatten einen ja nachhaltig genährt. So war ich denn doch ziemlich überrascht, auf der anderen Seite des Flusses das reichhaltigste Frühstücksbuffet anzutreffen, das ich je in meinem Leben gesehen habe. Neben allen agrarischen Produkten ein farbenfrohes und duftendes Festgelage tropischer Früchte. Urfrüchte in einer Urlandschaft eines paradiesischen Planeten.

Dieser Planet entstand vor circa fünf Milliarden Jahren. Es dauerte dann noch weitere zwei Milliarden bis zur Entstehung von Essbarem. Die Erde war damals mit Wasser bedeckt, aus dem nur einzelne rauchende Vulkaninseln ragten. In einem feuchten und kühlen Klima entstanden erste Urtierchen, Einzeller und Algen. Vor 500 Millionen Jahren begann dann die Trennung von Wasser und Land mit einem eher warmen und trockenen Klima, erste fischförmige Wirbeltiere tauchten auf, dann Fische, Muscheln, Krebse und Landpflanzen sowie Amphibien und Insekten. Vor 300 Millionen Jahren bevölkerten Raubechsen die Erde, vor rund 250 Millionen Jahren folgten die Dinosaurier, von denen einige zu Vegetariern mutierten. Es gab auch erste Säugetiere. Dann begann der Urkontinent auseinanderzudriften.


Unsere ältesten Urahnen, die Australopithecinen, belebten während fünf Millionen Jahren den afrikanischen Kontinent. Sie zogen in Gruppen umher und ernährten sich vorwiegend von Früchten, Nüssen und Kleinsttieren.

Beim Einschlag des Chicxulub-Meteoriten vor 66 Millionen Jahren starben alle Dinosaurier mit Ausnahme der Flugsaurier aus. Der Einschlag verursachte einen riesigen Tsunami, der mehrmals um die gesamte Erde ging. Überlebt haben die Sintflut nur jene Lebewesen, die sich zu diesem Zeitpunkt im Wasser, in der Luft, auf Bergen oder im Erdinnern befanden. Wir sind aber nicht die Nachkommen von Noah, sondern einer Erdbewohnerin namens Eomaia (»kletternde frühe Mutter«), einer spitzmausartigen, behaarten Insektenfresserin.

Aus dieser Linie entstanden vor sechzig Millionen Jahren die Primaten, und in dieser Abstammungslinie kam vor vier Millionen Jahren mit den Australopithecinen die Menschlichkeit in die Welt. Zwei Millionen Jahre lebten diese aufrecht gehenden Wesen im südöstlichen Afrika. Es gab zwei Arten, die »robusten«, die sich überwiegend an hartfaserigen Pflanzen gütlich taten, und die »grazilen«, die Mischkost aßen. Dies waren in erster Linie Früchte, aber auch Nüsse, von denen sie die großen mittels Steinwerkzeugen aufbrechen konnten. Und diese Menschen dürften damals schon Kaviar verspeist und Austern geschlürft haben. Auch ein rohes Frühstücksei des Perlhuhns haben sie wahrscheinlich keineswegs degoutiert.

Diese grazilen Australopithecinen wurden unsere Urahnen. Sie hatten schon einen abwechslungsreichen und reichhaltigen Speiseplan – nur, sie standen auch auf dem Speiseplan anderer Erdenbewohner. Hyänen und Säbelzahnkatzen zum Beispiel sollten dafür sorgen, dass die Bevölkerung der Australopithecinen während zwei Millionen Jahren relativ stabil blieb und noch keine Auswanderungspläne aus Afrika schmiedete. Das wäre vielleicht anders gewesen, hätten sie von den Vorkommen süßester Früchte in Asien und im südlichen Amerika gewusst. Die Früchte vor Ort mussten sie mit ihren nächsten Verwandten, den Schimpansen und Bonobos, teilen.

 

Aus meiner Kindheit kenne ich noch den Früchtekorb als Geschenk unterm Weihnachtsbaum oder auf Tombola-Tischen. Bananen, Orangen, eine imposante Ananas, gedörrte Feigen und Datteln in exotischer Verpackung, eine haarige Kokosnuss und Kakis, bei denen auch die Schale essbar war. Kiwis, Papayas oder Mangos waren damals noch nicht darunter. Die Früchte hießen Südfrüchte, was für mich hieß, dass sie aus Afrika kamen. Dabei hat nur eine der Früchte, die wir heute im Supermarkt finden, ihren Ursprung in Afrika: die Wassermelone. Banane, Kiwi, Litschi, Mango, Orange, Granatapfel und Kiwi haben ihre Heimat in Asien, während Avocado, Kaktusfeige, Papaya, Ananas, Cherimoya aus Südamerika stammen.

So wenig, wie die Schimpansen des paläolithischen Afrika die Banane kannten, ahnten auch unsere Urahnen noch nichts von der Früchtevielfalt unseres Planeten. Umso erstaunlicher, dass für die späteren Auswanderer auch das Obst und Gemüse außerhalb Afrikas essbar waren, so ist es in unseren Genen festgelegt: Wir alle mögen süße, wohlriechende Früchte – aber nicht nur wir, sondern auch die meisten Tiere, und zwar von der winzigen Fruchtfliege bis zum Elefanten.

Und auch die Wesen der unsichtbaren Welt, Götter- und Göttinnen genannt, scheinen Früchte zu mögen, selbst im Alpenraum. Als ich einmal durch die Wälder des Südtessins streifte, stieß ich mitten im Dickicht an einem Bächlein auf eine Schale mit frischen Früchten. Das war für mich sehr rätselhaft. Sie muss von Menschenhand bewusst dorthin gestellt worden sein. Aber für wen? Was ich schon des Öfteren im Alpenraum gesehen habe, sind Statuen der heiligen Maria mit frischen Blumen, manchmal sogar brennenden Kerzen. Es muss sich dabei um eine unbewusste, aber gespürte Erinnerung an die Ansprechbarkeit und segnende Wirkkraft von Wassergottheiten handeln. Hier aber war es lediglich eine Fruchtschale ohne Figur und ohne Kerzen.

Früchte als Gaben für Göttinnen, Geister, Naturkräfte oder Heilige kommen in allen paläolithischen Ritualen vor und sind selbst in vielen heutigen Weltreligionen noch erhalten. So finden sich Früchte nicht nur auf christlichen Altären (zum Erntedankfest), sondern auch auf hinduistischen und buddhistischen. Nur bei den ursprünglichen Wüstenreligionen, die in Gebieten entstanden, wo Früchte lediglich in bewässerten Gärten gedeihen, findet man mehrheitlich tierische Opfergaben. Bei den afroamerikanischen Orixá-Traditionen, wo jeder Orixá seine eigene Auswahl an Speisen bekommt, finden sich in den meisten Gaben, den sogenannten Oferendas oder Ebós, Früchte. Bei Euá ist es die Banane.

Als die Götter und Göttinnen eines Tages fanden, dass sie ihren Speiseplan gern durch gekochte Speisen erweitern würden, brachten sie den Menschen das Feuer, und ab da schrieb sich die Urgeschichte der Menschheit als eine Geschichte der Feuernutzung und eine Geschichte des Kochens. Eine Geschichte, die – von einer breiten Öffentlichkeit kaum bemerkt – im Augenblick gerade neu geschrieben wird. Die neuen Möglichkeiten der Isotopen- und Genforschung haben archäologischen Funden teilweise so fundamental andere Bedeutungen gegeben, dass Archäologen von einer Revolution sprechen.

Das Bild eines keulenschwingenden Urahns, der nur dumpfe Laute von sich geben konnte, sich von Aas und Beeren ernährte und sich mit seinen Artgenossen in einem stetigen Wettkampf um Ressourcen befand, gehört nun in die Mottenkiste der Geschichte. Die Menschen der Urzeit waren gesünder, friedliebender und mussten für ihr Überleben um einiges weniger arbeiten als der heutige Homo sapiens, zumindest bis zum Zeitpunkt der Vertreibung aus dem Paradies. Und was am meisten überrascht: Die Sozialstruktur der Menschen in der voragrarischen Zeit war egalitär.

Und wieso wissen wir das heute? Die Genforschung kann uns berichten, wann und wie die ersten Menschen aus Afrika auswanderten und wo wann wie viele lebten. Die Isotopenforschung in der Archäologie kann uns zeigen, was die frühen Menschen aßen. Die Primatenforschung kann uns erklären, unter welchen Bedingungen sich bei Hominiden bestimmte Sozialstrukturen herausbildeten. Die moderne Hirnforschung beweist, dass das menschliche Gehirn genetisch auf Kooperation ausgelegt ist. Die Ethnologie zeigt uns das Volk der San, die älteste lebende Homo-sapiens-Gruppe, die im südlichen Afrika noch als Sammler und Jäger leben.

Eine interessante ethnologische Studie von Polly W. Wiessner über die San trägt den Titel »Embers of society: Firelight talk among the Ju/’hoansi Bushmen« (etwa: »Glut der Gesellschaft, Gespräche am Lagerfeuer der Ju/’hoansi-Buschmänner«).1 Aus diesen Aufzeichnungen der Gespräche am Lagerfeuer geht deutlich hervor, wie wichtig es den San-Völkern ist, einander gleichermaßen glücklich zu sehen. Will sich einer besonders hervortun, wird er – meist humorvoll, manchmal auch streng – zurückgestutzt. Wer das Sagen hat, ist nicht ein Boss, sondern das Feuer: »Our old people long ago had a government, and it was an ember from the fire where we last lived which we used to light the fire at the new place we were going.« (Etwa: »Unsere alten Leute hatten vor langer Zeit eine Regierung, und es war die Glut des Feuers vom Ort, an dem wir zuletzt gelebt hatten, mit dem wir das Feuer an dem neuen Ort anzündeten, an den wir gingen.«)

Wenn dieser San-Älteste davon spricht, dass die Glut ihre Regierung war, redet er schon von einer Vergangenheit, denn auch diese Lebensweise ist heute bedroht, weil die verbliebenen Wildnisräume durch Rohstoff- und Tourismuserschließung immer weiter eingeschränkt werden. Der San spricht von einer Vergangenheit, die 300 000 Jahre alt ist. 300 000 Jahre egalitäre Gesellschaftsform, friedliebende und frohe Charaktere, freundliche Nachbarschaftsverhältnisse, das muss sich in den Genen des Sapiens doch niedergeschlagen haben!

Aber wie konnte es dann kommen, dass wir heute in einer durch und durch patriarchalen Weltengemeinschaft leben, in der Missgunst, Neid und Fremdenfeindlichkeit die Oberhand zu haben scheinen und fast jeder nur an seiner Selbstoptimierung arbeitet? Weil das eben auch in unseren Genen steckt, nur in den noch älteren.

Die Primatenforschung präsentiert uns hierzu delikate Forschungsergebnisse durch den Vergleich der sozialen Organisierung bei den beiden uns genetisch ähnlichsten Lebewesen, den Schimpansen und den Bonobos. Die Schimpansen leben nördlich des Flusses Kongo, die Bonobos südlich. Bei den Schimpansen steht an der Spitze ein Mann, der über einen absoluten Machtanspruch verfügt. Es herrscht eine bedingungslose Dominanz über die Weibchen, die mit Brutalität durchgesetzt wird. Angriffe auf gruppenfremde Artgenossen sind üblich, und bei der Nahrungsverteilung herrscht Futterneid.

Die Bonobos sind das genaue Gegenteil. Hier führt ein Weibchen. Gegenüber benachbarten Gruppen wird Kontakt und Kommunikation gepflegt. Konflikte werden über Sex – also auf friedlichem Weg – gelöst. Beute wird gerecht untereinander verteilt. Aber was macht denn diesen Unterschied aus, bei genetisch fast gleichen Wesen, die im selben geografischen Raum, nur durch einen Fluss getrennt, leben? Es sind die Nahrungsressourcen: Südlich des Kongos gibt es für die Bonobos Nahrung im Überfluss, nördlich des Kongos herrscht Nahrungsknappheit.2

Vor dem Hintergrund dieses Kriteriums können wir auch die gesellschaftliche Entwicklung des Homo sapiens in seiner 300 000-jährigen Geschichte betrachten. 290 000 Jahre lebten die Menschen in egalitären und friedlichen Gesellschaften, weil Nahrung im Überfluss da war. Vor 12 000 Jahren war dann Schluss. Und zwar deshalb, weil zu dem Zeitpunkt die Besiedlung aller Kontinente abgeschlossen war und der Sapiens sich geografisch nicht mehr so leicht ausbreiten konnte. Weil einfach überall schon Artgenossen da waren, konnte der weiteren Bevölkerungsvermehrung nur durch die Erfindung der Landwirtschaft begegnet werden. Das hieß aber: mehr arbeiten. In der Bibel wird dieser Übergang als die Vertreibung aus dem Paradies bezeichnet, und es heißt dort, dass der Mensch »fortan im Schweiße seines Angesichts« mühsam den Acker bestellen müsse.

Nur war nicht »Sündhaftigkeit«, sondern Überbevölkerung der Grund für den Verlust des Paradieses, wie die Anthropologen Carel van Schaik und Kai Michel in ihrem beeindruckenden Tagebuch der Menschheit einleuchtend darstellen.3 Die Agrarisierung brachte den Menschen einen enormen Zuwachs an Möglichkeiten des Verzehrs von gekochter Nahrung, und es gab Landstriche wie zum Beispiel das vorminoische Kreta, in denen so viel Überfluss herrschte, dass die späteren Geschichtsschreiber von einem Goldenen Zeitalter sprachen. In dieser Zeit war Kreta egalitär organisiert. Erst durch die Ankunft marodierender Räuberbanden vom Festland änderte sich dies. Auch Kreta wurde patriarchal. Wir können also feststellen, dass die Agrarisierung den egalitären Gesellschaften den Garaus machte und sich hierarchische Strukturen etablierten. Und dass, wenn Gesellschaften in den Mangel kommen, sich das Schimpansen-Gen durchsetzt, sprich, das Patriarchat eingeführt wird.

Den Mangel als menschliches Leid kenne ich aus meiner Kindheit. Einmal erreichte uns ein Hilferuf meiner Patin, die mit ihrer Familie als kleine Bergbauernfamilie im Wallis lebte. Sie bat um Hilfe, weil sie kaum mehr was zu essen hatten und kein Geld. Auch wir waren arm, aber wovon wir genug hatten, waren Äpfel. Ich stand dabei, wie meine Mutter einen Karton mit Äpfeln füllte, die dann auf die Post gebracht wurden.

Weil ich als Kind viele Äpfel essen »musste«, mochte ich diese Früchte dann in späteren Jahren nicht mehr so sehr. »Südfrüchte« waren da attraktiver, schon weil es sie damals im Winter nicht gab. Die Äpfel wurden im dunklen Keller gelagert, und da gab es den sogenannten Lederapfel, der den ganzen Winter durch haltbar war und gegen Frühling ganz runzelig wurde. Knackig bis in den Juni blieb der Glockenapfel, wenn er kühl gelagert werden konnte. Und ab Mitte Juli beschenkte uns die Natur schon wieder mit dem frühen Klarapfel. So gab es fast das ganze Jahr durch Äpfel, und von denen, die im Herbst in Hülle und Fülle vorhanden waren, machte die Mutter Apfelmus.

Apfelmus war eine zentrale Beigabe zu diversen Teigwarengerichten wie die berühmten Älplermakkaroni oder das bekannte und beliebte Hörnli mit Gehacktem (Rindfleisch), sozusagen die Schweizer Versionen des »Süßsauer«. Birnen waren im Gegensatz zu Äpfeln nicht so lange haltbar und wurden deshalb auf dem Dachboden gedörrt. Aus ihnen wurde dann im Winter das leckere Birnenbrot gemacht. Zwetschgen, Pflaumen und Kirschen wurden eingemacht oder zu Marmelade verarbeitet. So kam man mit den Früchten des Nordens durch den Winter. Während in den südlicheren Teilen Europas die Kultivierung der Weintraube für fröhliche Runden sorgte, waren es im Norden die am Kaminfeuer gereichten Obstbrandgetränke, die etwas Gemütswärme in die kalten Winterabende zu bringen vermochten.

Unsere Nordfrüchte stammen allesamt von Wildsorten ab und bekamen als gezüchtete und veredelte Kulturpflanzen den Namen »Obst«. So auch der Apfel, der aus einer Kreuzung aus dem asiatischen Wildapfel und dem Kaukasusapfel hervorging und der es in Europa zu einer großen symbolischen Bedeutung gebracht hat. Wir Kinder erfuhren, dass Schneewittchen von der bösen Stiefmutter mit einem vergifteten Apfel getötet wurde. Und man erzählte uns, die verbotene Frucht im Paradies sei ein Apfel gewesen. In den ursprünglichen Texten war aber nicht von einem Apfel die Rede, das wurde erst in der lateinischen Bibel so gedeutet, weil das Wort malum sowohl »Apfel« als auch »das Böse, Schlechte« heißen kann.

Wie wahr die erzählt überlieferte Geschichte vom schweizerischen Nationalhelden Wilhelm Tell ist, kann nicht gesagt werden. In der Legende verweigert es Tell, den auf einer Stange steckenden Hut des habsburgischen Landvogts zu grüßen. Zur Strafe befiehlt ihm dieser, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes Walther zu schießen. Tell tut, wie ihm geheißen, steckt aber einen zweiten Pfeil in den Köcher. Als er den Apfel getroffen hat, antwortet er auf die Frage, wozu er den zweiten Pfeil brauche, dass dieser, wenn er sein Kind getroffen hätte, für den Vogt bestimmt gewesen sei. Daraufhin wird er festgenommen und abgeführt, aber es gelingt ihm durch einen Trick, wieder freizukommen, und er lauert dem Landvogt auf, um ihn mit seiner Armbrust zu erschießen.

 

Dieser Mythos einer heroischen Guerillatat eines einfachen Bergbauern ist Teil der ideologischen Grundlage der schweizerischen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, die als »Schweizerische Volkspartei« die Eidgenossenschaft weiterhin von einem als »habsburgisch« wahrgenommenen Europa abschotten möchte. Dabei kamen die Habsburger ursprünglich selbst aus der Schweiz.

Dem Apfel können die heutigen Bauern trotz des Mythos keine besondere Liebe mehr entgegenbringen. In der Landwirtschaft ist diese Frucht nur rentabel, wenn sie in Monokulturen angepflanzt wird. Vielerorts wurden die altehrwürdigen, vereinzelt stehenden Hochstammbäume gefällt, weil sie beim Mähen bloß im Wege stehen. Und bei denen, die überlebt haben, werden die Früchte nicht geerntet. Sie fallen zu Boden und dienen im Winter als Nahrung für Vögel und Rehe, die sie selbst unter dem Schnee noch herausholen.

In meiner Jugend gab es noch eine weitere Apfelgeschichte, die aber im anderen Parteilager beheimatet war. Die Rede ist von jenem giftgrünen »Granny Smith«, den man auf keinen Fall kaufen sollte, weil er aus dem Südafrika der Apartheid kam. Auch Bananen waren wegen ihrer Herkunft aus den Ausbeuterplantagen verpönt. So hatte auch die moderne Zeit ihre verbotenen Paradiesfrüchte.


REZEPT

SCHOKOLADENBANANE

Bananen mitsamt der Schale der Länge nach aufschlitzen und Schokoladenstücke hineindrücken. In die Glut legen, bis die Schokolade geschmolzen ist.

Die Banane liebt die Schokolade heiß. Während sie schon im 6. Jahrhundert v. Chr. von Indien nach Ägypten eingeführt wurde, kam der Kakao, der in Mexiko seine Urheimat hat, erst 1528 nach Europa. Heute ist Lateinamerika für beide Produkte Hauptlieferant.

Bananen werden gern im Schatten der Kakaobäume gepflanzt. Die reifen Kakaofrüchte, aus denen die Schokolade hergestellt ist, werden vom Stamm getrennt, und die Samen und das Fruchtfleisch werden auf Bananenblättern ausgeschüttet und zum Fermentieren mit einer weiteren Schicht Blätter zugedeckt.