Das Taschenbuch

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Günther Fetzer

Das Taschenbuch

Geschichte – Verlage – Reihen

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISBN 978-3-8252-5155-0 (Print)

ISBN 978-3-8463-5155-0 (ePub)

Inhalt

  1 Was ist eigentlich ein Taschenbuch?

  2 Der literarische Markt im 19. Jahrhundert Ausweitung des Lesepublikums Ausdifferenzierung und Ausweitung der Printmedien Ausdifferenzierung und Ausweitung der Vertriebswege Die technische Entwicklung der Buchproduktion

  3 Das serielle Buch im 19. Jahrhundert

  4 Das Taschenbuch im langen 19. Jahrhundert Charakteristik des Taschenbuchs im 19. Jahrhundert Statistik, Typologie und Chronologie Funktionen

  5 Das Taschenbuch zwischen 1914 und 1945 Charakteristik des Taschenbuchs in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen Statistik, Typologie und Chronologie Funktionen

  6 Das Taschenbuch in Großbritannien und den USA Das Taschenbuch in Großbritannien Das Taschenbuch in den USA

  7 Das Taschenbuch nach 1945 Etablierungs- und Konstituierungsphase (1950er und 1960er Jahre) Konsolidierungs- und Ausbauphase (1970er und 1980er Jahre) Auflösung des Systems Taschenbuch (ab Ende der 1980er Jahre) Das Taschenbuch in der DDR

  8 Die aktuelle Situation

 Anhang: TaschenbuchchronologieReihen und Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit 1939Weitere Reihen und Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit 1946Reihen und Verlage in der DDR

  Literaturverzeichnis

  Register der Verlage

  Register der Reihen

1 Was ist eigentlich ein Taschenbuch?

Was haben das Taschenbuch der Wasserwirtschaft und Der verbotene Liebesbrief gemeinsam? Der erste Titel ist ein gebundenes Buch im Format 17,5 cm x 24,6 cm mit einem Umfang von 1.305 Seiten und ist in der neunten Auflage im wissenschaftlichen Verlag Springer ViewegSpringer Vieweg zum Preis von 99,99 Euro erschienen. Der zweite Titel ist ein Unterhaltungsroman aus dem GoldmannGoldmann-Taschenbuchprogramm im Standardformat 13,2cm x 18,5 cm zum Preis von 10,99 Euro, der einige Zeit auf Platz 1 der Bestsellerliste stand. Auf den ersten Blick wird man die Frage nach der Gemeinsamkeit der beiden Bücher mit „Nichts“ beantworten. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass sich das erste Buch – obwohl gebunden – „Taschenbuch“ nennt, also den Begriff als Titelbegriff führt, dass aber das zweite Buch nach der heutigen Konvention ein Taschenbuch ist, ohne so benannt zu werden.

Damit sind wir beim Kerndilemma, wenn man sich der Frage stellt, was eigentlich ein Taschenbuch sei, denn „Taschenbuch“ hat historisch zwei Bedeutungen, die völlig verschieden sind. Zum einen begegnet uns das Wort als Titelbegriff im Sachtitel von Büchern, zum anderen bezeichnet es einen Buchtyp, der im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts entstand und der dem heutigen Verständnis von Taschenbuch entspricht, ohne so genannt worden zu sein.

Bereits im 16. Jahrhundert, vor allem aber vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bezeichnet „Taschenbuch“ in der Regel kleinformatige gebundene Bücher – eben für die Tasche. Sie erscheinen einmal pro Jahr – in der Regel zur Herbstmesse – und enthalten Originaltexte verschiedener Autoren. 1774 taucht der Begriff in dieser Verwendung erstmals im Taschenbuch für Dichter und Dichterfreunde (1774–1780) auf. Rasch folgten unter anderen die langlebige Reihe Leipziger Taschenbuch für Frauenzimmer zum Nutzen und Vergnügen (1784–1816), das Taschenbuch für 1798, das Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1798, das Rheinische Taschenbuch (1812) und das Frauentaschenbuch (1814).

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist diese Form als „literarisches Taschenbuch“ klar definiert; oft wird „Taschenbuch“ synonym mit „Almanach“ und „Kalender“ verwendet. Bücher dieses Typs haben in der Regel einen Umfang von 400 bis 500 Seiten. Exemplarisch dafür steht Wilhelm Gottlieb Becker’s Taschenbuch zum geselligen Vergnügen auf das Jahr 1817. Es enthält bei einem Umfang von 448 Seiten Gedichte, Prosa, dialogisierte Texte und Betrachtungen sowie acht Seiten „Tanztouren“ und 32 Seiten Noten. Zeitweise wurden bis zu 50 Titel dieses Typs im Jahr auf den Markt gebracht. Sie wurden ein „literarischer Modeartikel“ (Mix 1998, S. 185). Hauptzielgruppe waren, worauf manche Titelformulierungen verweisen, Frauen.

Doch der handliche Buchtyp wurde auch sehr schnell mit Nonfiction-Inhalten belegt, so etwa das Militärische Taschenbuch (1780), der Almanach oder Taschen-Buch für Scheidekünstler und Apotheker (1780–1828), das Physikalische Taschenbuch für Freunde der Naturlehre und Künstler (1785) oder das Historische Taschenbuch (1830–1892). Noch 1935 definiert das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm „Taschenbuch“ ausschließlich in diesem Sinn: „ein jährlich erscheinendes buch in taschenformat mit unterhaltendem oder praktisch belehrendem inhalt, almanach u. dgl.“ (Grimm 1984, Sp. 151).

Das moderne Verständnis von „Taschenbuch“ ist geprägt durch eine Reihe von Merkmalen und verfestigte sich in den Anfangsjahren des Taschenbuchs in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst zu einer normativen Definition, die das System Taschenbuch beschrieb.

Eine Geschichte des Taschenbuchs kann man nicht entlang einer allgemein gültigen und überhistorischen Definition erzählen, sondern es braucht einen historischen Begriff vom Taschenbuch. Dieser wird vom seriellen Buch im 19. Jahrhundert abgeleitet und dient angesichts der übersichtlichen Forschungslage in erster Linie der Materialerschließung. Das gilt für das lange 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs und weiter bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Danach war die Zahl der Taschenbuchverlage und der Taschenbuchreihen so stark angewachsen, dass für die Zeit zwischen 1945 und der Gegenwart ein historisch-struktureller Zugriff gewählt wurde. Ob daraus „eine verlässliche Gesamtdarstellung der Entwicklung des Taschenbuchs“ geworden ist, die Karl H. Pressler vor mehr als drei Jahrzehnten vermisst hatte (Pressler 1985: 1), möge der Leser entscheiden.

Es wird der Versuch unternommen, die Fülle der Verlage und Reihen nach 1945 in drei Chronologien im Anhang zu erfassen. Die Abbildungen zeigen Umschläge von Taschenbuchreihen, die bislang eher selten oder gar nicht in der Forschung behandelt wurden. Daher ist hier auch die Nr. 1 von Reclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek, Goethes Faust I, nicht zu finden. Und das bedeutet auch, dass es kaum Doppelungen zu den Abbildungen in dem nicht zu übertreffenden Werk Reihenweise von Reinhard Klimmt und Patrick Rössler gibt (Klimmt/Rössler 2016). Soweit nicht anders angegeben, sind die Originale um 50 Prozent verkleinert.

Allen, die durch Informationen, Hinweise, Kritik und technische Unterstützung zu diesem Buch beigetragen habe, danke ich herzlich.

München, im Mai 2019 Günther Fetzer

2 Der literarische Markt im 19. Jahrhundert

Die bürgerlichen Moderne, die seit Ende des 18. und im Lauf des 19. Jahrhunderts allmählich die traditionale Feudal- und Adelsgesellschaft verdrängte, ist charakterisiert durch „die frühe Industrialisierung, die Aufklärungsphilosophie und die Verwissenschaftlichung, die Entstehung von überregionalen Warenmärkten und kapitalistischen Produktionsstrukturen, die allmähliche Verrechtlichung und Demokratisierung, die Urbanisierung und die Ausbildung des Bürgertums als kulturell tonangebende Klasse“ (Reckwitz 2017: 41f.).

 

Beginnend um 1830, vor allem aber nach der Mitte des 19. Jahrhunderts entfaltete sich eine Unterhaltungsindustrie, die nicht nur den Printbereich, sondern auch andere Medien und Formen der Massenkultur umfasste. Dazu gehörten Bilderbogen, Bildpostkarten, Fotografie, Sammelbilder, Zirkus etc. (siehe Maase 1970 und Faulstich 2004), gegen Ende des Jahrhunderts Schallplatte und Film. Diese Geschichte des Taschenbuchs konzentriert sich auf den literarischen Markt und die entsprechenden Printprodukte, berücksichtigt also nicht andere Medien als Träger literarischer Unterhaltung und der Information.

Die Entstehung des Taschenbuchs im 19. Jahrhundert setzt einen literarischen Markt voraus, wie er in der zweiten Hälfte des vorangegangenen Jahrhunderts im Zeitalter der Aufklärung entstanden war. Im Rahmen des von Jürgen Habermas beschriebenen Strukturwandels der Öffentlichkeit (Habermas 1990) entstand auf der Produzentenseite der freie Schriftsteller, differenzierten sich Verlage mehr und mehr aus, stieg der Alphabetisierungsgrad in der Bevölkerung, wandelte sich in der ersten Leserevolution die intensive zur extensiven Lektüre: An die Stelle einer mehrfachen Lektüre ein und desselben Lesestoffs trat die Lektüre vieler Lesestoffe (Engelsing 1969). Das führte zu einer erheblichen Ausweitung der Buchproduktion.

Im Anschluss an die Schrift von Friedrich Perthes Der deutsche Buchhandel als Bedingung eines Daseyns einer deutschen Literatur aus dem Jahr 1816 charakterisiert Werner Faulstich diese Entwicklung: „Im 18. Jahrhundert entdeckte das Kapital den Buchmarkt als einen Bereich, den die enorm ansteigende bürgerliche Nachfrage nach Lesestoffen und das wachsende Potenzial an schreibwilligen Autoren als eine lohnende Investition erscheinen ließ, und dieses Engagement beförderte naturgemäß die rasche Marktexpansion und Marktdifferenzierung.“ (Faulstich 2002: 191)

Diesen „spekulativen“ Buchhandel, der auf dem „Markt“ das „Kulturgut“ Buch zur „Ware“ machte, hatte schon Immanuel Kant in seinem zweiten Brief An Herrn Friedrich Nicolai, den Verleger im Jahr 1798 bissig charakterisiert. Er spricht dort von der „Buchmacherei“, einer „Industrie“, die „fabrikmäßig“ betrieben werde (siehe Wittmann 1982a: 361ff. und Fallbacher 1992: 8).

Nach wie vor unübertroffen in der Darstellung der vielfältigen Faktoren der Entwicklung des literarischen Markts ist Kiesel/München 1977. Zusammenfassend Faulstich 2002: 177–224 und Bödeker 2005.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschleunigte sich die Entwicklung des literarischen Markts deutlich, sodass man seit der Mitte des Jahrhunderts von einer Unterhaltungsindustrie sprechen kann. Zugleich ist festzuhalten, dass bereits in dieser Phase „die gesamtgesellschaftliche, die kulturelle, die literarische Bedeutung des Mediums Buch […] im Verhältnis zu allen anderen Medien der Epoche, speziell den neu entstehenden elektronischen Medien“ zurückging, obwohl „die traditionellen Strukturen des etablierten Systems Buch weiter institutionalisiert“ wurden (Faulstich 2004: 195). Außerdem wurden die Teilbereiche zunehmend kommerzialisiert.

In der Regel wird für diesen Zeitraum der Begriff der (literarischen) „Unterhaltungsindustrie“ verwendet (zum Beispiel Jäger 1988: 163). Kosch/Nagl machen eine interessante Unterscheidung und sprechen für den Lieferungsroman der Zeit von einer „Unterhaltungsmanufaktur“ (1993: 67). Zum Begriff der „Unterhaltung“ siehe resümierend Faulstich 2006 sowie Hügel 2003 und Hügel 2007. Unterhaltung ist keine anthropologische Konstante, sondern historisch zu verorten: „Unterhaltung setzt die Existenz von Massenmedien voraus, die dominant der Unterhaltung dienen. Solche Medien gibt es in Deutschland erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Familienzeitschriften.“ (Hügel 2007: 41, siehe auch 68)

„Kulturindustrie“ (Horkheimer/Adorno 1990 sowie Adorno 1967; zur Kritik zusammenfassend Glasenapp 2006 und Niederauer/Schweppenhäuser 2018) und „Bewusstseinsindustrie“ (Enzensberger 1971) bezeichnen Aggregatzustände des kulturellen und damit literarischen Markts im 20. Jahrhundert.

Zentrale Entwicklungen sind

 die Ausweitung des Lesepublikums,

 die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Printmedien,

 die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Vertriebswege

 sowie die technische Entwicklung der Buchproduktion.

Zu diesen Entwicklungen im 19. Jahrhundert siehe Wittmann 1982b, Estermann/Jäger 2001 und Faulstich 2004.

All das vollzieht sich unter Rahmenbedingungen, die hier nur schlagwortartig zusammengefasst werden können:

 die politische Entwicklung von der nachnapoleonischen Zeit und der 1848er Revolution bis zur Reichsgründung und zum Kaiserreich,

 die ökonomische Entwicklung mit den Stichworten industrielle Revolution und Entwicklung des Hochkapitalismus,

 die soziale Entwicklung mit der Ablösung der ständischen Gesellschaftsordnung durch eine nach Schichten/Klassen strukturierte Gesellschaft,

 die juristische Entwicklung mit den in unserem Zusammenhang wichtigen Eckpunkten wie Gewerbefreiheit und Neuregelungen des Urheberrechts.

Ausweitung des Lesepublikums

Die Ausweitung des Lesepublikums ist durch die Stichworte Bevölkerungswachstum, Alphabetisierung, Urbanisierung sowie Industrialisierung und die damit verbundene wachsende Freizeit der Menschen charakterisiert. Die Bevölkerung wuchs auf dem Gebiet des Deutschen Reichs zwischen 1848 und 1880 von 33 Millionen auf 45 Millionen, erhöhte sich also um rund ein Drittel, und wuchs bis 1900 um weitere elf Millionen auf 56 Millionen. Allein durch dieses explosionsartige Wachstum insbesondere seit Mitte der 1870er Jahre sowie die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung von 37 Jahren im Jahr der Reichsgründung auf 47 Jahre dreißig Jahre später stieg die Zahl der potentiellen Leser und Käufer deutlich, gleichgültig, von welchem Alphabetisierungsgrad man ausgeht. Im Allgemeinen dient als Unterscheidung zwischen Alphabeten und Analphabeten die Fähigkeit, den eigenen Namen schreiben und leidlich lesen zu können (Engelsing 1973: 96; insgesamt 96–100), was natürlich noch nicht bedeutet, dass die des Lesens Fähigen auch wirklich Lesestoffe konsumierten. Eine Zusammenschau der regional und national disparaten Daten spricht von einem Alphabetisierungsgrad von 75 Prozent im Jahr 1870 und von 90 Prozent um 1900 (Schenda 1970: 444). Zu bedenken ist auch das Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land. Die Zahlen sind empirisch kaum fundiert und sind daher nur in Teilstudien zu verifizieren, aber auch nicht zu widerlegen (Wittmann 1999: 189f.). Durch Urbanisierung (mit zunehmender Bildungsintensität) und Industrialisierung (mit zunehmender Regulierung arbeitsfreier Zeiten) und Volksbildungsbestrebungen wie Arbeiterbibliotheken und Volksbüchereien entstehen Spielräume für kulturelle Aktivitäten, darunter auch Lesen. Jedoch lassen für die Unterschichten die „Existenzbedingungen und soziokulturellen Voraussetzungen […] vermuten, dass Lesen bis weit in die Gründerjahre hinein eine Ausnahme darstellte“ (Wittmann 1982b: 200). Insgesamt gilt, dass die Ablösung des ständischen Gesellschaftsmodells durch ein Stratifikationsmodell von ökonomisch fundierter Oberschicht, neuen Mittelschichten und diversen sozialen Unterschichten enge Relationen zwischen bestimmten Einzelmedien und bestimmten sozialen Gruppierungen nach sich zog (zur Stratifikation der Medien im 19. Jahrhundert siehe Faulstich 2004: 258). Von einer „Homogenisierung des literarischen Geschmacks, die kulturelle Assimilation aller Schichten“ (Wittmann 1999: 294) wird man nicht sprechen können.

Ausdifferenzierung und Ausweitung der Printmedien

Das 19. Jahrhundert ist durch ein enormes Anschwellen der Lesestoffproduktion charakterisiert. Dazu tragen rein mengenmäßig Zeitschriften jeglicher Art bei. So erschienen allein im Jahrzehnt zwischen 1840 und 1850 rund 1.300 neue Zeitschriften. War im 18. Jahrhundert das neue Medium Zeitschrift mit der zentralen Rolle der Moralischen Wochenschriften „Schlüsselmedium der bürgerlichen Gesellschaft“ (Faulstich 2002, 225), so wurde die Zeitschrift erst durch ihre zunehmende Unterhaltungsfunktion im 19. Jahrhundert zum Massenmedium (Faulstich 2002: 225–251). Dazu trug vor allem ihre Weiterentwicklung zu Familienzeitschriften wie die Gartenlaube bei, die – 1853 gegründet – im Jahr 1875 eine Auflage von 382.000 Exemplaren erreichte. Wie wir noch sehen werden, lassen sich charakteristische Merkmale der Zeitschrift wie Themenzentrierung, Periodizität, Interessenspezifizierung und auch Visualisierung (Faulstich 2002: 225f.) auf das im Entstehen begriffene Taschenbuch übertragen.

Fassen wir Printmedien im engeren Sinn als Herstellung und Verbreitung von herkömmlichen Büchern auf, so ist die Entwicklung weniger spektakulär. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen 4.081 Titel (1805) auf den Markt. Die durch die napoleonischen Kriege ausgelöste Depression erzwang einen Rückgang auf 2.233 im Jahr 1813. Danach steigerte sich die Produktion auf 14.039 Titel im Rekordjahr 1843 – ein Stand, der erst im Kaiserreich wieder erreicht wurde. Diesem vormärzlichen Hoch folgte ein Niedergang bis auf den Tiefstand von 8.346 Titeln im Jahr 1851. Vor allem nach der Reichsgründung (10.669 Titel im Jahr 1871) stieg die Titelproduktion steil an. 1886 lag sie bei 16.253 Titeln – eine Steigerungsrate von über 50 Prozent in eineinhalb Jahrzehnten. Der Titelboom setzte sich ungebremst fort; im Jahr 1900 wurden 24.729 Titel verlegt, was wiederum eine Erhöhung des Titelausstoßes um rund die Hälfte bedeutete. 1913 wurde mit 35.078 Titeln der Höchststand vor dem Ersten Weltkrieg erreicht. Die „schöne Literatur“ (vor allem Klassiker, Romane und Erzählungen) wuchs noch wesentlich stärker, denn von 1871 bis 1890 stieg der Zahl der Neuerscheinungen um fast 90 Prozent (Zahlen nach Bucher u.a. 1981: 167 und Kastner 2003: 301 und 315; sehr detailliert Rarisch 1976).

Diese Zahlen zur Titelproduktion von Büchern sind nur eingeschränkt aussagekräftig. Zum einen wird hier nur die Zahl der publizierten Titel erfasst, ohne dass wir in der Regel Kenntnis von den jeweiligen Druckauflagen haben. Zum anderen ist die wegen der Zensur illegal verbreitete Druckproduktion nicht abzuschätzen. Und schließlich bleiben die populären Lesestoffe, die „Lesestoffe der Kleinen Leute“ (Schenda 1976; detailliert Schenda 1970: 271–324) gänzlich unberücksichtigt. Doch gerade sie sind es, die massenhaft verbreitet waren. Es existiert – abgesehen von kleinen Segmenten – keine Produktionsstatistik dessen, was über den Kolportagebuchhandel vertrieben wurde.

Abb. 1:

Titelproduktion im Deutschen Bund und im Deutschen Reich 1801–1914.

Die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Printmedien veränderte auch die Rolle des Literaturproduzenten (zusammenfassend Faulstich 2004: 196f.). Hatte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Berufsbild des freien Schriftstellers herausgebildet, der sein Auskommen auf dem literarischen Markt suchen musste und nicht mehr besoldeter Hofpoet war (siehe Haferkorn 1963 und Haferkorn 1974), so verschärfte sich die Markabhängigkeit des Schriftstellers im 19. Jahrhundert deutlich. Ein Zeitgenosse beschrieb die Situation eines solchen Lohnschreibers plastisch: „Heute einen kritischen Artikel, morgen eine Correspondenz für ein Journal verfassen, zwischendurch an einem Roman arbeiten oder seine für Alles zugeschnittene Feder an der Uebersetzung eines ausländischen Buches abnutzen und bald an dieses, bald an jenes Journal wie an einen letzten Rettungsanker sich anklammern.“ (zit. nach Wittmann 1982b: 157) Zeitgenössisch wurde kritisch von der „Vielschreiberey“ gesprochen. Dazu kam die Konkurrenzsituation unter den Autoren. Ihre Zahl wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit 7.000 angegeben. Knapp hundert Jahre später betrieben laut der offiziellen Berufsstatistik des deutschen Reichs 19.380 Personen die Schriftstellerei im Hauptberuf. Für die allermeisten bedeutete das „Betreiben der Schriftstellerei als Gewerbe, Erwerbszwang bis zur Käuflichkeit oder zumindest Anpassung an den herrschenden Geschmack“ (Wittmann 1982b: 159).

 

Rudolf Schenda, der Pionier der Erforschung der populären Lesestoffe, hat regionale und lokale Zahlen für Frankreich hochgerechnet und kommt zu dem Schluss, „dass eine Jahresproduktion in der Größenordnung von 100 Millionen populären Druckwerken – Büchlein, Heftchen und Einzelblättern – pro Jahr zumindest seit der Mitte des 19. Jahrhunderts anzusetzen“ sei. Diese Berechnung umfasse „weder die Menge der nicht für die Kolportage bestimmten, gebundenen Bücher, noch die Masse der Zeitschriften und Zeitungen“ (Schenda 1970: 186). Nach zeitgenössischen Angaben setzte 1899 allein der Berliner Kolportageverlag A. WeichertWeichert circa 25 Millionen Romanhefte ab (Jäger 1988: 164).

Wie immer man diese Zahl einschätzt, Tatsache ist, dass diese massenhaft verbreiteten Lesestoffe nach wie vor unzureichend erforscht sind. Das liegt nicht zuletzt auch an der Sammlungspraxis wissenschaftlicher und öffentlicher Bibliotheken, und so ist es „einer kleinen Gruppe von Sammlern […] überhaupt zu verdanken, dass wir heute wenigstens noch in Umrissen die gesamte Bandbreite der Unterhaltungsliteratur aus der Vergangenheit erahnen können“ (Galle 2006b: 10).

Die Privatiniative zur Erforschung der populären Lesestoffe spiegelt sich auch in den Bibliografien wieder, die zu verschiedenen Publikationsformen und Genres vorliegen, so unter anderen Bloch 2002, 2005, 2006, 2015, Kalbitz/Kästner 2013 und Schädel 2006.