Butler Parker Classic 56 – KriminalromanText

Aus der Reihe: Butler Parker Classic #56
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Butler Parker Classic – 56 –

»Das wird das eingebildete Luder noch bereuen«, grollte Lady Agatha. »Nie wieder setze ich einen Fuß über die Schwelle dieser Räuberhöhle, Mister Parker.«

Die wenig schmeichelhaften Äußerungen galten einem sündhaft teuren Pelzmodengeschäft an der exklusiven Bond Street und dessen Inhaberin, die sich höflich, aber bestimmt geweigert hatte, mit Mylady über den Preis eines verschwenderisch gearbeiteten Ozelotcapes zu verhandeln.

»Mylady sehen einen Grund zur Ungehaltenheit?« erkundigte sich Parker höflich, während er seine Herrin durch die belebte Fußgängerzone geleitete. »Das unverschämte Frauenzimmer verdient doch wirklich genug!«

»Was man keinesfalls in Zweifel ziehen möchte, Mylady.«

»Aber eine alleinstehende Dame wie mich bringen solche Preise an den Bettelstab«, jammerte Agatha Simpson in ihrem ausgeprägten Hang zur Sparsamkeit.

»Eine Vorstellung, die man nur als entsetzlich bezeichnen kann und muß«, sagte der Butler mit unbewegter Miene.

Vermutlich hätte die ältere Dame ihrer Empörung noch eine Weile länger Luft gemacht, aber schon der nächste Satz ging im Strudel der Ereignisse unter.

Das Tempo, in dem die Aktion ablief, ließ an eine Zeitraffer-Aufnahme im Film denken.

Wie Wiesel huschten drei Jungen auf sogenannten Skateboards zwischen den Passanten hindurch. Sie beherrschten ihre Rollbretter mit traumwandlerischer Sicherheit und zeigten dabei Leistungen, die das Prädikat »akrobatisch« verdienten.

Den Lohn für ihre Darbietungen kassierten die zwölf- bis fünfzehnjährigen Burschen gleich unterwegs. Daß sie sich dabei bescheiden gezeigt hätten, konnte man wirklich nicht behaupten.

Spitze Schreie und mörderisches Gezeter markierten die Punkte, an denen sich das Trio im Vorbeiflitzen »bediente«. Offensichtlich besaßen die flinken Räuber eine ausgesprochene Vorliebe für die Handtaschen begütert wirkender Londonerinnen.

Entrüstete Ehemänner nahmen fluchend die Verfolgung auf, ließen aber schon nach wenigen Schritten von dem aussichtslosen Bemühen ab. Auch verzweifelte Rufe nach der Polizei bremsten nicht den Beutezug der jungen Akrobaten.

Das änderte sich erst, als ein schätzungsweise zwölf Jahre alter, farbiger Junge ausgerechnet Agatha Simpson zum Opfer erkor. Vermutlich hielt er den perlenbestickten Pompadour, der am rechten Handgelenk der fülligen Dame baumelte, für ein besonders lohnendes Ziel.

Die ältere Dame ließ sich jedoch nicht überrumpeln. Sie hielt die ledernen Halteriemen fest und riß den wohlgefüllten Beutel mit wütendem Ruck an sich.

Mit derartigem Widerstand hatte der Junge nicht gerechnet. Postwendend verlor er nicht nur das Gleichgewicht, sondern auch das Brett unter den Füßen und absolvierte eine Bauchlandung auf dem Pflaster.

Ebenso unvermittelt, wie er gestürzt war, stand der dunkelhäutige Lockenkopf aber wieder auf den Beinen. Ohne sich noch mal umzusehen, spurtete er hinter seinen Komplizen her, die auf ihren Skateboards vorausjagten.

»Warum tun Sie denn nichts, Mister Parker?« empörte sich die Detektivin. »Wollen Sie den dreisten Bengel entwischen lassen?«

»Keineswegs und mitnichten, Mylady«, erwiderte der Butler und schwang sich auf das Rollbrett, das der flüchtende Räuber zurückgelassen hatte.

Selbst auf dem Skateboard, dessen Tücken er mit mühelos scheinender Eleganz meisterte, stellte Josuah Parker noch das Urbild eines hochherrschaftlichen Butlers aus längst vergangenen Zeiten dar.

Ungläubig blickten die Passanten der Gestalt im schwarzen Covercoat nach, die stilecht mit Bowler und altväterlich gebundenem Regenschirm ausstaffiert war.

Aufrecht, als hätte er einen Ladestock verschluckt, stand Josuah Parker auf dem Skateboard und segelte zwischen Gruppen von Fußgängern hindurch. Auf den vier surrenden Rollen war er dem fliehenden Jungen eindeutig überlegen, so daß sich der Abstand zusehends verringerte.

Fast hatte er sein Ziel erreicht, als der Flüchtling unvermittelt einen Haken schlug und in eine schmale Seitenstraße einbog.

Der kleine Vorsprung, den dieses Manöver dem minderjährigen Räuber einbrachte, reichte jedoch nicht, um den Butler abzuschütteln. Sekunden später war er dem Jungen schon wieder auf den Fersen.

Die wilde Jagd führte um mehrere Ecken sowie durch eine verwinkelte Ladenpassage, die als zusätzliches Erschwernis ein paar höchst überflüssige Stufen bereithielt.

Dem Fliehenden ging die Puste aus. Aber er hatte es nicht mehr weit.

In dem amerikanischen Straßenkreuzer, auf den er mit letzter Kraft zusteuerte, hatte man ihn schon bemerkt. Mit geschmeidigen Bewegungen glitten die Männer auf den Vordersitzen aus dem Wagen und reckten demonstrativ ihre Schultern.

Die Mienen, mit denen sie dem Flüchtling und seinem schwarzgewandeten Verfolger entgegensahen, ließen einen lebhaften Meinungsaustausch erwarten.

*

»Was soll der verdammte Unsinn?« knurrte einer der Breitschultrigen, während der Junge eilig zu den schon wartenden Komplizen in den Wagen kletterte. »Hat Jim Ihnen denn irgendwas getan?«

»Bedauerlicherweise sieht man sich zu der Mitteilung genötigt, daß alle drei Jungen ein Verhalten zeigten, das man nur als kriminell bezeichnen kann und muß«, erwiderte Parker in seiner höflichen Art.

»Kriminell?« brummte der zweite Unbekannte und trat einen Schritt auf den Butler zu. »Das ist doch wohl nicht ihr Ernst, Mann.«

»Möglicherweise ist der Hinweis gestattet, daß die Minderjährigen in der Bond Street die Handtaschen mehrerer Passantinnen raubten«, wurde der Butler deutlicher.

»Ausgeschlossen«, fuhr der erste dazwischen. »So was tun unsere Jungs nicht. Dafür legen wir glatt die Hand ins Feuer, nicht wahr, Al?«

»Na klar, Percy«, pflichtete Al ihm bei und setzte ein breites Grinsen auf.

»Bei Ankündigungen dieser Art sollte man sich einer gewissen Zurückhaltung befleißigen, falls der Hinweis erlaubt ist«, entgegnete Parker gelassen. »Allzu leicht könnten Brandwunden die Folge sein.«

»Unsinn!« fiel Percy ihm ins Wort. »Sie haben doch gehört, daß unsere Jungs wahre Musterknaben sind. Also geben Sie Jim sein Skateboard wieder und scheren Sie sich endlich zum Teufel.«

»Los, Opa! Kratz die Kurve!« zischte Al ungeduldig, als der Butler keinerlei Anstalten machte, der Aufforderung Folge zu leisten. Die Augen des Mannes verengten sich zu Schlitzen. In seiner Rechten blitzte plötzlich der kalte Stahl eines Dolches.

Parker, der mit einer Verschärfung des Gesprächklimas gerechnet hatte, reagierte jedoch blitzschnell und setzte mit ruckartiger Bewegung seinen Universalschirm ein.

Al jaulte wie ein getretener Hund, als die bleigefüllte Spitze des altväterlichen Regendachs nachdrücklich auf sein Handgelenk tippte. Klirrend fiel die Waffe zu Boden und verschwand zwischen den Gitterstäben eines Gullys.

Natürlich wollte Percy die Schlappe seines Kollegen umgehend wettmachen und sich mit geballten Fäusten auf den Butler stürzen, aber mitten in der Bewegung hielt er abrupt inne.

»Achtung!« zischte er und stieß Al an, der leise wimmernd sein schwellendes Handgelenk massierte.

Jetzt sah auch Parker, warum der Gegner den Angriff so überraschend abgebrochen hatte: Mit zielstrebigen Schritten steuerte ein uniformierter Polizist auf die kleine Gruppe zu.

»Was ist denn hier los?« wollte der Bobby mit dienstlicher Miene wissen. Offenbar handelte es sich um einen Altgedienten von der Streife, der neben der Last seiner Dienstjahre einen eindrucksvollen vorgewölbten Bauch herumschleppte.

»Was soll schon los sein?« erwiderte Percy beiläufig. »Wir unterhalten uns bloß.«

»Ist das Ihr Wagen?« forschte der Polizist weiter und zeigte auf die chromblitzende Limousine.

»Ja, wieso?« fragte Percy zurück.

»Sie stehen im Halteverbot«, teilte der Bobby mit.

»Wir wollten sowieso gerade fahren«, schaltete Al sich hastig ein.

»Das behaupten alle«, reagierte der Uniformierte unbeeindruckt und zückte seinen Block. »Sind Sie mit einer gebührenpflichtigen Verwarnung von zehn Pfund einverstanden?«

Al wollte protestieren, aber Percy brachte ihn mit einem Rippenstoß zum Schweigen und zog die Brieftasche.

Inzwischen stand Parker unbeweglich am Heck des Straßenkreuzers und erweckte den Eindruck, als gelte seine ganze Aufmerksamkeit dem Gespräch zwischen Al, Percy und dem Polizisten. Keiner der drei merkte, daß der Butler sein handliches Universalbesteck aus der Tasche gezogen hatte und damit am Schloß des Kofferraumes hantierte.

Auf den ersten Blick ließ das unscheinbare Werkzeug an das Besteck eines passionierten Pfeifenrauchers denken. Seine Verwendungsmöglichkeiten waren jedoch ungleich vielseitiger.

Behutsam ließ der Butler eine schmale Metallzunge in den Schlitz des Zylinderschlosses gleiten. Schon nach wenigen Sekunden gab der Mechanismus seinen Widerstand auf. Das leise Klicken wurde vom Straßenlärm übertönt.

Mit der Gewandtheit eines professionellen Taschenspielers ließ Parker das Besteck wieder unter seinem schwarzen Covercoat verschwinden. Dabei blieb sein alterslos wirkendes Gesicht glatt und undurchdringlich. Der Zeitpunkt, die Haube zu öffnen, war noch nicht gekommen.

Die geforderte Zehnpfundnote hatte inzwischen den Besitzer gewechselt. Der Bobby hatte getan, was er für seine Pflicht hielt, und das breitschultrige Duo wirkte ausgesprochen erleichtert.

»Man dankt für die freundliche Überlassung«, sagte der Butler mit einer angedeuteten Verbeugung und händigte den Männern das Skateboard aus.

Fassungslos nahmen Percy und AI das Rollbrett in Empfang und bestiegen ihren Straßenkreuzer. Parkers Verhalten war ihnen ein Rätsel. Wenn die Männer allerdings gehofft hatten, mitsamt der Beute und den minderjährigen Räubern sang- und klanglos verschwinden zu können, sahen sie sich schon bald gründlich getäuscht.

 

Al hatte gerade den ersten Gang eingelegt und wollte sich in den fließenden Verkehr einfädeln, als der Butler die unverschlossene Haube aufspringen ließ. Mit raschem Griff fischte er ein rundes Dutzend Handtaschen aus dem Kofferraum der anfahrenden Limousine und ließ dafür einen kaum erbsengroßen Minisender, eine sogenannte Wanze, zurück.

Der Fahrer, dem das Aufspringen der Haube natürlich nicht entgangen war, hatte es plötzlich sehr eilig. Auf wimmernden Pneus schoß das chromblitzende Gefährt los und war gleich darauf im Verkehrsgewühl verschwunden.

Dem braven Bobby fielen fast die Augen aus dem Gesicht, als Parker ihm die ansehnliche Handtaschensammlung präsentierte. Hektische Röte trat auf sein breites Gesicht, während der Butler ihn über die Herkunft des Kofferrauminhalts ins Bild setzte.

»Ich... ich muß sofort eine Großfahndung auslösen«, stotterte der Polizist und setzte eine etwas hilflose Miene auf.

»Ein Vorhaben, an dem man Sie keinesfalls hindern möchte, Sir«, ließ Parker sich vernehmen.

»Wo ist die nächste Telefonzelle?« überlegte der reichlich konfus wirkende Uniformierte laut.

»Dort drüben, Sir«, teilte der Butler seelenruhig mit und deutete auf eines der roten Häuschen, das der Polizist in seiner Aufregung glatt übersehen hatte.

»Danke«, sagte der Bobby, tippte flüchtig lächelnd an den Helm und stiefelte los. Doch nach wenigen Schritten kehrte er schon wieder um.

»Das Kennzeichen!« stieß er heftig atmend hervor. »Haben Sie sich zufällig das Kennzeichen gemerkt?«

»WLU 367G«, gab Parker Auskunft. »Der Wert dieser Angabe dürfte jedoch gering einzuschätzen sein.«

»Wie bitte?« fragte der Uniformierte irritiert.

»Man sollte die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß das Kennzeichen gefälscht ist«, erläuterte der Butler.

»Meinen Sie?« fragte sein Gesprächspartner überrascht. »Auf jeden Fall muß ich jetzt aber erst mal telefonieren.«

Mit fliegenden Rockschößen steuerte der Polizist endlich das Telefonhäuschen an. »Halten Sie sich als Zeuge bereit«, rief er Parker im Davoneilen zu.

»Zu gegebener Zeit wird man diesem Ansinnen zweifellos Folge leisten«, erwiderte der Butler und lüftete andeutungsweise die schwarze Melone. Der pflichteifrige Bobby hörte ihn schon nicht mehr.

Momentan hatte Parker Wichtigeres zu tun, als sich für eine Zeugenvernehmung bereitzuhalten. Mylady, die irgendwo im Bereich der Bond Street vergeblich ihren Butler suchte, war wahrscheinlich schon sehr ungehalten.

*

Bis zur Teezeit hatte Agatha Simpsons Groll sich wieder gelegt. Zu diesem Stimmungsumschwung hatte eine intensive Kreislauftherapie wesentlich beigetragen. Als bewährtes Hausmittel war der feine alte Kognak in Shepherd’s Market zum Einsatz gekommen.

Die köstlich duftende Sachertorte, die der Butler später auftrug, ließ das Herz der älteren Dame höher schlagen, zumal die Kristallkaraffe mit ihrem geliebten Sherry schon auf dem Tisch stand.

»Ich habe mich entschieden, die Finger von diesem Fall zu lassen, Mister Parker«, gab die passionierte Detektivin bekannt, während der Butler Darjeelingtee einschenkte und anschließend in seiner unnachahmlichen Art einen halben Schritt zurücktrat. »Es ist einfach unter meiner Würde, hinter Kindern und Halbwüchsigen herzulaufen.«

»Eine Feststellung, der meine Wenigkeit durchaus nicht widersprechen möchte, Mylady«, erwiderte Parker mit einer höflichen Verbeugung. »Demnach schließen Mylady die Möglichkeit aus, daß es sich um professionell organisierte Kriminalität handeln könnte?«

»Vermutlich war das mit dem Dolch nur ein Mißverständnis, Mister Parker«, verdeutlichte die Hausherrin ihre Einschätzung.

»Als Vater mußte der Mann sich doch schützend vor seinen Jungen stellen, auch wenn der Bengel was ausgefressen hatte.«

»Der Hautfarbe nach dürfte keiner der beiden Herren als Vater des Jungen in Frage kommen, Mylady«, entgegnete der Butler.

»Wie auch immer, Mister Parker«, ging Agatha Simpson jeder weiteren Diskussion aus dem Weg. »Um solche Lappalien kann sich die Polizei kümmern.«

Die Hausglocke läutete.

»Sehen Sie nach, wer draußen ist, Mister Parker«, wünschte die Detektivin. »Aber schließen Sie vorher den Sherry weg. Falls es Mister McWarden ist, möchte ich ihn keinesfalls zum Trinken im Dienst verführen.«

Bei dem Mann, dessen Gesundheit Mylady so sehr am Herzen zu liegen schien, handelte es sich um den fünfundfünfzigjährigen Chief-Superintendenten McWarden, der bei Scotland Yard die Bekämpfung des organisierten Verbrechens leitete und allgemein als fähiger Kriminalist galt. Obwohl er sonst auf Amateure in diesem Metier herabzusehen pflegte, hatte er sich bei Parker schon manchen guten Rat geholt, wenn seine konventionellen Ermittlungsmethoden nicht zum Ziel führten.

Lady Simpson, die selbstverständlich davon ausging, daß McWardens Besuche ihr galten, hatte ein Verhältnis zu dem einflußreichen Beamten, das man nur als zwiespältig bezeichnen konnte. Einerseits gehörte es zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, ihn durch Sticheleien auf die Palme zu treiben. Andererseits lebte sie in ständiger Angst, McWarden könnte sich an ihrem kostbaren Sherry vergreifen oder ihr das letzte Stück Kuchen wegschnappen.

»Man erlaubt sich, einen möglichst angenehmen Tag zu wünschen, Sir«, sagte Parker und ließ den Besucher ein.

»Wie ist denn Myladys Stimmung heute?« erkundigte sich McWarden, während der Butler Hut und Mantel abnahm.

»Zur Zeit befindet sich Mylady in einer Gemütsfassung, die man nur als heiter und ausgeglichen bezeichnen kann, Sir«, gab Parker mit undurchdringlicher Miene Auskunft.

»Das läßt mich hoffen, Mister Parker«, schmunzelte der Chief-Superintendent und steuerte die Wohnhalle an. »Hoffentlich bleibt’s dabei.«

»Leider sind nur noch ein paar Krümel übrig, mein lieber McWarden«, begrüßte Lady Agatha den Gast mit schadenfrohem Grinsen. »Aber sie müssen ja sowieso auf Ihre Linie achten.«

»Das tue ich auch laufend, Mylady«, versicherte der Beamte, der zwar untersetzt wirkte, es aber mit der wogenden Leibesfülle der Hausherrin bei weitem nicht aufnehmen konnte.

»Bemerkbar macht sich das aber nicht«, stellte Agatha Simpson tadelnd fest.

»Stimmt«, räumte der Yard-Beamte deprimiert ein. »Aber bei Ihnen hat man den Eindruck, daß Sie ständig frischer und jugendlicher werden, Mylady. Wie machen Sie das nur?«

»Man muß sich von früh bis spät pausenlos Höchstleistungen abverlangen. Das ist das ganze Geheimnis, mein lieber McWarden«, gab die füllige Dame, die die Sechzig schon mehrfach überschritten hatte, geschmeichelt zurück. »Sie sollten öfter mal hinter Ihrem Schreibtisch vorkommen und sich etwas Bewegung verschaffen.«

»Ich weiß, Mylady«, wehrte McWarden ab. Das Thema schien ihm nicht sonderlich zu behagen.

»Wie Sie wissen, sind Sie mir stets willkommen«, fuhr die Hausherrin wider besseres Wissen fort. »Dennoch würde mich interessieren, was mir gerade die Ehre Ihres Besuches verschafft, mein Lieber.«

»Der Anlaß meines Besuches müßte Ihnen doch bekannt sein.«

»Sooo?« Agatha Simpsons Gesicht war ein einziges Fragezeichen. »Habe ich etwa Geburtstag, Mister Parker?«

»Keineswegs und mitnichten, sofern man richtig informiert ist, Mylady«, kam die Stimme des Butlers aus dem Hintergrund.

»Ich meine den Vorfall in der Bond Street heute mittag«, wurde der Chief-Superintendent deutlicher. »Genaugenommen war es eine ganze Serie von Vorfällen.«

»Ach, Sie meinen die Bengels auf den Surfbrettern?« erwiderte Mylady mit demonstrativ gelangweilter Miene. »Das ist zu unbedeutend für mich. Da lasse ich Ihnen gern freie Hand, McWarden.«

»Vielen Dank für die freundliche Erlaubnis, Mylady«, reagierte der Chief-Superintendent gereizt. »Hoffentlich liegen Sie mit Ihrer Einschätzung nicht daneben.«

»Ich?« fragte die passionierte Detektivin und stimmte ein dröhnendes Gelächter an. »Haben Sie schon mal erlebt, daß mir so etwas passiert ist?«

»Nun ...«, zögerte der Besucher.

»Sie wollen mir wohl Unfähigkeit unterstellen, McWarden?« wurde die Hausherrin umgehend ungehalten. »Das ist eine Beleidigung, die ich nicht auf mir sitzenlasse.«

»Sie sind doch sonst nicht so empfindlich, Mylady«, konterte McWarden unwirsch. Die Färbung seines ohnehin geröteten Teints vertiefte sich zusehends. Die Ader an der linken Schläfe machte sich durch Pochen bemerkbar.

»Was ist das für ein Ton, in dem Sie mit einer Dame reden?« gab Lady Simpson erregt zurück. »Wenn es um Beleidigungen geht, bin ich außerordentlich sensibel.«

»Was meine Wenigkeit nur mit dem allergrößten Nachdruck unterstreichen kann, Sir«, warf der Butler ein.

»Tut mir leid. Mit Ihnen ist heute wirklich nicht zu reden, Mylady.« McWarden sprang auf. Sein Gesicht hatte die Farbe einer Vollreifen Tomate angenommen. Die stets leicht vorstehenden Basedowaugen machten Anstalten, aus ihren Höhlen zu springen, und verliehen dem Yard-Beamten das Aussehen einer gereizten Bulldogge.

»Mister McWarden möchte schon gehen, Mister Parker.«

Myladys verklausulierten Hinauswurfs hätte es jedoch nicht bedurft. McWarden war schon in Richtung verglaster Vorflur unterwegs.

»Eigentlich wollte ich nur mitteilen, daß Fälle, wie Sie sie heute mittag erlebt haben, in letzter Zeit häufiger vorkommen, Mister Parker«, vertraute er dem Butler beim Ankleiden an. »Die Sache riecht förmlich nach professioneller Organisation. Nur haben wir bisher keine brauchbare Spur.«

»Ein Umstand, den man nur mit dem Ausdruck des Bedauerns zur Kenntnis nehmen kann, Sir«, antwortete Parker.

»Und das Kennzeichen des Straßenkreuzers war natürlich auch gefälscht«, setzte der Yard-Beamte bekümmert hinzu. »Haben Sie denn noch keine konkreten Anhaltspunkte?«

»Bedauerlicherweise sieht man sich nicht in der Lage, irgendwelche Verlautbarungen abzugeben, Sir«, wich der Butler einer klaren Antwort aus. »Gegebenenfalls ist jedoch der Hinweis genehm, daß Mylady es bisher ausdrücklich ablehnte, in dem fraglichen Fall Ermittlungen aufzunehmen.«

»Dabei wird es aber bestimmt nicht bleiben, wie ich Ihre Herrin kenne, Mister Parker«, meinte der Chief-Superintendent ahnungsvoll und verließ das Haus.

*

»In McWardens Alter sollte man wirklich gelernt haben, sich zu benehmen«, äußerte Agatha Simpson, während Parker unaufgefordert zur Vitrine schritt und die Karaffe mit dem Sherry holte. »Aber er wird mit Sicherheit noch gereizter sein, wenn ich ihm die Lösung des Falles vor die Nase setze.«

»Darf man Myladys Äußerungen entnehmen, daß Mylady sich nun doch entschieden haben, Ermittlungen aufzunehmen?« vergewisserte sich der Butler.

»Für mich stand selbstverständlich von Anfang an fest, daß hinter dieser Surfboard-Aktion eine straff organisierte Bande von Schwerkriminellen steckt, die die armen Kinder für ihre verbrecherischen Zwecke mißbraucht, Mister Parker.«

Des Butlers sprichwörtliche Höflichkeit erwies sich auch in diesem Augenblick als unerschütterlich. Sie drückte sich allerdings in höflichem Schweigen aus.

»Haben Sie inzwischen die Adresse der Lümmel mit dem Geländewagen herausbekommen, Mister Parker?« wurde die Detektivin dienstlich.

»Die Herren, die Mylady vermutlich zu meinen geruhen, benutzten eine Limousine amerikanischer Bauart, die man gewöhnlich als Straßenkreuzer zu bezeichnen pflegt, falls der Unterschied von Belang ist.«

»Das ist doch völlig nebensächlich, Mister Parker. Hauptsache, ich kann mir die verantwortungslosen Subjekte unverzüglich vorknöpfen.«

»Meine Wenigkeit war so frei, gewisse Vorbereitungen zu treffen, die es Mylady zumindest erleichtern dürften, das von den fraglichen Herren benutzte Fahrzeug aufzufinden.«

Der Butler versagte es sich, seiner technisch nicht sehr interessierten Herrin die Funktion des kleinen Peilempfängers zu erläutern, der die Signale der »Wanze« nicht nur als Pieptöne hörbar machte, sondern auf einer Skala auch die Himmelsrichtung angab, aus der sie kamen.

Eine Viertelstunde später hatte Agatha Simpson es sich im luxuriös gepolsterten Fond des hochbeinigen Monstrums bequem gemacht, und Parker lenkte das schwarze, eckige Gefährt auf die breite Durchgangsstraße.

Seine Vergangenheit als Londoner Taxi konnte und wollte der schwerfällig wirkende Kasten nicht verleugnen. Seit der Butler den Wagen erworben und nach seinen Vorstellungen umgebaut hatte, war daraus jedoch eine »Trickkiste auf Rädern« geworden, die selbst einen so verwöhnten Zeitgenossen wie James Bond in Entzücken versetzt hätte.

 

Neben dem hochbeinigen Fahrwerk verfügte das nur altertümlich erscheinende Vehikel über einen Rennmotor, Panzerung und eine Auswahl an Überraschungen, die bisher jeden Gangster zur Verzweiflung gebracht hatten.

»Werde ich eigentlich immer noch nicht verfolgt, Mister Parker?« erkundigte sich Mylady ungeduldig, während der Butler über die Victoria Street in Richtung Westminster Bridge fuhr.

»Man bedauert zutiefst, Mylady nichts Entsprechendes mitteilen zu können«, meldete Parker nach einem erneuten Blick in den Rückspiegel über die Sprechanlage, die den Fahrerplatz mit dem schußsicher verglasten Fond verband. »Im übrigen ist möglicherweise der Hinweis erlaubt, daß die Kunde von Myladys Ermittlungen wohl kaum bis zu den schon mehrfach erwähnten Herren gedrungen sein dürfte.«

»Natürlich, Mister Parker«, nickte die ältere Dame umgehend. »Ich lasse die Schurken ja bewußt im unklaren über meine Taktik. Ich wollte nur sehen, ob Sie mitdenken.«

Wenig später rollte das hochbeinige Monstrum über die Tower Bridge in Richtung Stepney. Die Signale aus dem Peilempfänger wurden unüberhörbar lauter. Gleich darauf war der chromblitzende Straßenkreuzer gefunden.

Der auf Hochglanz polierte Wagen, dessen Design man nur als »protzig« bezeichnen konnte, parkte vor dem Eingang einer Mietskaserne, die an Schäbigkeit kaum zu übertreffen war.

Genau gegenüber brachte der Butler sein eckiges Gefährt zum Stehen und assistierte seiner Herrin diskret beim Aussteigen.

»Mylady wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Auskunft darüber geben könnten, wo die Herren wohnen, denen dieses Fahrzeug gehört«, sprach Parker eine Frau mittleren Alters an, die im Erdgeschoß Fenster putzte. Dabei deutete er auf die schwere Limousine, die in dieser heruntergekommenen Gegend ausgesprochen deplaziert wirkte.

»Den Luxusschlitten meinen Sie?« vergewisserte sich die Hausbewohnerin. »Der gehört Percy Redman und Al Hayfield. Die wohnen im vierten Stock rechts.«

»Man dankt auch in Myladys Namen für die Auskunft und erlaubt sich, weiterhin einen angenehmen Tag zu wünschen«, sagte der Butler, lüftete höflich seinen Bowler und wollte sich wieder Lady Agatha zuwenden, doch die Frau im Fenster hielt ihn durch heftiges Winken zurück.

»Sie sind wohl der Gerichtsvollzieher?« mutmaßte sie im Flüsterton, nachdem Parker nahe genug herangetreten war. »Hab’ ich mir schon gedacht, daß die Kerle sich so ’ne Karosse überhaupt nicht leisten können.«

»Darf man um Auskunft bitten, worauf Sie Ihre Vermutung stützen, Madam?« hakte der Butler sofort nach.

»Na... ich will nichts gesagt haben«, wich seine Gesprächspartnerin aus. »Aber durch ehrliche Arbeit verdienen die ihr Geld bestimmt nicht... so unregelmäßig, wie die aus dem Haus gehen.«

»Ein Hinweis, den man keinesfalls unbeachtet lassen sollte, Madam«, erwiderte Josuah Parker und geleitete Lady Simpson zum Eingang.

»In dieser Bude gibt es ja nicht mal einen Lift, Mister Parker«, stellte die Detektivin gleich darauf mißmutig fest.

»Ein Umstand, den man nur mit dem größten Bedauern zur Kenntnis nehmen kann, Mylady«, entgegnete der Butler. »Darf man die Frage stellen, ob Mylady einstweilen hier unten...«

»Papperlapapp, Mister Parker«, fiel die resolute Dame ihm ins Wort. »Die Schurken muß ich persönlich überwältigen. Dazu gehört Erfahrung. Ich würde mir Vorwürfe machen, falls Ihnen etwas zustieße.«

»Myladys Fürsorge erfüllt meine Wenigkeit aufs neue mit tiefer Dankbarkeit«, versicherte Parker höflich und gemessen und schritt auf der Treppe voran.

Agatha Simpson folgte schnaufend und etwas ungehalten, aber sie folgte.

»Locken Sie diese kriminellen Subjekte aus ihrem Versteck, Mister Parker«, verlangte die Detektivin vor der Wohnungstür im vierten Stock. »Ich werde unverzüglich zum Angriff übergehen.«

»Wie Mylady zu wünschen belieben«, ließ der Butler sich vernehmen und drückte mit der schwarzbehandschuhten Rechten auf den Klingelknopf, unter dem die Namen P. Redman und A. Hayfield standen.

*

Es dauerte eine Weile, bis energische Schritte in der Diele hörbar wurden. Al Hayfields verdutztes Gesicht tauchte in der halboffenen Tür auf.

»Sie?« brachte er gerade noch heraus.

Sein Vorhaben, den unwillkommenen Besuchern die Tür vor der Nase zuzuschlagen, blieb allerdings im Versuchsstadium stecken, obwohl der Mann eine gewisse Geistesgegenwart an den Tag legte.

Lady Simpsons sogenannter Glücksbringer war jedoch schneller.

Dabei handelte es sich um ein veritables Hufeisen, das von einem stämmigen Brauereipferd stammte. Das massive Souvenir hatte seinen Platz in Myladys Pompadour, den die ältere Dame in diesem Augenblick zielsicher auf Hayfields Schädel setzte.

Der innige Kontakt mit dem schmiedeeisernen Glücksbringer, der lediglich in eine dünne Lage Schaumstoff gewickelt war, brachte dem breitschultrigen Al alles andere als Glück. Röchelnd stieß er die Atemluft aus und wurde aschfahl im Gesicht.

Die Augen schienen aus den Höhlen zu springen. Hayfields Mund formte Laute, die nur entfernt an menschliche Äußerungen erinnerten.

Gleich darauf trat er torkelnd den Rückzug an und sorgte dabei in der Diele für ein beeindruckendes Chaos.

Die Telefonkommode samt Apparat, ein großfächiger Garderobenspiegel und eine voluminöse Bodenvase hatten sich in überraschend viele Einzelteile aufgelöst, bis der Mann endlich einen Platz für ein Nickerchen gefunden hatte.

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