Tornado-Tuck wird Millionär: Western

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Glenn Stirling

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Inhaltsverzeichnis

  Tornado-Tuck wird Millionär: Western

  Copyright

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Tornado-Tuck wird Millionär: Western
von Glenn Stirling

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

Der pure Zufall sorgt dafür, dass Duffy und seine Freunde zwei Säckchen mit Goldstaub in die Hände fallen. Geld gehört zu Geld, so befinden sie und machen sich daran, diese doch recht geringe Menge in einen richtig großen Batzen Geld zu verwandeln. Dass dabei nicht alles mit rechten Dingen zugeht, kümmert die Fool Boys nicht.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Jimmy hat im Saloon seinen letzten Drink genommen, zahlt, geht nach draußen, sieht, dass jemand sein Pferd grün angestrichen hat. Zornentbrannt krempelt er sich die Ärmel hoch, stößt wüste Verwünschungen aus und stürmt in den Saloon zurück.

„Wer hat mein Pferd angestrichen?“, brüllt er, und es sieht aus, als wollte er den Betreffenden in der Luft in winzig kleine Stücke zerfetzen.

Steht da ein riesig langer Bursche auf, groß, breit, stark wie ein Kran, mit Kraft wie zwei Stiere. Jimmy kennt Gommy genau. Sehr genau. „Ich war das“, sagt Gommy mit herausforderndem Grinsen.

„Du? … Also du? Hmm …“ Jimmy schluckt, macht Augen wie Spiegeleier, und dann sagt er reaktionsschnell: „Ich wollte dir nur sagen, dass die Farbe trocken ist. Kannst lackieren!“

Wenn Tornado-Tuck mit seiner finsteren Miene und mit zitternden Spitzen seines mächtigen Schnauzbartes einen Saloon betrat, so sah sich das schon unerhört gut an. Die ihm das später alle in den Filmen nachgemacht haben, die konnten das nicht halb so gut wie Tornado-Tuck. Es war schon ein imponierendes Bild, wie er da stand, seine rechte Hand wie eine Kralle über dem Griff seines leicht angerosteten Revolvers, den Kopf ein wenig nach vorn geschoben, das Kinn noch weiter in Richtung auf die Schnapstränke, so kam er dann näher. Durch seine O-Beine konnte man einen Sattel schieben. Er machte kurze Schritte, und dabei klingelten seine Sporen wie Totenglöckchen.

Die Sache hatte nur einen Haken. Der Keeper hatte die Szene schon so oft gesehen, dass sie ihn eigentlich ziemlich kühl ließ, um nicht zu sagen, kalt wie ein Gletscher in der Arktis. Er dachte an etwas ganz anderes, dieser glatzköpfige Keeper mit den Walfischaugen. Der dachte an die Liste mit den angeschriebenen Schnäpsen und Bierchen von unserem Freund Tornado-Tuck. Und das war schon eine ganz ansehnliche Summe.

Tornado-Tuck dachte weniger an die Liste, sondern mehr an die Tränke. Jetzt stand er davor, und wie bekannt, ist nichts schlimmer, als an der Bar zu stehen und kein Geld zu haben. Tornado-Tuck hatte Durst; den redlichen Durst eines Mannes, dem die Sonne und der Staub die Kehle ausgedörrt hatten. Denn Tornado-Tuck war mit seinem Pferd geritten. Zwar nur sechs Meilen weit, aber das konnten die im Saloon hier ja nicht wissen.

„Einen Doppelten!“, bellte Tornado-Tuck, was sich anhörte wie der Brunstschrei eines Tigers.

Aber das klappte auch nicht. Noch immer blieb der Keeper so gelassen, als stünde nicht der grimmige, finstere Tornado-Tuck vor ihm, sondern ein Gartenzwerg.

„Hör mal zu, mein Junge“, sagte der Glatzkopf, „aus dieser Tankstelle kommt kein Tropfen mehr. Ich schenke nur an Burschen aus, die bezahlen können. Und du, mein Freund, du bist so arm, dass gegen dich eine arme Kirchenmaus der reinste Rockefeller wäre. Und jetzt kratz die Kurve und mach die Fliege!“

Tornado-Tuck wollte sich natürlich einen guten Abgang verschaffen. Das musste er schon deshalb, weil an die zwanzig Mann im Saloon standen, für die das natürlich eine riesige Schau war.

Nun muss man aber wissen, dass die Schulden Tornado-Tuck ziemlich angeknabbert hatten. Zwar wollte niemand seinen Colt beleihen oder gar in Zahlung nehmen, und deshalb hatte er ihn noch. Denn das gute Stück war, wie gesagt, leicht angerostet und auch sonst nicht mehr ein ausgesprochenes Wertobjekt. Die Munition hingegen, die hatte Tornado-Tuck verkauft, hatte sie umgesetzt in golden schimmernden, herrlich schmeckenden Whisky, Tornado-Tucks Lebenselixier.

Der Keeper, der hier seinerzeit die Patronen in Zahlung genommen hatte, wusste natürlich, dass in Tornado-Tucks Revolver alles mögliche war, Dreck zum Beispiel und Rost, aber bloß keine Patronen. Und so konnte er seine große Lippe riskieren. Aber Tornado-Tuck hatte auch noch Fäuste. Und dass er damit etwas an und ausrichten konnte, wusste jedermann in Lilac City. Der Durst macht erfinderisch, vor allen Dingen, wenn er einen so sehr plagt wie Tornado-Tuck. Und dann kann sogar ein Frosch zum Löwen werden.

Der Keeper hatte Tornado-Tuck unterschätzt. Plötzlich ging der los wie ein Nashorn, war mit einem Satz, den ihm niemand zugetraut hätte, über die Theke hinweg, gab dem Keeper einen Stoß, dass der mit voller Wucht gegen das Regal donnerte, das dann mit sämtlichen vielen schönen Flaschen über ihm zusammenbrach.

Aber jetzt legte Tornado-Tuck erst richtig los, denn er hatte aus den Augenwinkeln mal ganz kurz zum Eingang geschielt und dort seinen Freund Gommy gesehen. Gommy, groß und breit wie ein aufrecht gehender Walfisch. Der schob sich jetzt herein, und nun wurde etwas aus der Sache. Bevor der Keeper überhaupt auf die Füße kommen konnte, hatte sich sein wunderschöner Saloon in ein Schlachtfeld verwandelt. Und weil natürlich Tornado-Tuck und Gommy Freunde unter den Gästen hatten, aber auch solche, die ihnen die Hölle an den Leib wünschten, kam es zu einer gewaltigen Keilerei. Auf der einen Seite die Freunde von Tornado-Tuck, auf der anderen Seite seine Feinde. Mittendrin war der Keeper, der auf allen vieren versuchte, das Schlachtfeld zu verlassen, was ihm aber nicht gelang.

Als die Geschichte so gut wie ausgestanden zu sein schien, weil Gommy hintereinander sechs Mann durch die Schwingtüre und auf die Straße geschleudert hatte, da auf einmal wurde es doch noch kritisch für Tornado-Tuck und seinen Freund Gommy und dessen Anhänger. Denn da kam plötzlich eine gewaltige Streitmacht, alles Freunde des Saloon-Keepers, und angeführt wurden sie von einem Giganten von Mensch, einem reinen Fleischgebirge. Und dieser Bursche, der Texas-Paul hieß, war schon von jeher ein Todfeind unseres Freundes Gommy gewesen. Gommy hatte im Grunde vor Texas-Paul Schiss, weil Texas-Paul das Wort Angst so gut wie nicht kannte und mindestens so stark war wie Gommy selbst. Einmal aber hatte Gommy Texas-Paul schon verprügelt. Das war, als ihm der Doktor diese blaue Kapsel gegeben hatte, die so ungeheuren Mut macht. Aber Gommy war auch jetzt gefährlich, denn er hatte Durst. Durst wie sein Freund Tornado-Tuck, und wie gesagt, da wurde aus der Maus ein Leopard.

So kam, was kommen musste. Gommy und Texas-Paul schoben sich aufeinander zu, musterten sich abschätzend, und es war, als wollten sich zwei Nilpferde duellieren. Doch das Träge, das Schwerfällige, das von ihnen auszugehen schien, täuschte. Denn plötzlich waren sie beide putzmunter. Und dann ging es los. Es ging los, dass die Gelenke krachten, dass der Fußboden dröhnte und schließlich sogar der schwere Kronleuchter von der Decke kam. Das ganze Haus bebte in den Fugen. Sie rangen, sie boxten, sie schlugen aufeinander ein. Es war eine wahre Pracht, und das alles absolut live, nicht gestellt, keine Doubles, auch keine Stuntmen.

 

Einmal donnerte Texas-Paul seine Faust, die unverschämt an einen Schmiedehammer erinnerte, mit voller Wucht in Gommys Bauch. Das gab ein Geräusch wie von einem Sandsack, der aus einhundertzweiundneunzig Meter Höhe in den Schlamm fällt. Anschließend entwich zischend die Luft aus Gommys Mund. Die Wucht des Schlages trieb ihn bis zum Tresen zurück, und der kippte bei der Gelegenheit um und zerkrümelte zu Brennholz.

Aber bevor Texas-Paul da war, hatte sich Gommy wieder auf die Beine gerappelt, senkte den Kopf wie ein angreifender Corrida-Stier und nahm Fahrt auf.

Texas-Paul war ebenfalls noch in Bewegung, und so fegten diese beiden Nashörner aufeinander zu. Sie knallten mit den Köpfen zusammen, dass es sich anhörte wie der Zusammenprall zweier Lokomotiven. Und dann schlugen sie aufeinander ein.

Als Gommy einen Schritt zurücksprang und gleichzeitig ausholte, lief ihm Texas-Paul voll in seinen Hammer hinein. Und das warf den schönen Paul wie ein Geschoss durch die Luft. Er landete ein wenig unsanft auf einem Tisch, der unter ihm zersplitterte, als sei er aus Streichhölzern gebaut. Die beiden Stühle, die daneben standen, gingen ebenfalls zu Bruch.

Gommy nutzte die Zeit, denn er sah, dass sich eine ganze Mannschaft von etwa zehn Mann in breiter Front in Marsch setzte, und zwar ganz schön bewaffnet. Mit Stuhlbeinen in den Fäusten, aber auch mit abgeschlagenen Flaschen kamen sie näher.

Gommy wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Ein Blick nach rechts, ein Satz in diese Richtung, dann hatte er einen langen Tisch gepackt. Es war einer von diesen Zwanzig-Mann-Tischen. Und den nahm er vorn, riss ihn hoch und drehte sich im Kreise wie eine Windmühle, immer schneller, und gleichzeitig arbeitete er sich auf die zurückweichende Front seiner Angreifer zu.

An diesem Tag erlebte die Stadt Lilac City das Wunder eines sogenannten Expressausgangs. Wie nämlich blitzartig zwei Dutzend Menschen nahezu gleichzeitig aus der Tür des Saloons quollen, ja regelrecht hinausschossen. Eine andere Wahl hatten sie übrigens nicht, sonst wären sie von Gommys „Windmühlenflügeln“ erwischt worden.

Auch der Keeper schaffte die Flucht. Und während sie draußen alle übereinander purzelten und sich mühten, wieder auf die Beine zu kommen, war für Gommy drinnen nur noch ein Gegner, und das war Texas-Paul.

Texas-Paul sah wieder so weit klar, dass er sich auf die Fuße bringen wollte. Er schaffte es auch, auf die Knie zu kommen. Aber dann erwischte ihn der rotierende Tisch mit einem seiner Beine, traf ihn gegen die Schulter, und der stieß Texas-Paul wieder auf die Seite.

Trotzig kam er noch einmal hoch, schaffte es sogar, sich aufzurichten, und in diesem Augenblick erwischte ihn wieder ein Tischbein, das aber genau am Kopf. Und wenn der auch aus Hartholz zu sein schien, für Texas-Pauls massige Rübe war es einfach zu viel. Er ging zwar unsanft, aber doch sehr nachhaltig schlafen. Und als er fiel, da polterten die letzten Flaschen vom umgestürzten Regal, kippte ein Stuhl um und bewegten sich zitternd die beiden Flügeltüren des Salooneingangs.

Gommy hatte von seiner wirkungsvollen „Rotationsmaschine“ die Nase voll, ließ in vollem Schwung den Tisch los, und der flog gegen die hintere Tür zur Küche, durchbrach die regelrecht und schoss noch immer mit genug Schwung gegen das Ofenrohr über dem Herd. Er fegte es regelrecht weg, und dann quoll eine dicke, schwarze Wolke aus dem Herd, die in Sekundenschnelle die ganze Küche einhüllte, dann auch noch durch die offene Tür in den Saloon kam, so dass Gommy die Flucht ergreifen musste. Aber als er das schon tun wollte, sah er noch drei unversehrte Flaschen Whisky am Boden liegen, schnappte sich die, suchte sogar noch nach weiteren, fand tatsächlich noch eine vierte, stopfte sich das alles unters Hemd und wollte schon auf den Ausgang des Saloons zuschießen, da plötzlich entdeckte er Tornado-Tuck.

Unser Freund, das hatte niemand weiter bemerkt, war nämlich auch noch im Saloon. Er lag in einer hinteren Ecke, das Gesicht nach unten. Aber er war nicht etwa bewusstlos. Er starrte auf etwas, das er in seinen Händen hielt, blickte nun auf, als Gommy zu ihm kam und machte ein Gesicht wie ein Kind, wenn der Weihnachtsmann kommt.

„Verdammt, Tuck, du musst hier raus! Hast du gehört, raus hier!“

Gommy griff, damit es schneller ging, Tornado-Tuck am Kragen und wollte ihn auf die Beine stellen. Da sah er, dass Tornado-Tuck etwas in den Händen hielt, fest umkrampfte, als müsste er Angst haben, dass es zu Boden fiel. Aber Gommy nahm sich nicht die Zeit, nachzuprüfen, um was es sich handelte. Er riss Tornado-Tuck einfach mit, zerrte ihn nach draußen, und da hatte sie schon die dicke, schwarze Wolke eingeholt. Milliarden von Rußteilchen quollen durch die Saloontür auf die Straße. Und dort rappelten sich gerade die Kämpfer von eben aus dem Dreck. Nun aber sahen sie zwei Dinge: einmal die schwarze Wolke, von der sie nicht wussten, was es war, und zum anderen Gommy und Tornado-Tuck. Besonders vor Gommy hatten sie höllischen Respekt. Dass Texas-Paul nicht ebenfalls aufgetaucht war, ließ auch den langsamsten Denker unter der Meute begreifen, wie die Schlacht da drinnen ausgegangen sein musste.

Aber dann kam Texas-Paul doch noch, so nach ein paar Minuten, als Gommy und Tornado-Tuck schon längst auf der Rückseite von Mrs. Gibsons Scheune saßen und den herrlichen Whisky probierten, den Gommy gerettet hatte.

Texas-Paul stand in der Tür vom Saloon, hielt mit beiden Händen die Schwingtüren, stemmte sie von sich und stand da wie einer, der mitten aus der Hölle gesprungen war. Schwarz war er, seine Augen leuchteten weiß, ebenfalls seine Zähne, das heißt, eigentlich leuchteten die gelb, denn Texas-Paul war ein großer Tabakkauer vor dem Herrn. Nun stand er da, und die Frauen und auch Kinder, die sich als Zuschauer in die Nähe gewagt hatten, kreischten vor Schreck und liefen davon. Auch manchen der mutigen Kämpfer brachte dieser Anblick das Fürchten bei. Texas-Paul schnaubte wie eine Lokomotive am Albany-Pass, und dabei kamen schwarze Wolken aus seiner Nase. „Wo“, brüllte er, „wo sind diese Hundesöhne?“

Es war niemand da, der gewagt hätte, ihm den Weg zu zeigen. Aber nicht aus Mitleid mit Gommy oder Tornado-Tuck, sondern ganz im Gegenteil, aus Rücksicht auf Texas-Paul, auf dessen Kopf eine gewaltige Beule wie ein Horn gewachsen war, was man trotz der Schwärze erkennen konnte, die diesen Kopf bedeckte.

„Hör zu, Paul, nimm dir lieber einen zur Brust, setz dich irgendwo hin oder wasch dir den Dreck herunter, aber kümmere dich nicht um die beiden!“, rief ein mitfühlender Mensch aus Lilac City. Und er hatte auch einen Grund, das zu sagen. Denn da war jemand aufgetaucht, war auf einem Kleiderständer von Pferd herangeritten gekommen, den sie natürlich auch alle kannten in Lilac City, der das war, was man so das Salz der Erde nennt.

Der Mann, der da kam, war Duffy.

Ein Bursche, der es faustdick hinter seinen Schlitzohren hatte. Lang und dürr wie eine Bohnenstange, aber mit einem äußerst lebendigen und zum scharfen Denken geeigneten Gehirn versehen. Und sie wussten auch alle, dass Duffy ein Freund von Gommy und Tornado-Tuck war, sozusagen der beste Freund.

Texas-Paul sah Duffy auch. Das veranlasste ihn, noch einmal schnaufend Luft auszustoßen, die als schwarze Rauchwolke die Beine von Texas-Paul vorübergehend verhüllte. Aber mehr als das Schnauben brachte er nicht zustande, denn so dumm war auch Texas-Paul nicht, dass er sich nicht ausgerechnet hätte, gegen Duffy immer den Kürzeren zu ziehen. Wie der kämpfen konnte, das wusste er. Duffy brauchte dazu nicht die Fäuste. Der arbeitete mit tausend Tricks. Und das letzte Mal, als Texas-Paul sich mit Duffy angelegt hatte, war ihm eine Handvoll Pfeffer in die Augen geschleudert worden, und es hatte mehr als einen Tag gebraucht, bis er wieder in der Lage gewesen war, richtig zu sehen. Wie höllisch dieses Brennen gewesen war, das würde er so leicht auch nicht mehr vergessen. Nein, sagte er sich, wo dieser Duffy die Finger drin hat, da hab ich sie draußen. Den sehe ich gar nicht. Und so machte es unser Texas-Paul wie der Vogel Strauss, der den Kopf in den Sand steckt und glaubt, nun könne man ihn insgesamt nicht sehen. Texas-Paul hielt sich einfach die Hand vor die Augen, und damit war für ihn das Problem gelöst.

Duffy grinste nur vor sich hin, und als er einen der Männer danach fragte, wo seine Freunde steckten, da deutete derjenige in Richtung auf Mrs. Gibsons Scheune, und Duffy wusste Bescheid. Denn in dieser Scheune schliefen neuerdings diese beiden, weil sie kein Geld hatten, um etwa in dem verlausten Hotel, dem einzigen am Platze, zu übernachten. Arbeit gab es übrigens auch nicht für sie. Es sah in Lilac City überhaupt sehr schlimm aus in der letzten Zeit für Gommy und Tornado-Tuck.

Welch eine Überraschung allerdings erwartete Duffy, als er seine beiden Freunde dann sah.

Zwei richtig nette Flaschenkinder waren sie geworden, und das, was sie da wie Lebenssaft aus dem Glas lutschten, leuchtete wie flüssiges Gold. Doch beide waren gleichzeitig damit beschäftigt, sich dem Inhalt eines kleinen Lederbeutels zu widmen, den Tornado-Tuck in den Händen hielt.

Duffy verzog das Gesicht. „Was glotzt ihr dieses Zeug an? Was ist das überhaupt?“ Er nahm eine der beiden noch vollen Flaschen, zog gekonnt mit den Zähnen den Korken heraus und setzte die Pulle an den Mund. Während er schluckte, betrachteten Gommy und Tornado-Tuck wie gebannt den trinkenden Mann. Sie verfolgten förmlich mit ihren Blicken, wie die Flüssigkeit durch die Kehle rann. Sie sahen, wie der Adamsapfel auf und nieder hüpfte und wie sich der Inhalt der Flasche rasch verringerte.

„He, he“, rief Gommy, „lass noch was drin!“

Duffy nahm noch einen richtigen Schluck, dann setzte er die Flasche ab, wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und knallte den Korken wieder in die Flasche. Dann stellte er sie in den Schatten der Scheunenwand, rülpste vernehmlich und rieb sich genussvoll den Bauch. „Guter Stoff“, meinte er. „Wo habt ihr den geklaut? Es sieht so aus, als hätte es im Saloon Stunk gegeben.“

„Kann schon möglich sein“, meinte Gommy. „Aber wir haben etwas Besseres. Tornado-Tuck hat es gefunden. Sieh dir das mal an. Was kann das für ein Zeug sein? Er meint, es müsste sich um Gold handeln. Aber du weißt ja, wie Tuck ist, der hält sogar Hundedreck für Gold.“

„Nun mach mal halblang“, bellte Tornado-Tuck los. „Dann sich doch richtig hin. Es ist Gold, sage ich.“

„Es glänzt nicht mal“, meinte Gommy.

Nun ist Gommy, wie alle wissen, nicht gerade mit der Weisheit eines klugen Geistes gesegnet. Gommy ist ein ausgesprochen schlichtes Gemüt. Das vorhin im Saloon, wo er mal so richtig aufräumen konnte, das gelang ihm schon besser. Aber mit dem Denken hatte er seine Probleme. Für ihn war das Schwerstarbeit, und er überließ es sehr gerne Duffy

Duffy blickte zweifelnd auf den Inhalt des Beutels in Tornado-Tucks Händen. Er beugte sich darüber, mischte mit dem Finger in diesem sandartigen Zeug herum und meinte: „Na ja. Wie kommt ihr eigentlich auf Gold?“

„Weil ich schon welches gesucht habe. Es glänzt nicht. Es sieht genauso aus wie das hier. Es ist stumpf. Dass Gold glänzt, wenn man es findet, ist ganz selten. Es sieht aus wie Messing, aber es ist Gold, sage ich euch.“

„Das hast du bei dem Eisen, was wir neulich gefunden haben, auch gesagt“, meinte Gommy.

„Aber es sieht wirklich aus wie Gold“, meinte Duffy. „Wo zum Teufel hast du das Zeug her?“

„Der Beutel lag in der Ecke. Vielleicht von den zwei Kerlen, die neulich hier herumgekrochen sind, um nach Gold zu suchen. Sie sind doch ebenfalls im Saloon gewesen.“

„Und wo hatten die nach Gold gegraben?“, wollte Duffy sofort wissen.

„Ich weiß“, rief Gommy und hob den Finger wie in der Schule. „Ich hab die Stelle gesehen, ich hab sie ja beobachtet. Aber ich weiß natürlich nicht, ob sie da was gefunden haben.“

Duffy nahm jetzt selbst eine Prise von dem sandartigen Inhalt des Beutels, rieb ihn zwischen den Fingern, sah ihn sich genau an und nickte bedächtig. „Sieht wirklich wie Gold aus. Wer es nicht weiß, der denkt ja, es müsste glänzen wie nachher, wenn es poliert ist. Wir müssten es einmal heiß machen, zum Schmelzen bringen, um zu sehen, ob es dann glänzt. Wenn es richtiges Gold ist, wird es sehr schnell weich.“

Tornado-Tuck blickte anerkennend zu Duffy empor. „Ist es weicher als Eisen?“

„Viel weicher“, erklärte ihm Duffy.

 

Der Blick, den jetzt Gommy auf seinen Freund warf, war von äußerstem Respekt und Anerkennung geprägt. Gommy vergötterte Duffy manchmal richtig, weil der so klug war.

„Eines Tages“, meinte Gommy, „werden sie dich noch umlegen, Duffy.“

„Umlegen, warum?“, wollte Duffy wissen.

„Du weißt einfach zu viel. Verdammt noch mal, ein Kerl wie du, der soviel weiß, der ist ja richtig gefährlich.“

Duffy zuckte nur die Schultern. „Also, wenn es Gold ist, dann müssen wir herausfinden, wo die beiden sind und ob sie dort noch graben. Ist das aber so und sie haben Gold, dann müssen wir sehen, dass wir ihnen Beine machen, verstehst du? Gold, das hier in der Nähe gefunden wird, kann nur unser Gold sein.“

„Ihnen Beine machen?“ Tornado-Tuck lachte mit Bassstimme. „Soll ich denen“, fragte er und schlug mit der Hand an seinen patronenlosen Revolver, „eine blaue Pille verpassen?“

„Du müsstest erst welche haben“, meinte Duffy geringschätzig. „Nein, nein, das ziehen wir anders auf. Kein Blutvergießen. Wir sind keine Verbrecher, keine Banditen. Wir machen ihnen auf andere Weise Beine. Ich habe da vorhin so etwas gesehen, ein Nachtgespenst. Sah fast aus wie Texas-Paul.“

„Wird wohl auch Texas-Paul gewesen sein“, rief Gommy und lachte, und Tornado-Tuck röhrte wie ein sterbender Hirsch.

„Also gut. Steckt das Zeug weg und bleibt ganz friedlich. Erst müssen wir das Gold haben, bevor wir‘s ausgeben.“

„Ich hab es gefunden“, meinte Tornado-Tuck. „Ich bin der Boss.“

„Du bist ein Rindvieh, aber kein Boss“, entgegnete Duffy grinsend. „Du bist höchstens der Boss von den kleinen Kartoffeln.“

„Wieso von kleinen Kartoffeln?“, wollte Tornado-Tuck wissen.

„Die großen könntest du nicht bewältigen. – Gommy, du kümmerst dich darum, wo die beiden stecken und ob sie das Gold dort graben, wo du sie gesehen hast, überhaupt musst du herausfinden, wo sie das Gold haben, wo es ist, verstehst du? Und du, Tornado-Tuck, du machst etwas anderes. Für dich habe ich den wichtigsten Auftrag überhaupt.“

Tornado-Tuck reckte sich stolz. Wichtige Aufträge, das war genau was für ihn. Er kam sich selbst so wichtig vor, dass er nie etwas Unwichtiges hätte ausführen mögen. Natürlich ein wichtiger Auftrag. „Und was ist es?“, fragte er gespannt.

„Du nimmst mein Pferd und schaffst es zur Witwe Miller in den Stall, reibst es gut ab, gibst ihm zu saufen und zu fressen, dann kommst du wieder her.“

„O verdammt, was ist daran wichtig?“

„Der Auftrag“, meinte Duffy nur. „Streng geheim. Nun mach bloß, dass du fortkommst!“

„Dich soll der Teufel holen! Es ist kein wichtiger Auftrag, deine gottverdammte Krücke wegzuschaffen.“

„Du sollst nicht fluchen und nicht solche Worte führen. Nimm das arme Tier und kümmere dich darum, denn ich habe jetzt etwas Wichtigeres zu tun. Und wenn ich selbst den Gaul wegführen müsste, dann könnte ich das nicht machen. Also ist dein Auftrag sehr wichtig und geheim, denke dran, geheim. Nun hau ab!“

Tornado-Tuck war nun doch unsicher geworden, ob es nicht vielleicht eventuell tatsächlich ein geheimer Auftrag sein könnte. Also schlich er mit Duffys kleiderständerähnlichem Pferd an den Hauswänden entlang, bis hin zum Stall von der Witwe Miller. Hier sah er sich noch einmal nach allen Seiten um, dass ihn keiner sah, und rasch war er mit dem Pferd im Stall drinnen.

Duffy schaute schon gar nicht mehr hin. Er war auf schnellstem Wege unterwegs zu Hedy Wonders Saloon.

Nun muss man zwei Dinge wissen.

Einmal lag der Saloon von Piper-Joe, wo vorhin die kleine Auseinandersetzung stattgefunden hatte, genau gegenüber von Hedy Wonders Saloon, und zum zweiten war Hedy Wonder eine alte, gute Freundin von Duffy. Sie hatte ihn ja einmal heiraten wollen, aber Duffy hatte sich dem Joch der Ehe durch einen schnellen Ritt entzogen. Inzwischen war Hedy Wonder, das hübsche Mädchen, gut darüber hinweggekommen und hatte sich vielfach getröstet. Im Grunde tröstete sie sich laufend, manchmal auch noch mit Duffy, je nachdem, ob das ihr Terminkalender zuließ oder nicht. Denn wie sich das in einer florierenden Stadt wie Lilac City gehört, ging es mit der Wirtschaft bergauf. Auch mit dem Umsatz von Bier und Schnaps, und da wollte Hedy Wonder nicht zurückstehen. Zwar warf ihr Saloon eine Menge ab, und das allein schon deshalb, weil ihr dieser Saloon gehörte. Zum anderen war sie es natürlich selbst, die für Umsatz sorgte. Außer ihr waren da noch ein paar Mädchen tätig, jüngere zumeist und längst nicht so geschäftstüchtige, wie Hedy das war. Wer bei Hedy landen wollte, der musste das Doppelte zahlen. Billig hatte sie sich noch nicht hergegeben. Sie wusste, was sie wert war.

Im Augenblick hatte aber Duffy wenig Interesse, die aufregenden Reize seiner alten Freundin Hedy zu genießen, sondern mit ihr etwas ganz anderes zu besprechen. Denn eins musste Hedy der Neid lassen: sie besaß eine Nase fürs Geschäft, eine phantastische Nase sogar.

Nach der Schlacht von gegenüber herrschte in Hedys Saloon um diese Zeit Hochbetrieb. Als Duffy das gewahr wurde, ging er auf alle viere und kroch durch die Hintertür herein, wo sonst die

Fässer unter den Tresen gerollt wurden. Und dort hinter dem Tresen stand Hedy Wonder. Sie und der Barkeeper waren da. Der Barkeeper hatte alle Hände voll zu tun, musste einschenken und war völlig in Anspruch genommen. Hedy Wonder half ihm ein wenig, aber die meiste Zeit ließ sie doch ihre Blicke fliegen und hatte Mühe, den Leuten am Tresen klarzumachen, dass sie für heute und morgen und vielleicht auch für die nächsten Tage total ausgebucht war. Im Augenblick, so hörte sie Duffy beteuern, habe sie gerade eine Ruhepause eingelegt. Erst in einer knappen Stunde könnten die nächsten, die bei ihr terminlich angemeldet waren, mit ihr rechnen.

Duffy, der auf allen vieren wie ein Hund hereingekommen war, zupfte Hedy Wonder am Rock, und als sie zu ihm herabschaute, hatte sie Mühe, nicht lauthals loszulachen. Aber sie war geistesgegenwärtig genug, um sich um ein ernstes Gesicht zu mühen, und er gab ihr Zeichen, nach hinten zu kommen. So kroch er dann auf allen vieren wieder hinaus, und wenig später rief ihn Hedy Wonder von einem der hinteren Fenster. Er kletterte hindurch; es war Hedys romantisch eingerichtetes Lustlager. Ein rot bezogenes Bett, rot verhängte Lampen und viel Gold an Leuchtern und dem Bettgestell. Es roch nach berauschendem Parfüm, und Duffy hatte nicht übel Lust, zu dem Privatrabatt, den ihm Hedy meistens gewährte, etwas von der Lust zu kosten, die man hier in diesem Raum für knallharte Dollars erwerben konnte.

„Was möchtest du, mein Liebling?“, flötete Hedy Wonder honigsüß, und dabei setzte sie sich auf die Bettumrandung. Rein zufällig rutschte ihr Rock hoch, bis weit übers Knie, so dass man die herrlichen Beine sehen konnte, von denen unser Freund Duffy wusste, wie samtweich sie sich anfühlten.

„Um es kurz zu machen“, sagte Duffy. „ich brauche deine Hilfe, Hedy.“

„Die hast du immer gebraucht“, meinte sie zärtlich und strich ihm mit zwei Fingern sanft über die Wange.

Duffy wurde es warm und kalt. Aber ihm fiel dann wieder sein Vorhaben ein. Er beherrschte sich und sagte: „Darüber können wir gleich reden. Zuerst aber etwas anderes. Diese beiden Burschen, die vor einer Woche neu in die Stadt gekommen sind, du weißt, wen ich meine?“

Sie nickte. „Sie sitzen in meinem Saloon. Sie sind mit den anderen herübergekommen. Ich hatte das Gefühl, dass einer von ihnen etwas sucht.“

Etwas sucht? Duffy konnte sich sehr gut vorstellen, was dieser Betreffende suchte. Aber er sagte nichts zu Hedy. Hedy war zu geschäftstüchtig. Und wenn sie einmal Gold witterte, das war Duffy klar, dann würde sie durchgehen wie ein aufgescheuchter Postkutschengaul.

„In diesem Saloon also sind sie. Na wunderbar! Ich habe eine Rechnung mit denen zu begleichen.“

„Um Himmels willen, Duffy, nun fang du nicht auch noch an! Ihr habt Piper-Joes Saloon zerlegt …“

„Ich nicht“, widersprach er. „Das waren Gommy und Tornado-Tuck. Besonders Gommy hat losgelegt. Nein, nein, keine Sorge. Ich möchte es anders haben. Hast du eigentlich noch von diesem Zeug, was du damals Gommy in den Whisky getan hast?“

„Ach so, das meinst du, das Schlafpulver. Natürlich, das habe ich noch. Doc Walton hat mir neulich wieder welches verschrieben. Wenn ich nicht einschlafen kann, dann nehme ich es. Aber nur wenig.“

„Du müsstest mal etwas mehr nehmen und den beiden in den Schnaps tun.“

„Und weshalb?“, wollte sie sofort wissen.

„Damit die beiden richtig fest schlafen. Wie lange dauert es, bis es wirkt?“

„Eine halbe Stunde bestimmt“, erklärte ihm Hedy, und dann strich sie sich verheißungsvoll mit beiden Händen über ihr langes, blondes Haar. Oh, diese Hedy Wonder war schon eine Augenweide, besonders für Duffy, der ein paar Tage unterwegs war und sich nach einem Rendezvous mit einem so hübschen Mädchen wie Hedy sehnte.

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