»Ich bin Trainer, kein Diplomat!«

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Coverfoto: Uwe Jacobshagen

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1. Auflage

© 2021 mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale) www.mitteldeutscherverlag.de

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

ISBN 978-3-96311-595-0

Inhalt

1. Kapitel: Intro Kassel, Winter 2020

2. Kapitel: Sörnewitz – Ulli Hatte Glück

3. Kapitel: ÜBer Meissen Nach Dresden

4. Kapitel: Nva Und Regine

5. Kapitel: Dresden, Riesa, Halle

6. Kapitel: Jena 1972 – Auf Dem Weg Zum Spitzentrainer

7. Kapitel: Der Letzte Schliff in Aue

8. Kapitel: 1985 Lok Leipzig – Kampf um die Spitze in Der Ddr-Oberliga

9. Kapitel: Auf Dem Weg Ins Europacup-Finale

10. Kapitel: Drama im Zentralstadion

11. Kapitel: Agonie im Fussball Und Politische Wende in Der Ddr

12. Kapitel: Zurück Nach Deutschland

13. Kapitel: Im Reich Der Mitte

14. Kapitel: Heimkehr Nach Leipzig

15. Kapitel: Tsunami

Sportlaufbahn Hans-Ulrich Thomale

Glossar

Personenregister

1. KAPITEL
INTRO KASSEL, WINTER 2020

FRANK WILLMANN | 25. Februar 2020. Kassel-Harleshausen. Sonne, Schneeglöckchen, Faschingszeit. Ich bin zum Brunch bei Familie Thomale eingeladen. Sie wohnt am Rand von Kassel, eine ruhige Gegend. Im Sommer weiden hinter dem Haus der Thomales Pferde. Unser Ziel ist eine ehrliche Biografie von Hans-Ulrich „Ulli“ Thomale, in der man die Höhen und Tiefen des Lebens wiederfindet. Wir nähern uns an.

Deutschland 2020. Noch hat Corona das Land nicht im Griff. Ein Dorf weiter fuhr vor wenigen Stunden ein Mann in einen Karnevalszug. 154 Verletzte, darunter viele Kinder. Fünf Tage vorher hatte ein rechtsradikaler Täter in Hanau zehn Menschen ermordet. Am 25. Februar ist Kassel voller Polizei in Kampfmontur.

„Meine Heimat ist Sachsen, in Kassel bin ich zu Hause“, sagt Ulli. Später spazieren wir zum modernen Stadion der Stadt. Hier begann und endete Ullis Trainerkarriere im Westen der Bundesrepublik. Im Kasseler Auestadion ist der Rasen feucht. Ein Schild warnt: Platz gesperrt, Leiter Sportamt. Ullis Lieblingsschild aus alten Tagen. Er und der Leiter des Sportamts wurden 1990 keine Freunde. Drei Schneeflocken, und das Sportamt schlug Alarm. „Scheint sich nichts geändert zu haben“, sagt Ulli und geht schmunzelnd weiter.

25.000 Zuschauer sahen hier 1991 ein Spiel seines KSV Hessen Kassel gegen den SV Werder Bremen im DFB-Pokal. Wir besuchen den Zeugwart Uwe. Ulli geht lächelnd auf ihn zu. Der Trainer Thomale hat alle Leute gleichbehandelt. Weil man seine Ziele im Fußball nur gemeinsam erreicht. König oder Bettler, im Fußball zählte für Ulli nur das wir. In Kassel spielen aktuell wenige Vollprofis, der Rest sind Studenten und Teilzeitkicker. Der KSV Hessen Kassel ist in der Oberliga gelandet, schafft aber in der Coronasaison 2019/20 den Aufstieg in die Regionalliga Südwest. Wir absolvieren einen Rundgang im Vereinsheim. Uwe zeigt uns Trophäen vergangener Fußballfeste und Schlachten. Beim Wort Schlachten müssen wir grinsen. Das Wort wirkt heute aus der Zeit gefallen.

In Duschanbe hat der KSV 2010 als Gastgeschenk einen gestickten Mantel bekommen. Der Mantel ist das Prunkstück der Sammlung. Die Kasseler – zu einem Trainingslager eingeladen – wurden damals in der tadschikischen Hauptstadt mit staatsmännischen Ehren empfangen.

Später treffen wir noch Platzwart Alfred. Er erkennt meinen Begleiter sofort. Ulli hat Spuren hinterlassen. Kurzes Verweilen, Fachsimpelei. War früher alles besser? Möglicherweise. Oder auch nicht. In der Geschäftsstelle des KSV folgt das nächste große Hallo. An der Wand hängt ein Lokomotive-Leipzig-Wimpel. Er stammt von einem Altherrenspiel in den Nullerjahren, als Ulli jeweils eine Halbzeit Lok und den KSV als Trainer betreute. Lokomotive Leipzig! 22. April 1987, rund 125.000 Zuschauer. Unvergessenes Halbfinale im Europapokal der Pokalsieger. Beim Elfer von René Müller implodierten in der DDR die Fernseher zwischen Saßnitz und Suhl. Offiziell waren es 72.000 Zuschauer, sagt Platzwart Alfred. Wir lachen. Wir klopfen uns auf die Schulter und können nicht aufhören zu lachen. Ulli Thomale ist ein perfekter Zeitzeuge des politischen Umbruchs. Er erlebte die DDR und die BRD. Er war Trainer zu einer Zeit, als der Fußball noch halbwegs unschuldig war und nicht zerrieben wurde von Profitgeiern und überbezahlten Stars, die längst den Kontakt zur Straße verloren haben.

Heute existiert der Fußball in einer Zweiklassengesellschaft. Trainer und Spieler treten wie aufgedonnerte Filmschauspieler oder Konzernmitarbeiter auf, der Fußball hat seine Ideale 2020 endgültig an die Finanzwelt verkauft. Früher bestand eine Mannschaft aus elf Freunden. Heute tänzeln elf Egos über den Platz, jeder mit eigenem Friseurteam, Nasenputzerin und einem Koch, der weiß, wie man ein vergoldetes Steak zubereitet. Die Kommerzialisierung des Fußballs hat eine rasante Entwicklung genommen, es bleibt offen, wie der Lieblingssport der Deutschen in Zukunft aussieht. Wer in der Gegenwart über die deutsche Fußballgeschichte spricht, meint selten die der DDR. Die folgenden Seiten werden der deutschen Fußballgeschichte ein paar Fußnoten schenken.

Es geht um Ruhmestaten im Europapokal und das Menschlichbleiben in diktatorischen Zeiten, ums Fußball spielen, ums Götterfunkenhaschen. Und um den Tsunami 2004, der Ulli um ein Haar zum Verhängnis wurde.

Tauchen Sie ein.

2. KAPITEL
SÖRNEWITZ – ULLI HATTE GLÜCK

FRANK WILLMANN | Als Hans-Ulrich Thomale am 6. Dezember 1944 in Sörnewitz geboren wird, tobt der Zweite Weltkrieg noch und verwandelt Deutschland in ein Trümmerfeld. Mitten in diesem Chaos kräht Baby Ulli fröhlich seinen ersten unschuldigen Schrei und kündet damit gleichsam an, dass es nun Zeit für Frieden sei, weil der Fußballsport wahrscheinlich darauf wartete, von ihm erobert zu werden. Langsam, langsam! Natürlich dauert es noch einige Zeit, bis Ulli dem ersten Fußball begegnet. Trotzdem sind sich alle einig, Baby Ulli, dieses Kind des nahenden Friedens, dieser kuschlige Wonneproppen, soll es einmal besser haben als Mutter und Vater. Sörnewitz ist seit 1950 ein Ortsteil von Coswig und liegt in Sachsen. Direkt an der Elbe, unterhalb von Meißen. Mit dem Rad sind es fünfzehn Minuten bis dorthin. Dresden ist nur einen Hechtsprung entfernt. Ulli findet Abenteuer im Weinberg, beim Baden in der Elbe, beim Sammeln vierblättrige Kleeblätter. Die bringen bekanntlich Glück. Das braucht er als Kriegskind. Hinter dem Dorfkern beginnt das Spaargebirge, das kleinste Gebirge Sachsens. Es ist drei Kilometer lang und zweihundert Meter breit. Die Sörnewitzer lieben ihren Lockwitzbach. Der Ortsname Sörnewitz stammt vom altsorbischen Zornowica und bedeutet Mühlenort. Ulli ist die zweitwichtigste Persönlichkeit des Ortes nach Annemarie Dose, der Gründerin der Hamburger Tafel. Die größte Attraktion des Ortes war die Fähre nach Scharfenberg.

Der milde Singsang dieser Gegend bleibt Ulli ein Leben lang erhalten. So klingt er auch in unseren vielen Gesprächen, zu denen später auch seine Frau und sein Sohn hinzukommen. Ich höre allen zu.

ULLI THOMALE | Geboren bin in ich Meißen, das Entbindungsheim stand auf’m Berg. Und der zählte schon zu Meißen, und daher bin ich gebürtiger Meißener. Aber aufgewachsen bin ich nicht in Meißen, sondern in Sörnewitz, das ist wiederum ein Ortsteil von Coswig. Aber nicht das Coswig in Anhalt, da gibt’s auch’n Coswig.

 

Coswig – ein Dorf? Ne, ne. Das war der größte Industriestandort im Kreis Meißen. Im oberen Teil der Stadt lagen die Betriebe, in der Mitte war ’ne Siedlung, da bin ich groß geworden. Und unten Richtung Elbe wurde Landwirtschaft betrieben. So muss man sich das vorstellen.

Die Siedlung hieß zu Nazizeiten Horst-Wessel-Siedlung und zu DDR-Zeiten Ernst-Thälmann-Siedlung. Jetzt heißt sie Elbgau-Siedlung. Es gab einen zentralen Platz, dort stand ein Thälmann-Denkmal. Auf dieser freien Fläche haben wir Fußball gespielt, unter den Augen des Arbeiterführers. Wir kickten mit Lumpen, einem Tennisball, alles Ballähnliche wurde genutzt. Ringsum waren Gärten. Kann sich jeder vorstellen, was es immer für’n Theater gab, wenn unser Ball in den Beeten landete.

Später besaß ich einen Lederball mit Schnürung, tat beim Köpfen weh. Ich hab mir Knieschützer gebastelt, hatte die mal bei einem gesehen, und wollte so was auch. Also hab ich mir aus Stoffresten, Holz und gefundenem Kram Knieschützer gezaubert. Sie waren nicht perfekt, aber ich war stolz auf die selbst gebauten Dinger. Wenn das Dorf zu Ehren des Kommunismus an Feiertagen aufmarschierte, durften wir nicht kicken. O wehe!

In der Siedlung lebten unheimlich viele Kinder. Und gerade aus dieser Siedlung sind wie durch ein Wunder gute Fußballer hervorgegangen. Einer hat später in Jena gespielt. Ist später von Jena in den Westen abgehauen und hat sich Viktoria Köln angeschlossen. Das war’n großer, schwarzer, eleganter Fußballer.

Mein Vater ist vor Stalingrad halb zerschossen worden. Seine Kameraden hatten lange überlegt, ob sie ihn liegen lassen oder ob sie’n mitschleifen. Ich sag das, weil er sich bei Stalingrad die Nieren kaputtgemacht hat. Außerdem war ein Bein ständig entzündet, eine fortwährende offene Wunde. Letztendlich ist er 1965 im Alter von zweiundfünfzig Jahren an Nierenversagen gestorben.

Wir lebten in einfachen Verhältnissen: Mein Vater Kurt war ungelernter Arbeiter, aber ein sehr intelligenter Mensch. Er konnte gut zeichnen, hatte eine schöne Handschrift, konnte wunderbare Sätze formulieren.

Er war in Meißen geboren, seine Eltern kamen aus Schlesien. Die Familie war arm, er konnte nicht lange zur Schule gehen und musste frühzeitig dazuverdienen. Meine Mutter Ella, eine geborene Klunker, hat auch beizeiten arbeiten müssen, in einem Plattenwerk. Sie hat sich dort eine Staublunge zugezogen, die sie in der Folge schwer belastete. Wenn sie ’ne Treppe hochging, war sie fertig. Sie ist gerade mal siebzig geworden, ein Schlaganfall raffte sie hinweg.

Ich hatte drei Schwestern. Meine jüngste Schwester ist sehr früh verstorben. Die Älteste ist 1955 nach West-Berlin abgehauen. Da stand die Berliner Mauer noch nicht. Die zweitälteste ist vierzig Jahre in der Region um Meißen Lehrerin gewesen. Ich war das dritte Kind.

Mein Vater verdiente 320 Mark der DDR, später 390. Plus eine ganz geringe Schwerbeschädigtenrente, obwohl er zu hundert Prozent beschädigt war.

Während der alliierten Luftangriffe auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945 lag Vater mit einem Beckendurchschuss in einem Lazarett in der Elbestadt. Das massive Bombardement forderte damals zehntausende Todesopfer, große Teile der Innenstadt und Teile der Dresdener Infrastruktur wurden zerstört. Vom Lazarett hat Vater sich fünfundzwanzig Kilometer nach Hause geschleppt, keine Ahnung wie er das geschafft hat.

Als die Russen Sörnewitz erreichten, versteckte sich unsere Familie im Keller. Ein Russe schenkte mir ’ne Schokolade, erzählte mir später meine Mutter. Als sie die Schwere der Verletzung meines Vaters sahen, ließen sie ihn in Frieden. Sie haben keinem von der Familie etwas angetan.

Wir hatten nicht viel Geld, aber ich bin sehr frei und in Liebe groß geworden. Ich hatte Glück, weil ich der Junge war und der Kleine.

Meine ältere Schwester hat später viel für unsere Eltern getan. Und die zweite auch. Die mittlere Schwester Ursula war nie verheiratet. Als mein Vater starb, ist sie bei der Mutter geblieben. Das vergess ich ihr nie. Ich konnte meinen Weg gehen. Sie hat sich für die Familie aufgeopfert, jetzt ist sie allein.

1955, mit zehn Jahren, habe ich angefangen, für Motor Sörnewitz zu kicken. Meine Eltern haben mir alles ermöglicht. Mein Vater hat über meine beginnende Fußballerlaufbahn ein Tagebuch geführt. Darin notierte er meine Spiele, wo ich was für Tore gemacht hatte, die aktuelle Tabelle. Ich las es erst, als er starb. Auf Seite eins stand: Wer etwas Großes leisten will, muss tief eindringen, scharf unterscheiden, vielseitig verbinden und standhaft beharren.

Was stand sonst noch drin? Mein Motor Sörnewitz schoss in einer Saison über 209 Tore, davon habe ich 102 gemacht. In einem Spiel auch mal zwölf Stück. Ich war’n richtiger Torjäger, technisch sehr gut, schnell und beweglich.

Es gab damals eine gemischte Jugendmannschaft, die ging von vierzehn bis achtzehn, also jedenfalls bei uns in Sörnewitz gab’s das. Dort kickte ich dann schon als Vierzehnjähriger mit den Großen, weil ich so gut war. Ich hab die Abwehrspieler genarrt, Hacke, Spitze, eins, zwei, drei!

Es gab bei Sörnewitz einen Berg, die Bosel. Dort sind wir immer Ski gefahren. Oben war ein Restaurant. Wir saßen zur WM 1954 in dem Restaurant. Alle haben Radio gehört. Als das drei zu zwo für die BRD fiel, ging erst einer hoch vor Freude, dann noch einer, dann alle.

Westfernsehen gab es in unserer Ecke nicht, wir hatten auch gar keinen Fernseher. Als DDR-Bürger in den fünfziger Jahren, bist du mit West-Fernsehen-Gucken nicht so gut gefahren.

Das erste Mal Westen geguckt habe ich als Spieler in Riesa, um 1970. Wir hatten ’ne Antenne auf dem Balkon aufgestellt, der Sexauer mit der Hitparade, riesig, da haben wir wegen der Musik ein bissel Westfernsehen geguckt.

Als ich Anfang der siebziger Jahre in Jena wohnte, hatten die Leute, die bei Zeiss und in der Partei das Sagen hatten, begriffen, dass es scheiße aussieht, wenn jeder in Lobeda seine Antenne auf dem Balkon des Plattenbaus gen Westen ausrichtet, um Westfernsehen zu gucken. Sie haben das inoffiziell-offiziell folgendermaßen geregelt: Auf dem Dach wurde eine Gemeinschaftsantenne installiert und somit konnte jeder Westen gucken, fertig.

In Sörnewitz bin ich acht Jahre zur Schule gegangen. In der achten Klasse schlug mich mein Klassenlehrer für eine weiterbildende Schule vor. Eigentlich waren drei Mädchen besser. Ich war nur draußen, ich war in der Natur, ich bin mit dem Bauern mitgefahren, hab auf’m Feld rumgemacht oder Fußball gespielt. Aber ich war ein guter Schüler, nicht besonders fleißig, aber mit großer Auffassungsgabe.

Die weiterbildende Schule hieß damals Mittelschule, sie war im Nachbarort Brockwitz, dort hab’ ich zehnte Klasse gemacht. Ich war in der Schule ’n bisschen der Rebell. Ich bin einige Male angeeckt.

Betragen: drei. So hin und wieder. Ich war der Maßstab für Lehrer, die sich nicht mit Konsequenz durchsetzen konnten. Wir hatten einige ältere Lehrer, die mussten trotz Erreichung des Rentenalters weiterarbeiten, es herrschte seinerzeit Lehrermangel. Einer von diesen Methusalemlehrern schrieb mal mit zittriger Schrift über mein Verhalten ins Klassenbuch: „stört, ungehorsam, freck“. Ich war seiner Ansicht nach mitunter kein frecher, sondern ein frecker Junge.

Chemieunterricht: Da kommste rein, da war ’ne Säule, dann kam das Pult, dort, wo’de so ein bissel experimentieren konntest. Der Chemielehrer hatte mich mal wegen Ungehorsam vor die Tür gestellt. Ich bin heimlich rein, hinter die Säule, hab Faxen gemacht, alle haben gelacht. Solch’n Mist.

Ich war schon ein temperamentvoller Schüler. Einerseits war ich der leistungsstärkste Schüler, andererseits war ich einem Schabernack nicht abgeneigt. Die zehnte Klasse hab ich mit gut beendet. 1960, ich war sechzehn.

Elektrowärme Sörnewitz, das war ein großer Betrieb, ganz früher auch eine Außenstelle von Siemens. Die haben Kochplatten hergestellt. Gleichrichter hieß das damals, Elektroherde. In der Berufsschule wurde etwas Neues eingeführt: Berufsausbildung mit Abitur.

Man wollte eigentlich eine reine Mädchenklasse. Sie fanden aber nur zwei interessierte Mädchen. Die Leistungen der Jungs waren schlechter. Der Vater eines der Jungen arbeitete als technischer Zeichner bei Elektrowärme Sörnewitz, der andere Vater übte den Beruf eines Zerspannungsmeisters aus. Eigentlich ungerecht: Es ging nicht nach Leistung, sondern über Beziehungen. Die zwei Jungs hatten sie aufgenommen, und dann kriegten sie keine Mädels. Plötzlich durfte ich mit in diese Klasse. Mein Vater war ein kleiner Angestellter in dem Betrieb.

Also lernte ich den anspruchsvollen Beruf eines Formenbauers mit Abitur. Das ist so was wie Werkzeugmacher. Es ging um Folgendes: Wenn du eine Steckdose aus Plastik herstelltest, brauchtest du eine Form. Das war ein filigraner Beruf, und ich bin froh, dass ich das gelernt habe. Die Frage der Zerspanung, der Umgang mit Metallen und mit ganz feinen Messgeräten. Das hat mir Spaß gemacht. Aber mir ging’s mehr ums Abitur, ich wollte später studieren. Die Lehre ging drei Jahre. Ich bekam etwas Lehrlingsgeld und lebte bei meinen Eltern. Wir hatten drei Zimmer. Ein Schlafzimmer; meine große Schwester hat bei den Eltern geschlafen, ich war mit meiner jüngeren Schwester in einem Zimmer, wir haben zusammen in einem Bett geschlafen, einer so rum, einer so rum. Das war aber ganz am Anfang. Später haben sie mir das Zimmer gegeben. Ich hatte ein Zimmer allein, und meine mittlere Schwester hat dann bei den Eltern geschlafen. Dann hatten wir eine Wohnküche. Dort stand ein Herd. Aber auch eine Couch und ein Tisch mit Stühlen. Ofenheizung. So war das. Die Toilette ist im Winter immer eingefroren.

Wir hatten unten im Garten ’nen Schuppen, wo ich mit meinen Kumpels bastelte. Dort stand ein Schraubstock. Wir haben gern Indianer gespielt. Am Schraubstock hab ich mir Pfeile gebaut, scharfe Spitze, hinten mit Federn. Dazu besaß ich einen richtigen Köcher aus Fell und einen Bogen. Ich war immer irgendwo unterwegs.

Ich hab’ das Abitur gut gebaut. Ich kann dir aber heute nicht erklären, worum es bei der Integralrechnung geht, verstehst? (LACHT)

Ich hatte in der zehnten Klasse in Mathematik ’ne Eins. Flächenberechnung, das war für mich logisch. Aber Integralrechnung … ein Buch mit sieben Siegeln. Ich hab’ mich auch nie zum Lernen hingesetzt. Ich war talentiert in Sprachen, Russisch hatte ich ’ne Eins, Englisch hab ich fakultativ gemacht, aber du konntest es ja nie anwenden. Russisch konntest du auch kaum anwenden. Ich kann allerdings heute noch sagen: „Wie heißt du?“, „Wie spät ist es?“ Das krieg’ ich noch hin.

Bei uns in der Nähe befand sich eine sowjetische Kaserne, die Soldaten durften nie raus aus der Kaserne. Die sind immer mit freiem Oberkörper und in Stiefeln und Reiterhosen mit Hosenträgern um die Kaserne gerannt. Kindern gegenüber waren die superfreundlich.

Irgendwann durften die Soldaten nicht mehr raus aus der Kaserne. Sörnewitz hatte eine Kneipe, dort ergab sich mal richtiges Theater, na ja, die hatten wohl alle zu viel Schnaps gesoffen. Ein paar Sörnewitzer sperrten die randalierenden Russen ein, rissen Latten vom Zaun und verprügelten die damit. Jedenfalls kam dann die Kommandantur, so nannte sich die Militärpolizei mit den weißen Handschuhen. Was denkste, wie brutal die ihren eigenen Leuten gegenüber waren. Die Soldaten und Offiziere sind wegen Nichtigkeiten ein halbes Jahr eingeknastet worden, die armen Schweine. Die Russen durften über Jahre nicht auf Heimaturlaub, die taten mir leid. Und wenn’s dann Schnaps gab, war alles vorbei.