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Erich Loest wurde 1926 im sächsischen Mittweida geboren. Seinem Romandebüt »Jungen die übrigblieben« (1950) folgten zahlreiche weitere Werke, darunter die bekanntesten wie »Es geht seinen Gang« (1977) sowie die Leipzig-Romane »Völkerschlachtdenkmal« (1984) und »Nikolaikirche« (1995). Letzterer wurde im gleichen Jahr von Frank Beyer verfilmt. 1981 verließ Loest die DDR und kehrte 1990 nach Leipzig zurück, nachdem er im Jahr zuvor seine Autobiographie »Durch die Erde ein Riß« veröffentlicht hatte. Für sein schriftstellerisches Werk erhielt er u. a. den Hans-Fallada-Preis, den Marburger Literaturpreis, zweimal den Jakob-Kaiser-Preis, 2009 den Deutschen Nationalpreis sowie den Kulturgroschen 2010 des Deutschen Kulturrates. Im September 2013 suchte der 87-Jährige den Freitod.


Der Verlag dankt der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig für die freundliche Unterstützung.

1. Auflage

© 2021 mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Linden-Verlags, Leipzig

© Linden-Verlag, Leipzig 2005

Alle Rechte vorbehalten.

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

Umschlagabbildung: Der hallische Marktplatz am 17. Juni 1953,

Foto: Stadtarchivar Werner Piechocki (Quelle: Stadtarchiv Halle)

ISBN 978-3-96311-520-2

Inhalt

Der Tod des weisen Führers

Bremsspuren

Gewitterböe

Nicht provozieren lassen!

»Der Spitzbart muß weg!«

Auf der Kippe

Panzer, Panzer

Deutschlandlied

Aus der Traum

Arbeiterwürde

Kuhhandel

Beim nächsten Mal klappt’s

Nachwort

Zu dieser Ausgabe

Der Tod des weisen Führers

1

Der Teller, fast eine Platte, war bis über den Rand bepackt mit drei Scheiben Blutwurst, in ihnen rötliche Streifen von Zunge, zwei Stück Leberwurst, einer kleinen, scharf geräucherten Knackwurst, zwei Gürkchen, vier Quadraten Schnittkäse und einem Würfel Butter, den Mannschatz auf knapp fünfzig Gramm schätzte. Es war tatsächlich Butter und keine Margarine, das merkte er beim Streichen und dem ersten Bissen, den die Zunge drehte und wendete, gegen den Gaumen drückte, durchspeichelte, dem alle Geschmacksnerven überrascht beizukommen suchten und die ans Gehirn meldeten: Genuß, Hochgenuß, Mann, wann hast du zum letzten Mal derartig duftige Knacker zwischen die Kiemen gequetscht, zur Hälfte Speckbrocken, und dir bleiben noch dreißig, vierzig Bissen. Nun Leberwurst kosten, Lebenswurst hatte sie ein Kumpel in der Gefangenschaft gepriesen. In der Mitte des Tischs, an dem sie zu sechst saßen, waren Brotscheiben getürmt, pro Nase nicht weniger als acht; hoffentlich führte sich keiner unverschämt auf. Schüsseln mit Kartoffelsalat, für jeden eine Flasche Bier – der Genosse ihm gegenüber fand den treffenden Ausdruck: Total friedensmäßig! Mannschatz richtete schon die zweite Scheibe her, während er noch an der ersten kaute. Er überlegte, wann er sich zum letzten Mal ähnlich üppig hatte vollschlagen können, in Rußland organisierten sie zwei Schweine für dreißig Mann, hatten aber weder Brot noch Kartoffeln und mampften wochenlang Makkaroni – Völlerei und Barbarei in einem. Jetzt paßte alles zueinander, höchstens Senf fehlte zur Blutwurst, aber schon dieser Gedanke grenzte an Meckerei. Behaglichkeit überkam ihn, er ließ Bier einlaufen und hatte vergessen, daß man dabei das Glas schief halten muß; gerade noch rechtzeitig schlürfte er Schaum ab. Als auf seinem Teller ein wenig Platz geworden war, hob er Kartoffelsalat in die Lücke und reichte die Schüssel weiter, schmeckte Zwiebel, Möhre auch und mahnte sich zur Vorsicht: Mayonnaise konnte steinern im Magen liegen. Rascher, peinigender Gedanke: Bloß nicht alles rauskotzen müssen. Ihm gegenüber saß einer mit Schlips und grobkariertem Jackett, hell die Augen über freundlichen Grübchen, und Mannschatz wunderte sich beim Aufblicken: Der Genosse belegte geruhsam eine Scheibe Brot mit Schnittkäse und bedeckte sie mit einer anderen. Kaute nicht, und sein Teller war fast leer.

Er komme aus Eisleben. Ein gebeugter Glatzkopf von sicherlich achtzig Jahren fragte: Und ihr? Aus Bitterfeld, antwortete Mannschatz und hörte: Leuna, Halle, Wolfen. Der Alte fragte: Alle bei der Märzaktion dabei gewesen?

Nö. Der Nette mit den hellen Augen packte die vierte Doppelschnitte neben den Teller. Dafür sei er zu jung. 1933 im KZ Colditz. Mannschatz überschlug die Zahl der Genossen im Saal auf fast hundert, meist Sechziger und Siebziger, wenige Dreißig- bis Vierzigjährige, das waren vermutlich Funktionäre der Bezirksleitung oder verschiedener Kreisleitungen, dazu drei Frauen, wahrscheinlich Sekretärinnen.

Genossen, rief ein sportlicher Blondschopf am Präsidiumstisch, breit waren die Revers seines Anzugs und bretteben von reichlichem Steifleinen. Er wünsche strammen proletarischen Appetit und wolle, ehe er Horst Sindermann das Wort erteile, noch einige organisatorische Bemerkungen loswerden: Die Genossen Fahrer seien im Erdgeschoß im Raum neun untergebracht, Reisekosten könnten in Raum elf abgerechnet werden. Wer eine Übernachtung brauche, solle sich im Orgbüro melden. Genosse Otto Gotsche, der allen bekannte berühmte Schriftsteller, habe von Berlin angerufen, er sei leider verhindert und wünsche der Tagung den besten Erfolg. Jetzt also ein Begrüßungswort des Genossen Horst Sindermann.

Jede Silbe klang gewichtig. Im Namen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands des Bezirks Halle, als Chefredakteur der »Freiheit« und Leitungsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes begrüße er verdiente und bewährte Kämpfer. Als vor Wochen diese Tagung anberaumt worden sei, habe niemand voraussehen können, welche Wolken unterdessen die Welt verdüsterten. Alle heißen Wünsche richteten sich nach Moskau. Trotz bohrenden Schmerzes müsse die Arbeit weitergehen, das sei gewiß auch im Sinne des Genius, für den alle hier im Saal baldige Genesung ersehnten. Bisweilen scheine es, als ob kein Wind wehen und kein Vogel singen dürfe. Bert Brecht habe gedichtet, wie kasachische Bauern Lenin ehrten, indem sie einen Kanal gruben für Wasser und Leben. In diesem Sinne begreife er alles heutige Tun. Er heiße folglich eine Reihe Kämpfer gegen den Faschismus von der Revolution 1918 an über die Abwehr des Kapp-Putsches und die Märzaktion 1921 bis zum Widerstand in den Konzentrationslagern herzlich willkommen. Beifall pladderte prompt.

Alfred Mannschatz hatte Sindermann auf Kundgebungen gehört, hoch oben und weit weg. Ein Bündel von Gesundheit und Energie, erstaunlich, wie er mit zehn Jahren KZ fertig geworden war; als Achtzehnjährigen hatten ihn die Nazis eingesperrt. Eine seiner berühmten Aktionen: Am 1. Mai 1933 hißte er auf einem Fabrikschornstein in Chemnitz die rote Fahne und brachte unten einen Zettel an: »Vorsicht, vermint!« Dunkel war die Stimme, beinahe dialektfrei, in Mitteldeutschland selten. Da sehe er den Genossen Bruno Pfefferkorn, 1921 Stoßtruppführer in der Arbeiterwehr von Mansfeld. Bruno mit der Zündschnur, der gelegentlich eine Fabrikantenvilla flach legte, weil die angreifenden Kämpfer einen Rauchvorhang brauchten. Alle Blicke richteten sich auf einen untersetzten Mann mit rundlichem Gesicht und braunen Knopfaugen, der nun lächelte, wobei sich sein Gesichtsausdruck von hart und verbissen zu verschmitzt wandelte. »Wenn wir nachts ruhig schlafen können, was durchaus nicht im Sinne von allerhand Spionage- und Diversantengesindel ist, dann danken wir das dem Genossen Pfefferkorn.«

Noch während des Beifalls bückte sich der Mann mit den fröhlichen Grübchen und verstaute seine Stullen in einer Brotbüchse, ungeniert tat er das, und barg die Beute in einer Aktentasche neben dem Stuhlbein. Er brachte seiner Familie etwas mit, begriff Mannschatz, das hätte er auch tun sollen. Eine kräftige Scheibe Blutwurst für seinen Schwiegersohn auf die Frühstücksstulle wäre ein hilfreicher solidarischer Akt gewesen. Zu spät. Da trugen Kellnerinnen Schüsseln mit Kartoffeln und Rotkraut herein, Platten mit Schweinebraten, Saucieren stellten sie dazwischen, und Mannschatz wußte, daß er ein Esel gewesen war, sich mit der Vorspeise vollzustopfen. Aber wie hätte er ahnen können, daß derlei Opulenz nur die Ouvertüre bildete! Der Grübchengenosse war schlauer, kannte wohl solchen Ablauf; nun lud er sich geruhsam den Teller voll. Fingerdick waren die Fleischscheiben, von Fettadern durchzogen und krustig. Haut rein, Leute! Kümmelduft stieg auf, mehliggelb schimmerten Kartoffelberge, aber Mannschatz fühlte sich satt bis oben hin, durfte gar nicht an Leberwurst denken, an die Speckbrocken darin, er war ein Idiot, und es war zum Heulen.

 

Ein Randstückchen Braten, ein paar Löffel Kraut, mehr schaffte er nicht und schalt sich abermals völlig bekloppt. Vom Gefecht bei Beesenstedt war unterdessen die Rede, auf dem Marsch dorthin war gekocht worden, aus der Feldküche sollte gekellt werden. Plötzlich schleppte einer zehn Würste an. Aus dem Rittergut Nette. Tagelang hatten sie gehungert, nun entdeckten sie Regale voll Speck und Schinken und Gläsern mit Fett. »Seh ich noch vor mir.« Mannschatz nahm sich immerhin zwei Kartoffelstücke. »In der Feldküche schwappte eine Rüben- und Kartoffelplempe, und auf einmal diese Schwemme!« Nette, ja, so hieß das Dorf.

Noch ein Schluck Bier und Schluß. »Ich müßte mir die Gegend wieder mal angucken. Wir lagen hinter ’nem Damm, ’ne Feldbahn führte zu ’ner Ziegelei. Die Sipo deckte uns mit Artillerie ein. Ich hab versucht, hinzulangen, aber mein Richtgerät hatte Macken.« Nun war von Grabenkämpfen an der Westfront die Rede, die Minenwerfer der Engländer, ich kann dir sagen, bei Wyschede, wir in den flachen Trichtern, alle Gräben voll Wasser, der Tommy rasierte uns die Arschbacken ab, ich kann dir heute noch die Narbe …

»Guten Tag, Genosse.« Mannschatz fühlte eine Hand auf der Schulter; hinter ihm stand Pfefferkorn. »Erinnerst du dich an die Flucht über die Saale? Als die Fähre sank? Ich hab ein paar ausm Wasser gezogen.«

»Ich war an der Mulde.«

»Die Sipo schoß ’ne Fähre in Klump.«

Mulde, Saale – die Sicherheitspolizei hatte sie an den Flanken umgangen und wollte den Sack zuziehen; alle hatten gewußt: Wenn sie nicht in der nächsten halben Stunde über den Fluß kamen und sich am anderen Ufer zerstreuten, waren sie erledigt. Die Handgranaten am Koppel zogen ihn runter. Tiefer als zweieinhalb Meter war der Fluß nicht, seine Stiefel fanden Halt, er hakte das Koppel auf und stieß sich ab, schnappte nach Luft. »Mich hat wirklich einer rausgefischt. Du?«

»Geht es dir gut? Was machst du jetzt?«

»Invalidenrentner seit zwei Jahren.«

»Wir unterhalten uns noch. Ich muß erst mal …« Pfefferkorn wies aufs Präsidium. »Also bis gleich.«

Alle am Tisch hatten zugehört. Einer fragte: »War das so?«

»Wenn er’s sagt.«

Mannschatz trat ans Fenster zu einer Gruppe von Rauchern. Auf einem Tisch lagen Zigarettenschachteln, weiß und ohne Aufdruck, die Zigaretten oval. Mannschatz schnupperte: Orienttabak. Wodkaflaschen und Bierkästen, er dachte: Bloß gut, daß draußen niemand auch nur ahnt, wie hier gepraßt wird. In Bitterfeld konnten letztens die Buttermarken nicht beliefert werden, auf Fleischmarken gab’s Eier und Quark; die Leute schimpften. Das wußten Sindermann und Pfefferkorn natürlich, aber sie hätten die Brauen hochgezogen, wenn sie auf diese Diskrepanz hingewiesen worden wären – keine Gleichmacherei, Genosse! Mannschatz sog den Rauch bis in die letzten Lungenwinkel, das Kraut war etwas anderes als das Zeug, das er in seinem Garten zog. Jetzt könnte er immerzu eine Zigarette an der anderen anzünden, zwei Stunden lang, könnte sich eine in jeden Mundwinkel klemmen, rauchen satt, quarzen bis zum Umfallen. Wurst und Butter und Brot im Magen und die Lungen voller Rauch. Ein Bier noch, phantastischer Tag. Glück gepreßt, das portioniert für ein halbes Jahr gereicht hätte.

Pfefferkorn trat mit zwei gefüllten Schnapsgläsern heran. Auf die Gesundheit! Und sonst? Rücken und Knie machten nicht mehr mit, Berufskrankheit. »Warst du mal zur Kur?« Pfefferkorn bot Hilfe an, Bad Elster, Bad Lausick. Die Veteranenkommission sollte sich kümmern, wozu war sie da? Prost Alfred, Prost Bruno. »Mensch, Alfred, wie ich mich freue!«

»Und du hast mich wiedererkannt nach all den Jahren?«

»Ach was. Wir haben Polizeiakten gefunden. Die sollten sicherlich in Prozessen gegen uns verwendet werden. Die beiden, die ich rausgezogen habe, hießen Mannschatz und Kleinefeld. Als diese Zusammenkunft vorbereitet wurde, stieß ich auf deinen Namen. So einfach ist das. Du hast getrieft wie ’ne Ratte, aber geschossen wie der Teufel. Wir sind zurückgerobbt, dabei krieg ich ’n Ding in den Oberschenkel. Du hast mich bis an diese Straße geschleppt.«

Der Wodka brannte, Mannschatz hatte sich noch nie was aus harten Sachen gemacht, aber vielleicht legte sich nun das Völlegefühl. Er auf dem Boden des Kahns, Wasser hatte er gurgelnd ausgespuckt, über ihm Pfefferkorns Lachen, Landserlachen, sie waren abgebrühte Grabenschweine wie die Sicherheitsbullen auf der anderen Seite auch.

»Wird Zeit, daß alles genau aufgeschrieben wird. Die meisten in unserem Abschnitt kamen aus Bitterfeld und Holzweißig, wir haben Gröbers bis zu diesem Gefecht um Beesenstedt verteidigt. Was warst du draußen, Alfred?«

»Gefreiter bei den Minenwerfern.« Jetzt ein drittes Bier, für ein Stück Fleisch und eine Kartoffel wäre mittlerweile im Magen leidlich Platz, aber die Tische waren schon abgeräumt. Wenn er zu Hause erzählte … Wäre Gift für Hartmut, den kriegte er dann noch schwerer in die Partei. Sindermann verabschiedete sich gerade, er müsse in die Redaktion, die morgige Ausgabe vorbereiten. Ihm sei das Herz schwer wie allen. Trotzdem, und so sei es ja immer gewesen: Trotz alledem finde er diese Zusammenkunft nützlich, um Verbindungen zu erneuern, nach verschollenen Genossen zu fragen, herauszufinden, wer auf welche Weise den Hitlerterror überstanden hatte. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes vervollständige ihre Listen, wer sich noch nicht eingetragen hatte, sollte das tun.

Keinen Schnaps mehr bitte. Jemand wollte wissen, das Bier hier sei stärker als üblich, Brauerei-Haustrunk. Wenn noch ein paar gegangen waren, wollte Mannschatz vielleicht fragen, ob er eine Flasche für seinen Schwiegersohn einsacken dürfe, der trank Bier viel lieber als er. Bruno fragen.

»In welcher Partei warst du damals, Alfred?«

»In der USPD, später wieder in der SPD.« Mannschatz registrierte knappes Nicken. Auf das kurzgeschnittene eisengraue Haar und die Stirnfalten schaute er hinab, auf strähnige Brauen und die Nase mit einer Narbe von der Wurzel bis zur Spitze. Dieses Nicken kannte er, feststellend, wertend. Genauer: abwertend. KP-Genossen reagierten so gegenüber dem kleinen, großmütig geduldeten Bruder.

»Schreib mir deine Adresse auf wegen der Kur. Ich hab manchmal in Bitterfeld zu tun, da besuch ich dich, Meiner.« Wenn Hallenser Freunde sich begegneten, rief der erste dieses Wort halb fragend, der zweite antwortete bestätigend ebenso eine Terz tiefer. »Wie steht’s mit der Familie?«

Seine Frau arbeite in einer Betriebsküche, habe noch ein Jahr bis zur Rente. Die Tochter bei der Reichsbahn, der Schwiegersohn seit kurzem Meister. Zwei Enkel.

»Mit der Wohnung alles in Ordnung?«

»Siedlungshaus, reicht für uns.«

»Ich komm mal vorbei.«

Seit einundvierzig Jahren in der Partei, die Nazipause großzügig mitgerechnet, manchmal in einer minderen Funktion, beispielsweise für Schulungsmaterial zuständig, nie eingesperrt, nie verprügelt, immer das brav beitragzahlende Mitglied, ausgenommen die wilden zehn Tage während des Mitteldeutschen Aufstands im März 1921, über den immer noch diskutiert wurde – galt er nun als ruhmvoller revolutionärer Akt, oder war er ein von kurzsichtigen Revoluzzern angezetteltes, von vornherein zum Scheitern verurteiltes Abenteuer? Über den zeitweiligen militärischen Anführer Max Hoelz gingen die Meinungen genauso auseinander. Nun hier mit Sindermann und Pfefferkorn, er würde Herta haarklein davon erzählen. Noch ein lungenfüllender Zug, ein hübscher kleiner Wirbel im Hirn.

Jemand öffnete ein Fenster, kalte Luft stürzte herein, erst jetzt merkte Mannschatz, in welchem Qualm sie standen. In einer halben Stunde ging sein Zug. Wenn er schon keine Flasche Bier abstauben konnte, sollte er wenigstens eine Schachtel Zigaretten für Hartmut verhaften. Daheim würde er keine Frühstücksbüchse mit Wurststullen auf den Tisch stellen können wie dieser Schlaubengel – schön, er ließ sich nicht korrumpieren. Ziemlich dußliger Gedanke, vielleicht hatte er doch einen in der Krone. Nach irrsinnigen Umwegen war es endlich geschafft wie erträumt, als er als Lehrling in die Gewerkschaft eingetreten war: Du gehörst dazu, Brüder in eins nun, die Internationale erkämpft das Menschenrecht. Wurstsatt war er, fleischsatt, bier- und rauchvoll. Das sollte er Hartmut klar machen: Du erreichst nichts ohne die Partei, du kannst nur was ändern, wenn du drinne bist. Nimm dir noch ’ne Flasche, Junge, wir gehn rüber zu Pfefferkorn, wir sind die stärkste der Partein. Wir stecken uns ’ne Schachtel ein, wie wir heute rauchen, werden in drei Jahren alle rauchen.

»Genossen, ich bitte um Ruhe, um Ruhe. Genossen, der Genosse Josef Wissarionowitsch Stalin, so wird eben gemeldet, der geliebte Führer des Weltproletariats und aller friedliebenden Völker, der Vater des Fortschritts und der Freiheit, unser Genosse Stalin ist in Moskau gestorben.«

Mannschatz stellte das Glas ab und wischte sich über den Mund. Alle um ihn standen nun, das Gesicht dem Podium zugewendet. So würden sie eine Weile verharren, erstarrt. Vielleicht hielt jemand eine Rede. Flammender Appell oder so was. Unverbrüchlich. Mit einer Flasche Bier für Hartmut war es nun natürlich aus. Ziemlich kläglicher Einfall, wenn man die Umstände bedachte. Typisch für einen, der aus der SPD kam, würde Pfefferkorn urteilen. Nun mal ganz klar: Du hast keinen Grund, Alfred, einen so blöden Gedanken auszuspinnen, so besoffen bist du nicht, bist du überhaupt nicht.

2

Wann hatten sie das letzte Mal getanzt? Die Combo – Klavier, Schlagzeug und Saxophon – jazzte sanft vor sich hin mit einem Streifzug von »Blueberry Hill« über »Basin Street Blues« bis zu einer Andeutung von »Lili Marleen« und schloß mit »Mack the Knife«, was Clara Brücken lächeln ließ. Der Pianist ahmte den heiseren Louis nicht übel nach. Ihr schien, als spielten die drei vor allem zum eigenen Vergnügen, nicht immer zerhackten sie den Auftritt in tanzübliche drei Häppchen mit Trommeltusch am Schluß. Clara Brücken hätte so stundenlang tanzen mögen, sie betrachtete den vollbärtigen Fünfzigjährigen am Klavier, den hohlwangigen Saxophonisten und den Bubi am Schlagzeug, der sich vom Pianisten die Einsätze zunicken ließ. Sie hätte gern mitgesungen, konnte aber kein Englisch, und ein Irgendwie-Dabdudei wäre ihr und vor allem Hartmut albern vorgekommen; das riskierte sie allenfalls bei einem Schwips. Davon blieb sie an diesem Abend und in nächster Zukunft meilenweit entfernt, das stand fest.

Sie gingen zurück an den Tisch mit ihren Freunden Gitti und Heinz Gärtner. Inzwischen waren vier Portionen Eis nebst zwei Spezi serviert worden, ein landesüblicher brauner Schnaps. Der sei gefährlicher als weißer, erklärte Heinz Gärtner, den weißen sehe die Leber nämlich nicht, der fließe, ohne Schaden anzurichten, unbemerkt um sie herum. Trotzdem Prost! Neben den bunten Eiskugeln lag gekochter Rhabarber, denn die Kreation hieß »Eis mit Früchten«. Jetzt das Thema: Bier genehmigten sie hier in der Leipziger »Femina« nur zusammen mit Sekt als sogenanntes Herrengedeck, an der Tür machten sie Sperenzien, wenn einer ohne Krawatte kam. Vornehm nur einmal! Clara fragte dazwischen: »Was würdet ihr sagen, wenn wir im Sommer nach Mecklenburg ziehen?«

Da staunten Gärtners, und Hartmut Brücken erläuterte, die Gewerkschaft hätte ihn und zwanzig andere Metaller nach Halle beordert. »Großer Bahnhof: Facharbeiter aufs Land! Vorher vierteljähriger Lehrgang an Traktoren und Mähdreschern. Die Besten werden sofort als Leiter von Reparaturstationen eingesetzt, die andern steigen nach einem Jahr auf.«

Die liebsten Freunde zu verlieren wäre bitter, beteuerten Gärtners. Brücken schätzte, vermutlich müßte er die erste Zeit allein dort oben vegetieren, eine Wohnung wäre natürlich nicht im Handumdrehen zu ergattern. Später sollten neben den Reparaturstationen dreistökkige Wohnblocks mit städtischem Komfort hochgezogen werden. Darauf könne natürlich niemand warten, also bliebe erst einmal eine hoffentlich nicht zu baufällige Kate. Wenn es überhaupt zu all dem kommen sollte.

Vielleicht hauten noch mehr Großbauern nach dem Westen ab, vermutete Gärtner, und Brückens könnten sich ins warme Nest setzen? Und? Gärtner rieb Daumen und Zeigefinger gegeneinander. Ehe Brücken antworten konnte, setzte die Musik ein. Clara sprang sofort hoch. »Dauernd Damenwahl«, maulte Hartmut ergeben.

Auf der Tanzfläche fanden ihre Körper sofort zueinander, Arm paßte um Hüfte, Brust an Brust, Schenkel in Schoß. Sie spürte hochwachsenden Druck und lobte: »He, du Stehaufmännchen!« Er brummte geschmeichelt, nun begänne eine rasante Zeit ohne Vorsicht und Sorge, alle Kraft voraus: Jetzt kommen die lustigen Tage, Schätzel olé!

 

»Ham Se nich ein Hemd für Friedolin«, sang der Schlagzeuger. Bis Bitterfeld hatte sich herumgesprochen, daß im Süden Leipzigs ein Sexualtäter nachts durch offene Fenster stieg, schlafende Frauen erschreckte und Unterwäsche mitgehen ließ. Fetischist, kein Vergewaltiger, noch nicht. Clara legte den Arm um Hartmuts Hals und biß ihn ins Ohrläppchen. Ein wunderbarer Abend, wie er bestenfalls einmal im Monat zu organisieren war, denn beide arbeiteten im Schichtdienst, und Gärtners mußten jemanden finden, der auf die Kinder aufpaßte. Eintrittskarten waren schwer zu ergattern; wenigstens konnte Clara von ihrem Schreibtisch aus telefonieren. Letzte Woche hatte der Bahnhofsvorsteher Krach geschlagen: Der private Mißbrauch des Telefons nehme überhand, er werde durchgreifen. Hemsberger, ihr Schreibtischgegenüber, lästerte natürlich: Im Mittelpunkt die Sorge um den Menschen!

Am Tisch setzten sie das Thema fort: Brücken verdiene dort oben ein Drittel mehr als in Bitterfeld, dabei wäre noch nicht einmal mitgerechnet, was die jetzige Kampagne anrichten könnte: Mal war von völlig neu zu begründenden Normen die Rede, dann vom pauschalen Anheben um mindestens zehn Prozent. Jeden Tag neue Hektik.

»Ich weiß selber nicht, was ich will«, sagte Clara. »Manchmal denke ich: Um keinen Preis bringt mich jemand in diese Einöde. Dann wieder träume ich von sauberer Luft, ohne daß es ständig Ruß regnet.«

Gärtner war auf Rügen gewesen. Dort erzählten alle, die Insel solle zur Festung ausgebaut werden, Hotels würden enteignet. Der Jasminer Bodden werde als Liegeplatz für eine gewaltige Flotte aufgerüstet, ein rotes Scapa Flow. »Die Armee kriegt fünfzig Generäle und die Flotte sieben Admirale. Könnt ihr euch das vorstellen?« Jetzt müßte man dort oben sein, was da alles gebraucht würde: Verwaltungsdirektoren, Kulturleiter, Parteisekretäre – wer sofort mitmischte, schnitt sich die besten Stücke aus dem Kuchen.

Clara fragte fröhlich: »Und was würdest du am liebsten?«

Gärtner blickte ernst. Nach seinen Fähigkeiten vielleicht am besten in die Kaderleitung, Fachkräfte nachziehen, Schulungen organisieren, ja.

Da fingerte Hartmut Brücken eine weiße Schachtel aus der Tasche und klopfte Zigaretten heraus. »Hat mir mein Schwiegervater geschenkt.« Der Genosse Alfred habe das Edelkraut bei einer Parteiveranstaltung in Halle abgestaubt. In solch noblen Kreisen verkehre er für gewöhnlich nicht, sie hätten Stalins Tod gefeiert – na, das war nun keinesfalls der richtige Ausdruck. Brücken vermutete, die Lullen würden in Dresden hergestellt, die Russen hatten sich die dortigen Zigarettenfabriken unter den Nagel gerissen. Die deutschen Spitzengenossen kriegten hin und wieder ein paar Schachteln ab, oder?

»Mein Vater hat danach ziemlich rumgedruckst.« Clara war sich nicht sicher – wegen des Katers, oder weil ihm das ganze gestunken hatte? »Er maulte: Du mußt doch nicht denken, daß sich Pieck seine Papyrossi selber dreht.«

»Aug in Aug mit der Macht.« Brücken war bester Stimmung. »Der schlichte Genosse von der Basis schnuppert Höhenluft. Gut, daß mein Schwiegervater mal ahnt, wie Politik wirklich abläuft.«

»Ich laß nichts auf meinen Papa kommen.«

»Brauchst auch nicht.«

»Und dann«, Gärtner wollte gewichtig klingen, »Hartmut, mußte in die Partei.«

»Muß nicht.«

»Wenn du Leiter werden willst …«

»Ob ich eintrete, ist die Frage, ob ich jemals da reinlatsche. Aber als Koppelgeschäft – nie.«

Gärtner habe brutalsten Gruppendruck erlebt, als er und seine Kameraden im Wehrertüchtigungslager in die Waffen-SS gepreßt werden sollten. Nachdem die ersten drei unterschrieben …

»Ach, kein Thema für heute abend.«

Clara schaute bewundernd auf ihren Mann – allerliebster Dickschädel, herrlicher Sturkopp, und nur sie wickelte ihn um den Finger, manchmal. Sie sah sich vor einem Bauernhaus, Windeln flatterten. »Opa und Oma kommen auf ein paar Wochen. Euch quartieren wir im Gasthof ein. Die Bäuerlein drängen Hartmut ihre Gänse und Schweinchen förmlich auf, denn er repariert ihnen am Abend ihren Schrott. Ihr fahrt zurück mit dem Koffer voll Räucheraal, denn nahebei ist ein See und der Fischer mein Verehrer. Die Hauptsache: Unsere drei Kinder wachsen in sauberer Luft zu Prachtkerlen heran.«

Gitta Gärtner begriff zuerst: »Drei?«

Clara strahlte, Hartmut warf sich in Siegerpose, tja, die Sache stünde fest, zum Thomas und dem Bienchen gesellte sich demnächst die Nummer drei. Oma und Opa, die Kindernarren, seien geradezu aus dem Häuschen.

»Sieben Tage lang wart ich schon auf dich« stand auf der RIAS-Hitparade weit oben. Der Schlagzeuger griff zur Klarinette, reckte sie steil, schwenkte sie über die Kante des Podiums. Der Pianist drosch aus Augenhöhe auf die Tasten, wildes Bekenntnis: Jetzt stürmen, stürzen alle Gedanken nach Westberlin, zum RIAS und seinem Tanzorchester, zu Bully Buhlan und Rita Paul in der Waldbühne. Wenn die Combo jetzt eins draufsetzte mit »Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm«, verbannten die Verantwortlichen womöglich den Gaststättenleiter in eine Bruchbude der Preisstufe II ins Vogtland, und die Musikanten verloren ihre Auftrittsgenehmigung. Aber es blieb bei halber Provokation. Pause.

Kein anderes Thema mehr als das im Anmarsch befindliche Kindchen. Bestürzung zunächst, als die Periode ausgeblieben war und sich trotz sanfter Hausmittelchen nicht einstellen wollte. Das kannten alle vier und nickten bitterernst. Gärtner rief nach Sekt, den brauche er auf den freudigen Schreck. Eine künftige Mutter finde nichts Belebenderes für die Milchproduktion als ein perlendes Schlückchen – da kriegte er von seiner Frau eins auf den Mund. Hehe, eine Runde auf Gärtners Rechnung! Vier Herrengedecke, und wenn Clara vernünftigerweise nicht mittrinken wolle, genüge ein symbolisches Nippen. Was für ein Abend!

Mecklenburg oder nicht – Brücken fühlte sich oben. In seiner Bude zerrten sie an ihm und bewiesen jeden Tag, was er ihnen wert war. Wenn er in die Taiga zog, lag es an ihm, wie er sein Leben aufbaute, ausbaute. Wenn er Bitterfeld »die Treue hielt«, wie es ein Arsch von der Parteileitung formuliert hatte, konnte er Forderungen stellen: Ich brauche zwei von den neusten Schweißapparaten für meine Brigade, sonst …

Mit dem Rhythmus kam der Schlagzeuger schlecht zurecht, hilfesuchend blickte er zum Pianisten. Brücken vermutete Südamerikanisches, Samba vielleicht. Wenn er von derlei Taktgewirr auf der Tanzfläche überrascht wurde, schaltete er resolut auf Foxschritt. Der Saxophonist ließ sein Instrument sinken und starrte vor sich hin. Aus seinem Mundwinkel kroch ein dunkler Faden und sickerte zum Kinn. Brücken wollte Gärtner anstoßen, da ruckte der Saxophonist nach vorn, ein Schwall brach aus seinem Mund, Kotze oder Blut. Brücken war sofort hoch und ein paar Schritte über die Tanzfläche, packte schlaffe Schultern und begriff: Blutsturz, wie er ihn bei einem Kollegen erlebt hatte in spätem Stadium der Tbc. Der Schlagzeuger öffnete die Schlaufe des Saxophons und legte das Instrument behutsam zur Seite, murmelte: Ganz ruhig, Gustl, ganz ruhig. Brücken blickte an sich hinunter, er hatte nichts abbekommen. Am Tisch waren sie sich einig: Unverantwortlich, so herumzulaufen und seine Tuberkel in die Luft zu pusten. Bloß raus!

Während Brücken und Gärtner zahlten, setzten sich Pianist und Schlagzeuger wieder hinter ihre Instrumente. Sie begannen mit »Moonlight Serenade«. Nein, versicherte der Kellner, so was sei noch nie passiert, der Mann arbeite hier seit Wochen. Ja, sie hätten einen Arzt gerufen. Bei »Pennsylvania 6-5000« riefen die Musikanten dazwischen: »Zwo-drei-vier – jetzt ein Bier.« Clara fürchtete, sich übergeben zu müssen, wenn sie nicht sofort ins Freie kam. Sie liefen die Treppe hinab und durch die Passage auf den Markt. Tagelang freue man sich auf einen schönen Abend, und dann das. Gärtner schüttelte den Kopf; sogar in russischen Gefangenenlagern habe es Isolierbaracken gegeben.

Langsam gingen sie zum Hauptbahnhof; andermal waren sie gerannt, um den letzten Zug zu erwischen. Clara spürte ein Kribbeln in den Brustspitzen – schwer vorstellbar, daß die Dingerchen sich jetzt schon aufs Stillen einrichteten. Ihre Gedanken kreisten unablässig ums Würmchen, bei den beiden anderen Kindern war das nicht so kraß gewesen. Wenn es zehnmal bei der Reichsbahn drunter und drüber ging, das Muttertier baute sich seine Höhle. Sie stellte sich vor, sie wohnten am Rande eines Dorfes, den Korb stellte sie neben der Hoftür in die Sonne. Das Baby lauschte aufs Sirren der Schwalben, das mochte es. Katze auf der Türschwelle. Kein Gestank aus Chemieküchen, kein Rußregen.