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Doris Kändler

Wenn du gehen musst…

Impressum

© NIBE Media © Doris Kändler

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für den Inhalt des Buches ist allein der Autor verantwortlich und er muss nicht der Meinung des Verlags entsprechen.

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NIBE Media

Alsdorf

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E-Mail: info@nibe-media.de

Danksagung

Vielen Dank an Markus Dammers für die Bereitstellung des unbearbeiteten Coverbildes.

Besten Dank an meine Chefin Nicky Hagen für das tolle Autorenfoto und den Ansporn, den sie mir gab; das Buch auf jeden Fall zu veröffentlichen.

Ein großes Dankeschön an Susanne Heinen für das Korrekturlesen.

Danke an meinen Onkel, der mir ermöglicht hat, zu sehen, wie es fertig aussehen könnte.

Ich danke allen, die mit gefiebert haben, die es nicht erwarten konnten und mich immer bestärkt haben.

Denen, die an mich geglaubt und das Beste in mir gesehen haben.

Danke, vielen Dank.

Inhalt

Vorwort

Loslassen...

Der schwerste Weg...

Eine Freundschaft wird geboren...

Zurück zur Realität...

Gedichte, Gedanken und andere Dinge...

Im Hier und Jetzt...

Es ist, wie es ist...

Meine beste Freundin...

Zurück zur Gegenwart...

Schule ist scheiße und Eltern sowieso...

Angst, Wut und Hilflosigkeit...

Lass uns über früher reden...

Traurige Wahrheit...

Pssst, seid leise. Meine Frau darf uns nicht hören...

Gedanken gehen zu Ende...

Ruf mal an, aber sag auf keinen Fall meinen Namen...

Trotz der Wahrheit herzhaft Lachen...

Hey, tu die mal weg...

Die Türklingel holt uns zurück in die Gegenwart...

Sandys tiefer Absturz ...

Genug ist genug...

Autorin Dodi schreibt ein Buch...

„Schreib, wenn Du das brauchst“...

Zigaretten! Das kostbarste Gut...

Schallendes Gelächter...

Hast Du Angst vor dem Sterben?...

Ein dunkler Tag...

Kleine Sünden...

Realität...

Zu lange Beine...

Schön sind die Erinnerungen...

Sandy´s Radfahrkünste...

Ich erinnerte mich...

Mütter...

Ruhige Minuten...

Das Verbotene...

Die Wahrheit tut weh...

Was für Bilder...

Die Arbeit ruft...

Fußtritte...

Die Wahrheit...

Das Drama meines Lebens...

Endlich ausgesprochen...

Das kleine, große Glück...

Es geht zu Ende...

„Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab“...

Mach es gut geliebte Freundin...

Für euch alle...

Vorwort

„Hast Du Angst vor dem Sterben“, fragte sie mich im zarten Alter von 14 Jahren.

„Quatsch, das haben andere auch schon überlebt“, gab ich damals, ein Jahr jünger als sie es war, zur Antwort. Wir waren zu diesem Zeitpunkt so voller Tatendrang, dass dieses Thema für mich noch weit weg war. Ich lachte laut los, weil Sandy mich dermaßen dumm angesehen hatte. Sie verstand nur Bahnhof. Dabei ergaben meine Worte für mich sehr wohl einen Sinn. Meiner Meinung nach gehörte das Sterben zum Leben dazu und wir alle würden diese Welt einmal verlassen müssen. Niemand war jemals zurückgekommen und hatte berichtet, es sei furchtbar. Ganz im Gegenteil. Menschen mit Nahtoderlebnissen erzählten doch immer, wie schön, warm und hell es gewesen sei. Wovor also Angst haben?

Heute erscheint dieser Satz mir nicht mehr so lustig. Ich empfinde ihn wohl eher als Hohn. Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, hätte ich sicherlich anders geantwortet. Damals hatte ich keine Angst davor. Warum auch? Wir waren noch so jung und meine Gedanken richteten sich auf alles Andere, nur nicht aufs Sterben.

Heute sitze ich hier, und frage mich, ob ihr dieser Satz in den Monaten des Sterbens noch in Erinnerung kam? Ob sie schmunzeln musste, oder ob sie geweint hat?

Heute bin ich diejenige, die Angst vor dem Sterben bekommen hat, weil ich mit ansehen musste, wie lange es dauern kann. Weil ich sehen musste, wie viel Leid ein Mensch ertragen kann. Sandy schloss ihre Augen 2011 für immer.

Sicher, sie hat es geschafft. Sie ist erlöst von den unsagbaren Schmerzen und dem Zerfall ihres Körpers. Doch all die Hinterbliebenen, Freunde, Verwandte, Bekannte... Denen steht der Schmerz ebenso wie der Schock noch ins Gesicht geschrieben.

Sie müssen ebenso wie ich die schreckliche Sehnsucht ertragen, und werden die Bilder der Sterbenden wohl nie mehr los. Das Bild der Toten, die nur noch ein Schatten dessen war, was sie zu Lebzeiten dargestellt hatte.

Ich weine... Ja.

Ich trauere... Ja.

Aber ich bin auch unendlich glücklich und stolz, einen großen Teil meines bisherigen Lebens mit ihr gemeinsam gegangen zu sein.

An ihrem Sterbebett versprach ich ihr, dass ich über uns und ihr eigenes Leben schreiben würde. Ich versprach ihr, mich damit um ihre hinterbliebenen Kinder zu kümmern. Vielleicht ist dies meine Aufgabe. Ich werde diese Zeilen für die Beiden schreiben, damit sie sehen, wie ihre Mutter einmal war. Damit sie schwarz auf weiß lesen können, wie schön ihr Leben einmal war, und zwar, bevor sie sich entschlossen hatte, diesem wunderbaren Leben den Rücken zu kehren.

Denn es war wunderbar...

Dies ist meine Art, mit all den Geschehnissen fertig zu werden, meine Trauer zu bewältigen und auf Wiedersehen zu sagen.


Doris Kändler

 

Loslassen...

Viele Jahre der Freundschaft lagen hinter uns. Jahre, die wundervoll waren, aber auch solche, die das dunkelste Schwarz des Lebens zeigten. Sandy war meine beste Freundin, seit ich denken konnte. Wir teilten alles miteinander. Wirklich alles. Dennoch gab es Zeiten, in denen jede von uns ihre eigenen Wege gehen musste.

Ich hatte nun schon einige Wochen nichts mehr von ihr gehört, wie sehr oft in den vergangenen Jahren. Sicher, ich kannte das alles aus den Jahren zuvor, dennoch wollte ich nur ein kurzes Lebenszeichen von ihr. Ein Zeichen, dass es ihr und den Kindern gut ging. Doch meine Anrufe blieben unbeantwortet. Mein Telefon stand still.

Eines Tages rief sie mich endlich zurück. Ihre Erklärungen für die Funkstille klangen sehr einleuchtend, trafen mich jedoch mitten ins Herz.

Ihre Mutter war verstorben. Zuerst war ich sehr böse, dass sie mich darüber nicht informiert hatte, schließlich war ich doch ihre beste Freundin. Ich fasste mir jedoch nach einigen Sekunden ein Herz und hörte mir ihre Geschichte an. Sandy kam mit dem frühen Tod der Mutter überhaupt nicht klar, und hatte wieder zu heftigen Drogen gegriffen. Nach einigen drogenfreien Jahren war sie also wieder abgestürzt.

Ihr Bruder war eingeschritten, hatte ihr die beiden Kinder abgenommen, über das Jugendamt die Pflegschaft für die Beiden beantragt, und zu guter Letzt auch bekommen. Sie selbst war daraufhin wieder in den Entzug gegangen und hatte sich entschlossen, in einer Institution für Wiedereingliederung von Drogensüchtigen, in ihr Leben zurück zu finden.

Der Aufenthalt dort sollte ein Jahr dauern. Eine für mich sehr überschaubare Zeit – im Vergleich zu den Jahren der Sucht, die hinter ihr lagen – für sie jedoch eine utopische Zeit, mit unglaublich vielen Auflagen und Regeln.

Eine Regel brach sie dann auch schließlich. Sie ließ sich auf ein Verhältnis mit einem jungen Mann ein, weshalb dieser dann das Haus verlassen musste. Sie selbst hätte eigentlich bleiben dürfen, doch um ihn nicht zu verlieren, brannte sie mit ihm durch.

Ich war sprachlos, wollte sie aber nicht einfach so verurteilen. Sie wusste nicht wohin. Ich war wohl ihre einzige Anlaufstelle.

Sie konnte immer kommen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Mir war jedoch nicht bewusst, dass sie nicht für sich alleine fragte.

Als sie endlich offen ansprach, dass sie gerne ihren Partner mitbringen wollte, blockte ich ab. Ich erklärte ihr, dass SIE jederzeit einen Platz in meinem Leben habe, ich aber nicht bereit wäre, eine fremde drogensüchtige Person in mein Haus zu lassen. Viel zu oft hatte ich gesehen, wozu Junkies in der Lage sind. Sie stehlen und manipulieren. Das wollte ich für mich und meine Kinder nicht. Wir hatten ein relativ ruhiges Leben mit lediglich alltäglichen Sorgen. Ohne ihn wollte sie nicht kommen, das musste ich akzeptieren, obwohl es mir das Herz brach. Ich hätte ihr so gerne geholfen.

In den darauffolgenden Wochen und Monaten hielt sie mich immer nur kurz und knapp per Telefon auf dem Laufenden. Sie ließ sich auf keine Einladung ein, bei der wir in Ruhe miteinander hätten sprechen können. Sie wollte nur mit diesem Mann zusammen sein.

Es folgten unzählige Einträge auf meiner Pinnwand bei einer Internet-Community von diesem Mann. Allesamt waren sie Liebeshymnen von ihm an meine Freundin. Ich wollte diese Zeilen jedoch nicht auf meiner Seite lesen. Ich freute mich ja für die Beiden, und dennoch war da stets das Mitgefühl für die Kinder, die ihre Mutter viel mehr vermissen mussten als dieser Kerl.

Ich wurde wütend. Ich sagte Sandy mehrfach am Telefon, er sollte diese Einträge unterlassen. Sie tat es als Liebesbeweis ab und er schrieb munter weiter. Wieder vergingen Wochen der Funkstille. Auch ihre Mobilfunknummer blieb unerreichbar.

Eines Tages erhielt ich wieder eine solche Botschaft. Er schrieb von der tiefen Sehnsucht nach ihr und wie sehr er sie brauchen würde. Sie sei diejenige, wegen der er nicht wieder zu den Drogen gegriffen hätte. Er beschrieb den dunklen Nebel seiner Gedanken und dass nur sie ihn verstehen würde. Weiter sprach er von dem schweren Leben, dass die Beiden gehabt hätten.

Nun war ich stinksauer.... Schweres Leben? Ich fragte mich wahrhaftig, von welcher Person er da schrieb. Wir waren seit über 20 Jahren die besten Freunde, ziemlich genau seit meinem 10. und ihrem 11. Lebensjahr und sie hatte mit Sicherheit ein besseres Leben als ich. Dennoch griff ICH niemals zu Drogen.

Prinzipiell wäre ich viel eher dafür prädestiniert gewesen, den Süchten zu verfallen, als sie. Doch ich hielt mich davon fern. Ich konnte dieses Gesülze über die schreckliche Vergangenheit und die Opferhaltung der Süchtigen nicht mehr ertragen. Wer interessierte sich denn mal für die Sorgen, die wir Angehörigen hatten?

Ich war es so leid, dass ich ihm eine Nachricht auf seiner Pinnwand hinterließ.

Ich kann den genauen Wortlaut leider nicht mehr wiedergeben, aber sinngemäß schrieb ich folgendes...

Ich schrieb, dass ich mich für die Beiden sicherlich sehr freuen würde, er sollte aber verdammt noch mal aufhören, mich mit solch einem Müll vollzutexten. Er solle sich mal Gedanken darüber machen, wie sehr ihre Kinder die Mutter vermissen würden und gefälligst aufhören in Selbstmitleid zu baden. Ich schrieb ihm, dass sie kein schreckliches Leben hinter sich hatte und er aufhören sollte, mit solchen Sätzen die Schuld bei den Anderen zu suchen. Er sollte sich bewusstwerden, dass wir alle unser Päckchen zu tragen hätten, und nicht wie er oder sie drogensüchtig geworden sind. Die Beiden sollten endlich ihr Leben in den Griff bekommen und sich nicht ständig das Hirn zu nebeln.

In meinem letzten Satz kündigte ich den beiden die Freundschaft und löschte sie aus meiner Freundesliste.

Ich bereute sehr schnell, was ich geschrieben hatte, konnte aber damals nicht anders. Sie ließ sich ja auf kein Gespräch mit mir wirklich ein.

Viel zu oft hatte ich sie in der Vergangenheit aus einer furchtbaren Situation herausgeholt, wenn sie wegen der Drogen alles um sich herum vergaß. Oft genug brach sie alle Kontakte ab, um nicht zu zeigen, was sie war. Sie war DROGENSÜCHTIG!

Ich litt wahnsinnig darunter, mir blieb jedoch keine andere Wahl. Ich wäre wieder viel zu tief in diesen Sumpf hineingezogen worden, dabei hatte ich selbst genug Probleme, die meine volle Aufmerksamkeit brauchten.

Die Kinder litten wohl am meisten unter der Situation, was mich damals zutiefst erschütterte. Die Tochter ist 11 Jahre älter als der kleine Sohn. Sie musste in der vergangenen Zeit ständig nach dem Kleinen sehen, weil die Mutter einfach nicht mehr dazu in der Lage war. Und nun musste sie ihre Mutter vermissen, weil sie sich für ein anderes Leben entschieden hatte, was mich tiefer denn je traf. Das war mir einfach zu viel.

Einige Zeit später erhielt ich eine Nachricht von ihrer Tochter. Sie teilte mir über diese Internet-Community mit, ihre Mutter würde im Sterben liegen. Ihre Nachricht an mich war bitterböse, und sie beschuldigte mich, ihrer sterbenden Mutter den Rücken gekehrt zu haben.

Sie schrieb Dinge, die meiner Ansicht nach, nicht von einem damals 14 Jahre alten Mädchen kommen konnten. Ich dachte, Sandy selbst würde mir schreiben, und hätte nur nicht den Mut, auch dazu zu stehen. Also antwortete ich, in dem tiefen Glauben, ihr selbst zu schreiben. Doch ich sollte mich irren.

Nachdem ich erneut eine Antwort erhielt, die nicht weniger böse war als die vorherige, rief ich Sandys Bruder an. Dieser bestätigte mir, dass es sich bei der Schreibenden tatsächlich um seine Nichte gehandelt haben musste, da seine Schwester bereits auf der Palliativstation lag. Er bestätigte das Unfassbare. Meine beste Freundin hatte unheilbaren Krebs, und würde daran, in nicht zu weiter Ferne, versterben.

Ich brach in Tränen aus, denn mir wurde bewusst, was nun geschehen würde.

Es mag sich vielleicht eigenartig anhören, aber ich empfand sie damals als sehr egoistisch. Wir hatten so viel miteinander durchgemacht, und nach all dem, gab sie mir noch nicht mal von sich aus die Chance, mich von ihr zu verabschieden, um sie loslassen zu können. Als ich von der Tatsache erfuhr, brach für mich eine Welt zusammen. Und obwohl ich ihr Monate zuvor mitgeteilt hatte, dass in meinem Leben kein Platz mehr für sie sei, weil ich mich und meine Kinder vor dem Drogensumpf schützen wollte, hatte ich nun nichts anderes mehr im Sinn, als sie zu sehen.

Er gab mir ihre Zimmerdurchwahl und sagte mir, sie würde sich sicher freuen, wenn ich sie anrufen würde. Ich solle ihr keine Vorwürfe machen, denn es würde sowieso nichts bringen.

Vorwürfe??? Ich wollte ihr keine Vorwürfe machen. Ich wollte sie sehen und mich verabschieden dürfen... Also rief ich sie an.

Nachdem sie den Hörer abgenommen hatte, ertönte dieses vertraute, unnachahmliche Räuspern, mit dem sie in all den Jahren der Freundschaft Telefonate begann.

„Hallo?“ Ihre Stimme klang leise und schwach.

Ich musste ein tiefes Schluchzen unterdrücken.

„Ich bin es“, gab ich zur Antwort. Sie wusste sofort, wer am anderen Ende der Leitung war und freute sich wahnsinnig über meinen Anruf. Die erste Hürde war überwunden. Der Stein auf meiner Brust wurde kleiner.

Kein böses Wort und keine Vorwürfe kamen über meine Lippen. Ich stellte ihr nur die Frage, warum sie mich nicht informiert hatte. Sie gab mir zur Antwort, sie hätte sich nirgends gemeldet.

Es war eigenartig. Sie wollte lediglich wissen, wie es mir ging. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag, an dem ich sie im Krankenhaus besuchen sollte.

Der schwerste Weg...

Leise schlich ich mich in ihr Zimmer. Ein unglaublich beklemmendes Gefühl legte sich auf meine Brust. Die Palliativstation eines Krankenhauses war mir als Begriff sehr wohl bekannt – ich bin schließlich Krankenschwester von Beruf.

Ich musste jedoch nie zuvor einen Angehörigen dort besuchen. Schon gar keine junge Frau im Alter von gerade mal 36 Jahren.

Ich hatte versucht mich seelisch und moralisch auf das, was nun kommen würde, vorzubereiten. Durch unseren Streit hatte ich sie schließlich einige Monate nicht mehr gesehen.

Als ich sie nun erblickte, war es vorbei mit meiner Stärke. Ein Schatten dessen, was ich zuletzt gesehen hatte, blickte mich mit großen Augen an.

Die blauen Augen, die in dem früher eher rundlichen Gesicht nie direkt aufgefallen waren, erschienen mir nun, als wären sie der Mittelpunkt ihres Gesichtes. Die schwarzen Ränder darunter verrieten nichts Gutes. Ihre Zähne blitzten auf. Zähne, die früher hinter kräftigen Lippen verborgen lagen. Ihr Kopf an sich wirkte sehr verändert. Ihr langes, gelocktes, braunes Haar war nun spröde und hing leblos an ihr herunter.

Sie hatte immer mal wieder stark ab – oder zugenommen, aber niemals bot sich mir ein solches Bild. Ihr Körper lag für mich noch nicht sichtbar unter der Bettdecke verborgen. Als sie sich aufrichten wollte, um mich zu begrüßen, bat ich sie, liegen zu bleiben – wohl auch, weil ich noch nicht bereit war, den Rest dieses geschundenen Körpers anzusehen.

Die Frage, „wie geht es dir“ ersparte ich mir, denn sie beantwortete sich in Anbetracht der Tatsache, dass sie hier gegen den Tod kämpfte, von selbst.

„Ich habe dir, wie du es gewünscht hast, Cola mitgebracht“, sagte ich sehr leise.

Ihre Freude über diese zwei Flaschen war nicht zu übersehen. Es ist doch eigenartig, wie sehr sich ein Mensch über ein so, nun ja, nennen wir es mal... banales Mitbringsel, freuen kann.

Sicher, ich konnte verstehen, dass sie das Krankenhauswasser nicht mehr sehen und schon gar nicht mehr trinken wollte. Den Tee hatte sie nun auch schon in allen Variationen ausprobiert und mochte ihn nicht mehr. Dennoch fragte ich mich, ob Cola wirklich so gut für sie war. Sie hatte mir am Telefon schon mehrfach erzählt, dass sie aufgrund des Tumors gar nichts mehr bei sich behalten konnte. Und dann Cola? Doch ihre Antwort klang einleuchtend.

„Wenn ich schon dauernd alles wieder erbrechen muss, kann es auch ruhig Cola sein.“

Ihr Mittagessen wollte sie eigentlich unangetastet zurückgeben. Erst als ich aufmunternd auf sie einwirkte, nahm sie einen Bissen Brokkoli und probierte etwas Fleisch. Sie schob beides sofort wieder von sich weg.

Auch hier sagte sie nur nüchtern: „Ich warte bis mein Bruder mir endlich mein Döner mitbringt. Dann esse ich das genüsslich, um es 5 Minuten später in die Toilette zu bringen.“

 

Sie lachte, doch ich konnte mich ihrer Stimmung nicht anschließen. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, nicht in Tränen auszubrechen.

Wir saßen mittlerweile im Raucherraum der Station…

die einzige Station, die solch einen Raum noch genehmigt bekommen hatte, im Zuge der neuen Gesetzeslage.

Klar, welch Hohn. Das war schließlich für manch einen, der dort lag, der einzige Anker im Strom des Sterbens.

Ich fühlte mich von den Räumlichkeiten erdrückt.

Meine Fragen versuchte ich wohl durchdacht zu stellen. Ich hatte wahnsinnig viele Fragen, denn ich wollte gerne die Worte unseres Streites klären. Doch ich hielt mich zurück.

Und da saß ich nun, sah in das Gesicht des Menschen, der für mich einmal der Wichtigste überhaupt gewesen ist. Seit meinem 10. Lebensjahr, teilten wir alles miteinander. Und nun musste ich mich verabschieden. Viel zu früh...

Die Frage nach dem „Warum“ stellte sich für mich nicht mehr. Viel zu oft hatte ich in all den Jahren zuvor auf die Nachricht ihres Todes gewartet. Darauf, dass sie sich den goldenen Schuss gesetzt hätte. Wenn sie wieder einmal für niemanden erreichbar war, fragte ich mich ständig, wie lange es dauern würde, dass ich die Nachricht über ihren Tod bekäme. Manchmal habe ich sie für ihr Verhalten gehasst.

Und war sie dann nach einem Entzug wieder einmal clean, dann lag sie mit schwersten Depressionen und Psychosen zu Hause im Bett.

Die Kinder waren sich selbst überlassen, oder von allen anderen Menschen versorgt. Nur nicht von der Person, die es ihnen eigentlich schuldig gewesen wäre.

Hass war vielleicht der falsche Ausdruck. Vielmehr war es Verzweiflung, Trauer und Wut, bis ich mir letztlich eingestehen musste, sie nicht mehr retten zu können. Ich musste meinen Weg ohne sie weiter gehen.

Doch wie konnte ich ihn jetzt in dieser Situation noch einfach so gehen? Das ging nicht. Wieder war ich bereit, ihr zu helfen. Ich hätte alles von mir gegeben.

Ich wollte ihr helfen loszulassen, Abschied zu nehmen und in Ruhe und Frieden sterben zu können. Und irgendwo war da wohl auch die Hoffnung, dass alles nur ein böser Traum wäre. Ich hoffte, es würde ein Mittel geben, welches ihren Krebs in letzter Sekunde noch zerstören könnte. Tatsächlich saß ich da und war mehr als bereit, jede Summe dieser Welt zu bezahlen, wenn sie nur auf dieser Erde bleiben dürfte.

Sie wusste über ihren Zustand genauestens Bescheid, und entschied sich an eben diesem Tage gegen die Chemotherapie.

Ohne Chemo gab man ihr noch circa 4 Monate. Mit wären es 6 bis 12 Monate. Allerdings sah sie nicht so aus, als würde sie mit oder ohne Chemo überhaupt noch 4 Monate schaffen. Ich konnte sie sehr gut verstehen. Der Krebs war in der Bauchspeicheldrüse ausgebrochen und hatte sich auf die Lunge und den Bauchraum ausgebreitet. Was also sollte eine Chemo noch bringen, außer ihr Leiden zu verlängern?

Zwei Monate zuvor hatte sie die Diagnose erhalten. Eine 7 stündige Operation brachte leider keinen Erfolg. Die Drüse war bereits zu stark befallen. Sie wurde in ein anderes Krankenhaus verlegt. Die Ärzte dort dachten, sie könnten vielleicht noch etwas tun.

Doch auch sie standen machtlos vor dem Mörder „Krebs“ und mussten den Bauch direkt nach der Eröffnung wieder unverrichteter Dinge verschließen.

Die Chemo sollte nur verlängern was unumgänglich war. Damit war sie nicht einverstanden.

Sie wollte sich gerne mit Würde verabschieden können, was sie nun auch tat. Ihre Angst vor der giftigen Substanz machte die Chancen auch nicht besser. Eine Gabe hatte sie erhalten. Danach ging es ihr so schlecht, dass sie eine weitere Zytostatikatherapie ablehnte.

Ich konnte sie sehr gut verstehen.

Sie stellte mir unglaublich viele Fragen über meine Kinder und den Rest der Familie, dabei hatten wir beide so vieles zu klären. Über die Geschehnisse von zuletzt wollte sie nicht sprechen. Anfangs hielt ich mich noch an ihre Bitte, doch kurze Zeit später knickte ich ein.

„Ich kann nicht schweigen. Das ist doch unfair. Du hast abgeschlossen, und ich bewundere dich dafür. Aber du musst mir doch auch das Recht einräumen, die Dinge, die unausgesprochen sind, aussprechen zu können. Auch ich muss mich verabschieden. Nicht nur du.“

Oh mein Gott, was hatte ich da gesagt? Wie konnte ich es wagen, einem sterbenden Menschen so etwas zu sagen? Aber ich wollte doch auch loslassen können. Ich wollte nicht schon wieder einen Menschen zu Grabe tragen, ohne gesagt zu haben, was zu sagen war.

Das hatte ich bereits zweimal in meinem Leben hinter mir.

Sie lächelte mich liebevoll an und sagte: „Weißt du, es ist schon eigenartig. Ich werde sterben und ihr alle seid voller Panik. Ihr habt alle so viel Mitteilungsbedürfnis. Das ist Wahnsinn. Aber ich will keine Vorwürfe mehr hören. Davon hatte ich genug in den letzten Jahren.“

Meine Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich will dir keine Vorwürfe machen. Ich will dir nur gerne meine Sicht der Dinge sagen können. Mensch, wir haben nicht mehr so viel Zeit. Ich will sagen können, dass ich dich liebe und dass ich damit nie aufgehört habe, auch wenn ich dich weggestoßen habe. Aber ich musste doch auch mich selbst und meine Kinder schützen. Ich kam damit nicht klar, dass du schon wieder abgerutscht warst.“

Wieder lächelte sie.

„Aber das weiß ich doch. Ich weiß, dass du mich immer geliebt hast, und auch, dass du das immer tun wirst. Ich liebe dich auch. Und ich verstehe auch, warum du mich weggestoßen hast. Das brauchst du mir doch nicht zu erklären.“

Ich heulte wie ein Schlosshund.

Doch wie immer lenkte sie das Thema so geschickt in eine andere Richtung, dass für meine Tränen keine Zeit blieb. Sie konnte es nie ertragen mich weinen zu sehen. Ich war in ihren Augen immer die Starke von uns beiden. Das wollte ich auch sein, doch nun bemerkte ich, dass die Rollen verschoben waren. Nun erschien sie mir so unglaublich stark und ich fühlte mich schwach, hilflos und klein.

Weil ich nicht noch weiter bohren wollte, legte ich ihr einen Brief auf den Tisch, den ich am Tag zuvor geschrieben hatte. Der Inhalt des Briefes enthielt all meine Gefühle und Gedanken. Sie wollte ihn später lesen.

Sie saß vor mir, die Augen fest auf mich gerichtet. Ich konnte ihren Blick nicht halten. Ich schaffte es einfach nicht, sie so zu sehen. Mir war klar, dass sie nicht morgen sterben würde, und dennoch hatte ich das Gefühl, uns würde die Zeit weglaufen. Ständig ging mir nur der eine Satz durch den Kopf…

sag alles, was du zu sagen hast, wer weiß, ob du sie jemals wiedersiehst.

Es war unfassbar, wie ruhig sie war. Ich hätte getobt und gejammert, geweint und geflucht. Doch sie war die Ruhe selbst. Meine Tränen sprachen für sich.

„Weine doch nicht“, sagte sie. „Ich weine doch auch nicht. Es ist, wie es ist. Daran kann man nichts ändern. Erzähle mir alles von dir. Was gibt es Neues?“

Ich war fassungslos. Ich hatte keine Lust über mich zu sprechen. Ich wollte hören, wie sie sich fühlte. Ob sie Schmerzen hatte und ob ihr bewusst war, dass sie ihren eigenen Tod heraufbeschworen hatte.

Ja, sie war sich dessen bewusst, das sah ich in ihren Augen. An dem Tag, als sie ihre Mutter zu Grabe tragen musste, gab sie sich völlig auf. Das war mir klar.

Und nun, da uns nicht mehr viel Zukunft blieb, erzählten wir uns von der Vergangenheit. UNSERER Vergangenheit. Mit ihrem besonderen Ausdruck im Gesicht fragte sie mich: „Weißt du noch, wie wir uns kennen gelernt haben?“

Wie könnte ich das jemals vergessen? Das war mehr als ein Schauspiel. Tatsächlich musste ich ein wenig schmunzeln...