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BORIS HERRMANN

NONSTOP

SÜCHTIG NACH SEGELN DRIVEN BY THE SEA




INHALT

01

BORIS HERRMANN START!

02

VENDÉE GLOBE

03

DER ABSPRUNG

04

VOR DER HAUSTÜR

05

RUND AMERIKA

06

GRAND-PRIX-SEGELN

07

DURCHS EIS

08

180 BPM MALIZIA SPIRIT

09

JULES VERNE

10

IM TAL DER VERRÜCKTEN

11

DIE MASCHINE

12

SEAEXPLORER

13

MALIZIA OCEAN CHALLENGE

14

TRANSATLANTIK MIT GRETA

DANKE


01

Im Dauereinsatz für den Erfolg.

VORWORT
VON
JOCHEN RIEKER

Es scheint, als verbinde die besten Segler Deutschlands eine Wahlverwandtschaft: Ihre Namen enden alle auf »-mann«. Da ist Wilfried Erdmann, der Extremsegler, einer von nicht einmal einem Dutzend Menschen, die je die Erde gegen die vorherrschenden Windrichtungen umrundet haben, ohne auch nur ein einziges Mal anzuhalten. Da ist Jochen Schümann, dreifacher Olympiasieger, erster und bisher einziger deutscher America’s-Cup-Gewinner. Und da ist Boris Herrmann, Hochseeprofi, Rekordjäger, Solo-Skipper.

Er, der Jüngste der ganz Großen, macht aus dem, was man vor ihm als bloßen Zufall hätte abtun können, eine kleine Serie, eine Art ungeschriebenes Gesetz. Nicht nur dem Wortstamm nach passt er mittenmang zwischen die anderen Granden. Den einen hat er schon als Kind für seine Fahrten bewundert. Mit dem anderen hat er als Navigator namhafte Hochseeregatten gewonnen, von denen später noch die Rede sein wird. Und auch wenn Boris – als Mensch wie als Leistungssportler – ganz anders ist, agiert er doch längst auf ähnlich herausgehobenem Niveau wie diese Ausnahme-Seemänner.

EINE NEUE ÄRA?

»Vielleicht«, schrieb 2008 das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, »beginnt mit Boris Herrmann eine neue Ära.« Damals hatte er bei seinem Debüt in der Class40 sensationell Platz zwei im Artemis Transat belegt, einem für seine Härte berüchtigten Einhandrennen über den Nordatlantik. Und das war erst der Anfang.

Tatsächlich hat der gebürtige Oldenburger in den vergangenen zehn Jahren Erst- und Bestleistungen im Dutzend aufgestellt. Er ist der erste Deutsche, der eine Regatta um die Welt gewonnen hat. Der Erste, der es in der Klasse der Imoca60 zu internationaler Anerkennung gebracht hat. Der Einzige, der es dreimal nonstop um die Welt schaffte, das erste Mal in gerade 100, das zweite Mal in schier unvorstellbaren 47 Tagen, und jetzt in 80.

Er hätte sogar der erste Deutsche werden können, der die Jules Verne Trophy gewinnt, mit der schnellsten Runde um die Erde, nur unter Segeln, in fabelhaften 40 Tagen. Doch kurz vor der Triumphfahrt von Francis Joyons Idec Sport, für die er fest eingeplant war, hat er abgemustert. Nicht einfach so, das wäre nicht sein Stil, es ging nicht anders. Denn für Boris Herrmann begann zeitgleich das erste Vendée-Globe-Projekt – sein großer Traum, sein ultimatives Ziel, seine wahre Bestimmung.

Unter anderem davon handelt dieses Buch. Von der härtesten Herausforderung, der er sich je gestellt hat: allein nonstop um die großen Kaps, durch Flauten und Stürme, hin- und hergerissen zwischen ohnmächtiger Erschöpfung und unbeschreiblicher Euphorie, auf einer rasend schnellen, aberwitzig komplexen, unmenschlich kargen Kohlefaseryacht auf Tragflügeln.

Wie muss einer gestrickt sein, der danach trachtet? Was braucht es, um eine solche Prüfung zu bestehen? Besser noch: dabei zu glänzen? Woher kommt so ein Antrieb? Auch darum geht es im Folgenden.

Es ist Boris’ eigene Geschichte, in seinen eigenen Worten, ergänzt um Einschätzungen und Anekdoten seiner wichtigsten Wegbegleiter. Ein sehr persönliches, ungemein offenes und vielschichtiges Segelbuch, das dem öffentlichen und veröffentlichten Bild des 39-jährigen Seehelden einige Facetten hinzufügt.

WENIGER LINEAR, ALS ES SCHEINT

Es verschweigt nicht, welche Beklemmung der Start in eine Solo-Wettfahrt auslösen kann, welch enormen Stressfaktoren der Skipper ausgesetzt ist, warum auch einer wie er bisweilen mit Seekrankheit zu kämpfen hat. Eine Biografie, die bei aller vermeintlichen Linearität durchscheinen lässt, wie erratisch sich manche Stationen im Leben von Boris Herrmann aneinander reihten.

Im Rückblick wirkt alles logisch, fast wie nach einem Masterplan: Junger Fahrten- und Jollensegler liest in der Yacht vom MiniTransat-Race auf nur 6,50 Meter kurzen Hochseerennern, verbeißt sich in die Idee, findet Sponsoren, schafft es nach dem Abi irgendwie an die Startlinie, kommt auch sehr passabel über den Atlantik. Segelt danach wieder Jolle, während er für sein Betriebswirtschaftsstudium paukt. Hat schon Pläne. Steigt nach dem Examen auf in die Class40. Findet Anschluss an die Weltspitze, vor allem aber den Einstieg in die von Franzosen dominierte Hochseeszene. Springt in die Imoca-Klasse, überzeugt auch im Barcelona World Race. Holt mit Giovanni Soldini Rekorde auf Maserati, einem modifizierten VOR70. Wird Crewmitglied auf Idec Sport, einem der schnellsten Maxi-Trimarane. Und nun, der Höhepunkt, eine Vendée-Kampagne auf Malizia2 – Yacht Club de Monaco, einem der modernsten und besten Imocas, die je gebaut wurden.

Es sieht aus wie ein einziger Lauf. Und in vieler Hinsicht ist es das. Doch es gab dazwischen auch Brüche, lose Enden, ungeahnte Weggabelungen. Sie sind typisch für einen Extremsport, der ebenso sehr von Sponsoring wie von Mäzenatentum getragen wird, der nicht bloß ein Business Case ist, ein ziemlich guter sogar, sondern auch Herzblut und Leidenschaft von seinen Förderern erfordert. Hochleistungssegeln ist ein Sport, zwischen dessen Erfolgen mitunter prekäre Durststrecken warten.

WARTEZEIT

Recht eigentlich hätte dieses Buch längst erscheinen sollen. Boris Herrmann wollte es schon 2011 schreiben, nach dem Erfolg beim Barcelona World Race, das er auf einem alten Boot als Fünfter beendete, seinem »Praktikum für die Vendée Globe«, wie er selbst einmal sagte. Damals peilte er den Mount Everest der Solosegler für 2012 an. Doch daraus wurde erst einmal nichts. Nicht 2012, auch nicht 2016.

Und vielleicht hat er es als Erster geahnt. Als er mit Neutrogena auf halber Strecke um die Erde ist, in Gedanken schon fast zurück in Barcelona, schreibt er in einer E-Mail von Bord: »Jetzt noch an Kap Hoorn links abbiegen, und dann über den Atlantik nach Hause. Der Abstieg vom Gipfel. Doch das wird auch eine emotionale Serpentinenfahrt. Was kommt danach, wenn ich mit meiner Tasche am Steg stehe?«

 

A race we must win! Der Schutz der Meere ist ein zusätzliches Ziel für mich.

Es kommt, erst einmal, die große Leere.

Wochen der Ermattung nach dem unvorstellbaren Kraftakt. Monate der Suche – nach dem nächsten Sponsor, dem nächsten Projekt, ein bisschen auch nach sich selbst. Er hat die Latte stets extrem hoch gelegt. Hat einmal, fast kategorisch, abgelehnt, als Profi von Boot zu Boot zu springen, sich als Segelsöldner zu verdingen, wenn mal kein großes Projekt ansteht.

Damals, auf einem Hochplateau, aber noch nicht auf dem Gipfel, hätte Boris Herrmanns Aufstieg zu Ende sein können. Er, dessen jungenhaftes Äußeres und stets kultiviertes Auftreten als Zeichen von Verletzlichkeit und mangelndem Biss missdeutet wurde, wäre um ein Haar an seinen eigenen, unwirklich hohen Ansprüchen gescheitert.

INNERER RÜCKZUG

Aber dann siegten, wieder einmal, seine Sturheit, seine Willensstärke, vor allem aber seine unbedingte Liebe zum Meer. Diese Liebe ist bis heute die wohl stärkste Triebfeder, die ihn motiviert. Sie lässt ihn durchhalten, wenn es hart kommt, weist ihm Varianten, wenn der direkte Kurs unmöglich ist.

Wer lange mit ihm segelt, ahnt sie eher, als sie greifen zu können. Einmal, auf einer Überführung mitten auf dem Atlantik, kauert er achtern in Lee auf dem Deck, schaut der Spinnaker-Schot nach ins riesige Segel und weiter gen Horizont. Ein Ruhepol inmitten von Wind und fliegender Welle. Wortlos sitzt er so in der Hocke, minutenlang, das Gesicht glühend von der tief stehenden Sonne. Man würde gern wissen, was er denkt, was in dem Moment in ihm vorgeht. Doch er ist so versunken, so in sich gekehrt, dass es einem unbotmäßig erschiene, ihn jetzt mit einer Frage herauszureißen aus seinem inneren Monolog.

»Ich mag es, mich manchmal in mich zurückzuziehen, inspiriert vor mich hin zu träumen, während ich steuere oder trimme«, sagt er. Es ist wie eine Art Kurzurlaub für seine Seele und das von Sinneseindrücken überflutete Gehirn, während das Boot unaufhaltsam durch die See prescht.

TAUSENDSASSA

Die Herausforderung zu überschätzen, die der Einhandsegler auf einem Imoca60 zu bewältigen hat, erscheint nahezu unmöglich. Er muss in Personalunion Skipper, Bootsmann, Trimmer, Navigator, Smutje und PR-Manager sein, und das 24 Stunden am Tag für 70 bis 80 Tage am Stück. Das erfordert Intelligenz, Intuition, Akribie, Multitaskingfähigkeit, Fitness und eine fast übermenschliche Resilienz gegenüber Rückschlägen.

Vielleicht ist es deshalb ganz gut, dass Boris Herrmann die Vendée Globe erst im dritten Anlauf tatsächlich in Angriff nimmt: 2020. Denn solche Eigenschaften müssen sich entwickeln; kaum einer verfügt über so viel Erfahrung und Reife in jüngeren Jahren. Er wäre früher nicht annähernd so gut, so komplett gewesen wie gerade jetzt.

Der Wahl-Hamburger, der jetzt für das Fürstentum Monaco startet, bringt noch mehr mit. Er kann nicht nur segeln, er kann seine extremen Erlebnisse auch anderen nahebringen: dreisprachig, mit dem ihm eigenen Stil und einem unter Profis raren Talent für die Erzählkunst, das sich nicht in Tweets und Posts erschöpft.

Über die Jagd nach Rekorden schrieb er in der Yacht vor wenigen Jahren: »Moderne Offshore-Rennboote segeln derart schnell, dass wir den optimalen Kurs durch die Seen weit vorher erahnen müssen. Das Gehirn antizipiert die Verformung der Wellen, Kämme und Täler, projiziert eine imaginäre Piste, bevor sie sich für ein paar Sekunden genau dort vor uns auftut, wo wir hinsteuern.«

Es liest sich wie eine Metapher auf sein Leben als Navigator und Solo-Skipper, der es vom kleinen, binnenländischen Zwischenahner Meer in den Olymp des Hochseesegelns geschafft hat, vom Opti zum Open60. Da führte eigentlich kein Weg hin. Boris Herrmann hat trotzdem einen gefunden.


Nach all den Jahren am Ziel – die Freude ist unbeschreiblich.


02

Nach jahrelangem Hinarbeiten auf die Teilnahme bei der Vendée spielen die Stunden Startverzögerung wegen Nebels keine Rolle mehr.

VON
JOCHEN RIEKER

»ES GIBT ZWEI SCHRECKLICHE ERFAHRUNGEN FÜR EINEN MENSCHEN: SEINEN TRAUM NICHT ZU ERFÜLLEN, UND IHN ERFÜLLT ZU HABEN«

BERNARD MOITESSIER,

LA LONGUE ROUTE

Es ist noch ganz still an diesem Samstagmorgen in dem charmanten Landsitz in Longeville-sur-Mer, eine halbe Autostunde südöstlich von Les Sables d’Olonne. In der weltentrückten, leicht angestaubten AirBnB-Bleibe mit den Ikea-Gästebetten hat das Team Malizia für eine Woche sein Hauptquartier bezogen – weit weg vom Trubel des Race Village.

Der frische Nordwestwind, der gegen Nachmittag in der Biskaya Sturmstärke erreichen wird, drückt durch die alten Türen und Fenster und heult leise im Kaminzug. In der Nacht hat die Heizung den Dienst quittiert; jetzt in der Früh ist das Haus, in dem bis vor ein paar Stunden noch Korken, Stimmen und Gelächter ausgelassen durch die Räume flogen, merklich ausgekühlt.

Es fühlt sich ein bisschen an wie Katerstimmung, als Boris Herrmann um halb Acht in Jogginghose und Fleecejacke die knarzende Treppe ins Erdgeschoss herunterkommt: seine Gesichtszüge noch leicht verknittert vom Schlaf und gezeichnet von drei Monaten allein auf See. Doch für Katzenjammer besteht kein Anlass, wahrlich nicht!

Vor nicht einmal zwei Tagen, am 28. Januar, hat er um 11:19 Uhr die Vendée Globe beendet, die härteste Regatta der Welt: einhand, nonstop um die Erde. Es war das Ziel, auf das er viele Jahre hingearbeitet, für das er alles gegeben hat, auch seine letzten Ersparnisse. Ein Jugendtraum, nach 80 Tagen, 14 Stunden, 59 Minuten und 45 Sekunden endlich in Erfüllung gegangen.

Und viel mehr noch: Hermann hat Segelgeschichte geschrieben.

Er ist der erste deutsche Teilnehmer des Hochsee-Klassikers, bei dem in der Regel kaum mehr als die Hälfte des Feldes ins Ziel kommt. Gleich bei der Premiere packt er das Finish, kann im Kanal von Les Sables die schwarz-rot-goldene Fahne in den diesigen Januar-Himmel recken.

Mit Platz 5 im bisher engsten Zielsprint der Vendée Globe zählt der Hamburger jetzt endgültig zu den besten Soloskippern überhaupt. Eine Platzierung, auf die er vor dem Start gehofft, die er aber bis kurz vor Kap Hoorn nie öffentlich kundgetan hatte. Ankommen wolle er, hatte er der Yacht in einem Interview gesagt, das stehe über allem, und dass das Ergebnis »sehr von der Fortüne abhängen wird«.

NUN IST ES GESCHAFFT

Boris Herrmann, schon lange zuvor der mit Abstand erfolgreichste deutsche Hochseesegler, hat alle Erwartungen erfüllt und übertroffen. Selbst die Bundeskanzlerin gratuliert ihm zur »fantastischen Leistung«. In Deutschland, lässt Angela Merkel ausrichten, »haben wir mitgefiebert«. Und das ist noch eine Untertreibung; die halbe Nation war wie elektrisiert.

Noch am selben Tag wird Herrmann von Niels Annen, dem Staatsminister im Auswärtigen Amt, für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. In Analogie zum »Sommermärchen« während der Fußball-WM 2006 sprechen manche Beobachter vom Wintermärchen, das die Republik in Atem gehalten hat. Tageszeitungen, Wochenmagazine, TV-Nachrichten, Sportsendungen und Talk-Shows werden die Ankunft noch Wochen später wie einen Sieg feiern. Fast 20 Jahre nach dem Triumph von Team Illbruck im Volvo Ocean Race erlebt der Segelsport endlich wieder einen großen, einen Boris-Moment, größer als fast alle bisherigen Erfolge – vielleicht auch deshalb, weil es lange nicht danach aussah, weil diese neunte Vendée Globe den Teilnehmern so viel abverlangte, weil Herrmann lange brauchte, um im Rennen anzukommen und weil die glimpflich verlaufene Kollision mit einem Fischtrawler in der Nacht vor der Zielankunft alles hätte zunichte machen können.

Die Ambivalenz ist ihm anzumerken an diesem Morgen, als der orangerote Dunst der Rauchtöpfe und der Phosphordampf der Handfackeln von seiner Einfahrt in den Kanal von Les Sables nur noch Erinnerung sind. Zwei Nächte lang hat sein Team ihn gefeiert, auch als er schon im Sitzen eingenickt war und sich wenig später ins Bett verzogen hatte. Die jähe Landung im neuen, alten Leben muss ihm wie ein Film vorkommen, der im schnellen Vorlauf schemenhaft an seinen Augen vorbeizieht. Oder wie eine Vollbremsung.

BLICK ZURÜCK NACH VORN

Das Rennen, sein Rennen, ist vorbei. Der Kampf um die bestmögliche Platzierung, die Sorge ums Schiff, das Alleinsein, die Erschöpfung nach dem wochenlangen Schlaf in Halb-Stunden-Einheiten, die Interpretation der meist schwierigen Wetterlagen, die schiere Summe aller Entbehrungen, die kaum jemand ermessen kann – all das liegt jetzt achteraus. Aber natürlich wirkt es nach. Noch ist es nicht sortiert, bewertet, verarbeitet, egalisiert. Es wird dauern, bis Kopf, Körper und Seele die ganzen Strapazen hinter sich lassen.

»Ein paar Wochen«, glaubt Herrmann. Es gibt ehemalige Teilnehmer, die von Monaten sprechen. Conrad Coleman brauchte vor vier Jahren »mehr als ein halbes Jahr«. Vor Boris Herrmann liegt jetzt ein Neuanfang, ein Zwischendrin. Weniger Adrenalin, kaum Endorphine, keine existenziellen Grenzerfahrungen mehr. Aber auch kein Urlaub, keine Auszeit. Das Ende der Vendée Globe bedeutet für ihn, den Berufsseemann, auch das Ende seiner Heuer, das Auslaufen seiner Sponsorenverträge, die Notwendigkeit, wieder eine Perspektive für sich und seine Mitarbeiter zu entwickeln.

Die Welt hat ihm zugejubelt, bis vorgestern. Seine Popularität, schon durch den Transatlantiktörn mit Greta Thunberg enorm gestiegen, hat einen neuen Gipfel erreicht; sie wird ihm vieles erleichtern. Er gilt als Vorzeigeathlet in einer medial noch unverbrauchten Sportart: smart, sympathisch, ehrlich, telegen.

Das sind in diesem Moment jedoch nur Potenziale, Möglichkeiten, Chancen – nicht Gehaltsschecks, mit denen er Rechnungen bezahlen und seine Familie über die Runden bringen kann. Auch das eine Realität, in die Boris Herrmann zurückgekehrt ist.



Yes! Deshalb machen wir es …

Marie Louise, von allen nur Malou genannt, robbt derweil in ihrem rosa Strampler über den kalten Parkettboden. Sie hat unruhig geschlafen und ist früh wach geworden. Herrmanns Frau Birte hat die acht Monte alte Tochter mit nach unten in den Salon des Hauses genommen. Als sie ihren Papa entdeckt, lächelt sie.

Auch der kann mit der neu gewonnenen Ruhe nicht viel anfangen. Zu viele Gedanken drängen sich nach vorn. Sie haben ihn aus dem Bett getrieben. Allen voran die Bilder von der Kollision. Wie seine Seaexplorer – Yacht Club de Monaco, die er so gut um die Welt gebracht hatte, 90 Seemeilen vor dem Ziel neben dem Stahlrumpf eines baskischen Fischtrawlers hängt, der Bugspriet zertrümmert, das Vorsegel am Fanggeschirr zerrissen, das Steuerbord-Foil angebrochen.

»Wann immer ich nicht anderweitig abgelenkt bin, frage ich mich, was gewesen wäre, wenn das nicht passiert wäre. Was ein Podiumsplatz bedeutet hätte, der ja absolut drin war«, grübelt der 39-Jährige. »Hab ich mir damit jetzt was verbaut?«

Und da ist ein weiterer Gedanke: Noch als er unmittelbar nach dem Crash auf dem Vorschiff das in Fetzen hängende Vorsegel barg, bei drei Meter Welle, und den Schaden am Bugspriet klarierte, sei ihm durch den Kopf geschossen: »Das war’s. Das kostet jetzt die kleine finanzielle Reserve, die ich als Startkapital für die nächsten Monate nach dem Rennen beiseite legen wollte.«

Dann schüttelt er sich, spannt die Schultern, lächelt ein wenig, obwohl es die Bedrückung nicht verschwinden lässt, und guckt aus dem Fenster, als ob da draußen die Zuversicht wohnte, die er jetzt braucht: »Ich weiß noch nicht, wie wir das hinkriegen«, sagt er. »Aber irgendwie wird’s schon weitergehen.«

 

Es ist diese Anpassungsfähigkeit, diese Resilienz, das, was er selbst mitunter »meine Sturheit« nennt, die Boris Herrmann über die gesamte Vendée Globe getragen hat. Manchmal war es sogar eher ein Geschlepptwerden, so ungewöhnlich hart, so unnachgiebig war das Rennen.

Der gebürtige Oldenburger hat das fast von Beginn an so beschrieben, fast ungefiltert. Er hat seine Zweifel und sein Hadern nie für sich behalten, auch nicht die Sorge ums Material.

Schon in der ersten Nacht nach dem Start, in der ersten Kaltfront der Vendée, auf die noch viele folgen werden, schreibt er von Bord: »Es ist holprig, und ich halte die Geschwindigkeit zur Sicherheit bei 20 Konten. Sehe Thomas (Ruyant) auf LinkedOut, der manchmal 27 Knoten loggt. Das scheint mir nicht durchhaltbar zu sein. Welle von vorn. Fast unmöglich zu tippen.«

Zwei Tage später, nach der Front, erzählt er in einem Video: »Eine Zeitlang bin ich mit drei Reffs (im Groß) und ohne Vorsegel unterwegs gewesen, in Winden um 40 Knoten. Das ist die Vendée Globe. Die Zweifel haben mich ein wenig aufgefressen. Ich habe gar nicht geschlafen. Ich konnte nicht schlafen.«

An diesem 11. November meldet Jérémie Beyou, der große Favorit des Rennens, seine Umkehr. Eines der beiden Ruderblätter seiner Charal ist beschädigt, dazu sind Beschläge aus dem Deck gerissen. Unverantwortlich, so weiter zu segeln. Beyou geht auf Kurs Les Sables d’Olonne, lässt reparieren, startet erneut, bleibt fortan aber chancenlos.

Sein Rückschlag ist ein frühes Fanal für die Schwere dieser Vendée. Und für Herrmann, der vor allem auf Ankommen segelt, eine Warnung: »Bloß kein unüberlegtes Risiko gehen!«

ALLES ANDERE ALS IDEAL

Auf Höhe der Kapverden legt sich ein aus der Karibik ostwärts gewanderter Hurrikan den Skippern in die Ideallinie. Schon der zweite Sturm im Nordatlantik. Der Brite Alex Thomson, Herrmanns Freund, segelt in einem kühnen Zug nahe an dessen Kern heran. Ein Husarenstück. In der Folge übernimmt er die Führung, die er danach ausbauen kann. Doch auch der Skipper der hoch-innovativen Hugo Boss erreicht den Äquator nicht in neuer Bestzeit. Er bleibt drei Tage unter dem Rennrekord von 2016, fünf Tage hinter den hoch gesteckten Erwartungen. Neue, viel längere und leistungsfähigere Tragflügel, noch extremere Rumpfformen und eine ganz neue Software-Generation für die Selbststeuerung haben die Boote im Mittel um zehn, in der Spitze bis zu 40 Prozent schneller gemacht. Fabelzeiten sollen sie ermöglichen. Doch das Wetter will nicht mitspielen. Anderthalb Wochen danach muss auch Alex Thomson abdrehen und nach Delaminationen im Bug und Ruderbruch Kapstadt anlaufen. Der zweite große Favorit ausgeschieden.

In Goltoft an der Schlei bringen die Geschwindigkeiten und Anfälligkeiten der Flügelmonster einen Segler zum Grübeln, der sich mit Extremen auskennt. Wilfried Erdmann, einziger Deutscher, der die Erde in beiden Richtungen einhand und ohne anzuhalten umrundet hat, schreibt am 30. November in seinem Blog: »20 Knoten sind meines Erachtens zu schnell, um das Wichtigste am Segeln genießen zu können: Freiheit und Wildheit. Wenn ich eine Fahrt unternehme, wende ich mich ganz natürlich der See zu. Ich liege an Deck und schaue in die Wellen. Stundenlang. All das entfällt bei den Racern. Es ist eine ganz andere Welt.«

Als ihm ein Freund die Zeilen in den Südatlantik schickt, antwortet Boris Herrmann: »Sehr weiser Mann. Was wir hier machen ist Wahnsinn. Es kracht, rumpelt und scheppert nur noch.«

Auf die Frage, wie er seinen Rekordversuch auf dem Maxi-Trimaran Idec im Vergleich empfand, auf dem er fast doppelt so schnell unterwegs war, schreibt er: »Das war easy. VG (Vendée Globe) ist krass.« Was genau? »Alleinsein«.

Noch am gleichen Tag bricht das Boot von Kevin Escoffier auseinander, als es mit hoher Geschwindigkeit in einen Wellenberg rast und dort brutal abgebremst wird. Die PRB, vor dem Start umfangreich verstärkt, läuft binnen Minuten voll mit Wasser. Escoffier kann gerade noch einen Notruf absetzen, seinen Überlebensanzug anziehen und die Rettungsinsel klarmachen, als er vom Seegang über Bord gewaschen wird. Der Super-Gau. Kurz darauf bricht die Nacht herein.

Boris Herrmann und drei weitere Skipper in der Nähe werden von der Wettfahrtleitung zu Hilfe gerufen. Als sie am Havarieort eintreffen, segeln sie Suchmuster ab, um die Insel zu finden – ein fast aussichtsloses Unterfangen bei vier bis fünf Meter hoher See und Starkwind. Doch wie durch ein Wunder gelingt Jean le Cam, dem 61-jährigen Veteran des Rennens, die Rettung Escoffiers. »Kevin ist in Sicherheit«, schreibt Herrmann am frühen Morgen an sein Team. »Gottseidank!«