Das Indische Abenteuer

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Das Indische Abenteuer
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Erstes Kapitel ~ 1832

„Ist es Ihnen recht, Sahib Major, wenn der Zug jetzt die Erlaubnis zur Abfahrt erhält?“

Der indische Aufsichtsbeamte sprach mit Respekt, während er gleichzeitig einen Blick über seine Schulter zum Bahnsteig warf, wo wildes Getümmel wogte.

Bei Ankunft des Zuges hatte der Bahnhof ein Bild heilloser Bestürzung und Verwirrung geboten. Da die Eisenbahn erst vor sehr kurzer Zeit in Indien eingeführt worden war, glaubten die Leute, ein solcher Zug müßte ein entsetzlicher, feuerspeiender Drache sein.

Die Inder, in Dhotis und Saris, manche in zerfetzte Lumpen gehüllt, andere nur mit einem Lendenschurz bekleidet, befanden sich alle in einem Zustand lautstarker Erregung. Straßenhändler schrien mit hohl tönenden Stimmen und spähten flehend durch die Fenster der mit Menschen vollgestopften Waggons, während sie Chapatis feilboten, bunt gefärbtes Konfekt, dazu orangefarbene und tiefrote Getränke. Priester in gelben Gewändern, Soldaten in scharlachroten Uniformen und schwer beladene Gepäckträger drängten sich Seite an Seite. Die unvermeidlichen leidenschaftlichen Abschiedsszenen waren zu sehen und laute Zurufe zu hören, Ermahnungen der Zurückbleibenden, die meinten, ihre Angehörigen oder Freunde setzten ihr Leben aufs Spiel, wenn sie mit diesem gefährlichen Ungeheuer reisten.

Major Iain Huntley jedoch beobachtete aufmerksam eine Gruppe von Männern, die sich hinter einem Gepäckstapel zusammendrängte. Er war überzeugt, daß diese Leute sich nur aus einem Grund hier eingefunden hatten - um Unruhe zu stiften.

Und richtig, noch im selben Moment, als der Aufsichtsbeamte sich von ihm entfernte und dabei seine rote Fahne ausrollte, brach die Hölle los. Mit lautem Geschrei stürzten die Männer vorwärts, Arme drohend erhoben oder Stöcke durch die Luft schwenkend. Fast wie von Zauberhand herbeigeführt, erschien eine Abteilung von Soldaten mit Musketen. Eilig rückte sie an, um die tobende Menge zurückzuhalten. Ihre Zahl war gering im Vergleich zu der der Unruhestifter, die es nur darauf anlegten, Verwirrung zu stiften, und mit hohen Sprüngen über die Menschen hinwegsetzten, die, auf den nächsten Zug wartend, auf dem Bahnsteig hockten, oder die kleinen Grüppchen einfach beiseite stießen - lauter Familien, die, zum Teil schlafend, bei ihren aus notdürftig verschnürten Bündeln und Paketen bestehenden Habseligkeiten saßen. Zu jeder Gruppe gehörte eine große Kinderschar, und auch die unvermeidlichen Ziegen fehlten nicht.

Der plötzliche Ansturm von hinten überraschte die Leute. Schreiend warfen sie sich zu Boden, und das Weinen ihrer Kinder und das Meckern ihrer Ziegen vermischte sich mit dem allgemeinen Tumult. Chapatis flogen nach allen Richtungen, die schweren Gläser mit den grellbunten Getränken zersprangen, eine Ziege riß sich los und galoppierte, von ihrem Eigentümer hitzig verfolgt, den Bahnsteig entlang.

Major Huntley tröstete sich mit dem Gedanken, daß die Soldaten das Chaos schon in den Griff bekommen würden, wenn der Zug erst abgefahren war, und er begab sich ohne Eile zu seinem eigenen Abteil, an dessen offener Tür er seinen Diener sehen konnte, der ihn dort erwartete.

Die Räder begannen sich zu drehen, und das Schnauben und Zischen der Lokomotive übertönte alle anderen Geräusche. Allein von der Größe her schien die in England gebaute Maschine alles andere zu erdrücken.

Major Huntley war schon fast bei seinem Abteil, als zu seiner Überraschung plötzlich die Tür nebenan aufflog und eine Frau in Weiß auf den Bahnsteig hinaus sprang. Mit der Geistesgegenwart eines Mannes, der an das Unerwartete gewöhnt ist, erkannte er sofort, daß sie ein kleines Kind retten wollte, das, von den Anführern umgestoßen, hilflos und unbeachtet auf dem Bahnsteig lag, der Gefahr ausgesetzt, zertrampelt zu werden. So klein es war, kaum mehr als ein Bündel Lumpen, schrie es doch wie am Spieß.

Eine Sekunde bevor ihre ausgestreckten Arme nach dem Kind greifen konnten, riß Major Huntley die Frau herum und stieß sie in den Waggon zurück.

Der Zug rollte bereits mit stetig wachsender Geschwindigkeit vorwärts. Major Huntley blieb keine Zeit mehr, sein eigenes Abteil zu erreichen. Er schwang sich deshalb nach der Frau in den Wagen und schloß die Tür hinter sich. Als er sich umdrehte und hinaus blickte, sah er einen Wald drohend erhobener Fäuste und hörte die wütenden Schreie der Aufrührer, die sich wie eine um ihre Beute betrogene Meute Schakale gebärdete.

Während das Rattern der Räder schneller wurde und der Bahnsteig zurückblieb, wandte sich Major Huntley der Frau zu, die er so wenig artig in ihr Eisenbahnabteil befördert hatte.

Zu seiner Verwunderung war sie jung und ungewöhnlich hübsch. Sie hatte ihren Hut abgelegt. Das Haar fiel ihr in dunklen Locken um die weiße Stirn, während sie ihn aus großen, dunklen Augen, in denen goldene Lichtreflexe blitzten, zornig ansah.

„Dank Ihres Eingreifens“, bemerkte sie mit Schärfe, „kommt das kleine Kind nun bestimmt um.“

„Was tun Sie hier und wer sind Sie?“ fragte er mit beinahe unhöflicher Direktheit.

Er setzte sich, während er sprach, und sah sich mit ungläubiger Miene um. Er schien erwartet zu haben, daß sie in Begleitung reiste.

Jetzt jedoch stellte er fest, daß die Frau allein war, und ehe sie auf seine Frage antworten konnte, fügte er hinzu: „Wie kommen Sie in diesen Zug? Sie haben keine Berechtigung dazu.“

„Ich war der Meinung, daß jeder mit der Eisenbahn fahren kann, solange er seine Fahrkarte bezahlt.“

„Aber nicht mit diesem Zug! Er geht nach Saugor.“

„Ja, das weiß ich. Genau da möchte ich hin.“

„Nach Saugor?“

Das junge Mädchen richtete sich kerzengerade auf.

„Ich darf wohl annehmen“, bemerkte es nach einem Moment des Schweigens, „daß Sie die Befugnis haben, mich auf diese Weise ins Verhör zu nehmen?“

„Ich habe jede Befugnis dazu“, erwiderte Major Huntley mit Bestimmtheit. „Ich habe Befehl gegeben, keine Europäer nach Saugor reisen zu lassen. Die Stadt ist gegenwärtig Sperrgebiet.“

„Warum?“

Die Frage verlangte eine Antwort, doch er wich aus.

„Das hat amtliche Gründe“, erwiderte er. „Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

Er merkte schon, während er noch sprach, daß sie auch gar nicht die Absicht hatte, dies zu tun, deshalb schlug er jetzt einen gedämpfteren Ton an.

„Vielleicht“, meinte er, „sollten wir uns erst einmal miteinander bekannt machen. Ich bin Iain Huntley, bei den Bengal Lancers, wie Sie gewiß an meiner Uniform erkennen können, im Augenblick aber im Sondereinsatz im hiesigen Gebiet.“

Major Huntley schwieg und wartete auf eine Erwiderung. Das Mädchen, dachte er, war viel zu hübsch und zu jung, um ganz allein in Indien herumzureisen, schon gar in dieser Gegend und zu dieser Zeit.

Das Schweigen zog sich in die Länge. Es war, als ärgerte es sie, ihm Auskunft geben zu müssen. Schließlich jedoch schien sie zu dem Schluß zu gelangen, daß es keinen Sinn hatte, störrisch zu sein.

„Mein Name ist Brucena Nairn“, sagte sie mit offenkundigem Widerstreben.

„Und Sie reisen nach Saugor?“

„Ja.“

„Darf ich fragen, wieso?“

„Ich besuche Freunde.“

„Glauben Sie mir, es ist nicht müßige Neugier“, versicherte Major Huntley, „aber ich würde gern wissen, wie Ihre Freunde heißen.“

Wieder hatte er das Gefühl, daß sie ihm am liebsten eine Abfuhr erteilt und ihn aufgefordert hätte, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

Sie war immer noch verärgert - er sah es in ihren Augen, die, fand er jetzt, sehr ausdrucksvoll waren. Obwohl dunkel, war ein Strahlen in ihnen wie das der Sonne, die in wenigen Stunden das Land draußen in eine Hölle sengender Hitze verwandeln würde.

„Ich besuche“, erklärte sie endlich mit melodischer Altstimme, „Captain Sleeman und seine Frau.“

Major Huntley starrte sie ungläubig an.

„Die Sleemans?“ fragte er. „Ist das die Möglichkeit?“

„Finden Sie es denn so unwahrscheinlich?“ fragte Brucena Nairn zurück.

„Ich kann mir nicht vorstellen, daß William Sleeman Besuch erwartet - Besuch wie Sie, und mich nicht davon unterrichtet hat oder geeignete Vorbereitungen für Ihren Empfang getroffen hat.“

Brucena Nairn zuckte die Achseln.

„Wenn Sie diese Einstellung haben, gibt es für mich keinen Grund, noch mehr dazu zu sagen.“

Mit trotziger Gebärde hob sie den Kopf und blickte angelegentlich zum Fenster hinaus, als wäre das Gespräch hiermit für sie beendet.

Beinahe wider Willen mußte Iain Huntley lächeln. Diese Feindseligkeit, fand er, hatte etwas Erheiterndes angesichts der Tatsache, daß diese hübsche kleine Person keinerlei Recht hatte, in diesem Zug zu reisen, geschweige denn, ihm in dieser Hinsicht Widerpart zu bieten. Er hielt es für klug, einzulenken.

„Ich muß mich entschuldigen, Miss Nairn“, sagte er, „aber ich muß gestehen, Ihre Mitteilung hat mich überrascht. Seit einer Woche ist Saugor für alle Europäer gesperrt. Sie haben es ja eben am Bahnhof selbst miterlebt - es hat Unruhen gegeben in letzter Zeit, und wenn Sie zurückgeblieben wären, dann wären Sie möglicherweise in eine höchst unerfreuliche Situation geraten.“

„Worüber regen sich die Leute denn auf?“ erkundigte sich Brucena Nairn.

„Ach, um diese Jahreszeit gibt es meistens Unruhen“, antwortete Major Huntley ausweichend. „Aber ich begreife immer noch nicht, weshalb Captain Sleeman mich nicht davon unterrichtet hat, daß er Sie erwartet.“

Mit leichtem Erstaunen sah er, daß das junge Mädchen, das ihm gegenübersaß, schwach errötete und sehr unruhig wurde.

„Es stimmt doch, daß er und Mrs. Sleeman Sie erwarten?“ fragte er in verändertem Tonfall.

 

Einen Moment lang blieb es still, ehe Brucena Nairn mit leiser Stimme antwortete: „Ich - ich, hoffe es.“

„Sie hoffen es!“ wiederholte Major Huntley. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir erklären würden, was hier eigentlich vorgeht und wieso Sie hier sind.“

„Es besteht kein Anlaß -“, begann Brucena.

Dann traf ihr Blick den Major Huntleys, und beinahe gegen ihren Willen gab sie klein bei. Er hatte etwas an sich, dachte sie, das sehr gebieterisch wirkte, und das brachte sie gegen ihn auf; gleichzeitig aber war ihr klar, daß sie ihm nicht weiter trotzen konnte.

„Es ist - so“, erklärte sie deshalb. „Captain Sleeman ist mein Vetter.“

„Und er hat Ihnen vorgeschlagen, ihn in Indien zu besuchen“, warf Major Huntley ein, der glaubte, jetzt begriffen zu haben.

„Äh - nicht direkt.“

Die Worte kamen zögernd, und er blickte Brucena Nairn forschend an, ehe er weitersprach.

„Was meinen Sie damit?“ fragte er.

„Die Frau meines Vetters, Mrs. Sleeman, hat mir geschrieben und angefragt, ob ich ihr behilflich sein könnte, ein Kindermädchen zu finden. Sie - sie erwartet im nächsten Jahr ein Kind.“

Feine Röte stieg Brucena in die Wangen, als bereitete es ihr Verlegenheit, von so intimen Dingen zu sprechen, und Major Huntley sagte rasch: „Ja, ja. Das weiß ich.“

„Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um eine anständige Person zu finden, die bereit gewesen wäre, nach Indien zu gehen, aber sie haben alle abgelehnt.“

Brucena fiel wieder ein, wie es gewesen war. Unmöglich, die schottischen Mädchen in Invernessshire davon zu überzeugen, Indien schön zu finden und eine Anstellung in diesem fremden Land wünschenswert. Nicht nur die Mädchen selbst waren gegen eine solche Reise gewesen, sondern noch mehr ihre Mütter.

„Ich laß doch meine Tochter nicht zu den Heiden gehen“, sagten sie, eine wie die andere. „Nein, sie bleibt hier, wo ich sie im Auge habe.“

„Aber es wäre doch ein großes Erlebnis, und man könnte viel dabei lernen“, hatte Brucena vorgebracht.

Worauf eine aufrechte Schottin erwidert hatte: „Meine Tochter kann auf solche großen Erlebnisse in ihrem Alter verzichten. Wenn Sie das so verlockend finden, Miss Brucena, warum fahren Sie dann nicht selbst rüber?“

Diese Antwort war es gewesen, die Brucena überhaupt erst auf den Gedanken gebracht hatte.

Im Moment hatte sie nur gelacht, aber später, als alle ihre Bemühungen, für Cousine Amelie ein Kindermädchen aufzutreiben, nichts fruchteten, war allmählich das Gefühl in ihr erwacht, daß Indien sie rief und es töricht von ihr wäre, diese Aufforderung auszuschlagen.

Zu Hause war sie schon seit langem nicht mehr glücklich, seit jener Zeit nicht mehr, als sie das Alter erreicht hatte, um zu erkennen, daß ihr Vater, der sich immer einen Sohn gewünscht hatte, nur bittere Enttäuschung empfand, wenn er sie sah.

General Nairn hatte nur zwei Interessen im Leben - sein Regiment und die Erhaltung des Namens seiner Familie. Seine größte Freude war es, in den Büchern zu blättern, in denen er die Geschichte der Nairns durch den Lauf der Jahrhunderte verfolgen konnte, um aufgrund der Aufzeichnungen zu beweisen, daß seine Vorfahren immerhin gefürchtete Kämpfernaturen gewesen waren.

Wohl schon zu einer Zeit, als er selbst noch ein Junge gewesen war, hatte er von dem Tag geträumt, an dem er Seite an Seite mit einem Sohn in den Kampf ziehen würde, um seine Kriegstrophäensammlung zu vergrößern, die die Wände von Schloß Nairn zierte.

Ich bin für Papa nur ein Mißgeschick, sagte sie sich, noch ehe sie neun Jahre alt war. Und in den Jahren darauf wurde ihr immer klarer, wie tief sein Groll gegen sie sein mußte, weil sie nicht der Sohn war, den er sich so sehnlich gewünscht hatte. Allein ihr Vorname brachte es ihr täglich von Neuem zu Bewußtsein.

,Bruce‘ - das war in der Familie der Nairns ein Name mit Tradition. Ihr Vater hatte sie ,Brucena‘ getauft, so als wollte er sich gegen den Willen der Götter auflehnen, die ihm den ersehnten Sohn verweigert hatten.

Vor zwei Jahren schließlich, als Brucenas Mutter gestorben war, hatte sich ihr Vater mit beinahe unziemlicher Eile wieder verheiratet. Er hatte eine junge Frau gewählt, die nur drei Jahre älter war als seine eigene Tochter; von der Erscheinung her jedoch hatte sie mit Brucena keine Ähnlichkeit. Man hätte sie vielleicht als ,gute Zuchtmutter' bezeichnen können.

Jean, eine robuste, kräftig gebaute Person ohne jeden Schimmer von Schönheit, war stolz darauf gewesen, die Frau des Herrn von Schloß Nairn zu werden; von dem Tag an jedoch, als sie ihrer Stieftochter zum ersten Mal begegnete, brachte sie dieser nur Abneigung entgegen. Es war unvermeidlich, daß Brucenas Schönheit, die Anziehungskraft, die sie auf Männer ausübte, den Neid einer so jungen Stiefmutter erweckte.

Die Spannungen, die zwischen Brucena und ihrem Vater immer bestanden hatten, vertieften sich, als die junge Frau ins Schloß einzog. Und als Jean dann vor sechs Monaten den heiß ersehnten Sohn und Erben zur Welt gebracht hatte, war Brucenas Lage auf Schloß Nairn unhaltbar geworden.

Ihr Vater fand ständig etwas an ihr auszusetzen oder zu bemängeln. Sie bemühte sich, den Haß in den Augen ihrer Stiefmutter zu ignorieren, aber sie war überzeugt, daß auch der verwöhnte und vergötterte kleine Sohn schon bald lernen würde, sie zu hassen.

Ich muß von hier fort, hatte sie nicht einmal gedacht, sondern tausendmal, doch sie wußte nicht, wohin sie sich wenden sollte.

Ihre Verwandten väterlicherseits wollten sie nicht bei sich aufnehmen, das wußte sie; sie hätten es auch unpassend gefunden, ihr eine Heimat zu bieten, ohne von ihrem Vater darum gebeten worden zu sein. Brucena hatte zwar ihrem Vater gegenüber dieses Thema nie erwähnt, aber sie war überzeugt, sein Stolz würde ihm niemals erlauben, seine Verwandten um eine Gefälligkeit zu bitten. Die meisten von ihnen interessierten ihn sowieso nicht, und er lud sie nur höchst selten aufs Schloß ein.

Brucenas einziger Besitz war ein kleines Vermögen von dreihundert Pfund, das ihre Großmutter ihr hinterlassen hatte. Sie war streng ermahnt worden, das Geld nicht auszugeben. Ihr Vater, das war ihr klar, betrachtete dieses Sümmchen als Teil ihrer Mitgift, einen Grundstock sozusagen, der es ihm ersparen würde, ihr im Fall einer Verheiratung so viel mitzugeben, wie eigentlich standesgemäß gewesen wäre.

Jetzt erkannte Brucena, daß dieses Geld ein Gottesgeschenk war, da sie eigenmächtig darüber verfügen konnte. Es ermöglichte ihr, die Passage nach Indien aus eigener Tasche zu bezahlen.

Lange Zeit überlegte sie hin und her, ob sie ihren Vater von ihren Plänen in Kenntnis setzen sollte, schließlich aber entschied sie sich dagegen. Sie wußte, daß er sie nicht mochte, aber sie hatte gleichzeitig das Gefühl, daß er es als ganz angenehm empfand, jemanden zur Hand zu haben, den er herumkommandieren und demütigen konnte. Sie war zur Stelle, und wenn er über irgend etwas verärgert war, konnte er an ihr seinen Zorn auf eine Art und Weise auslassen, wie er das anderen gegenüber nicht gewagt hätte.

Brucena schien es plötzlich, als wäre alles eine Fügung des Schicksals, und sie hatte auch schon einen Plan. Es bereitete ihr kaum Schwierigkeiten, ihn in die Tat umzusetzen.

Eine Freundin, ihre einzige gute Freundin eigentlich seit sie aus den Kinderschuhen heraus war, lud Brucena ein, sie und ihre Eltern nach Edinburgh zu begleiten.

„Papa und Mama werden sehr beschäftigt sein“, erzählte sie Brucena. „Papa muß nämlich die ganze Prominenz in Empfang nehmen, die zur Truppeninspektion aus Süd-England heraufkommt. Und da meine Eltern Sorge haben, daß ich mir dann vielleicht ganz einsam und verlassen vorkomme, meinten sie, ich sollte dich fragen, ob du Lust hättest, mitzukommen. Wir können uns die Läden ansehen, und vielleicht bekommen wir sogar eine Einladung zu einem Ball. Ein Spaß wäre es auf jeden Fall, wenn wir zusammen sein könnten.“

„Ja, sicher!“ stimmte Brucena ihr zu.

Sie fürchtete, ihr Vater würde ihr nicht so ohne weiteres die Erlaubnis zu der Reise nach Edinburgh geben, doch zu ihrer Überraschung erklärte er, der Ausflug wäre ein guter Gedanke, sie sollte nur nicht allzu lange fortbleiben. Diese Bedingung, dachte sie, stellte er nur, weil er ihr im Grunde jedes Vergnügen mißgönnte - wenn auch nicht mehr in dem Maß wie noch vor einem Jahr, vor der Geburt seines Sohnes und Erben.

In Wirklichkeit, sagte sich Brucena, als sie schließlich, von ihrem Vater und ihrer Stiefmutter recht lieblos verabschiedet, die Reise antrat, waren die beiden wohl froh, sie auf eine Weile los zu sein. Somit brauchte sie aber auch wegen ihrer geheimen Pläne kein schlechtes Gewissen zu haben.

Sie blieb eine Woche in Edinburgh. Während dieser Zeit kaufte sie heimlich die Dinge ein, die sie ihrer Meinung nach für die Reise nach Indien brauchen würde.

Sie war intelligent genug, die weite Reise in ein ihr völlig fremdes Land nicht antreten zu wollen, ohne sich zuvor einige Kenntnisse über Land und Leute anzueignen, doch zu Hause war es schwierig gewesen, Bücher zu den sie interessierenden Fragen zu finden. In den Buchhandlungen von Edinburgh aber fand sie reichlich Material über Indien, und es dauerte nicht lange, da hatte sie eine richtige kleine Bibliothek beisammen. Sie wußte, daß sie während der Überfahrt genug Zeit haben würde, die Bücher gründlich zu studieren.

Ihren Freunden in Edinburgh erklärte sie, daß sie nach Hause zurückkehren müßte, da ihr Vater sie erwartete. Statt dessen jedoch nahm sie einen Zug nach London.

Jetzt, dachte sie, während der Zug südwärts rollte, begann das richtige Abenteuer.

Seltsamerweise war Brucena ganz überzeugt davon, daß sie imstande war, allein durchzukommen, und daß sie Indien sicher und wohlbehalten erreichen würde. Mrs. Sleeman hatte ihr brieflich genau erklärt, wie das zukünftige Kindermädchen am besten reisen sollte.

Nachdem Brucena die eng beschriebenen Seiten des Briefes von Cousine Amelie überflogen hatte, mußte sie unwillkürlich lächeln. Als handelte es sich um den Transport eines wertvollen Pakets, dachte sie, das auf der Reise nicht beschädigt werden durfte.

Sie erfuhr, daß die P. & O. alles Notwendige erledigen und daß sich eine Anstandsdame für das junge Mädchen gewiß unter den Passagieren finden lassen würde, die zweiter Klasse reisten.

Cousine Amelie hatte geschrieben: Ganz sicher reisen auf dem Schiff auch Missionare oder christliche Frauen irgendwelcher Organisationen nach Bombay. Geld würden sie für ihre Dienste nicht annehmen, da sie ja aus christlicher Nächstenliebe handeln, aber Du mußt dem Mädchen, das Du herüberschickst, auf jeden Fall ein angemessenes Geschenk mitgeben, mit dem sie sich für die gütige Hilfe revanchieren kann.

Bei der P. & O. erzählte Brucena allerdings eine ganz andere Geschichte.

„Ich muß nach Indien reisen, wo ich Verwandte besuchen werde“, erklärte sie, „aber unglücklicherweise ist die Dame, die mich begleiten sollte, erkrankt, und nun frage ich mich, ob Sie vielleicht jemanden ausfindig machen können, der so freundlich wäre, sich auf der Überfahrt meiner anzunehmen.“

Der Angestellte betrachtete Brucenas hübsches Gesicht und sagte sich, daß eine so attraktive junge Frau in der Tat dringend eine Anstandsdame brauchte. Wie Mrs. Sleeman vorausgesehen hatte, war er gern bereit, Brucena behilflich zu sein.

„Ich glaube, ich weiß genau die richtige Dame für Sie, Miss Nairn“, meinte er. „Pastor Grant und seine Gemahlin reisen nach Bombay zurück, und ich bin sicher, Mrs. Grant wird gern bereit sein, Ihnen auszuhelfen, wenn ich ihr die Umstände erkläre.“

„Es wäre sehr nett, wenn Sie das tun würden“, erwiderte Brucena.

Der Gesichtsausdruck des Angestellten verriet ihr, daß der junge Mann sich alle erdenkliche Mühe geben würde, ihr zu helfen.

Mrs. Grant und ihr werter Herr Gemahl erwiesen sich als höchst rechtschaffene, aber äußerst langweilige Leute. Offiziell nahmen sie Brucena unter ihre Fittiche der Ehrbarkeit, doch sie versuchten nicht, über sie zu bestimmen, so daß Brucena im Grunde tun und lassen konnte, was sie wollte. Sie saß viel über ihren Büchern, aber es machte ihr auch Spaß, an den sportlichen Veranstaltungen an Bord teilzunehmen, und abends fand sie sich sehr zum Ärger anderer junger Frauen stets im Mittelpunkt bewundernder Männerblicke.

Es war tatsächlich das erste Mal in ihrem Leben, daß sie sich völlig frei fühlte und nicht ständig damit rechnen mußte, gemaßregelt zu werden. Es war herrlich, die eigene Meinung äußern zu können, ohne dafür sofort eins auf den Mund zu bekommen, und es war ihr eine Genugtuung zu wissen, daß ihr Vater, wie immer er auch über den Betrug denken mochte, den sie an ihm begangen hatte, nichts gegen sie unternehmen konnte.

 

Sie hatte eine, wie es ihr schien, astronomische Summe Geldes für die Schiffspassage und ihre Kleidung ausgegeben, aber es blieb noch immer etwas Geld übrig.

Jetzt, wo sie den Sprung ins Wasser gewagt und ihr Zuhause verlassen hatte, wußte sie, daß sie niemals zurückkehren würde. Und wenn die Sleemans nicht bereit sein sollten, sie bei sich aufzunehmen, würde sie sich einfach anderswo eine Anstellung suchen.

Vor der Abfahrt des Schiffes hatte sie ihnen ein Telegramm folgenden Wortlauts geschickt: ,Habe Mädchen, wie von Euch gewünscht, gefunden. Einzelheiten folgen. Alles Liebe, Brucena.’

Absichtlich gab sie das Datum ihrer Ankunft nicht bekannt und erklärte auch nicht, daß statt des Kindermädchens, auf das Cousine Amelie wartete, sie selbst kommen würde. Dies war eine Vorsichtsmaßnahme, die sie nur deshalb traf, weil sie fürchtete, die Sleemans würden vielleicht mit ihrem Plan nicht einverstanden sein und sie postwendend wieder nach Hause zurückschicken, sobald sie Bombay erreicht hatte.

Sie werden glauben, sagte sie sich, daß das Kindermädchen in ungefähr einem Monat eintrifft und daß der Brief, den ich nie schreiben werde, die nötigen Erklärungen darüber enthält, wer das Mädchen ist und weshalb ich es für den Posten geeignet halte.

Sie hatte sich alles genau überlegt und sie war überzeugt, wenn sie erst einmal in Saugor war und sich bereit zeigte, alles zu tun, was von ihr verlangt wurde, dann würde es den Sleemans äußerst schwer fallen, sie zur Heimkehr zu zwingen.

Wenigstens auf ein Weilchen werden sie mich behalten müssen, sagte sich Brucena.

Doch obwohl sie ihre innere Unsicherheit immer wieder dadurch beschwichtigte, daß sie sich sagte, sie würde ein viel besseres Kindermädchen abgeben als irgendein ungehobeltes schottisches Bauernmädchen, war ihr nicht ganz wohl. Sie konnte das Gefühl nicht recht loswerden, daß sie vielleicht im Begriff war, sich Leuten aufzudrängen, die sie gar nicht haben wollten.

Vetter William allerdings war immer sehr nett und freundlich zu ihr gewesen. Sie erinnerte sich, daß er ihre Familie einmal auf Schloß Nairn besucht hatte. Sie selbst war damals noch ein Kind gewesen und hatte ihn wegen seiner Klugheit sehr ehrfurchtgebietend gefunden. Als er ein paar Jahre später noch einmal gekommen war, ein großer Mann mit kastanienbraunem Haar und blauen Augen unter einer hohen Stirn, hatte sie gehört, daß er Arabisch, Persisch und Urdu sprach.

Er stammte aus Cornwall wie ihre Mutter. Seine Familie und die ihrer Mutter waren jahrhundertelang Nachbarn gewesen. Aufgrund seiner Intelligenz war er, gerade Mitte dreißig, von seinem Regiment abberufen worden, um einen Posten in der Zivilverwaltung zu übernehmen, und General Nairn war beeindruckt gewesen, weil er wesentlich früher als die meisten Männer seines Jahrgangs zum District Officer in Zentralindien ernannt wurde.

Drei Jahre war es her, daß Captain Sleeman, wie er selbst dem General brieflich mitgeteilt hatte, vom neuen Generalgouverneur, Lord William Bentinck, in ein wichtiges Amt berufen worden war.

„Er ist der richtige Mann für diesen Posten“, hatte der General mit dröhnender Stimme festgestellt, nachdem er den Brief beim Frühstück gelesen hatte.

„Was ist das für ein Posten, Papa?“ hatte sich Brucena erkundigt.

„Sein Titel lautet Superintendent for the Suppression of Thuggee“, erklärte der General. „Das heißt, ihm obliegt es, die Kaste der Thugs ein für allemal in die Schranken zu weisen. Aber davon verstehst du sowieso nichts.“

Sein Ton war geringschätzig. Nicht nur war er der Auffassung, daß die Frau mit einem minderen Intellekt ausgestattet sei, der über Küche und Kinderzimmer nicht hinausreichte. Er hielt auch Brucenas Neugier für unangebracht, die sie veranlaßte, ihm Fragen zu stellen, die er lieber von einem Jungen als von einem Mädchen gehört hätte.

„Ich habe einiges über die Thugs gelesen, Papa“, hatte Brucena zurückgegeben. „Sie gehören einer geheimen Kaste an, die die Göttin Kali verehrt und die es für ihr heiliges Recht hält, Menschen zu erdrosseln.“

„Es gehört sich wirklich nicht für dich, dich mit solchen Dingen zu befassen“, stellte der General unwirsch fest, „aber William wird diese Scheußlichkeiten bald abstellen.“

„Wie will er das denn machen?“

„Man hat ihm fünfzig berittene Irreguläre und vierzig Sepoy Infanteristen zur Verfügung gestellt“, erwiderte der General ungeduldig. „Das dürfte reichen. So eine Aufgabe hätte ich auch gern übernommen, als ich noch jünger war.“

So vieles hätte Brucena gern noch gefragt, aber ihr Vater war ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer marschiert und hatte William Sleemans Brief mitgenommen. Sie wußte, es war hoffnungslos, ihm weitere Fragen zu stellen.

Sie hatte deshalb auf eigene Faust versucht, soviel wie möglich über die Thugs in Erfahrung zu bringen, aber ohne großen Erfolg. Selbst die Bücher, die sie sich in Edinburgh kaufte, sagten ihr kaum mehr, als sie nicht schon wußte.

Während sie jetzt Major Huntley gegenübersaß, der sie, wie sie meinte, mißtrauisch musterte, erklärte sie: „Mein Vetter bat mich, ein Kindermädchen für seine Frau zu engagieren. Aber so ein Mädchen, wie sie es gern haben wollten, konnte ich nicht auftreiben. Deshalb - deshalb bin ich selbst gekommen.“

Major Huntley lächelte.

„Ohne den beiden eine Chance zu lassen, Sie abzulehnen?“

„Ja.“

„Jetzt begreife ich allmählich. Aber Sie haben die Schiffsreise von England hierher doch gewiß nicht ohne Begleitperson unternommen?“

„Nein. Bis Bombay war ich in Begleitung von Pastor Grant und seiner Frau. Sie haben sich sehr aufmerksam um mich gekümmert. Sie haben sogar noch jemanden ausfindig gemacht, der mich von Bombay bis Bhopal begleiten sollte, aber leider wurde die Dame im letzten Moment krank. Da ich nicht länger warten wollte, bin ich einfach allein gefahren.“

„Ich sehe schon, Sie sind eine sehr unternehmungslustige junge Dame“, stellte Major Huntley fest. „Aber Sie wissen doch wohl, daß es für eine Frau, ob verheiratet oder nicht, undenkbar ist, allein in Indien herumzureisen?“

„Ich dachte, die Engländer hätten hier in Indien alles gut unter Kontrolle“, gab Brucena herausfordernd zurück.

„Wir tun unser Bestes“, erwiderte Major Huntley. „Ich glaube allerdings kaum, daß Sie in England ohne Anstandsdame oder Zofe reisen würden.“

„Ich kann allein für mich sorgen.“

„Gerade das bezweifle ich. Auf jeden Fall sollten Sie das nicht gerade in diesem Land ausprobieren.“

Brucena dachte an die schreienden, tobenden Menschen am Bahnhof. Keinesfalls wollte sie Major Huntley merken lassen, daß der Tumult ihr tatsächlich ziemliche Angst eingejagt hatte. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht geben. Und was wohl aus dem weinenden kleinen Kind geworden war, wagte sie sich gar nicht vorzustellen.

„Nun, jetzt kann ich mich ja für den Rest Ihrer Reise um Sie kümmern“, stellte Major Huntley fest. „Ich kann mich allerdings des Gefühls nicht erwehren, daß Ihr Erscheinen den Captain einigermaßen überraschen wird.“

„Arbeiten Sie mit ihm zusammen?“ fragte Brucena.

„Ja.“

„Wieso haben Sie dann einen höheren Rang als er?“ Major Huntley lächelte.

„Ihr Vetter ist Beamter bei der Zivilverwaltung, direkt vom Generalgouverneur in sein Amt berufen. Er ist der Verwalter eines sehr großen Gebiets, während ich das Kommando über die Soldaten habe.“

Das war, wie Brucena später entdecken sollte, eine grobe Untertreibung der besonderen Aufgaben, mit denen Iain Huntley betraut war, doch jetzt lächelte sie nur.

„Wenn Sie mit meinem Vetter William zusammenarbeiten, dann könnten Sie mir vielleicht etwas über die Thugs erzählen? Seit ich vor fast drei Jahren erfahren habe, daß mein Vetter auf diesen Posten berufen worden ist, interessiere ich mich sehr für die Thugs, aber es ist schwierig, Näheres über sie zu erfahren.“