Queer*Welten 03-2020

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Aus der Reihe: Queer*Welten #2
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https://queerwelten.de


Ach je Verlag

Berlin - AT&Tlantis - Tschuri

https://ach.je

Impressum

Herausgeberinnen:

Judith Vogt, Lena Richter, Kathrin Dodenhoeft

1. Auflage

©2020 Ach je Verlag

ein Imprint des Amrun Verlag, Traunstein

Layout: Kathrin Dodenhoeft

Covergestaltung Thiemo Pitsch

Queer*Welten Logo: Milan Dangol

https://milandangol.de

Ebook Herstellung im Verlag

ISBN 978-3-947720-57-6 (Heft)

ISBN 978-3-95869-484-2 (E-Book)

Inhaltsverzeichnis

1  Impressum

2  Vorwort

3  Präventive Devastation Über Anne Neuschwander

4  Heldi*innen-Collage Schwarze Heldinnen – Empowerment & Inspiration Über Patricia Eckerman Lieber Held Über Judith C. Vogt Hauptfigur mit Emanzipations­hintergrund oder: Wie man’s macht, isses falsch Über Susanne Pavlovic Mosaik Über Lena Richter Alte Sehnsüchte und neue Utopien Über Sarah Stoffers Heldin Über Iris Villiam

5  Eine alte Liebe Über Daniela Schreiter

6  That Escalated Quickly Über Oliver Kontny

7  Lasst uns die Phantastik zerstören Über Frank Reiss

8  Queer*Welten – Der Queertalsbericht 04/2020

9  Über unseren Cover-Künstler: Thiemo Pitsch

Orientierungsmarken

1 Inhaltsverzeichnis

2  Schmutztitelseite

3  Impressum

4  Hauptteil

5  Vorwort

6  Hauptteil

7  Hauptteil

8  Hauptteil

9  Hauptteil

10  Hauptteil

11  Hauptteil

12  Hauptteil

13  Hauptteil

14  Hauptteil

15  Hauptteil

16  Hauptteil

17  Cover


Vorwort

Liebe Leser*innen, dass wir in Geschichten auch immer einen Blick auf Held*innen werfen, versteht sich von selbst. Doch was ist für uns heldenhaft? Hat sich das verändert? Ist die Zeit des Heroismus vorbei? Aşkın-Hayat Doğans junge Hauptfigur stellte sich solche Fragen schon in Ausgabe 2 – und auch für Ausgabe 3 erreichten uns zunehmend Texte, die sich mit dem Konzept „Held*in“ beschäftigten. Wir konnten nicht widerstehen: Hiermit haltet ihr die erste thematisch fokussierte Ausgabe von Queer*Welten in den Händen!

 Frank Reiss’ Essay spricht davon, wie queeres Erzählen die Phantastik zerstört – im besten Sinne. Wir brauchen nicht nur queere Held*innen, sondern möchten auch Welten, Kontexte und Storys gegen den Strich bürsten.

 Dann versuchen wir uns an einem neuen Format: Eine Collage aus sechs Kurztexten wirft drei fiktionale und drei autobiografische Schlaglichter auf Held*innen.

 „That escalated quickly“ von Oliver Kontny spielt mit klassischen Fantasytropes und -held*innen und treibt sie zu aberwitzigen Spitzen.

 In „Präventive Devastation“ von Anne Neuschwander wird die Protagonistin unfreiwillig zur Heldin – nur sie kann die Menschheit noch retten. Aber wird ihr das gelingen?

 Im Comic von Daniela Schreiter aka Fuchskind begegnen wir zwei Heldinnen einer Lovestory, die man sonst nur selten sieht.

 Im Queertalsbericht werfen wir Blicke auf Fantasy und Science-Fiction, auf (virtuelle) Ausstellungen, Podcasts und das Online-Rahmenprogramm der Frankfurter Buchmesse.

 Und nicht zuletzt bietet uns das ­Cover von Thiemo Pitsch mit seiner Space-Drag-Queen ungewöhnliches Held*innentum im luftleeren Raum.

Nicht im luftleeren Raum hingegen schwebt Queer*Welten: Wir danken euch für eure Treue als Lesende, dafür, dass ihr über Queer*Welten redet, dass ihr sie rezensiert, verschenkt, empfehlt. Es ist ein hartes Jahr für Kleinverlage, der Ach Je Verlag, bei dem unser Zine erscheint, hat bislang etwa 20 % des Vorjahresumsatzes gemacht. Die nächsten drei Ausgaben sind unter anderem dank großzügiger Spenden gesichert (1000 Dank dafür!), aber wie es 2021 weitergeht, wird sich zeigen. Wie immer könnt ihr helfen und zum Beispiel ein Steady-Abo bei Ach Je abschließen, Queer*Welten abonnieren, unser Magazin rezensieren und Freund*innen zu Weihnachten schenken. Leider drehen sich die meisten dieser Maßnahmen wieder einmal um Geld. Wir wünschten, es wäre anders. Aber ihr könnt uns noch einen Gefallen tun: Sendet uns weiterhin Geschichten! Denn auch die brauchen wir, damit Queer*Welten fortbesteht.

Doch auch andere sind auf Geld angewiesen: Auch in diesem Jahr beteiligen wir uns mit anderen deutschsprachigen Autor*innen an einer Spendenaktion, mit der ihr beispielsweise die Seenothilfe oder die queere Jugendhilfe Lambda e.V. unterstützen könnt. Wenn diese Ausgabe erscheint, ist die Aktion bereits gestartet. Informationen dazu findet ihr auf unter Website und in den Social Media unter dem Hashtag #HoffnungSpenden. Und bei aller Kritik an Heroismus: Seid in diesem Pandemiewinter Held*innen füreinander. Nicht immer, aber abwechselnd alle ein kleines bisschen. Wir sind uns sicher, das macht schon eine Menge aus.

Wir hoffen, ihr bleibt gesund,

Eure Queer*Welten-Redaktion

Präventive Devastation

von Anne Neuschwander

Inhaltshinweise

Fluchen, drohende Vernichtung der Menschheit, Eingesperrtsein/enge Räume, Feuer, Ausgeliefertsein, Hilflosigkeit

Es war keine echte Wand. Sie hatte keine Tür, keine Klinke und kein Schloss, nichts, das ihre glatte, bunt schillernde Oberfläche unterbrach, die sich vom Boden bis hin zur vergipfelten Decke des alten Herrenhauses zog. Und doch erfüllte sie genau denselben Zweck wie eine herkömmliche Wand, und als solche sollte sie eigentlich auch eine Tür haben. Eine, die sich öffnen ließ, vorzugsweise. Genau eine solche aber fehlte Sara Ferdinand an diesem sonnigen Maidonnerstag, an dem sie eigentlich in einer Mathevorlesung hätte sitzen sollen, und stattdessen durch einen dummen Zufall mitten in einem Endzeitszenario gelandet war, das nicht nur die Grenzen der Logik, sondern auch die der Physik auszuhebeln schien.

„Lass mich raus!“, schrie sie schließlich frustriert, nachdem alles Hämmern, Treten, Schieben und Fluchen ihr nicht mehr eingebracht hatten als rasende Kopfschmerzen und ein übles Verlangen nach einem eisgekühlten Mocca Frappuccino.

 

„Negativ.“

Eine Ader auf Saras Stirn begann zu pochen. „Du Scheiß-Ding“, fauchte sie. „Ich schwör’s dir, ich schlag dich kurz und klein.“

„Unratsam, da von zweifelhafter Erfolgswahrscheinlichkeit.“

„Ich geb’ dir gleich ’ne zweifelhafte Erfolgswahrscheinlichkeit, und zwar mitten in die Fre–“

„Gewaltandrohungen sind eine überflüssige Verschwendung von Ressourcen.“ Sara drohte der Wand etwas an, das nicht nur für eine Wand körperlich unmöglich, sondern in großen Teilen des besiedelten Universums auch höchst illegal war. „Ich weiß nicht genau, was du von mir willst“, patzte sie die Wand dann weiter an, die bisher eigentlich ganz höflich gewesen war. Diese Höflichkeit stellte Saras Geduldsfaden auf eine Zerreißprobe. „Aber ich werde garantiert nicht mit dir herumdiskutieren, während da draußen die Welt untergeht.“ Nicht, dass Saras schlechte Laune verwunderlich war. So hätten wohl alle reagiert, die durch eine schimmernde, halb-durchsichtige und einfach so aus dem Nichts erschienene Wand hindurch dem Ende der eigenen Zivilisation zusehen musste.

„Diskutieren.“ Die Wand klang interessiert. „Nennt man das so?“

Sara schnaubte abfällig. „Nein“, antwortete sie. „Diskutieren ist, wenn zwei Menschen unterschiedlicher Meinung sind und sich darüber austauschen. Das tun wir definitiv nicht, weil du erstens“, zählte sie an ihren Fingern auf, „gar kein Mensch bist, und es zweitens nicht als Meinung gilt, immer nur ‚negativ‘ zu sagen.“

Eine Pause folgte ihrem Ausbruch. „Warum nicht?“

„Weil“, Sara rang nach Worten. „Na ja, weil du halt bessere Argumente brauchst.“

„Argumente sind irrelevant, wenn man im Recht ist.“

„Du kannst aber doch nicht einfach beschließen, dass du im Recht bist. So funktioniert das nicht.“

„Die Faktenlage ist eindeutig.“

Sara warf die Hände hoch und verlor ob dieser Begriffsstutzigkeit jegliche Kontrolle über ihre Sprache. „The fuck? Du hast doch nicht mehr alle Croutons im Salat!“

Was man allerdings auch über Sara hätte sagen können. Schließlich war sie es, die sich mit einer sprechenden Energiefeld-Wand unterhielt, während in ihrem direkten Sichtfeld Flammen und Chaos über die Erde schwappten. „Welche Faktenlage denn, zum Teufel?“, motzte sie also, mangels einer bedachtsameren Ausdrucksweise im gerade stattfindenden Nervenzusammenbruch.

Die Wand schimmerte geschäftig, und eine mathematische Formel erschien direkt vor Sara. Sie hielt inne. Ihre Augen flogen über komplexe Abfolgen von Zahlen und Symbolen, von denen einige ihr zwar bekannt vorkamen, die aber insgesamt aussahen, als hätte ein Kleinkind sich aus einer Box Kühlschrankmagneten bedient.

„Okay“, murmelte sie, nachdem ihr Gehirn sich mehrere Male ver- und entknotet hatte, und sie zumindest ein rudimentäres Verständnis von dem erlangt zu haben glaubte, was sich da vor ihr abzeichnete. „Das ist ein Ausschluss-Logarithmus, richtig? Und das hier.“ Sie zeigte auf ein besonders banales Symbol. „Soll das die Erde darstellen?“

Die Wand schimmerte in einem sachlichen Grünton. „Korrekt.“

Etwas beleidigt schob Sara ihr Kinn nach vorne. Das Symbol war mit Abstand das langweiligste von allen. „Wir wurden also, was, wegrationalisiert?“

„Das Verfahren wird universell als Präventive Devastation bezeichnet.“

Die Fragezeichen auf Saras Gesicht waren wohl deutlich genug, dass sogar eine außerirdische und aller Wahrscheinlichkeit nach künstliche Intelligenz sie zu deuten wusste. „Diese Maßnahme wird durchgeführt, wenn Analysen einer dominanten Spezies ein überdurchschnittliches Gefahrenpotenzial ergeben.“

Überdurchschnittliches Gefahrenpotenzial. Ja, so konnte man die menschliche Egozentrik auch nennen. Sara sah die Richtigkeit dieser Schlussfolgerung durchaus ein – schließlich verfolgte sie die Nachrichten, war also durchaus vertraut mit den Abgründen menschlicher Machtgier.

Trotzdem. „Bisschen krass, der Schritt, oder?“, merkte sie an. „So von null auf Genozid?“

Die Wand schillerte unbeeindruckt und schien kein gesteigertes Bedürfnis daran zu haben, sich für die Maßnahme zu rechtfertigen.

Sara sah durch die neutral schimmernde Wand hindurch, hinter der sie, unscharf zwar, aber immer noch deutlich genug, die obersten Stockwerke der Universität in Flammen stehen sah. Da oben hatten die Geisteswissenschaften ihre Lehrstühle, gesetzmäßig die universitären Erzfeinde der Naturwissenschaften. Angesichts der vor ihr stattfindenden Vernichtung empfand Sara jedoch beim Gedanken an kokelnde Quinoaschnitten und White-Dreads deutlich weniger Genugtuung, als sie gedacht hätte. Stattdessen war sie sauer. Stinksauer sogar. Ihr ganzes Leben war dabei, auseinandergerissen zu werden, auch, wenn das wirkliche Ausmaß dessen, was gerade geschah, ihre Vorstellungskraft bei Weitem überstieg. Menschen, die sie liebte und im Begriff war zu verlieren, blitzten vor ihrem inneren Auge auf. Orte, an denen sie gewesen war, und Orte, die sie noch hatte sehen wollen … Und eigentlich hätte sie in diesem Moment wie jeden Donnerstag in ihrer Vorlesung sitzen und sich mit den anderen eine Packung Joghurt-Gums teilen sollen, während der Prof verzweifelt versuchte, das Smartboard dazu zu bewegen, seine Aufschriebe nicht in Comic Sans 3D anzuzeigen.

Anstelle dessen schien sie nun plötzlich in einer Folge von Twilight Zone festzustecken – und noch nicht einmal in einer besonders originellen. Weltuntergang wegen Überheblichkeit und Zerstörungswahn. Nein, neu war diese Geschichte wirklich nicht. Zumindest gelangte sie durch diese Erkenntnis zu einer Idee. Sie holte dreimal tief Luft, stieß den letzten Atemzug aus ihrer Lunge und setzte sich auf den Boden. Zeit für eine Taktikänderung.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte sie freundlich.

Die Wand stutzte.

Sara machte es sich im Schneidersitz bequem. „Ich bin Sara. Sara Maria Ferdinand, aber wer mich mit Sara Maria anspricht, bekommt eine gescheuert.“ Sie interpretierte das Schweigen der Wand als Nachfrage und fuhr fort: „Die Regel erkläre ich jedem, den ich treffe. Nur damit das ganz klar ist, und sich im Nachhinein niemand beschwert.“

„Sara Maria. Ferdinand.“

Sara drohte der Wand mit dem Zeigefinger. „Dünnes Eis, ganz dünnes Eis sogar. Denk nur nicht, dass ich nicht auch dir eine scheuere.“

„Du würdest dir mit 98,99987 prozentiger Wahrscheinlichkeit die Hand brechen.“

„Ach, papperlapapp. Ich hab‘ schon ganz anderen eine reingebombt, da lass ich mich doch nicht von einer sprechenden Seifenblase abhalten.“

Die Wand machte eine missbilligende Pause. „Gewalt ist in den seltensten Fällen eine adäquate Form der Konfliktlösung.“

„Sagt das Ding“, sie machte eine vage Bewegung in Richtung der Wand, „das gerade dabei ist, uns als komplette Spezies auszurotten.“

„Oh.“ Die Wand schillerte in einem zuvorkommenden Gelb. „Das ist nicht meine Aufgabe. Ich bin auf Arten­erhaltung programmiert.“

Sara runzelte die Stirn. Die Wand flackerte höflich. „Ich bin allein hier“, sagte Sara.

„Korrekt“, bestätigte die Wand.

Saras Augen verengten sich zu Schlitzen. „Die Erhaltung der menschlichen Spezies funktioniert denkbar schlecht mit nur einem Exemplar.“

Der Wand schien dieses Argument nicht einzuleuchten. „Oh?“

„Ja, oh“, äffte Sara den zuvorkommend-unverbindlichen Ton der Wand nach. „Dazu braucht es mindestens jeweils eine Person, die zeugt, und eine Person, die schwanger werden kann. Ich weiß ja nicht wie das in deiner Welt so ist, aber hier braucht es immer zwei, um–“ sie wedelte vielsagend mit der Hand.

„Fortpflanzung ist kein Teil der Artenerhaltung.“

„Hä?“, war Saras beredte Erwiderung. „Also bin ich das einzige, äh, Exemplar?“

„Korrekt.“

Der Schock dieses bestätigenden Wortes wischte ihren Kopf leer, und für einen langen Moment konnte sie nichts anderes tun, als in die Leere zu gucken. „Ich allein …“, murmelte sie dann, und wünschte sich im nächsten Moment, die Wand hätte ein Gesicht und Augen, in die sie vorwurfsvoll hätte starren können. „Und was macht ihr dann mit mir? Wollt ihr mich dann in einen Zoo für ausgestorbene Primärspezies stecken, oder was?“

„Mit dieser Information bin ich nicht ausgestattet.“

Eine Ader auf Saras Stirn begann zu pochen. „Ich wiederhol das mal kurz, ja, nur, damit wir uns nicht missverstehen. Du hast keine Ahnung, was mit mir passieren wird, nachdem alles da draußen präventiv devastatiert wurde, und ich bin der einzige Mensch, der derzeit in so einer Blase hier hockt.“

„Korrekt.“

Sara schob den Gedanken daran, wie ein speziell für sie eingerichtetes Gehege wohl aussehen könnte, weit von sich.„Du kannst doch aber nicht mich als Paradebeispiel für meine Spezies nehmen“, sagte sie stattdessen. Allein der Gedanke ließ Sara erschaudern. Selbst für ihre Altersgruppe war sie in Vielem nicht gerade typisch – aber wer genau konnte das schon von sich behaupten? Was bedeutete schon normal, oder durchschnittlich, wenn die Erfahrungen eines jeden Menschen durch deren ganz spezielle Lebensumstände gefärbt wurden? Sie wollte ganz sicher nicht, dass irgendwelche wandbauenden, planetenzerstörenden Aliens dachten, die Erde hätte nur aus nervösen, strohblonden Großmäulern bestanden, die im Supermarkt nicht mal das oberste Regal erreichten und ungefähr so ethnisch divers waren wie ein Stück Toastbrot.

Die Wand pulsierte freudig. „Eine zufällige Auswahl wurde getroffen. Herzlichen Glückwunsch, Sara Maria Ferdinand.“

Sara schüttelte den Kopf und wusste gar nicht, wo sie anfangen sollte. „Aber“, protestierte sie. „Ich bin doch nur ich, und es gibt noch so viele andere Menschen, und wir sind alle verschieden …“

Das Schillern der Wand geriet ein wenig stur. „Genetische Abweichungen sind irrelevant.“

„Da würden dir diverse sehr mächtige, sehr behämmerte Despoten der Weltgeschichte vehement widersprechen.“ Erst, als die Worte ihre Lippen schon verlassen hatten, fiel ihr auf, dass das nicht gerade das beste Argument für die Menschheit war. „Und was ist mit kulturellen Unterschieden? Spielen die keine Rolle?“

„Der Faktor des Gefahrenpotenzials wurde durchschnittlich errechnet, Abweichungen sind unerheblich.“

„Fuck“, murmelte sie.

Die Wand schillerte ihr zustimmend zu.

„Kann ich denn irgendwas sagen, was die ganze Sache hier“, sie deutete nach draußen, „irgendwie aufhalten könnte?“ Die Wand flackerte interessiert. „Es existieren Präzedenzfälle für eine solche Intervention.“ Sara spitzte die Ohren. „Tatsache? Das heißt, mit einer guten Beweisführung und kreativer Überzeugungskraft könnte diese, wie hast du sie noch gleich genannt? Präventive Devastation? Die könnte also noch verhindert werden?“

„Korrekt.“ Die Wand klang, als hielte sie das für keine erfreuliche Aussicht.

Auch Sara haderte doch sehr damit, dass nun das Schicksal der Welt an ausgerechnet ihrer Redegewandtheit hängen sollte. Sie war so gar nicht die Richtige für so was. Das letzte Mal, als sie jemanden von etwas hatte überzeugen wollen, hatte sie eine Nacht in der Ausnüchterungszelle verbracht.

„Wo ist denn nun so eine verdammte Geisteswissenschaftlerin, wenn man sie mal braucht?“, murmelte Sara, und dann wanderte ihr Blick zur lichterloh brennenden Universität. Sie schluckte und arbeitete daran, ihre Gedanken zu ordnen. „Reicht es dir, wenn ich ein paar Dinge aufzähle, die ganz gut an uns sind?“ fragte sie schließlich.

Das Schillern der Wand glich einem Schulterzucken.

„Kunst“, begann Sara ihr spontanes Plädoyer. „Gemälde und so. Hübsche Statuen.“

Unbeeindrucktes Mohnblüten-Rot folgte ihren Worten.

„Goethe?“, versuchte sie es erneut. „Van Gogh? Der mit den Sonnenblumen?“

Das mohnblütige Rot vertiefte sich.

„Ella Fitzgerald?“, fragte sie verzweifelt. „Oder hier, Moby Dick?“

„Es wurden keine aus dem universalen Vergleich kulturell herausragenden Erzeugnisse festgestellt.“

„Na, geil.“ Soviel zu ihrem großartigen Plan. „Echt, nicht ein einziges? Was ist mit der Sixtinischen Kapelle oder der Chinesischen Mauer? Sind die nicht herausragend?“

„In einer Gegenüberstellung architektonischer Meisterleistungen hat die Menschheit im unteren Drittel des galaktischen Durchschnitts abgeschnitten“, entgegnete die Wand trocken.

 

Es war lange her, dass Sara das letzte Mal auf eine so beiläufige Art und Weise aufs Tiefste beleidigt worden war. Das bekam sonst nur ihre Großmutter so mühelos hin.

Die Wand schien ihren Gesichtsausdruck zu studieren und fügte dann hinzu: „Die Erde ist ein sehr kleiner Planet.“

Es klang fast so, als wolle sie sich für den Umstand entschuldigen, dass die erstaunlichsten Ausdrücke menschlicher Genialität nur suboptimal waren. Sara schnaubte. „Ich nehme an, du meinst nicht nur die physische Größe unseres Planeten, was?“ fragte sie bissig.

Die Wand schimmerte in einem neutralen, wenn auch leicht überheblichen Beige.

„Du denkst also, ich kann die Menschheit auf gar keinen Fall retten?“

Das neutral-überhebliche Schimmern intensivierte sich.

Sara schürzte die Lippen. „Und was ist mit mir?“, wollte sie dann wissen, den Blick auf rot flackernde Infernos gerichtet. Es war ihr Glück – sarkastisch ausgedrückt – ausgerechnet in einem Raum des alten Herrenhauses gefangen zu sein, dessen komplette Front aus Fenstern bestand und so den Blick ungehindert auf das freigaben, was gerade in der Welt da draußen geschah. Dafür, dass sie sich eigentlich nur ein wenig umsehen und im Zweifel ein paar Bilder für ihr Instagram hatte machen wollen, war ihr Tag bisher ganz schön aus dem Ruder gelaufen.

„Hab ich als Auserwählte denn überhaupt kein Mitspracherecht dabei, was mit mir passiert?“

„Jedem Exemplar steht selbstverständlich die Wahl des Freitodes zu.“ Die Umrisse einer Tür erschienen plötzlich in der schillernden Wand, und noch während Sara sie verdutzt anstarrte, vertieften sie sich, ganz so, als wolle sich die unvermittelt entstandene Tür öffnen.

Sara wich zurück. Obwohl sie nun schon seit geraumer Zeit versucht hatte, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien, war sie nun, als ihre Versuche letztendlich von Erfolg gekrönt zu sein schienen, weitaus weniger darauf erpicht, sich das Schicksal mit dem Rest der Menschheit zu teilen, als erwartet. „Halt, nein, warte“, protestierte sie hastig und hob abwehrend die Hände. „Ich war noch nicht fertig mit meiner Intervention!“

Die Tür verblasste wieder und die Wand leuchtete auffordernd, wirkte dabei aber ungeduldiger, als Sara es für angemessen hielt. Vielleicht hatte die Wand ja noch Termine. Sara war davon ausgegangen, dass die Auslöschung einer gesamten Spezies ein Ganztagsjob war, aber hey, bis vor Kurzem hatte sie ja auch noch daran geglaubt, dass sie am nächsten Wochenende endlich ihren Leverage-Marathon starten und mindestens zwei Liter Ben-&-Jerry’s-Eiscreme in sich hineinstopfen könnte.

Sara schob sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und zog nachdenklich die Stirn in Falten. „Was ist mit Geschichten über Selbstlosigkeit?“, fragte sie, und versuchte ihren verzweifelten Griff nach Strohhalmen nicht allzu deutlich zu machen. „Malala zum Beispiel, oder die Scholl-Geschwister. Menschen, die ihr eigenes Leben hinter das von anderen gestellt haben. Du kannst mir doch nicht erzählen, dass eine Spezies, die solche Exemplare hervorbringt, nicht doch zumindest einen Aufschub vor der vollständigen Zerstörung verdient hat.“