Hoffnung bricht durch

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Monika Büchel (Hrsg.)

Hoffnung bricht durch

24 Weihnachtsgeschichten

mal besinnlich, mal heiter

Impressum

© 2015 by Bibellesebund, Gummersbach

Alle Rechte vorbehalten

© 2020 der E-Book-Ausgabe

Bibellesebund Verlag, Marienheide

Alle Rechte vorbehalten

https://shop.bibellesebund.de/

Autor: Monika Büchel (Hrsg.)

Coverbild: B. und E. Dudzinscy – Fotolia.com

Covergestaltung: Gisela Auth

ISBN 978-3-95568-407-5

Hinweise des Verlags

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des Textes kommen.

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Inhalt

Titel

Impressum

Das schwarze Schaf

Die Blume der Heiligen Nacht

Die Lichterpredigt

Königskind

Weihnachten unterm Sternenzelt

Überraschung auf vier Beinen

Das Buschbaby

Krippe und Kreuz

Die Geschenke der Weisen

Heiligabend im Zug

Die Verwechslung

Weihnachten mit Oma

Ein Fotobuch zu Weihnachten

Der perfekte Weihnachtsbaum

Die Kerzenmacherin

Man lernt nie aus

Weihnachtsbotschaft auf der Straße

Weihnachten 1968 oder das Kind unter dem Tannenbaum

Zu Besuch bei Frau Meier

Das Versprechen

Eine leuchtende Idee

Der Zettel des kleinen Engels

Die rötlichen Hirten

Die bittenden Hände

Hinweise für Gruppenstunden

Das schwarze Schaf

von Anneli Klipphahn

Jakob lümmelte sich auf seinen Stuhl und schaute zum Fenster hinaus. Was interessierte ihn das Geschwafel der Lehrerin über Weihnachtsbräuche? Er seufzte hörbar. Frau Micklich warf ihm einen tadelnden Blick zu, fuhr aber, ohne sich zu unterbrechen, mit ihren Ausführungen fort. Jakob hielt ihrem Blick stand und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Lehrerin schüttelte leicht den Kopf und wand sich Manuel zu, der von einer Weihnachtskrippe erzählte, die sein Urgroßvater schnitzte. Ja klar, dachte Jakob. So etwas musste ja kommen! Manuel, das Muttersöhnchen, ist viel zu brav und benimmt sich überhaupt nicht wie ein Junge der sechsten Klasse!

Schon seit Wochen nervten Jakob die Gespräche über Weihnachten und die Vorfreude der anderen darauf. Wenn es nach ihm ginge, würde er Weihnachten abschaffen. Es war ein Fest für alle, die eh schon auf der Sonnenseite des Lebens standen. Und die schwarzen Schafe wurden wieder einmal ausgegrenzt. Für ihn würde es auch in diesem Jahr kein richtiges Weihnachtsfest geben. So, wie es für ihn keine Familie gab. Wieder würde er das Fest im Kinderheim verbringen, zusammen mit einer Handvoll anderer Kinder, die ebenfalls nicht abgeholt wurden. Und Erzieherinnen, die genervt sein würden, weil sie an Weihnachten nicht freihatten. Sie würden wie immer Kartoffelsalat mit Würstchen essen, Kerzen anzünden, ein paar Geschenke bekommen und die selbst gebackenen Plätzchen essen. Einige, die Lust hatten, würden mit einer Erzieherin in die Kirche gehen. Aber darauf konnte er verzichten.

Am Nachmittag schnappte sich Jakob einen Fußball und ging hinaus. Der Sportplatz, der sich in der Nähe des Kinderheimes befand, lag einsam und verlassen da. Ja klar, dachte Jakob. Die Muttersöhnchen hocken zu Hause vorm Computer. Und Manuel sitzt wahrscheinlich brav bei seinem schnitzenden Urgroßvater. Wütend trat Jakob gegen den Ball und verfehlte knapp das Tor. Beim zweiten Mal traf er mitten hinein. Der dritte Ball landete in der rechten Ecke. Doch allein machte das keinen Sinn, wenigstens einer müsste da sein, der im Tor stand. Wenigstens einer. Wieder wanderten Jakobs Gedanken zu Manuel. Der hatte im Fußballturnier gegen die Parallelklasse im Tor gestanden und fast alle Bälle gehalten.

Während Jakob weiter nachdachte, trugen ihn seine Füße wie von selbst in Richtung des Hauses, in dem Manuel wohnte. Die Fenster waren geschlossen, es sah aus, als sei niemand da. Jakobs Blick fiel auf das Garagentor, auf dem ein Halteverbotsschild gemalt war. Eine tolle Zielscheibe, fand Jakob. Es war gar nicht so leicht, den Kreis mit dem Ball zu treffen. Er versuchte es wieder und wieder. Plötzlich wurde ein Fenster aufgerissen.

„Hey, was soll das?“, rief Manuel.

Jakob fuhr herum und grinste. „Nicht schlecht, eure Zielscheibe. Hab schon viermal einen Volltreffer gelandet!“

„Du spinnst wohl!“, schimpfte Manuel. „Das ist kein …“

„Kommst du mit zum Fußballplatz?“, unterbrach ihn Jakob.

Noch ehe Manuel antworten konnte, öffnete sich ein anderes Fenster und Manuels Mutter schaute heraus. Sie nickte Jakob zu und sagte: „Wir wollten gerade meine frisch gebackenen Plätzchen kosten, möchtest du hereinkommen?“

Jakob leckte sich über die Lippen. „Okay.“ Dann bückte er sich, nahm den Ball unter den Arm und lief zur Haustür.

Ohne ein Wort zu sagen, ließ Manuel ihn herein. Im Haus duftete es nach Plätzchen. Manuel ging ihm voran ins Wohnzimmer. Dort stellte er Jakob dem Urgroßvater vor, der gerade dabei war, die Kerzen auf einer vierstöckigen Pyramide anzuzünden.

Manuel deutete auf die Pyramide: „Die hat Uropa übrigens selbst gebaut.“

„Cool“, sagte Jakob.

Da kam Manuels Mutter herein, stellte Plätzchen, Tee und Kakao auf den Tisch und setzte sich. Während sich Jakob die Plätzchen schmecken ließ, erzählte der Urgroßvater von seiner Kindheit. Jakob fand es in der geschmückten Stube so gemütlich, dass er sich wünschte, für immer hier sitzen bleiben zu können.

„Wird wohl heute nichts mehr werden mit Fußballspielen“, meinte Manuel plötzlich und deutete auf das Fenster. „Es regnet.“

„Vielleicht will dein Freund mal meinen Bastelkeller sehen?“, sagte der Urgroßvater.

Manuel schüttelte den Kopf. „Nee, das glaube ich kaum. Der Jakob …“

„Hey, warum nicht?“, unterbrach ihn Jakob schnell.

„Na dann los“, freute sich der Urgroßvater, stand auf und fing an, die Kerzen zu löschen.

Kurze Zeit später saß Jakob neben dem Urgroßvater an einer Werkbank und beobachtete fasziniert, wie dieser an einem Hirten schnitzte. Er fragte nach der Bezeichnung der einzelnen Werkzeuge und beantwortete die Fragen des alten Mannes nach seinem Leben im Kinderheim.

Auf einmal kam Manuel in den Keller gepoltert und verkündete: „Es gibt gleich Abendessen. Mama will wissen, ob du mitisst, Jakob.“

„Oh, schon so spät?“ Jakob holte sein Handy heraus und schaute auf die Uhrzeit. „In einer halben Stunde muss ich im Heim sein, es sei denn …“ Fragend blickte er den Urgroßvater an.

Der verstand auch ohne Worte und sagte: „Wähl die Nummer und gib mir dein Handy.“

Beim Abendessen waren sie zu fünft, denn Manuels Vater war inzwischen nach Hause gekommen. Auf einmal fragte der Urgroßvater: „Was machst du eigentlich am Heiligen Abend, Jakob?“

Jakob zuckte mit den Schultern. „Was soll ich schon machen. Im Kinderheim herumsitzen, essen, fernsehen … was man da eben so macht.“

„Hast du denn niemanden, der dich an Weihnachten nach Hause holt?“, erkundigte sich Manuels Mutter.

Jakob schüttelte den Kopf, schluckte und senkte den Blick.

„Wir haben gern Gäste“, sagte jetzt der Vater. „Wenn ihr Jungs euch gut versteht und deine Erzieher einverstanden sind, kannst du zu uns kommen.“

Ungläubig hob Jakob den Blick.

„Also, ich fände es besser, wenn er schon vor Weihnachten kommt“, schaltete sich jetzt Manuel ein. „Dann wird es mir nicht so langweilig bis zur Bescherung.“

 

Jakob riss die Augen auf: „Hey, meinst du das in echt?“

„Ja, aber nur, wenn du dann nicht die ganze Zeit im Keller hockst“, brummte Manuel.

„Geht klar“, lachte Jakob.

Zu Beginn der Ferien zog Jakob in Manuels Zimmer ein. Am Nachmittag spielten sie zusammen am Computer, gegen Abend ging Jakob zum Urgroßvater in den Keller. Der war jetzt dabei, Kopf und Hut des Hirten herauszuarbeiten.

Am folgenden Abend stieg Jakob wieder die Treppe in den Keller hinab. Jetzt schnitzte der alte Mann an den Füßen des Hirten.

Jakob wunderte sich: „Hat der Hirte gar keine Schuhe an?“

„Die Hirten waren arm und verachtet“, erklärte der Urgroßvater. „Ich weiß nicht, ob sie Schuhe trugen. Vielleicht wickelten sie sich ein Stück Leder um die Füße. Vielleicht trugen sie auch so eine Art Sandalen, wie man sie auf manchen Bildern sieht. Auf alle Fälle waren die Füße sehr wichtig für sie, denn sie mussten oft weite Strecken mit ihren Herden zurücklegen. Und da der hier ein armer Bursche ist …“, der Urgroßvater deutete mit dem Schnitzmesser auf ein Loch im Hut des Hirten, „… will ich ihm wenigstens gesunde Füße geben.“

„Hm“, überlegte Jakob laut. „Man könnte dem Hirten ja später noch ein Stück Leder oder so dranbinden.“

„Ja, das könnte man.“ Der Urgroßvater legte den Hirten und das Schnitzmesser auf die Werkbank, stand auf und holte ein Stück Holz. Dann öffnete er ein Schubfach, nahm ein Schnitzmesser heraus und legte beides vor Jakob. „Du hast lange genug zugeschaut. Versuch es selber!“

„Ich?“ Jakob riss die Augen auf.

„Fang einfach an. Stell dir vor, deine Figur schlummert schon im Holz. Du musst sie nur freilegen. Verstehst du?“

„Ja“, murmelte Jakob und fuhr sachte mit dem Daumen über das Holz. „Ich verstehe.“

„Du kannst dir auch eine Skizze machen. Wenn du ein anderes Werkzeug brauchst, nimmst du es aus dem Schubkasten. Wichtig ist, dass du den Faserverlauf des Holzes beachtest.“ Jakob drehte das Holzstück in seinen Händen. Schließlich begann er seine Schnitzarbeit. Der Urgroßvater gab ihm hin und wieder einen Hinweis.

Am nächsten Abend verschwanden die beiden erneut im Keller. Als es Zeit war, ins Bett zu gehen, konnte man schon die groben Umrisse von Jakobs Schaf erkennen. Am folgenden Abend war das Schaf fertig.

Der Urgroßvater lobte Jakob: „Das ist dir gut gelungen, du hast Talent. Mein erstes Schaf war lang und dürr und hatte einen Buckel.“ Sie lachten und der alte Mann klopfte Jakob auf die Schulter.

Wenig später malte Jakob sein Schaf schwarz an. Ab und zu warf er dem Urgroßvater einen verstohlenen Blick zu, doch der sagte kein Wort und schnitzte weiter an seinem Hirten. Er arbeitete mittlerweile an dessen Armen. Sie standen seitlich vom Körper ab, so, als wollte der Hirte gleich jemanden umarmen.

Schließlich fragte Jakob: „Ob der Hirte auch mein Schaf in seiner Herde haben will?“

Die Augen auf seine Arbeit gerichtet, fragte der Urgroßvater: „Warum sollte er es nicht wollen?“

„Weil es schwarz ist.“ Jakob steckte den Pinsel in die bereitgestellte Blechdose.

„Für den Hirten spielt das keine Rolle. Ein guter Hirte liebt alle seine Schafe.“ Der Urgroßvater ließ das Schnitzmesser sinken und sah Jakob in die Augen. „Es kann sogar sein, dass der Hirte gerade das schwarze Schaf besonders lieb hat.“

„Das glaube ich nicht!“, stieß Jakob hervor. „Schwarze Schafe bleiben immer schwarze Schafe! Für jeden!“

„Du irrst dich! Mindestens einer hat die schwarzen Schafe besonders lieb.“ Der Urgroßvater wandte sich wieder dem Hirten zu und wiederholte: „mindestens einer.“

Jakob schaute den alten Mann herausfordernd an: „Und wer soll das sein?“

„Es ist Jesus. Man nennt ihn auch den Guten Hirten. Übermorgen feiern wir seine Geburt. Obwohl er der Sohn Gottes ist, wurde er in einem Stall geboren. Weil Gott die Menschen so sehr liebt, mutete er seinem Sohn zu, arm und schwach auf diese Welt zu kommen. Und die verachteten Hirten waren seine ersten Gäste. Vielleicht brachten sie auch ein schwarzes Schaf mit zur Krippe. Vorstellen könnte ich es mir.“

Während der Urgroßvater weiter schnitzte und dabei von der Geburt von Jesus erzählte, wurde es Jakob langsam, ganz langsam warm ums Herz.

Am nächsten Tag durfte Jakob die Krippe im Wohnzimmer mit aufbauen. Manuel hatte keine Lust dazu. Jakob stellte Josef hinter Maria. Dann reichte ihm der Urgroßvater den neuen Hirten. Jakob nahm ihn, betrachtete dessen ausgebreitete Arme und stellte ihn in die Nähe von Josef und Maria. „Eigentlich könnte man den Hirten das ganze Jahr über stehen lassen.“

„Ja, das könnte man“, antwortete der Urgroßvater und reichte Jakob das schwarze Schaf. „Dieser Hirte hat sozusagen eine Doppelrolle.“

Jakob zog seine Hand zurück. „Ich … äh … ich weiß nicht …“

„Soll ich einen Platz für das Schaf suchen?“, fragte der Urgroßvater.

Jakob nickte.

Behutsam legte der alte Mann das schwarze Schaf auf die ausgebreiteten Arme des Hirten.

„Es passt“, staunte Jakob. „Er … er hält es.“

„Natürlich hält er es“, brummte der Urgroßvater. „Es muss sich nur halten lassen, verstehst du?“ Sachte legte er die Hand auf Jakobs Schulter.

„Das ist nicht so einfach“, sagte Jakob leise. „Das schwarze Schaf wurde schon oft fallen gelassen.“

„Das mag sein“, seufzte der Urgroßvater. „Aber nicht von diesem Hirten. Dieser Hirte lässt kein Schaf fallen. Auch kein schwarzes.“

Jakob schluckte, hob den Blick und sah dem alten Mann in die Augen. Der zwinkerte ihm zu: „Na, was ist? Wollen wir das schwarze Schaf in den Armen des Hirten lassen?“

„Ja“, sagte Jakob fest. „Ja.“

Am Heiligen Abend ging Jakob zum ersten Mal in seinem Leben an Weihnachten in die Kirche. Gespannt folgte er dem Krippenspiel. Und am Ende des Gottesdienstes sang er laut mit allen anderen: „Christ, der Retter, ist da. Christ, der Retter, ist da!“

Die Blume der Heiligen Nacht

von Hannelore Schnapp

„Es war ein guter Entschluss mitzukommen!“, stellte Ruth Harder zufrieden fest, als sie in San José del Cabo aus dem Taxi stieg. Der warme mexikanische Wind streichelte ihre Haut. Die Sonnenstrahlen dieses frühen Dezembermorgens tanzten auf dem unglaublich blauen Meer.

„Genau, meine Liebe. Nicht wieder ein Weihnachten mit Seelenschmerz und Verlustgedanken. Wir müssen nach vorne blicken. Das Leben geht weiter. Auch wenn es hart ist und ich meinen Mann und meine Söhne immer noch wie verrückt vermisse“, antwortete Naomi Harder und kämpfte mit den Tränen.

„Komm, Schwiegermama, eine andere, neue Welt wartet auf uns“, forderte Ruth sie auf und nahm die betagte Dame liebevoll in den Arm.

„Ich hoffe, du bereust es nicht, mit einer so alten Fregatte wie mir in See stechen zu müssen. Aber vielleicht triffst du hier an Bord eine neue Liebe. Bitte nimm keine Rücksicht auf mich. Ich weiß, dass du meinen Sohn über alles geliebt hast“, sagte Naomi mit gefasster Stimme.

Ruth sah sie entschlossen an und antwortete: „Genau. Und deshalb wird es auch keinen anderen Mann mehr für mich geben. Du und ich, wir gehören zusammen. Und jetzt komm, bevor die ‚Christmas-Star‘ den Hafen ohne uns verlässt und wir Weihnachten in einer Hafen-Spelunke statt auf hoher See verbringen müssen.“

„Buenos dias, meine Damen! Darf ich Sie an Bord unseres Schiffes begrüßen? Ich bin Lupe, die Chef-Stewardess und stehe Ihnen während unserer zehntägigen Kreuzfahrt sehr gerne zur Verfügung.“

„Sie sprechen ausgezeichnet Deutsch!“, bemerkte Naomi Harder und schaute die mexikanische Schönheit mit ihren schwarzen, langen Locken von oben bis unten an.

„Ich habe zwei Jahre in Berlin Germanistik und Touristik studiert. Eine wunderschöne Stadt, aber im Winter etwas zu kalt“, meinte Lupe und beendete ihre Begrüßung mit der Einladung: „Darf ich den Damen Ihre wunderschöne Außenkabine zeigen?“

„Ich hoffe, wir verlaufen uns nicht, Ruth. Das ist kein Schiff, sondern eine ganze Stadt“, meinte Naomi, nachdem sie mit drei Fahrstühlen, auf fünf unterschiedlichen Etagendecks und über mindestens vier Flure endlich in ihrer Kabine angekommen waren. Etwas erschöpft ließ sie sich auf das große Bett fallen.

„Ja, gigantisch, aber auch wunderschön. Diese herrliche Weihnachtsdekoration überall mit den goldenen Kugeln, Tannenbäumen und herrlichen Christsternen.“ Ruth war begeistert. „Ein Meer voller Blumen, Farben und Düften. Komm, Schwiegermama, auspacken können wir später. Lass uns an Deck gehen und dem Schiff beim Ablegen zuschauen. Hier hast du deinen warmen Schal.“

An Deck standen bereits viele Passagiere an der Reling. Zu den Klängen von „Feliz Navidad“ navigierten Kapitän und Lotse die „Christmas-Star“ von der Mole durch den Hafen zum offenen Meer.

„Fast wie auf der Titanic!“, sagte Naomi und griff nach Ruths Hand.

„Nun, das wollen wir nicht hoffen!“, entgegnete ein elegant gekleideter Herr in einem hellen Leinenanzug in gebrochenem Deutsch.

„Nein, das wollen wir nicht!“, bestätigte Ruth. Kaum an Bord und schon wird man von fremden Männern angesprochen, dachte sie ärgerlich. Bereits dieser eine Satz war zu viel. „Komm, Schwiegermama, wie wäre es mit einer kleinen Siesta? Ich bringe dich zu unserer Kabine und du ruhst dich ein wenig aus“, bot sie Naomi an, um aus dieser Situation zu fliehen.

„Gute Idee, mein Kind. Das bekomme ich aber alleine hin. Ich bin schon groß. Schau du dich noch ein bisschen um. Bis später.“

Ruth schlenderte durchs Schiff und konnte die Augen nicht von der Blumenpracht um sie herum lassen. Hunderte von Christsternen in verschiedenen Farben schmückten in den Anpflanzungen die Flure, Geschäftspassagen, Restaurants und Bars.

„Gefallen Ihnen die Blumen?“

Ruth schaute den Herrn im Leinenanzug, der sie eben angesprochen hatte, etwas verwirrt an.

„Titanic!“, sagte er schmunzelnd.

„Ja. Ich erinnere mich. Und ja: Ich liebe Blumen. Zu unserem alten Haus gehörte ein Gewächshaus.“

„Das klingt etwas wehmütig.“

„Ist es auch. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, ich …“

„Nein, bitte entschuldigen Sie mich. Ich wollte nicht aufdringlich wirken. Darf ich mich vorstellen: Mein Name ist Ronaldo del Boas.“

„Angenehm!“, sagte Ruth kühl und ging.

Ihren ersten Abend auf See genossen die beiden Damen in vollen Zügen.

„Was für ein hervorragendes Vier-Gänge-Menü! Ich glaube, ich platze gleich“, flüsterte Naomi Ruth zu.

„Das fand ich auch und dazu nette Leute und gute Gespräche am Tisch. Wie wäre es jetzt mit einem Cocktail in der Bar, Schwiegermama?“, schlug Ruth vor.

„Nur unter der Bedingung, dass du dir endlich die Schwiegermama abgewöhnst und mich Naomi nennst.“

„Das fällt mir schwer. Du warst immer wie eine Mutter für mich.“

Naomi lächelte. „Und was hältst du davon, wenn ich nun deine, sagen wir mütterliche Freundin werde?“

„Das ist ein guter Vorschlag, Schwie..., Naomi. Komm, darauf trinken wir ein Gläschen Sekt!“

Arm in Arm gingen die beiden in die Bar. Während viele Passagiere zu den drei unterschiedlichsten Show-Programmen in die Salons strömten, war es in der Bar angenehm ruhig. Sie fanden eine gemütliche Sitzgruppe und genossen zu leiser Klaviermusik den Sekt und die Knabbereien.

„Schau mal, Ruth. Dort drüben sitzt der nette Herr von heute Morgen. Sehr elegant im weißen Smoking. Er sieht zu uns herüber“, stellte Naomi fest und winkte ihm zu.

„Schwie..., Naomi, lass das bitte. Du benimmst dich wie ein verliebter Teenager. Nachher kommt er rüber zu uns.“ Ruth wurde Naomis Verhalten langsam peinlich.

„Was wäre daran so verkehrt, meine Liebe?“, sagte Naomi und winkte wieder.

„Oh, nein. Jetzt kommt er tatsächlich.“

„Buenos tardes, meine Damen. Darf ich sagen, dass Sie wunderschön aussehen?“

„Ebenfalls guten Abend und danke für das Kompliment, Señor ...?“, sagte Naomi scheinbar verlegen.

„Das ist Ronaldo del Boas“, erklärte Ruth.

„Ach, ihr kennt euch bereits. Wie schön. Ich bin Naomi Harder und das ist meine Schwiegertochter Ruth.“ – „Sehr angenehm!“, bemerkte der Herr im weißen Smoking.

„Möchten Sie Platz nehmen?“, fragte Naomi.

„Wenn es Sie nicht stört.“ Ronaldo sah zu Ruth.

„Keineswegs“, bemerkte diese kurz angebunden.

„Die Damen reisen allein, ohne Gatten?“, fragte er interessiert, als er Platz genommen hatte.

„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht, oder ist das so eine Gigolo-Anmache von Ihnen? Ich frage Sie ja auch nicht nach Ihrer Frau. Also, Naomi, ich weiß nicht, wie es dir geht. Ich für meinen Teil habe für heute Abend genug Unterhaltung gehabt. Ich gehe in unsere Kabine!“, platzte es aus Ruth heraus. „Wenn Sie mich bitte entschuldigen. Gute Nacht!“

 

Ronaldo del Boas stand auf, als Ruth wütend den Tisch verließ.

„Ich scheine alles falsch zu machen. Bitte entschuldigen Sie!“, sagte er verwirrt zu Naomi und wollte gerade gehen, als sie ihn zurückrief.

„Señor del Boas. Sie machen nichts falsch. Bitte nehmen Sie wieder Platz. Ich erkläre Ihnen das Verhalten meiner Schwiegertochter.“ Und Naomi erzählte vom Tod ihres Ehemanns und ihrer beiden Söhne vor drei Jahren, von Abschied und Trauer. „Während meine andere Schwiegertochter zurück zu ihrer Familie gegangen ist, blieb Ruth bei mir. Die Ehen meiner beiden Söhne waren kinderlos, und auf Ruths Wunsch leben wir nun gemeinsam, statt einsam. Im Alltag gelingt uns das einigermaßen, aber an Weihnachten ist es immer furchtbar. Dieses Jahr haben wir beschlossen, eine Kreuzfahrt zu machen, um auf andere Gedanken zu kommen. So, und jetzt gehe ich auch schlafen.“ Damit schloss Naomi ihre Geschichte und stand auf.

„Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit, Señora Harder. Wir sehen uns morgen. Buenos noches!“ Ronaldo erhob sich ebenfalls.

„Ruth ist eine wunderbare Frau. Ich möchte, dass sie glücklich wird!“, stellte Naomi im Gehen fest.

Das möchte ich auch!, dachte Ronaldo und bestellte sich einen Kaffee.

Am Morgen des Heiligen Abends lockte die Sonne die beiden Damen auf das Pool-Deck.

„Schon komisch, gerade heute nicht in der Kirche zu sein!“, bemerkte Ruth auf ihrem Liegestuhl. „Ob sie uns in der Gemeinde vermissen werden?“

„Pfarrer Weidenfels ist informiert. Ich habe ihn vor der Abreise angerufen. Er wünscht uns frohe Weihnachten“, antwortete Naomi, versteckt hinter Sonnenbrille und Reiselektüre.

„Ich glaube, es gibt sogar eine Kapelle und einen Weihnachtsgottesdienst an Bord. Ich schau mich mal um. Weihnachten im Luxus, statt mit Krippe und Stall, ist schon etwas schräg“, meinte Ruth, sprang von ihrer Liege auf und zog los.

Vorbei an dem Meer aus Blumen und allerlei Deko erreichte sie tief im Inneren des Schiffs die Kapelle. Sie war groß und wunderbar erleuchtet. Neben dem Altar war eine mexikanische Krippenlandschaft aufgebaut. Umrahmt von Christsternen wirkten die einfachen Keramikfiguren besonders ausdrucksvoll. Neben der Krippe stand auf verwelkten Blättern eine kleine Figur: ein Indio-Mädchen aus rotem Ton.

Ruth sah sich in der Kapelle um. In der letzten Bank saß ein Mann und betete. Als sie den Raum verlassen wollte, erkannte sie ihn.

„Señor del Boas!“, entfuhr es ihr erstaunt.

Er sah sie an. „Señora Harder!“

„Ich wollte Sie nicht stören“, entschuldigte sich Ruth.

„Sie haben mich nicht gestört. Nach dem Tod meiner Frau habe ich zu Gott gefunden. Oder besser: Er hat mich gefunden. In meiner Welt, in der Geld und Ansehen regierten, glaubte ich, Gott nicht zu brauchen. Erst als Consuela krank wurde und ich mit meinem Geld keine Rettung kaufen konnte, merkte ich, was ich für ein Schwächling und Versager war. Als ich am Ende war, hob Gott mich auf aus dem Dreck von Alkohol und Selbstmitleid. Heute feiern wir die Geburt seines Sohnes, der zu uns in die Scherben unseres Lebens heruntergestiegen ist. An der Krippe treffen wir uns mit all den Menschen, die sich in ihrer Trauer, in ihren Verletzungen, in ihren Sehnsüchten und Träumen eine Hoffnung auf einen Neuanfang wünschen, nicht wahr?“

Lange war es still in der Kapelle. Ruth unterbrach das Schweigen.

„Wer ist das Indio-Mädchen an der Krippe?“

Ronaldo del Boas sah Ruth an und begann mit seiner Erzählung: „Das ist eine alte Legende. Als die Azteken von der Geburt des Kindes im Stall hörten, lief ein kleines Mädchen los, um das Christuskind zu finden. Weil das Mädchen aber arm war und nichts hatte, was es ihm schenken konnte, griff es in den Staub und nahm eine Hand verwelkter Blätter mit. Als das Mädchen zur Krippe kam, das Kind sah und die edlen Geschenke der Weisen, legte es traurig die Blätter vor der Krippe ab. Da geschah ein Wunder: Aus den welken Blättern wuchsen herrliche rote Sterne, Christsterne, wie Sie sie nennen. In unserer Sprache heißt der Christstern ‚Flor de Noche Buena‘ – ‚Blume der Heiligen Nacht‘.“

Ruth berührten die Worte von Ronaldo. „Was für eine schöne Geschichte. Woher kennen Sie diese Legende?“

„Ich züchte Christsterne und verkaufe sie in der ganzen Welt“, erklärte Ronaldo del Boas. – „Kommen Sie heute Abend mit Ihrer Schwiegermutter zur Christmesse, Ruth?“, fragte er leise.

„Bestimmt! Warum fragen Sie?“

Er lächelte sie an. „Vielleicht geschieht in dieser Heiligen Nacht wieder ein Wunder.“