Charlys SommerText

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Impressum

Anett Theisen »Charlys Sommer«

1. Auflage

www.edition-winterwork

© 2021 edition-winterwork

Alle Rechte vorbehalten

Satz und Layout: edition winterwork

Druck/E-BOOK: winterwork Borsdorf

ISBN Print 978-3-96014-724-4

ISBN E-BOOK 978-3-96014-824-1

Charlys Sommer

Anett Theisen

edition winterwork

Gewidmet „meinen“ Männern

Leo

Rolf

Albi

Danke für alles.

Prolog

Die Straßenkreuzung war eine einzige Schlammwüste. Tiefe Spuren, teils mit Wasser gefüllt, führten in verschiedene Richtungen. Ein Wegweiser war nirgends zu sehen. Es war ein trüber Tag; zu allem Überfluss begann es aus dem grauen Nebel auch noch zu regnen.

Inmitten des Schlammes stand ein Pferd. Ursprünglich war es wohl weiß gewesen, nun waren Beine und Bauch des Tieres schwarzgrau und auch das dicke, zottige Fell am Rest des Körpers wies verschiedene dunkle Flecken auf. Mähne und Schweif waren zerzaust und starrten vor Dreck. Auch Sattel und Zaumzeug hatten schon deutlich bessere Tage gesehen.

Das Pferd hielt den Kopf gesenkt, hatte sein Hinterteil in den Wind gedreht und die Augen halb geschlossen. Es war dürr und wirkte müde.

Drei Schritte vor der Nase des Tieres stand eine schlanke Gestalt, in einen langen, dicken Umhang gehüllt, der jegliche Konturen verbarg. Unschlüssig sah sie sich um, dabei rutschte die Kapuze nach hinten und gab das Gesicht einer nicht mehr ganz jungen, aber sehr schönen Frau frei.

Langsam drehte sie sich in einem Halbkreis, als versuchte sie, sich für einen der Wege zu entscheiden. Plötzlich stutzte sie, trat einige Schritte weiter in den Schlamm hinein, ungeachtet dessen, dass ihre derben Stiefel bis über die Knöchel darin versanken, und hockte sich hin.

Inmitten des Schlammes blühte ein einzelner Löwenzahn. Kühn reckte sich die gelbe Blüte auf ihrem Stängel in die Höhe, die vier Blätter wiesen nahezu symmetrisch in die vier Himmelsrichtungen. Kleine Wassertropfen perlten auf den Blütenblättern, dann löste sich ein größerer Tropfen vom Rand der Blüte und platschte auf die Spurrille, auf deren Grat die Pflanze thronte, perfekt und rein inmitten der Verwüstung.

Die Frau streckte einen Finger aus und berührte sacht den gelben Blütenkopf. Einige Augenblicke hockte sie dort und schien über etwas nachzudenken. Abrupt erhob sie sich und drehte sich zu dem Pferd um. Zärtlich schob sie ihre Hand unter das zottige Maul des Tieres. Suchend sah sie in die Augen des Schimmels, bevor sie einige melodiöse Worte sprach.

Erneut sah sie sich um. Der Regen hatte nachgelassen, dafür senkte sich der Nebel tiefer auf die tropfnasse, duldsame Landschaft. Was blieb, war die Wegkreuzung und die von ihr wegführenden Fahrspuren, die sich nach wenigen Metern in grauer Ungewissheit verloren.

Mit sanftem, nach innen gerichtetem Blick strich die Frau über ihren Bauch, dann zog sie fröstelnd den Mantel enger um ihren Körper. Sie trat neben das Pferd und schwang sich in den Sattel. Ein letztes Mal schaute sie über die Kreuzung, dann drückte sie dem Pferd die Fersen in die Seite und folgte einem der Wege, ohne zurückzublicken. Lautlos wurde sie von der wattigen Stille verschluckt.

Part I

On the Road Again – Willie Nelson

Es war nachtschwarz. Charly hielt sich die gespreizten Finger der linken Hand vor die Augen, die andere glitt suchend über das kühle Laken außerhalb ihres kuscheligen Nestes aus Kissen und Decken. ‚Wo ist das Handy abgeblieben?’, tauchte als konkreter Gedanke aus ihrer diffusen Traumschwere auf. Noch während sie ihre Hand zu erkennen suchte, ahnte sie die Veränderung. Die Dunkelheit hatte jenen seltsam fahlen Schein angenommen, der die Morgendämmerung ankündigt.

Das Handy zeigte kurz vor vier.

***

Samstag, 16. Mai 2015, zeigten weiß leuchtende Ziffern auf dem Display vor dem knallroten Lack eines Motorradtankes im Hintergrund.

‚Ich brauche nicht zur Arbeit, könnte noch ein paar Stunden schlafen.’ Charly schwang die Beine aus dem Bett. Ohne Licht tappte sie barfuß hinunter in die Küche, schaltete die Kaffeemaschine ein und ging weiter ins Bad. Zehn Minuten später stand sie in ihrer Kombi an die Spüle gelehnt und drehte die halb volle Tasse in den Händen. Der intensive Geruch nach Leder mischte sich mit dem des Kaffees. Sinnierend blickte sie in die schwarze Flüssigkeit. ‚Wohin?’, überlegte sie. ‚In die Fränkische? Oder doch rauf nach Thüringen? Die Alpen wären schön, aber das lohnt sich wirklich nicht für zwei Tage, selbst, wenn ich vor fünf losfahre.’

Die Gedanken an die nötigen Aufgaben in Haus und Garten schob sie schuldbewusst beiseite. „Dieser Sommer steht im Zeichen von 110 Pferden“, sagte sie laut. ‚Das habe ich mir versprochen’, setzte sie, in Gedanken nur, hinzu.

Sie hob die Tasse an den Mund, trank und krauste ablehnend die Nase. Zu neu, zu steif war das Leder. Passend zum Motorrad hatte sie sich im vergangenen September das edle Stück geleistet, und während die Maschine durch den trockenen Winter bereits eine beeindruckende Zahl an Kilometern auf der Uhr hatte, war die dünne Sommerkombi kaum über eine Handvoll Ausritte hinaus gekommen. ‚Sie werden mich für einen Schönwetterfahrer halten’, schmunzelte sie. ‚Was soll’s. Den Irrtum merken sie früh genug.’ Achselzuckend stellte sie die Tasse in die Spüle.

Im Flur griff sie Tankrucksack und Helm vom Sideboard, trat aus dem Haus und ließ die Tür hinter sich zufallen. Vorfreude ließ ihr Herz schneller schlagen. Geräuschlos drehte der Schlüssel im Schloss und sie lächelte. Ihr Häuschen und das dazugehörige Grundstück waren zwar alt und malerisch verwittert und verwildert anzusehen, aber gut in Schuss. „Handwerklich macht mir keiner etwas vor“, sagte sie halblaut.

„Mrr-rrh-rrrrr“ – Ein dunkler Schatten strich durch die Rhododendren und umschmeichelte ihre Beine, dann irrlichterte Amadeus' weiße Schwanzspitze auf dem Weg zum Carport gespenstisch vor ihr her. Sie bezähmte den Drang, sofort in den Sattel zu steigen, hängte den Helm an den Spiegel und deponierte den Tankrucksack auf dem Sitz. Auf einem schmalen Trampelpfad umrundete sie das Haus.

An der Koppel brummelte ihr Napoleon, der große Braune, leise entgegen. Er stand als Einziger und wachte über den Schlaf seiner kleinen Herde, der beiden Esel und Mini-Pony Fred. Sie störte die Tiere nicht, kontrollierte Tränke und Taktgeber für den Weidedraht und schrieb eine Notiz ins Stallbuch. Peter, ihr Nachbar und seit kurzem pensioniert, schaute täglich hinein. So konnte sie kommen und gehen, wie es ihr beliebte, ohne ihn stören zu müssen, und er wusste trotzdem Bescheid, ein Auge auf Haus und Tiere zu haben. Nicht, dass es nötig war; die Pferde lebten ganzjährig im Offenstall und kamen problemlos zwei Tage ohne sie aus, aber es war beruhigend zu wissen.

Mit einem letzten prüfenden Blick über die Koppel ging sie zum Trampelpfad zurück. Amadeus war verschwunden. ‚Vermutlich hat er es sich auf dem Sims des Ostfensters bequem gemacht’, dachte sie und konnte der Versuchung nicht widerstehen. Sie schwenkte um den Fliederbusch.

Da saß er, blinzelte sie aus grünen Augen an und wartete bereits auf die Sonne. Bis zum Abend würde er sie an verschiedenen Lieblingsplätzen am Haus und im Garten ausgiebig genossen haben. Noch aber war sie nicht aufgegangen, obwohl es merklich heller geworden war.

Auch in den Tiefen des Carports schälten sich langsam die Konturen der Zweiräder aus dem Dunkel. „Vier sind drei zu viel. Eigentlich“, murmelte sie und rangierte ein gedrungenes Motorrad auf den Weg. Es schimmerte edel, auch wenn die Farben noch den düsteren Schatten der Nacht vorbehalten blieben. Kurz darauf bog sie auf die Straße gen Norden.

Im Wagen vor mir – Henry Valentino

Gereon blinzelte.

Er brauchte einen Moment, um die Informationen, die seinem Hirn zur Verfügung gestellt wurden, zu verdauen, dann sprang er fluchend aus dem Bett. Er hatte seinem Kumpel versprochen, beim Umzug zu helfen. In Berlin. Jetzt war es zwanzig vor fünf, die vereinbarte Zeit, acht Uhr in Kreuzberg, nicht mehr zu schaffen. Seine Klamotten lagen im halben Haus verteilt, da, wo sie ihm gestern nach dem Abend im Biergarten aus der Hand gefallen waren. ‚Ich werde mir von meiner Haushälterin wieder einige Bemerkungen über meinen Lebenswandel anhören müssen, aber aufräumen ist nicht mehr drin.’ Er griff ein T-Shirt aus dem Schrank, klaubte auf der Galerie die Jeans vom Boden, klatschte sich im Bad eine Handvoll Wasser ins Gesicht, auf die Dusche verzichtete er, aufs Abtrocknen ebenfalls, er fuhr sich lediglich mit dem Arm übers nasse Gesicht und trabte die freitragende Treppe hinunter in die Küche. Stellte die Doppelwandtasse unter die Hightech-Kaffeemaschine, drückte den ‚extra-stark’-Knopf, und während, oh Wunder, die Maschine ohne Nachfüll-, Leerungs- oder sonstige Forderungen den Kaffee ausgab, stieg er in die Jeans und zerrte sich das T-Shirt über den Kopf. Barfuß fuhr er in die ausgelatschten Joggingtreter. Riss die Tasse unter der Maschine weg und im Flur den Autoschlüssel vom Haken.

Kurz bedauerte er, nicht die Fireblade nehmen zu können. Mit ihr wäre es zu schaffen, aber er hatte versprochen, Werkzeug mitzubringen. Wenigstens das hatte er gestern schon zusammengesucht. Er trat in die ans Haus angeschlossene geräumige Doppelgarage, hob die Werkzeugkisten in den Gepäckraum, und während er darauf wartete, dass sich das Rolltor öffnete, ließ er auch das Verdeck aufklappen. ‚Die frische Luft wird helfen, mich wach zu halten.’

 

Nach rekordverdächtigen sieben Minuten seit dem ersten Blick auf die Uhr schoss er mit aufheulendem Motor auf die Straße und jenseits jeglicher Geschwindigkeitsbegrenzungen erst durchs Dorf, dann die gewundene Landstraße entlang. ‚Kein Mensch auf der Straße, außer mir. So macht Autofahren Spaß’, freute er sich. Kurz darauf lief er langsam, aber sicher, auf einen Motorradfahrer auf. ‚Der fährt ja fahrschulmäßig.’

‚Akkurat außen ansetzen, in den Scheitelpunkt reinziehen, rausbeschleunigen. Vorbildlich.’ Auch wenn es ihm nicht schnell genug ging, zeigte ein Blick auf die Geschwindigkeit, dass der da vorne nicht langsam unterwegs war. ‚Ganz und gar nicht.’

‚Zierlicher Kerl auf einer relativ großen Maschine.’

‚Dem Röhren nach eine Italienerin.’

‚Wahrscheinlich Ducati.’ Zufrieden mit seiner Logik, beschäftigten sich seine Gedanken müßig und angelegentlich mit dem möglichen Modell, während ihm allmählich einige Details des Fahrers ins Auge fielen. ‚Ist das überhaupt ein Kerl?’

‚Schmale Taille, die breiten Schultern könnten auch nur von den Protektoren herrühren.’

Plötzlich stoben vorn Funken auf.

‚Der hat die Fußras… verdammt!’ Er trat hart auf die Bremse und hatte danach einige Momente mit sich selbst zu tun, bis er wieder gleichmäßig auf der Straße lag. Sehr viel weiter vorn sah er den Motorradfahrer zügig durch die langgezogene Linkskurve fahren.

„Idiot!“, bellte er laut. „Verpennst die Schikane, selber schuld!“

‚Aber den Motorradfahrer habe ich unterschätzt. Nix mit fahrschulmäßig. Der hat es drauf.’ Sein Ehrgeiz war geweckt und er versuchte, den Biker einzuholen. ‚Ich will wissen, ob es ein Kerl oder ein Mädel ist!’

Kurz vor der Autobahnauffahrt hatte er ihn wieder. ‚Das Kennzeichen ist nicht von hier’, bemerkte er. ‚Ziemlicher Widerspruch zum Fahrstil, der Typ kennt die Strecke.’

Das Glück war ihm hold, die Ampel sprang vor ihnen beiden auf rot. Er bremste auf der Abbiegespur und schaute rechts rüber. Es war eine knackig sitzende Kombi, die ihm keinen Zweifel ließ.

Nicht er, sie.

Und sie nickte ihm grüßend zu! Er sah noch, wie sie die Kupplung schnappen ließ. Die Ducati stob davon.

Er stand noch einen langen Moment verdattert vor der grünen Ampel, schüttelte dann sein Staunen ab und fuhr auf die Autobahn. Während er den Wagen auf ein komfortables, sehr zügiges Tempo beschleunigte, kreisten seine Gedanken um Fahrerin und Kennzeichen und befeuerten seine Phantasie.

‚CAT 69.’

All I Have to Do Is Dream – The Everly Brothers

Blicklos starrte Gereon auf das Kennzeichen des vor ihm parkenden Wagens. Seit einigen Minuten schon, aber er merkte es nicht. Noch immer beschäftigten sich seine Gedanken mit den Widersprüchen der frühmorgendlichen Begegnung, bis ihm langsam bewusst wurde, dass er die gleiche Buchstabenkombination sah. Diese allerdings zierte das wuchtige Heck eines löwengelben Pick-ups amerikanischer Herkunft, der nicht nur durch seine Größe und die ungewöhnliche Farbe die Blicke der Passanten auf sich zog.

“Sag mal, pennst du noch?” Die Stimme seines Freundes Lars ließ ihn zusammenzucken. Der stand neben der Beifahrertür und musterte ihn interessiert. „Erst zu spät antanzen und dann träumend im Auto hocken. Ist was passiert?“

Er winkte ab und stieg aus, der Lack seines Wagens seidig warm unter seinen Fingerspitzen. Die Kühle des Morgens war frühsommerlicher Wärme gewichen.

„Du kannst gleich mit rüberfahren“, sagte Lars und deutete auf den Jeep.

„Damit? Wo hast du den denn aufgetrieben?“

„Beziehungen“, grinste Lars. „Außerdem, einem geschenkten Gaul … und so weiter. Auch nicht einem geliehenen Wagen, der mich allenfalls einen Kasten Bier kostet. Rein mit dir und wir stürzen uns in den Großstadtdschungel.“

Letztlich erwies sich der Wagen als goldrichtig. Das Wetter hielt, an der alten Parterrewohnung konnten sie alles durchs Fenster direkt auf die Ladefläche heben, und an der neuen Wohnung im zweiten Stock war mit wenig Aufwand eine einfache Rolle installiert. Ein guter Teil der unzerbrechlichen Sachen schwebte so überaus anstrengungslos hinauf. Insgesamt einer der vergnüglicheren Umzüge. Er begann sich auf den Abend – und endlich wieder eine Nacht in Berlin – zu freuen.

It’s a Beautiful Day – Michael Bublé

Sie fühlte sich wie Amadeus. Die Sonne schien wärmend und Charly unterdrückte im letzten Moment die Regung, sich genüsslich zu räkeln. Seit einer halben Stunde saß sie in der Morgensonne bei Kaffee und Kuchen. Die Begegnung an der Ampel ging ihr nicht aus dem Sinn. ‚Es war aber auch zu schön, das verdutzte Gesicht des Porsche-Fahrers. Gut ausgesehen hat er auch.’ Schon verlor sie sich wieder in Gedanken. Ihr Handy klingelte.

„Hi Dad.“

„Guten Morgen, Engel. Habe ich dich geweckt?“ Er klang besorgt.

„Dafür bist du gut fünf Stunden zu spät“, lachte Charly. „Was hast du auf dem Herzen?“

„Kannst du für mich einen T1 begutachten? Ein Kaff bei Quedlinburg. Muss noch heute sein.“

Sie nahm ihr Handy vom Ohr und warf einen Blick auf die Uhrzeit. „Kein Problem, gegen Mittag schaffe ich, schick mir die Adresse, ja?“

„Mach ich. Danke, Engel. Wo bist du überhaupt?“, fragte er.

‚Entweder hat er schon bei mir zu Hause angerufen oder wundert sich, warum ich so schnell dort sein kann’, dachte sie amüsiert. „Irgendein Café bei Suhl. Das erste warme Schönwetter-Wochenende verplempere ich doch nicht zu Hause!“, lachte sie.

„Und da hast du Zeit für einen Auftrag von mir altem Krüppel?“

Sie verdrehte die Augen. Ihr Vater störte sich sonst nicht an seinem Handicap, also musste etwas passiert sein. „Bist du aus dem Rollstuhl gefallen?“, fragte sie scherzhaft.

„Nein, vom Büro in die Werkstatt.“ Er hörte sich so an, als hätte er es ihr lieber verschwiegen.

„Whoa, ist dir was passiert?“

„Blaue Flecken.“ Er seufzte.

‚Da fehlt noch was’, dachte sie. Erwartungsvoll schwieg sie ins Telefon.

„Die Zehen tingeln“, gab er nach.

„Ist das gut oder schlecht?“

„Das wird mir am Montag hoffentlich der Doc sagen können.“

‚Er lacht wieder, gut. Vielleicht sollte ich trotzdem bei Steven nachhören’, überlegte sie und überhörte beinahe seine Frage nach Neuigkeiten. „Langsam gebe ich dir recht, das Kennzeichen der Monster zu ändern. Vorhin hat sich ein Porsche hinter mir verbremst und ich befürchtete schon, Notruf und Ersthilfe leisten zu müssen, aber er hat sich gefangen. Auffällige Farbe“, bemerkte sie noch. Natürlich gab er sich damit nicht zufrieden und sie diskutierten über das wahrscheinliche Modell. „Ich rufe dich an, wenn ich den T1 angeschaut habe“, sagte sie schließlich.

„Geht klar, Engel. Und ras‘ nicht!“

„Ich rase nie. Ich fahre zügig und bremse nur bei dringendem Bedarf“, schloss sie sehr würdevoll und legte schmunzelnd auf. Es war ihr Spruch, seit sie mit acht das erste Mal auf ein motorisiertes Zweirad gestiegen war.

Gerade wollte sie das Handy in die Tasche stecken, da fiel ihr Blick aufs Display. ‚Fünf Anrufe?’ Sie klickte auf die Rufliste. ‚Gitta, wer sonst?’ Sie winkte dem Kellner, bestellte einen doppelten Espresso, und erst, als der vor ihr stand, atmete sie tief durch und drückte den Rückruf.

„Schätzchen! Endlich meldest du dich, ich versuche schon den ganzen Vormittag, dich zu erreichen!“, tönte eine aufgeregte Stimme an ihr Ohr, kaum, dass es ein Mal geläutet hatte.

„Hi Mam, dir auch einen guten Morgen.“ Sie verkniff sich den Hinweis, dass der Vormittag erst halb vorüber war. Nicht gleich einen Streit vom Zaun brechen. Charly mochte ihre Mutter, aber sie hielt es nur dosiert mit ihr aus. Niedrig dosiert. „Was gibt‘s?“, fragte sie.

„Sag nicht nein. Du musst für eine Präsentation einspringen.“

„Schon gut, Mam, mach kein Drama draus. Wann und wo?“

„In zwei Wochen. Im Kaufhaus Görlitz. Ist von dir aus ja nicht allzu weit.“ Die Stimme ihrer Mutter klang schuldbewusst.

„Immerhin vier Stunden Fahrt!“, schnaubte Charly. „Ich mach‘s. Abgesehen davon, dass ich nicht nein sagen darf, mir gefallen Kaufhaus und Stadt. Aber nicht für lau. Du übernimmst die Kosten für zwei Nächte im Hotel meiner Wahl. Ohne Murren!“

„In Ordnung.“ Begeisterung hörte sich anders an, aber ihre Mutter wusste, wann sie am kürzeren Hebel saß. „Wann kommst du zur Anprobe? Es sind einige Kleider anzupassen.“

„Kommenden Donnerstag, nicht vor sechs.“

„Gut.“ Ihre Mutter zögerte kurz. „Schläfst du dann hier?“

„Es wird eine kurze Nacht. Halb fünf muss ich los.“

„Das schaffen wir.“

Sie hörte das Amüsement in der Stimme ihrer Mutter und schnaubte wieder, widerwillig ebenfalls amüsiert. „Das hoffe ich doch. Bis dann.“ Sie legte auf. Dann stürzte sie den inzwischen nur noch lauwarmen Espresso hinunter, zahlte und ging zu ihrem Motorrad. Sie suchte die Route nach Quedlinburg heraus und saß kurz darauf im Sattel. Vergnügt pfeifend schwang sie sich durch die Kurven des Thüringer Waldes, den Refrain sang sie laut: „Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling ...“ Zumal es derzeit absolut keinen Grund dafür gab.

Rusty Cage – Johnny Cash

Es war wirklich ein winziger Ort. Die einzige Straße bestand aus unregelmäßigen Feldsteinen, auf denen sich die Monster ihrem Namen gemäß benahm. Charly presste die Knie gegen den Tank und hob den Hintern vom Sattel, wie sie es bei Napoleon tat, wenn sie den Waldweg hoch galoppierten. Die Adresse war leicht zu finden und der große, ungepflasterte Hof allemal besser als die Straße, auch wenn die Gebäude arg heruntergekommen waren.

Erleichtert kurvte sie durchs Tor und stellte die Monster neben das silberne Mercedes-Coupé, das in der schäbigen Umgebung deplatziert wirkte. Eine unwirkliche Stille legte sich über den Hof. Sie nahm den Helm ab und steuerte das Wohnhaus an. Ehe sie es erreichte, kam ihr ein junger Mann entgegen. ‚Etwa mein Alter’, schätzte sie. Trotz des seriösen Anzugs und der gewandten Begrüßung fand sie ihn unsympathisch. „Ich will mir den T1 anschauen. Mein Vater hat mich sicher angekündigt“, erklärte sie steif.

„Natürlich. Hier entlang.“ Er ging voraus in die große, reparaturbedürftige Wellblechhalle. Die war vollgeramscht mit Fahrzeugen aller Art, hauptsächlich sehr alte, verrostete und verdreckte Karossen. Staubteilchen flimmerten in den Sonnenstrahlen, die durch das undichte Dach hereinfielen und das Innere streifig erhellten.

„Das steht alles zum Verkauf?“, fragte sie erstaunt.

Er nickte und schob eilig eine Erklärung nach: „Mein Urgroßvater hat sie zusammengesammelt. Er meinte, sie wären viel wert.“

„Da hat er nicht ganz unrecht“, antwortete sie. „Nur nicht in diesem Zustand.“

Der Anzugtyp zuckte mit den Schultern. „Das Gerümpel muss raus, so schnell es geht. Das Land ist mehr wert als die Schrotthaufen. Hier ist er“, erklärte er und blieb stehen.

Sie trat an den Wagen heran und spähte durch die verstaubte, halb blinde Heckscheibe. „Das ist kein T1, allerhöchstens eine Hülle. Da drin fehlt alles. Außen übrigens auch so einiges“, fügte sie hinzu, als sie an der Fahrerseite entlang sah.

„Aber es ist ein Samba“, konterte er stolz.

Sie erwiderte nichts, hockte sich neben die Karosse und spähte da­runter. Die Bodenplatte war quasi nicht mehr vorhanden. „Was hatten Sie sich denn vorgestellt. Preislich.“

„Zwanzigtausend“, antwortete er wie aus der Pistole geschossen.

„Vergessen Sie‘s.“

Er blinzelte irritiert.

„Maximal die Hälfte, und nur wenn Sie einen Freak erwischen“, erklärte sie, klopfte sich pulverigen Dreck von den Händen und stand auf. „Darf ich mich noch ein wenig umschauen?“

„Ja, sicher“, stotterte er, sichtlich aus dem Konzept gebracht.

Sie nickte und schlenderte andächtig durch die Halle. Hier stand ein Vermögen, für den, der es instandzusetzen wusste. ‚Ich muss Dad nahelegen, selber herzufahren’, dachte sie. ‚Das darf er sich nicht entgehen lassen!’

Neben dem hinteren Tor fand sie einen Unimog. Sie ging zur Fahrerseite. Zwischen Kabine und Aufsatz stand eine Klappe offen und ein zerfetzter, ehemals wohl gepolsterter Hebel stand waagerecht heraus. Im Schacht dahinter schimmerte matt ein Hydraulikrohr. Versuchsweise zog sie an der Fahrertür, die sich knarrend öffnete. Verwirrt starrte sie ins Führerhaus. ‚Keine Pedale?’ Neben dem Lenkrad befanden sich mehrere Hebel, die sie an den Pick-up ihres Vaters erinnerten. ‚Behindertengerecht!’ Sie unterdrückte einen Jubelschrei. Stattdessen entsperrte sie die Verriegelung und hob die Motorhaube an. Darin schienen ganze Mardergenerationen gehaust zu haben. Sonst sah es verhältnismäßig gut aus. ‚Bei Unimogs ist meist das Getriebe kaputt’, rekapitulierte sie. ‚Aber das kriegt Dad locker hin.’ Sie ließ den Deckel herunterklappen und lugte auch hier unters Fahrzeug. Zum Schluss kletterte sie in den Aufbau. Zwei Schlafplätze, Kochnische, Sitzecke, sogar eine Durchstiegsluke zum Führerhaus. Einige Details, die sich auf langen Reisen als annehmlich erweisen könnten, fielen ihr ins Auge. ‚Da hat jemand gut mitgedacht oder war bereits beim Ausbau des Fahrzeugs expeditionserfahren. Vermutlich findet sich davon noch mehr.’ Ihre Aufregung stieg, was sich durch fallende Handtemperatur bemerkbar machte. Gewohnheitsmäßig rieb sie die Handflächen an den Oberschenkeln und traf auf kühles Glattleder. Angewidert verzog sie den Mund und schob die Hände in die Achselhöhlen. ‚Ich muss ihn haben, am besten für kleines Geld!’

 

Sie fand den Verkäufer vor der Halle. Rauchend. Bevor er ihr eine Zigarette anbieten konnte, schüttelte sie ablehnend den Kopf.

„Haben Sie etwas gefunden?“

„Vielleicht. Kommt drauf an, was Sie haben wollen.“ Sie pausierte kurz. „Der Unimog neben dem hinteren Tor.“

Gemeinsam gingen sie hinein. Neben dem Unimog blieb er stehen, zückte sein Handy und tippte eine ganze Weile darauf herum, während Charly geduldig wartete. Schließlich fragte er unsicher: „Was würden Sie mir denn geben wollen?“

„So, wie er da steht? Zweifünf.“

Er sah zwischen ihr und dem Gefährt hin und her. Dann hielt er ihr die Hand hin. „Ok, gehört Ihnen!“

Lächelnd schlug sie ein.

***

Langsam rollte Charly hinter einem teuren Wagen durch die verwinkelten Gassen der Quedlinburger Altstadt. Als er den Blinker setzte, seufzte sie schicksalsergeben und blieb stehen. Die Sonne brannte für Mitte Mai unbarmherzig vom blauen Himmel, den keine Wolke trübte, und vom Motor der Ducati stieg eine beachtliche Hitze empor.

‚Ein Eis wäre jetzt genau das Richtige’, dachte sie und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.

Unerwartet zügig und akkurat wurde der Wagen auf den Hotelparkplatz gesetzt und ein Mann wand sich geschmeidig vom Fahrersitz.

‚Attraktiv, aber zu alt’, kategorisierte sie ihn, dann nahm sie Maß, schnippte mit Schwung auf den Gehsteig und nutzte die beiden freien Parkplätze für eine halbe Wende, zur ganzen reichte es nicht. Rangierte einen knappen Meter zurück, schlug erneut komplett ein und fuhr dicht neben das Geländer.

‚Seitenständer raus und langsam ab’, dachte sie, wachsam kontrollierend, dass ihr Motorrad nirgendwo „Anstoß nahm“. Nahe genug, dass sie es am Geländer würde anschließen können, und Lenker und Heck wunderbar frei. ‚Perfekt!’

Sie schwang sich ungelenk nach rechts vom Motorrad, gleichzeitig die Jacke der Kombi öffnend und den Helm abnehmend. Mit leisem Klappern fiel ihre Sonnenbrille zu Boden und sie unterdrückte den herzhaften Ausdruck, der ihr auf der Zunge lag. Stattdessen richtete sie hilfesuchend den Blick gen Himmel, schloss die Augen und verharrte so für einige lange Sekunden. „Eins nach dem anderen“, sagte sie halblaut.

„Richtig“, erwiderte eine amüsierte Männerstimme und sie wandte sich hastig in die Richtung des Herrn im gut sitzenden Anzug, der unaufdringlich eine Armeslänge neben ihr stand. Er hielt ihr die Brille entgegen. „Schicke Maschine, passt zu Ihnen.“

‚Interessantes Lächeln, das ihn noch attraktiver macht’, stellte sie fest. ‚Jünger als Dad’, dachte sie, als sie die dargebotene Brille entgegennahm. „Danke“, entsann sie sich der Höflichkeit und einer leichten Geste, die Brille und Motorrad umfasste, und wandte sich mit unverbindlichem Lächeln ab. Ihr Bedarf an Anzugtypen war für heute gedeckt.

Während sie die Schlösser aus dem Tankrucksack nahm, fühlte sie sich unbehaglich beobachtet, als ruhe sein Blick auf ihrem Rücken, doch nach wenigen Augenblicken klappte eine Autotür, dann schritt er mit einem freundlichen, aber distanziert grüßenden Lächeln die Straße hinunter und bog auf den Marktplatz. Trotzdem ließ sie sich viel Zeit, bevor sie ebenfalls zum Hotel schlenderte. Ihre Hoffnung erfüllte sich. Leer gähnte die Lobby gediegene Ruhe.

Die Rezeptionistin turnte vor ihr die Treppen hinauf ins Dachgeschoss, und als sie endlich in ihrem Zimmer stand, fragte sie sich kurz, ob sie den Weg hinunter wieder finden würde, so verwinkelt waren die Flure. Instinktiv zog sie den Kopf ein, denn sie konnte nicht nur mühelos die Balken erreichen, sondern auch die Decke dazwischen. Vorsichtige Versuche zeigten jedoch, dass sie sich ungeachtet der niedrigen Höhen frei bewegen konnte. Plötzlich eilig ließ sie den Tankrucksack in den heimeligen Oma-Ohrensessel fallen, warf die Jacke der Kombi aufs Bett und kehrte, schon halb aus der Tür, noch einmal zurück, um die kleinen Fensterchen aufzureißen.

Auf dem Markt holte sie sich am erstbesten Café eine Kugel Eis, und hastig das schnell schmelzende süße Zeug schleckend, wanderte sie zur Burg, ohne ihrer Umgebung viel Beachtung zu schenken. Sie hatte ihren Vater gebeten, Steven mit dem Krantransporter und dem vereinbarten Betrag zum Abholen des Fahrzeuges zu schicken und auf eine benachbarte Wiese gelümmelt dessen Ankunft erwartet. Seit sie Steven verabschiedet hatte, rechnete sie pausenlos nach, wann er mit seiner Fracht zu Hause sein könnte. Langsam wurde sie ungeduldig. Zu erwartungsvoll, um lange an einem Ort zu verweilen, streifte sie durch die Gassen und versuchte, die liebevoll gepflegten Blumen, das Summen der Bienen und die wärmende Sonne zu genießen. Schließlich fand sie sich auf den Stufen des Rathauses wieder. ‚Mach schon, melde dich’, dachte sie. Endlich klingelte ihr Handy.

„Hi Dad.“

„Du hast einen Unimog gekauft?“ Er klang nicht sonderlich begeistert. Schließlich gab es die wie Sand am Meer und die meisten waren ziemlich hinüber. Aber nicht dieser. Dieser war eine Fügung.

„Hast du schon reingeschaut?“ Atemlos hielt sie die Luft an.

„Wie denn? Erstens steht er noch auf dem Transporter …“

„Lad ihn ab, Dad!“, unterbrach sie ihn. Sie war aufgeregt wie ein kleines Kind zu Weihnachten. Ungeduldig wartete sie darauf, dass das Fahrzeug abgeladen wurde. Endlich sprach ihr Vater, noch immer grummelnd, die erlösenden Worte. „Steht unten.“

„Steven soll dir die Fahrertür aufmachen. Siehst du die Klappe zwischen Kabine und Aufsatz? Mach sie auf!“ Ihre Stimme vibrierte. Am anderen Ende blieb es eine Weile still. Dann klang ihr Vater genau so aufgeregt wie sie.

„Ist nicht wahr!“

„Doch!“, juchzte Charly unterdrückt. „Bau ihn auf, Dad! Wir gehen endlich auf Tour!“