Kant und der Deutsche Idealismus

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S. 9, Immanuel Kant als Spaziergänger: akg-images

S. 31, Immanuel Kant: akg-images © Science Source/SCIENCE SOURCE

S. 75, Karl L. Reinhold: akg-images

S. 155, Johann Gottlieb Fichte: akg-images

S. 207, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: akg-images/De Agostini Picture Library

S. 265, Georg Friedrich Wilhelm Hegel: akg.images

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© 2021 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.

Lektorat: Sophie Dahmen, Karlsruhe

Gestaltung und Satz: Arnold & Domnick GbR, Leipzig

Umschlaggestaltung: Jutta Schneider, Frankfurt a. M.

Umschlagmotiv: Immanuel Kant, akg-images/© Science Source/SCIENCE SOURCE

Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier

Printed in Germany

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-27353-9

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eBook (PDF): ISBN 978-3-534-74692-7

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Impressum

Inhalt

Vorwort des Herausgebers

Klaus Vieweg

Kant und der Deutsche Idealismus – Einleitung

Andrea Marlen Esser

Immanuel Kant

Martin Bondeli

Die Elementarphilosophie Karl Leonhard Reinholds und ihre Folgen

Andreas Schmidt

Johann Gottlieb Fichte

Markus Gabriel

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

Anton Friedrich Koch

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Anhang

Die Autoren

Vorwort

Die einzelnen Beiträge zu diesem Handbuch Kant und der Deutsche Idealismus versuchen je eigenständige und originelle Zugänge zu den betreffenden Denkern und den verschiedenen philosophischen Strömungen zu gewinnen sowie einige für die heutige Debatte relevante Problemlagen und Perspektiven aufzuzeigen, um mit diesem Handbuch das Interesse an den behandelten Gedanken und Entwürfen wachzuhalten.

Hiermit möchte ich Andrea Esser, Martin Bondeli, Markus Gabriel, Andreas Schmidt und Anton Friedrich Koch ganz herzlich für die konzentrierte Arbeit an den Aufsätzen in schwieriger Zeit danken!

Klaus Vieweg

Juni 2021


Inhalt

I.Am Anfang war Kant

II.Kants Gedanken als „glühende Kohlen“ und der „theologisch-kantische Gang“ in Tübingen

III.Der Prüfstein – Die nachkantische Skeptizismus-Debatte

IV.Die Geburt der neuen Weltphilosophie des Deutschen Idealismus 1794

I. Am Anfang war Kant

Am Anfang war Kant – darin sind sich die drei Hauptrepräsentanten des Deutschen Idealismus – Fichte, Schelling und Hegel – ganz einig, auch die wesentlich die nachkantische Ära mitprägenden Reinhold, Schiller und Hölderlin gingen damit konform, alles Denker, die Hegel als die „würdigen Nachfolger“ Kants ansieht.1 Diese Epoche einer Weltphilosophie wird noch heute von manchen, besonders von den gerade akademisch dominierenden Modephilosophien, ohne tiefgehende Prüfung trivialisiert oder gar diskreditiert und als überlebt verschrien. Diese Denkrichtung soll in die Mottenkiste der Philosophie oder ins Museum verbannt werden, man ruft das nachmetaphysische Zeitalter aus. Oder man versucht, seitens anderer heutiger Strömungen, den Deutschen Idealismus zu vereinnahmen, auf Kosten angemessener Interpretationen. Das radikal „Unzeitgemäße“ dieser Denkepoche bringt vielleicht den Geist unserer Zeit auf den Punkt. Diejenigen, die heute mit dem Strom der Zeit schwimmen, werden vielleicht in Jahrzehnten mit Verwunderung feststellen, dass „die Werke, die sie in ihrer Polemik vom Hörensagen als längst widerlegte Irrtümer ansahen, das substantielle Denken, den Geist ihrer Zeit enthalten.2 Solange laut Friedrich Nietzsche das noch als unzeitgemäß gilt, „was immer an der Zeit war“ und jetzt „mehr als je an der Zeit ist und nottut“ – nämlich Wahrheit „zu wagen und versuchen“ –, müsse man unzeitgemäß sein.3 Was Schelling über die Nachfolger Kants schrieb, mag auch für die gesamte, hier behandelte Denkströmung gelten: „das reine Gold dieser Philosophien von den Zutaten der Zeit zu scheiden und in reinem Glanze darzustellen“.4

Diese Einleitung zu dem von mehreren Autoren gestalteten Band Kant und der Deutsche Idealismus – Andrea Esser (Jena), Martin Bondeli (Bern), Markus Gabriel (Bonn), Anton Friedrich Koch (Heidelberg), Andreas Schmidt (Jena) und Klaus Vieweg (Jena) – will und kann die Überlegungen der behandelten Denker nicht vorwegnehmen und kann natürlich keineswegs ein Gesamtbild zeichnen. Es sollen am Anfang, im Sinne eines Handbuchs, nur wenige, ausgewählte Hauptstränge der fulminanten Denkbewegung nach Kant angedeutet werden. Die Vorbemerkungen beschränken sich darauf, knappe Umrisse und erste Orientierungspunkte für einen Weg durch den schwer zu durchdringenden Dschungel dieser von Kant ausgehenden Entstehungsperiode der neuen Denkbewegungen zu zeichnen. Die einzelnen Beiträge zu Kant (Esser), Fichte (Schmidt), Schelling (Gabriel) und Hegel (Koch) sowie zur Elementarphilosophie Karl Leonhard Reinholds und ihren Folgen (Bondeli) werden dann unterschiedliche Perspektiven auf diesen „Honeymoon der deutschen Philosophie“ (Nietzsche) eröffnen, einer philosophischen Strömung, die in all ihrer Differenziertheit und Varianz ihre Strahlkraft auch international behauptet. Ein Handbuch kann nur ausgesuchte Hauptpunkte auf der Landkarte dieses Denkraums erschließen, mögliche Zugänge dafür öffnen, Aufmerksamkeit für ein tieferes Studium erzeugen.

Dieter Henrich hat im Rahmen seiner bahnbrechenden Konstellationsforschungen die treffliche Metapher der Supernova für die Philosophie um 1800 gebraucht. Ähnlich einer kosmischen Supernova ereignete sich in den Jahrzehnten nach Kants Kritik der reinen Vernunft eine Helligkeitseruption im philosophischen Universum, die intellektuelle Sphäre erlebte eine Explosion, durch welche immense geistige Energie freigesetzt wurde, bis hin zum scheinbaren Verlöschen dieser Himmelserscheinung.

Die Initialzündung für diese Revolution in der Denkungsart schreiben seine kreativen idealistischen „Nachfolger“, die hier zunächst zu Wort kommen sollen, zweifellos Kant zu. Mit dieser exorbitanten Wertschätzung – Grundlegung einer neuen philosophischen Betrachtungsweise – geht die Auffassung einher, dass Kant nur den Anfang, den Beginn repräsentiere, den Übergang von einem Alten, Überlebten zum Neuen. Schelling verortet Kant „an der Grenze zweier Epochen in der Philosophie“, als einen Wendungspunkt von der überkommenen zu einer völlig neuen Denkungsart, die er „negativ-kritisch“ vorbereitet habe. Ähnlich „seinem Landsmann Copernicus, der die Bewegung aus dem Centrum in die Peripherie verlegte, kehrte er zuerst von Grund aus die Vorstellung um, nach welcher das Subjekt unthätig und ruhig empfangend, der Gegenstand aber wirksam ist: eine Umkehrung, die sich auf alle Zweige des Wissen wie durch eine elektrische Wirkung fortleitete“.5 Diese mit Kant einsetzende „ideale Revolution“ in Deutschland könne als Komplement der „realen Revolution“ in Frankreich gesehen werden.6 Ungeachtet des verbreiteten Missverstandes, der von einigen seiner Erläuterer und Anhänger geschaffenen Karikaturen oder schlechten Gipsabdrücke, ungeachtet der Wut bitterer Gegner wird „das Bild seines Geistes durch die ganze Zukunft der philosophischen Welt strahlen“.7

 

Insofern Kant laut Fichte der Stifter der Transzendentalphilosophie war, gilt er als der „erste Erfinder einer Weltsicht, welche die wohltätigste Revolution in der Menschheit hervorbringen wird“.8 Hegel zufolge begann mit Kant eine Revolution in der Form des Gedankens. Den Königsberger sieht Hegel als Inaugurator der „wichtigsten Revolution im Ideensystem“, er habe das Fundament für die neuere Philosophie gelegt. „Vom Kantischen System und dessen höchster Vollendung“ – so Hegel 1795 – „erwarte ich eine Revolution in Deutschland“.9 Die höchste Vollendung stehe somit noch bevor, die Ernte werde „einst herrlich sein“.10 So kann die Kant betreffende Positionierung eines Fichte, Schelling, Hegel, Reinhold, Schiller oder Hölderlin mit einer These von Schelling beschrieben werden: Die Revolution des Denkens wurde durch die kantische Kritik der reinen Vernunft ausgelöst, mit Kant ging die Morgenröte auf. Aber: „Wir müssen noch weiter mit der Philosophie!“11

An Kant scheiden sich seit den 80er-Jahren des 18. Jahrhunderts die Geister, er ist der große Zankapfel, zu seiner Denkungsart mussten sich alle philosophischen Strömungen positionieren – der Kampf um die Deutungshoheit der kritischen, transzendentalen Philosophie war in seiner Heftigkeit und Variabilität kaum zu überbieten. Das Spannungsfeld reicht von einfacher Zustimmung über Anknüpfung und Erneuerung bis hin zu Distanzierung und massiver Ablehnung – Um hier nur einige Repräsentanten der großen Kontroverse zu nennen –, die Vertreter der vormaligen Metaphysik und die Philosophen des gesunden Menschenverstandes versuchten, den Aufbruch zu stoppen oder einzudämmen. Die orthodoxen Buchstabenkantianer warteten stets auf die „Postkutsche aus Königsberg“, um die neuen Weisheiten zu empfangen, so Friedrich Schlegel, – sie seien „am Buchstaben stehen geblieben“ (Schelling). Die scharfen Kant-Kritiker legten beachtenswerte Einwände gegen die neue Philosophie vor (Aenesidemus Schulze, Flatt, Jacobi u. a.), die kritischen Fortsetzer entwarfen neue, an Kant anschließende Konzeptionen (Reinhold, Schiller, Fichte). Ähnlich der kosmischen Supernova erfuhr das Geschehen eine exponentielle Ausdehnung – von Königsberg aus nach Stuttgart und Tübingen, nach Jena und Berlin.

Das Themenspektrum der Positionierung zum Impulsgeber Kant war breit gestreut und kann hier nur knapp und verkürzt umrissen, schon gar nicht philosophisch eingeschätzt werden: Der Denker aus Königsberg galt als der Zermalmer der überkommenen Metaphysik, der eine Antwort auf die Frage suchte: Wie ist eine neue Metaphysik als Wissenschaft möglich? Die traditionelle, vormalige Metaphysik hatte man im Visier, es ging keinesfalls um ein nachmetaphysisches oder postmetaphysisches Philosophieren. Kant habe Fichte zufolge den „Ort des Wahren“ entdeckt, in der Apperzeption, im Ich liege „der Einheitspunkt aller Grundformen des Wissens“, jedoch habe er das Prinzip nicht zureichend offengelegt – „die Ausführung bleib hinter dem Vorsatz zurück“. In der „wissenschaftlichen Ausmessung des ganzen Gebiets der Vernunft [werde] das Wissen nicht in seiner absoluten Einheit gefasst“, sondern liege Fichte zufolge gespalten in verschiedene Zweige vor. Es geschieht „keine Deduction aus der Urquelle“, das Wissen werde „mehr empirisch gesammelt und durch Inductionsgesetze erhärtet“.12 Aus der Sicht von Schelling erfolgt eine wissenschaftliche Ausmessung des menschlichen Erkenntnisvermögens mit dem Ziel eines absoluten Erkennens als Vernunfterkenntnis, aber „die Prämissen fehlen noch“.13 Laut Hegel gewinnt die Philosophie die „große Form der Subjektivität“. Die Lehre von den synthetischen Urteilen a priori hält er für epochemachend, der Gedanke der ursprünglich-synthetischen Einheit der Apperzeption zähle zu den tiefsten Einsichten. Mit der Betrachtung des Bewusstseins als solchem werde die Erkenntnis des Begriffs eingeleitet, das Paradigma der Bewusstseinsphilosophie konstituiert. Damit komme aber zugleich der grundlegende Dualismus dieser Denkungsart zum Vorschein, zwischen Bewusstsein und Gegenstand. Der Dualismus von Realismus und subjektivem Idealismus, des Myth of the Given und des Myth of the Construction, könne erst im spekulativen, begreifenden Denken eines absoluten Idealismus überwunden werden.

Karl Leonhard Reinhold, einer der Hauptakteure der nachkantischen Zeit, der eine Neubegründung der kritischen Philosophie mit Hilfe der Festigung des Fundaments philosophischen Wissen beabsichtigt, liefert eine klassische Formulierung des Paradigmas des Bewusstseins, nämlich, dass „die Vorstellung im Bewußtsein von ihrem Objekt und Subjekt unterschieden und auf beide bezogen werde“. Reinhold habe das „unsterbliche Verdienst, die philosophische Vernunft darauf aufmerksam zu machen, dass die gesamte Philosophie auf einen einzigen Grundsatz zurückzuführen“ sei, als dem Grundprinzip und dem Schlussstein. Mit der Frage nach einer Fundamental- oder Grundsatzphilosophie wird ein Kernproblem diagnostiziert – der Anfang der Philosophie, mit dessen Lösung die „Hälfte der Philosophie“ bewältigt wäre (Aristoteles). Fichte sah in Reinholds Überlegungen eine „unentbehrliche Vorstufe“ für seine Philosophie, Schelling „eine Stufe, über welche die Wissenschaft gehen musste“. Er stimmt aber Hegel zu, dass bei „Reinhold’s Versuchen, die Philosophie auf ihre letzten Prinzipien zurückzuführen, die Revolution nicht weiter führt“.14 Hegel betont später, dass bei Reinhold „ein wahrhaftes Interesse zugrunde lag, welches die spekulative Natur des Anfangs betrifft“.15 Aufgrund des dem Paradigma des Bewusstseins bzw. des Selbstbewusstseins inhärenten Dualismus – es wird etwas zunächst als unvereinbar erklärt und dann soll es wieder vereint werden – erwachse ein „unaufgelöster Widerspruch“ für alle Bewusstseinsphilosophien. Die Kritik zielt auf die cartesianische Zweiheit von res extensa und res cogitans sowie auf Kants Lehre von den zwei getrennten Stämmen des menschlichen Erkennens. Als entscheidend für die Überwindung des Dualismus gelten Spinozas Gedanke der Einheit der Substantialität und der frühe Schiller. Letzterer erhob gravierende Einwände gegen den kantischen Dualismus; mit seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen, die vom Berner Hegel bereits als „Meisterstück“ bewertet wurden, hätte er den Anstoß zum Hinausgehen über die Reflexionsphilosophien gegeben (Hegel).

II. Kants Gedanken als „glühende Kohlen“ und der „theologischkantische Gang“ in Tübingen

Jakob Friedrich Abel wirkte als Vermittler kantischer Gedanken in Stuttgart und Tübingen. Er kann in Stuttgart als Lehrer von Schiller und Hegel gelten und lehrte dann in den Jahren des Studiums von Hölderlin, Hegel und Schelling als Professor am Tübinger Stift. Kant hatte in seinen Prolegomena die auch von Abel vertretene Philosophie des gesunden Menschenverstandes scharf attackiert, worauf Abel 1787 mit seiner Schrift Versuch über die Natur der speculativen Vernunft. Zur Prüfung des Kantischen Systems reagierte. Mit einer Distanzierung von einigen Positionen Reids und Beatties versucht er, das „alte Gebäude der Metaphysik zu retten“. Eine Ableitung aus Erfahrung scheitert an der Unmöglichkeit einer vollständigen Induktion, sodass Zugeständnis von Abel an den „zweifelsüchtigen“ Hume. Aber der Erweis von Kants Auffassung, dass wir nie ohne Raum und Zeit anschauen, nie ohne Kategorien denken, kann ebenfalls nicht durch Erfahrung erfolgen, also nur a priori, womit Kant in den Zirkel gerate, den Apriorismus durch den Apriorismus zu rechtfertigen.16 Nachdem also die Begründungen durch die Mittelbarkeit der Erfahrung als auch das Apriorische gescheitert wären, setzt Abel auf die Unmittelbarkeit einer Abstraktionskraft, auf unmittelbar gegebene Tatsachen des Bewusstseins in Form ursprünglicher psychologischer Gesetze. Letztere seien als vorfindliche, unwillkürliche und notwendige Operationen unseres Verstandes gewiss. Abel setzt damit auf die empirische Psychologie als Grundwissenschaft, will „aber aus den Gesetzen, unter denen die Seelenvermögen tätig sind, zugleich die Möglichkeit apriorischer Erkenntnisse rechtfertigen“17 – in Abels Worten: „apriori in der Seele“. Zu den „wirklichen äußeren Dingen“ kämen wir durch die Übertragung dieser inneren Gesetze auf den Gegenstand, des Subjektiven auf das Objektive. Aus der unwillkürlichen Abstraktion „Kraft“ etwa wird auf ein Existierendes geschlossen, in dem die Kraft enthalten sei. Raum und Zeit können so nicht bloß als Anschauungsformen genommen werden, sondern auch als wirkliche Bestimmungen eines wirklichen Dings. Hier verbinden sich demnach beachtenswerte Einwände gegen Kant mit den Konzepten der Legitimation auf der Grundlage des puren Findens von Tatsachen des Bewusstseins, einer Versicherung von Facta des Bewusstseins, also der These einer unmittelbaren Gewissheit, stets aber auf der Basis der Behauptung, dass es unmittelbare sinnliche Erkenntnis gebe.

Wie bei Reid und Beattie verschränkt sich das Common-sense-Philosophieren mit Gedanken der Offenbarungsreligion.18 Nachdem die genannten Schotten ihrem Landsmann David Hume skeptische Leugnung des christlichen Glaubens vorwarfen, wird nun Kant vorgehalten, dass er mit seiner in der Kritik der reinen Vernunft vorgetragenen Auffassung, wonach alles, was kein Gegenstand möglicher Anschauung, daher auch kein Gegenstand unseres Wissen sein könne, die Theologie fundamental angreife und Gott zu einer regulativen Idee zurückstutze. Laut Abel, der eine Identität von christlicher Religion und Vernunft behauptet, ist es „nach Gesetzen des menschlichen Verstandes notwendig, ein die Welt nach Willkür änderndes, alle Glückseligkeit zeugendes Wesen, einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott anzunehmen“. In der Rehberg-Rezension zu Kant wird dies thematisiert, speziell der Gedanke der Vereinbarkeit der sonderbarsten metaphysischen Spekulationen mit der Religion. In der kantischen Philosophie sei ein „skeptischer Atheismus“ am Werk. So werde behauptet, dass die Spekulationen über das, „was allen Erscheinungen zum Grunde liegt, und über den Begriff des Unbedingten und Bedingten für die Religion ganz unfruchtbar sey, und alle anscheinenden Beweise, die sie gewähren, auf blosse Täuschung hinauslaufen.“ Über die Beschaffenheit von Kants Ideen kann schlechterdings nichts bekannt werden, sie seien „erkenntnisleer“ und „gar keiner erkennbaren Bestimmung fähig, und bezeichnen also an sich nichts, sondern deuten nur an, dass das gesammte Feld der Erscheinungen noch auf etwas ausser sich hinweise, dessen Daseyn daher nicht erkannt, sondern nur geschlossen wird, und nothwendig vorausgesetzt werden muss.“19 Ausdrücklich findet auch das System Spinozas in diesem Kontext Erwähnung, verbunden mit der Attacke des Rezensenten auf den Spinozismus als Erzdogmatismus, Skeptizismus und Atheismus, verbunden mit dem Hinweis auf die „unlängst erschienene vortreffliche Kritik der praktischen Vernunft“.20

Hölderlin, Hegel und Schelling erlebten wie vorher Diez und Niethammer in ihren Studienjahren am Tübinger Stift höchst turbulente Debatten um den Gehalt der kantischen Philosophie. Dort herrschte in dieser Zeit ein spezielles geistiges Klima, das von den Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Revolution in Frankreich und deren Gegnern, zwischen den Theologieprofessoren – in erster Linie Gottlob Christian Storr, Johann Friedrich Flatt und Johann Friedrich LeBret – und den Anhängern der neuen Philosophie unter den Studenten und Repetenten geprägt war: „Nirgends wurde der Kampf zwischen der Autonomie der Vernunft und der Autorität von Gottes Wort so leidenschaftlich geführt wie in Tübingen zur Zeit der französischen Revolution.“21 Schelling attackiert einige seiner Professoren heftig: Sie würden „einige Ingredienzien von der Oberfläche des Kantischen System herausnehmen“ und damit ihre theologische Position stärken wollen: „Alle möglichen Dogmen sind nun schon zu Postulaten der praktischen Vernunft gestempelt, und wo theoretisch-historische Beweise nimmer ausreichen, da zerhaut die praktische (Tübingische) Vernunft den Knoten.“22 Die ganze Bandbreite der kantischen Philosophie stand zur Debatte: Freiheit, das Gespenst des Ding an sich, theoretische und praktische Vernunft, die zwei Stämme Sinnlichkeit und Verstand, das Ich und die Apperzeption, Idealismus und Realismus, Religion, Tugend und Glückseligkeit, Skeptizismus, die Manier des Postulierens, Glauben und Wissen.

 

Die jungen Tübinger Wilden waren gegenüber den alten Autoritäten und neuen Heroen der Philosophie nicht geneigt, ihren „Nacken zu beugen“ (Hegel), auch nicht im Blick auf Kant. Gerade auch die kantische Transzendentalphilosophie muss, entsprechend ihrer eigenen Forderung, vor dem Gerichtshof der Vernunft bestehen, man muss auch im Angesicht dieses neuen Evangeliums nicht auf die Knie fallen, sondern gut kantisch den Mut haben, sich der eigenen Vernunft zu bedienen. Man muss selbstbewusst in die Höhle des Königsberger Löwen eintreten, die skeptische Prüfung kann auch hier nicht suspendiert werden. Die Kritik der kritischen Philosophie verlangt großen Respekt vor dieser Revolution in der Denkungsart, hat jedoch unvoreingenommen und ohne Rücksicht auf den berühmten Namen zu erfolgen.

Die sich mit Blick auf die in Frankreich begonnene politische Formierung einer modernen Ordnung vollziehenden Kontroversen um die Transzendentalphilosophie Kants wie auch die Rousseau’schen Gedanken bilden den Rahmen. Wichtige Beiträge zu dieser „konstellatorischen Dynamik der Debatte im Stift“ liegen inzwischen vor.23 Die Rede vom „theologisch-kantischen Gang“ bleibt dabei doppeldeutig und spielt sowohl auf die Kontroverse zwischen der Tübinger supranaturalistischen Theologie (Storr, LeBret, Flatt, Süßkind, Rapp) einerseits und Kant andererseits, als auch auf die Symbioseversuche von Tübinger Dogmatik und kritischer Philosophie an. Nach der durch den Kreis um Diez und Niethammer repräsentierten ersten Generation von philosophischen Rebellen begann ab 1788 der intellektuelle Aufstieg der zweiten Generation mit ihren Helden Hölderlin, Hegel und Schelling.24 Zudem eröffneten zeitgleich Fichte und Kant mit ihren Religionsschriften und die entsprechenden Verteidigungsstrategien der Tübinger Theologen eine neue Phase, sodass die Troika sich vor einer veränderten Herausforderung wiederfand. Man steht vor einer schier unüberschaubaren Konstellation mit verschiedenen Frontlinien: etwa die Streitsache zwischen den Protagonisten der Tübinger Theologie und den Vertretern einer natürlichen Religion bzw. Volksreligion, die Kontroversen zwischen Tübinger Supranaturalisten und den Kant-Evangelisten à la Diez sowie den Kant-Fortsetzern Reinhold und Fichte.25

In Anspielung auf Schiller hielt Schelling seinen Freund Hegel für berufen, „vollends die letzte Tür des Aberglaubens zu verrammeln“‘ (Br I, 21) und einen gewichtigen Beitrag beim Ausjäten des „alten Unkrautes“ zu erbringen. Mit dem „Verrammeln“ erinnert Schelling vielleicht an Schillers Rousseau-Gedicht: „Nacht und Dummheit boshaft sich versammeln, / Deinem Licht die Pfade zu verrammeln“.26 Es bestand die Herausforderung, einer der einflussreichsten Strömungen der evangelischen Theologie auf Augenhöhe zu begegnen und ihr Paroli zu bieten – der Storr’schen Schule des Supranaturalismus. Ähnlich schwierig gestaltete sich die Tübinger Herausforderung im Angesicht der Rezeption von Kant und des Kantianismus seitens der Theologen und deren Reaktionen auf den Königsberger Philosophen und Fichte in Form eines „neuen kantisch-philosophischen Supernaturalismus“ à la Reinhold, was zur Verteidigung wie zur Kritik einzelner Lehrstücke der kantischen Philosophie führte. Auch tritt Spinozas Monismus als eine mit Kant ernsthaft konkurrierende Konzeption vor Augen, zumal Professoren im Stift wie Flatt und LeBret diese „Spinozisterei“ als Atheismus zu diskreditieren suchen.27 Den legendären Lessing-Satz: „Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich – hen kai pan! Ich weiß nichts anders“ zitiert Schelling fast wörtlich in einem Brief an Hegel (Br I, 22); dem Hölderlin-Eintrag in Hegels Stammbuch ist das hen kai pan hinzugefügt (Br IV/1, 136).

In zarter Differenz zur harschen Polemik Schellings – „Erklärung aller Dogmen zu Postulaten der praktischen Vernunft“ – bringt Hegel später seine klassische Formulierung von der listig-schlauen Vernunft ins Spiel: Unter dem „kritischen Bauzeug, das die Theologen zur Befestigung ihres gotischen Tempels herbeischaffen“, das „sie dem Kantischen Scheiterhaufen entführen, um die Feuersbrunst der Dogmatik zu verhindern, tragen sie aber wohl immer auch brennende Kohlen mit heim; – sie bringen die allgemeine Verbreitung der philosophischen Ideen“ (Br I, 17). Dies trifft auf Storrs wie auf Flatts Kant-Kritik und auf die öffentliche Flatt-Märklin-Debatte zu.28 Und die Kant-Widersacher lieferten durchaus bemerkenswerte Argumente wie etwa die skeptischen Einsprüche gegen Kant und Reinhold seitens Flatts, eines „Selbstdenkers“ (Fichte), einer der „scharfsinnigsten und liberalsten Bestreiter der Kantischen Philosophie“.29 Für den Gedanken des Göttlichen sind Flatt zufolge keine metaphysischen Ideen erforderlich, sondern dieser Glaube ist in „Erscheinungen der Natur“ und im „Wesen des menschlichen Verstandes“ gegründet. Während Flatt den von Kant vorgetragenen moralischen Überzeugungsgrund vom Dasein Gottes schätzt, jedoch die göttliche Autorität nicht als bloße Hypothese sieht, mausert sich der Tübinger Repetent Rapp nach anfänglichen Sympathien für Kant zum dezidierten Anhänger des Theologen Storr. Rapp hatte sich in seiner Jenaer Zeit stark an Kant angenähert – die Vernunft sollte demnach zur höchsten Richtschnur der Handlungen gemacht werden. Aus Jena war er jedoch als „der entschiedenste Kantianer, aber zugleich auch als der entschiedenste Storrianer zurückgekommen“.30 Der Streit um die Auslegung der kantischen Philosophie, die Spannung zwischen begeisterter Kant-Rezeption und Kant-Kritik, die Konfrontation verschiedener Stellungnahmen zum „Kantischen Kriticismus“ prägen wesentlich das geistige Klima während der Tübinger Jahre. Diese Debatten erhalten Gewicht für die – im Unterschied zu den erzkantianischen Kommilitonen Renz und Märklin – eben nicht von der Kantomanie Infizierten Hölderlin, Hegel und Schelling, denen es um einen ausgewogenen, differenzierten Blick auf die kantische Denkungsart zu tun war, um die unvoreingenommene Prüfung der Positionen der Transzendentalphilosophie. Wie kann die neue Denkungsart ihre Stichhaltigkeit belegen?