Mörderwut: 3 Top Krimis September 2021

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Alfred Bekker, Horst Friedrichs, Horst Bieber

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Inhaltsverzeichnis

  Mörderwut: 3 Top Krimis September 2021

  ​Copyright

  Trevellian und der kommende Mann: Kriminalroman

  Stadt der Schweinehunde

  Wer erschießt schon eine Leiche?

Mörderwut: 3 Top Krimis September 2021
Alfred Bekker, Horst Friedrichs, Horst Bieber

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Trevellian und der Kommende Mann (Horst Friedrichs)

Stadt der Schweinehunde (Alfred Bekker)

Wer erschießt schon eine Leiche? (Horst Bieber)

Mein Name ist Murray Abdul.

Und dies ist meine Story.

Ich jage irre Killer.

Aber es kommt durchaus öfter mal vor, dass ich denke, ich bin selber irre.

Ich überlasse Ihnen die letzte Bewertung. Ich selbst sehe mich dazu inzwischen außerstande.

Alfred Bekker ist Autor zahlreicher Fantasy-Romane und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA und die GORIAN-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Im Bereich des Krimis war er Mitautor von Romanserien wie Kommissar X und Jerry Cotton. Außerdem schrieb er Kriminalromane, u.a. die Titel MÜNSTERWÖLFE, EINE KUGEL FÜR LORANT, TUCH UND TOD, DER ARMBRUSTMÖRDER und zuletzt in dem Roman DER TEUFEL AUS MÜNSTER, in dem er einen Helden aus seinen Fantasy-Romanen zum Ermittler in einer sehr realen Serie von Verbrechen macht.

​Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alles rund um Belletristik!

Trevellian und der kommende Mann: Kriminalroman
Horst Friedrichs

»O du Bastard! Du widerwärtiger Schweinehund! Wie konnte ich es bloß acht Jahre mit dir aushalten!« Das Kreischen der Frau gellte von der luxuriösen Motorjacht auf den Atlantik hinaus. Die ›Sheryl‹ ankerte vor einer einsamen unbewohnten Felseninsel, und es war niemand da, der das Geschrei hören konnte. Außer Gregory McKenna, dem Eigner der Jacht. Verzweifelt hielt er sich die Ohren zu und schloss die Augen. Aber dieser kindliche Versuch schützte ihn nicht vor dem Tobsuchtsanfall seiner Frau. Sie schrie, dass die Luft zitterte. Meistens dauerte es einen halben Tag, bis sie ruhiger wurde.

Sein Blick fiel auf die Insel, und plötzlich hatte er die rettende Idee. Ich setze sie aus, dachte er. Verdammt, ich setze sie auf dieser Insel aus!

***

Vor der schrillen akustischen Kreisch-Kulisse war es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch die wirklich grandiose Idee steigerte McKennas Konzentrationsvermögen, ja sie erfüllte ihn sogar mit Freude, obwohl er dazu nun wirklich keinen Grund hatte.

Er hockte ganz vorn am Bug des Schiffs, auf den Decksplanken aus lackiertem Edelholz. Draußen am Bug prangte der Name »Sheryl« in großen Lettern aus poliertem Messing, je einmal an Backbord und an Steuerbord. Außerdem war eine kleinere Version des Namenszugs »Sheryl« zusammen mit »Greenport«, dem Heimathafen, am Heck angebracht.

Es war der reinste Hohn, dass er seinen ganzen Stolz, die Jacht, ausgerechnet nach der Frau benannt hatte, die da oben am Ruder stand und ihn auf die wüsteste Weise beschimpfte.

»Weißt du, was du bist, Greg McKenna? Weißt du das? Nein, du weißt es offenbar nicht, denn sonst hättest du schon vor Jahren etwas dagegen getan. Du bist immer der Drecksack geblieben, der du von Anfang an warst! O ja! Und für das miese, niederträchtige Schwein in dir gab es immer nur eine Zielscheibe - mich!«

Greg stellte fest, dass das Ohren-Zuhalten so gut wie gar nichts nutzte. Er verstand trotzdem jedes Wort, das sie buchstäblich ausspie. Also nahm er die Hände herunter und öffnete auch die Augen wieder. Er musste sich den Tatsachen stellen, er hatte keine andere Wahl mehr.

Sie hatten diesen Tag auf See eingelegt, um wieder zueinander zu finden, um in Ruhe zu reden, stundenlang, irgendwo in den Weiten des Block Island Sound. Blödsinn! Schnapsidee! Was war dabei herausgekommen? Dasselbe Gezeter wie jeden Tag.

Gerade mal eine Stunde war es gut gegangen. Dann hatten sie zum zweiten Frühstück vor dieser Insel geankert, und es war geschehen. Er hatte die Zeitung nicht mal angefasst, hatte nur einen Blick auf die Titelseite geworfen, doch das war der Lady schon zu viel gewesen.

Ihr Kreisch-Ausbruch gellte ihm noch jetzt in den Ohren.

»Ah, die Zeitung! Deine geschätzten Schlagzeilen! Du kannst es gar nicht erwarten, dieses dämliche Geschreibsel zu verschlingen! Politik, Aktienkurse! Wie kann man sich bloß tagtäglich für so einen Mist interessieren! Nichts hat sich geändert. Zeitung lesen ist dir wichtiger als mit mir zu reden - sogar hier und heute, wo wir einen Tag für uns haben wollten. Na mach schon, lies dein verdammtes Käseblatt! Ich weiß, dass ich dich nur nerve, wenn ich es mal wage, das Wort an dich zu richten!«

Natürlich hatte er die Zeitung nicht gelesen, sondern sie über Bord geworfen, zur Wiedergutmachung. Aber der Versuch war total fehlgeschlagen.

»Was soll denn das jetzt?«, hatte sie geschrien. »Jetzt willst du mich wohl richtig fertig machen, was? Den ganzen Tag kriege ich jetzt zu hören, dass du meinetwegen deine geliebte Lektüre über Bord schmeißen musstest! O, was bist du doch für ein falscher, verlogener Hund!«

Das Kreischen der Erinnerung wurde von den aktuellen Schrilltönen überlagert, die vom Außen-Ruderstand auf ihn herabpeitschten.

»Du behandelst mich wie einen Einrichtungsgegenstand! Jawohl, mehr bin ich nicht für dich! Ein Möbelstück. Ein Schrank oder so was. Ach was, nur eine Kommode!«

Greg McKenna stand auf und straffte seine Haltung.

»Komm mal her«, sagte er, als sie Luft holen musste.

Das brachte sie aus dem Konzept.

»Was?« Sie verschluckte sich fast, runzelte die Stirn, während ihre Augen ihn anfunkelten.

»Komm mal her«, wiederholte er.

»Wozu?«

»Ich will dir was sagen.«

»Das kannst du auch so. Wahrscheinlich ist es wieder was Gemeines, Niederträchtiges. Und deshalb soll ich runterkommen?« Ihre Augenbrauen bildeten einen Aufwärtswinkel. »Ich weiß, was du willst! Du willst mich schlagen! Ha, das fehlt noch in deinem Repertoire. Körperliche Gewalt!«

Ihre Stimme stieg erneut zum Gellen an.

»Aber das könnte dir so passen! Da musst du früher aufstehen, wenn du mir mit Schlägen kommen willst! Ich hab nämlich damit gerechnet, und ich bin darauf vorbereitet.«

Abrupt wandte sie sich ab, hastete den Niedergang hinunter und verschwand in der Kajüte.

Greg McKenna begriff nicht, was sie vorhatte. Aber vielleicht würde er seinen Plan doch noch umsetzen und sie zum gemeinsamen Landgang überreden können.

Vor dem fatalen Frühstück hatten sie noch darüber gescherzt, dass auf jeder Insel hier der sagenumwobene Piratenschatz des Captain Kidd verborgen sein konnte. Irgendwo sollte der einst gefürchtetste Mann der Ostküste sein Gold und Silber versteckt haben. Niemand hatte es bis heute gefunden, aber Greg hatte in seiner guten Laune noch gescherzt und gesagt: »Glückskinder wie wir haben eine echte Chance. Wir brauchen bloß auf die Insel zu gehen, dann stehen wir über kurz oder lang vor Kidds Kiste. Wetten?«

Daran wollte er sie erinnern. Geldgierig wie sie war, würde sie sich vielleicht doch noch zum Landgang überreden lassen. Und dann…

Er rieb sich innerlich die Hände. Dann, o Mann, würde sie den größten Schock ihres Lebens verkraften müssen. Vielleicht würde sie dann endlich mal die Klappe halten.

Greg McKenna musste sich zusammenreißen und seine Vorfreude verbergen, als er sich auf den Weg zum Achterdeck machte. Am liebsten hätte er einen Freudentanz hingelegt. Doch er konzentrierte sich darauf, das Beiboot ordnungsmäß zu Wasser zu lassen.

 

Während er es tat, hörte er Sheryls Schritte. Sie war noch immer barfuß. In ihrem Bikini konnte sie einem Mann, der die Megäre in ihr nicht kannte, durchaus attraktiv erscheinen.

Auch Greg McKenna war nur leicht bekleidet. Mit den bunten Bermudas und den Gummilatschen hatte er sich der spätsommerlichen Wärme angepasst.

»Lass uns an Land gehen«, sagte er versöhnlich, ohne sich umzudrehen. »Auf der Seekarte hat die Insel nicht mal einen Namen. Könnte also gut sein, dass Captain Kidd seinen Schatz hier…«

»Du gehst allein«, unterbrach Sheryl ihn schneidend.

Die Aufforderung allein hätte ihn wahrscheinlich nicht überzeugt, aber das metallische Knacken, das er gleichzeitig hörte, jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken.

»Sheryl!«, flüsterte er entsetzt. Langsam drehte er sieh um - und erstarrte.

Sie zielte mit einer Pistole auf ihn.

»Wenn du denkst, du kannst mich ins Beiboot prügeln, hast du dich geschnitten«, sagte sie beherrscht. »Machst du auch nur einen Schritt auf mich zu, knallt es. Darauf kannst du Gift nehmen.«

Die Pistole war klein und handlich, aus matt schimmerndem Edelstahl. Eine Damenwaffe. Doch die Kugeln, die diese scheinbaren Spielzeuge verschossen, waren genauso tödlich wie die der größeren männlichen Kaliber.

»Da-das… ka-kannst du… doch nicht… machen!«, stotterte er und hätte sich für dieses Zeichen von Schwäche am liebsten selbst in den Hintern getreten. »Mein Gott, Sheryl, nimm die Waffe runter! Du weißt, ich bin nicht gewalttätig. Ich bin es nie gewesen.«

»Es gibt immer ein erstes Mal«, erwiderte sie höhnisch. »Los jetzt, runter ins Boot und ab auf die Insel!«

»Waaas?« Entgeistert starrte er sie an. Innerlich fluchte er, weil sie ihn offenbar durchschaut hatte und nun einfach den Spieß umdrehte.

»Mach schon!«, fauchte sie. »Ich hab keine Lust, mir hier die Beine in den Bauch zu stehen.« Und ohne Warnung oder Ankündigung drückte sie ab.

Die Pistole bellte. Greg McKenna schrie auf, als die Kugel vor ihm in die Decksplanken fuhr.

»Bist du wahnsinnig?«, brüllte er. »Du kannst doch nicht auf mich schießen!«

»Und ob«, sagte sie und feuerte ein zweites Mal.

Diesmal hackte das Vollmantelblei nur drei, vier Inches vor seinen Füßen ins Holz.

Greg zuckte zurück, kippte fast über die Reling. Er hielt sein Gleichgewicht mit knapper Not, wollte etwas sagen, doch der kalte, verkniffene Gesichtsausdruck seiner Frau hinderte ihn daran.

In fliegender Hast schwang er sich über die Reling. Das kleine Schlauchboot mit dem Außenborder kenterte fast unter seiner plötzlichen Last. Er stabilisierte die Nussschale, indem er sich an der Bordwand festhielt.

Sheryl erschien über der Reling, und wieder zielte sie auf ihn. »Jetzt ist Schluss mit lustig«, zischte sie. »Jetzt kriegst du die Quittung für alles, was du mir angetan hast.«

Greg fühlte sich wie ein Verbrecher, obwohl er schon bei allen vorangegangenen Auseinandersetzungen nicht darauf gekommen war, was er ihr eigentlich angetan hatte. Er hatte sein Hirn zermartert, und trotzdem war ihm nichts Unrechtes eingefallen, das er sich jemals geleistet haben könnte.

Resignierend startete er den Außenborder und fuhr los. Vorsichtig manövrierte er das Boot in eine winzige Bucht, sprang mit der Leine auf das felsige Ufer und zog das Boot an Land.

»Such!«, schrie Sheryl auf dem Achterdeck der Jacht. »Na los, such deinen Schatz! Braves Hündchen!« Sie stieß ein schrilles Lachen aus und hielt sein Handy hoch, das sie statt der Pistole in die Rechte genommen hatte.

Dann drehte sie sich einfach um und erklomm den Ruderstand. Routiniert ließ sie die Maschine der Jacht an, holte den Anker ein und stach in See.

Gregory McKenna stand wie versteinert. Er blickte der »Sheryl« noch nach, als sie nur noch ein Punkt über der Kimm war…

***

»Gentlemen, würden Sie bitte so freundlich sein zu verschwinden?«

Der Mann, der zu Milo und mir so ausgesucht höflich sprach, hieß Milton Faggart und schien ein seltsamer Mensch zu sein. Jedenfalls hätte seine Sprechweise besser zu einem englischen Lord gepasst als zu einem Gangster, der in einer verqualmten Bude in South Brooklyn hockte.

Es war eine Mischung aus Büro und Aufenthaltsraum und gehörte zu einer Tankstelle am Gowanus Expressway, die unser Freund Art Grobuck ausgekundschaftet hatte. Art, der als freiberuflicher Kopfgeldjäger arbeitete, war zurzeit in den Südstaaten unterwegs, vermutlich in Louisiana und Florida, wo er Kautionsflüchtlinge jagte.

Faggart lächelte hinter seinem Schreibtisch. Er hatte ein rundes, aufgeschwemmtes Gesicht, das durch sein fettiges dunkelblondes Strähnenhaar nicht ansprechender wurde. Ein mächtiger Bauch wölbte sich über dem Hosenbund seines grauen Anzugs. Das Jackett war faltig vom vielen Sitzen, und der fleckige Schlips hing auf Halbmast.

Die gewählte Ausdrucksweise des übergewichtigen Mannes passte ganz und gar nicht zu seinem heruntergekommenen Äußeren.

»Ich muss Sie wirklich dringend bitten, Gentlemen«, legte er nach. »Sie Würden mir einen außerordentlich großen Gefallen tun, wenn Sie mir Ihre Anwesenheit ersparen würden.«

Milo und ich sahen uns an. Wir dachten ungefähr das Gleiche. Dieser komische Mensch hielt uns entweder für was Besonderes, für eine Art Obrigkeit, dass er meinte, so geschraubt mit uns reden zu müssen. Oder er wollte uns gepflegt auf den Arm nehmen. In beiden Fällen lag er total daneben.

Wir steckten unsere Dienstausweise ein.

»Verehrter Mr. Faggart«, sagte ich tadelnd und ahmte seine Sprechweise nach. »Ich empfehle Ihnen dringend, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Andernfalls wären mein Kollege und ich ge zwungen, Maßnahmen zu ergreifen, die durchaus geeignet wären, Ihr Missfallen zu erwecken.«

Faggart sperrte den Mund auf. Verblüfft starrte er mich an, als hätte er es mit einem Fabelwesen zu tun.

Milo übernahm die Rolle des bösen Cops. »Im Klartext«, knurrte er. »Wenn Sie hier nicht reden wollen, Faggart, nehmen wir Sie mit. Zu uns. Ins FBI Office. So einfach ist das.«

Der beleibte Mann sank in seinen Schreibtisch-Sessel zurück. Einen Moment lang wirkte er wie eine aufblasbare Puppe, der jemand den Stöpsel rausgezogen hatte.

»Ihr seid auch nicht besser als die anderen Bullen«, ächzte er. »Warum müsst ihr bloß immer alle Leute unter Druck setzen?«

»Im Grunde sind wir hier, tun Ihnen einen Gefallen zu tun«, erklärte ich.

Faggart blies die Backen auf. »O Mann, mir kommen gleich die Tränen! Darf man erfahren, um was für einen Gefallen es sich handelt?«

Milo und ich setzten uns. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern wegen der Augenhöhe. Wir wollten Faggart, den armen Kerl, nicht von oben herab behandeln. Deshalb nahmen wir die schmierigen Stühle in Kauf. Reinigungskosten gehören zu den wenigen Ausgaben eines FBI-Agenten, die die Spesenabteilung unserer Firma anstandslos erstattet.

»Weiter im Klartext«, nahm Milo seinen Faden auf. »Art Grobuck sagt, Sie wären ein brauchbarer Informant.«

»O Shit!«, stöhnte der Dicke. »Da quatscht man ein paar Takte mit einem verdammten Kopfgeldjäger und ahnt nicht, dass der für die Elite-Bullen arbeitet!«

»Gut so«, lobte ich ihn. »Ehrliche Worte gefallen uns.« Bei der Jagd auf die Killerin Maria Molinari und ihren Komplizen Desmond Shanks hatte Faggart unserem Freund Art Grobuck einen brauchbaren Hinweis geliefert. [1]

»Ihr habt meine Frage nicht beantwortet«, beklagte sich Faggart. »Was für einen verdammten Gefallen wollt ihr mir tun?«

»Normalerweise«, antwortete ich, »würden wir damit erst am Ende unserer Besprechung rausrücken. Aber okay, nehmen wir’s mal vorweg: Wir - das heißt, das FBI - sind bereit, Sie unter Schutz zu stellen, Faggart. Unter bestimmten Voraussetzungen könnten wir sogar dafür sorgen, dass Sie in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden.«

Jetzt kriegte er den Mund endgültig nicht mehr zu. Er schnappte nach Luft wie ein Goldfisch auf Futtersuche. Mit zitternden Fingern zerrte er eine Zigarette aus einer fast leeren Schachtel.

Nachdem er den Glimmstängel mühsam angezündet hatte, japste er: »Was soll das? Ist das eure neue Methode, einen verrückt zu machen? Dass ich vor irgendwas oder vor irgend wem geschützt werden müsste, ist mir nämlich neu!« Das Flackern in seinen Augen verriet das Gegenteil.

»Sehen Sie«, sagte Milo, »deshalb wollten wir die Sache erst mit Ihnen durchsprechen.«

»Als ob das einen Unterschied machen würde!«, schnaufte Faggart.

Ich verpasste ihm einen Schuss vor den Bug. »Was fällt Ihnen zu dem Namen Hector Wynn ein?«

»Gar nichts. Nie gehört. Müsste man den kennen?« Faggart inhalierte den Zigarettenrauch tief und hastig, als würde er zu einer seltenen Art der menschlichen Spezies gehören, für die das Tabakgift lebensnotwendig ist.

Milo und ich grinsten mitfühlend. Unser dicker Freund hatte mehr Angst als Vaterlandsliebe. Er hatte sogar Angst, sich von uns helfen zu lassen, weil er befürchtete, dass der kommende Mann davon Wind bekommen würde.

»Der kommende Mann« - so wurde Hector Wynn im Gangland genannt. Wir hatten es von unseren V-Leuten erfahren. Nachdem wir dem organisierten Verbrechen in New York ein paar schwere Schläge versetzt hatten, gähnte Leere an der Führungsspitze. Berüchtigte Namen waren dank unserer Erfolge von der FBI-Liste der Top Ten gestrichen worden. New Yorker Namen kamen auf dieser Liste der meistgesuchten Verbrecher nicht mehr vor.

Dass das auf Dauer nicht so bleiben würde, war für uns so sicher wie das Amen in der Kirche. In den Heerscharen des Gangland-Fußvolks gab es immer wieder Figuren, die sich einbildeten, ein Machtvakuum in ihrer Branche ausfüllen zu können.

So ein Typ war dieser Hector Wynn. Gestern noch unbekannt, heute einer, der in der Unterwelt den Ton angeben wollte.

Doch nicht jeder ordnete sich bereitwillig unter. Vor allem jene nicht, die sich selbst schon lange nicht mehr zum Fußvolk gezählt hatten.

Milton Faggart und der Tankstelleninhaber Brad Buckley hatten einen einträchtigen kleinen Handelsring aufgebaut, den sie aus der Bude hinter den Zapfsäulen steuerten. Die teuerste Ware aus ihrem Lieferprogramm war Kokain, den hohen Umsatz aber brachten Crack, Heroin und nicht zuletzt Ecstasy. Buckley und Faggart kontrollierten einen beträchtlichen Teil von South Brooklyn, und natürlich wollten sie nicht einsehen, künftig Gewinnanteile an einen geldgierigen Kerl abzuzweigen, der sich zum selbst ernannten Boss aller Bosse aufschwang.

Buckley und Faggart hatten die ersten »Angebote« des kommenden Mannes abgelehnt, und natürlich hatten sie Angst vor der eigenen Courage gekriegt. Buckley war in diesen Tagen ständig im Geschäftsbezirk unterwegs, um alle Verbündeten auf die gemeinsame Linie einzuschwören. Faggart hielt währenddessen die Fäden im Büro zusammen. Einer musste das schließlich tun, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, dass ihnen Lieferanten und Kunden reihenweise absprangen.

Das war der Stand der Dinge, wie wir vom FBI ihn aus unseren gut informierten V-Mann-Kreisen erfahren hatten.

»Da Sie es noch nicht wissen«, sagte ich gedehnt und fixierte unser Gegenüber mit einem eindringlichen Blick, »erkläre ich es Ihnen gern, Faggart. Dieser Wynn, den sie den ›kommenden Mann‹ nennen, will ganz Brooklyn kontrollieren - das heißt, auch Ihren Geschäftsbezirk. Und er weiß, wie man so was macht. Irgendwann, vielleicht schon morgen, schickt er Ihnen sein Rollkommando auf den Hals - zwecks Überzeugungsarbeit.«

»Bestimmt müssen wir Ihnen nicht beschreiben, wie so was abläuft«, fügte Milo hinzu.

Faggart drückte seine Zigarette aus und steckte sich eine neue an. »Ich weiß gar nicht, wovon Sie reden!«, stieß er zusammen mit einer Qualmwolke hervor. »Unsere Tankstelle hier wirft doch nicht viel ab. Das kann man doch nicht als Geschäftsbezirk bezeichnen! Dafür interessiert sich doch kein Mafia-Boss!«

Milo und ich wechselten einen demonstrativen Blick.

»Wir verschwenden unsere Zeit, Partner«, sagte ich und stand auf.

»Sehe ich auch so«, brummte Milo und nickte.

Milton Faggart paffte und blickte zu uns auf wie ein trotziger dicker Junge.

»Stimmt genau!«, rief er. »Ihr verschwendet wirklich eure Zeit. Und das alles auf Kosten des Steuerzahlers.«

 

Ich warf ihm meine Visitenkarte auf den Schreibtisch. »Rufen Sie an, wenn Sie Ihre Meinung geändert haben«, empfahl ich. »Der Steuerzahler freut sich übrigens, wenn wir Typen wie Sie aus dem Verkehr ziehen. Und genau das kommt im Endeffekt dabei heraus, wenn Sie nicht mit uns Zusammenarbeiten.«

Er lief rot an und explodierte. »Raus!«, schrie er. »Haut endlich ab! Lasst mich in Ruhe, verdammt noch mal!«

Milo sah mich an. »Müssen wir uns das gefallen lassen, Jesse?«

Ich nickte. »Es hilft ihm. Hast du noch nie von diesen Schrei-Therapien gehört?«

»Doch«, erwiderte Milo. »Du meinst die Seelenklempner, die ihre Patienten in die freie Natur karren und schreien lassen, damit sie ihre Ängste loswerden?«

»Genau die«, sagte ich beim Hinausgehen.

Milton Faggart blickte uns nach und schnappte nach Luft.

Mein roter Jaguar XKR stand vorn bei dem Tankstellen-Laden, einem Glashaus, dessen Scheiben in einem Gerippe aus rostigen Winkeleisen saßen.

Da geschah es!

Eine Scheibe zersprang plötzlich. Hell klirrend regneten Scherben zu Boden.

Milo und ich brauchten nur einen Sekundenbruchteil, um zu erkennen, dass keine Glasscheibe des Ladens getroffen worden war. Geklirrt hatte es hinter uns.

Ich stieß einen Fluch aus, und auch Milo ließ eine Verwünschung hören. Noch während wir auseinander wichen und die Pistolen zogen, wirbelten wir herum. Geduckt und Haken schlagend sprinteten wir zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren - bereit, uns gegenseitig Feuerschutz zu geben.

Es überraschte mich fast schon nicht mehr, ein klaffendes, gezacktes Loch im Bürofenster zu sehen.

Ein Handzeichen genügte zur Verständigung mit Milo. Ohne Probleme erreichte ich den Eingang der Bude, während mein Freund die Sicherung übernahm.

Ich stieß die Tür auf. Die SIG beidhändig schussbereit, sprang ich über die Schwelle und wich sofort nach rechts. Dort verharrte ich mit dem Rücken an der Wand, ließ die SIG in der Waagerechten und fächerte mit der Visierlinie den Raum ab.

Mit dem Anblick hinter dem Schreibtisch hatte ich gerechnet. Milo sah es im selben Augenblick, als er hereinstürmte und links von der Tür in Stellung ging.

Milton Faggart war an seiner Angst gestorben.

Hätte er sich uns anvertraut, wäre er vielleicht noch am Leben gewesen. Oder wir wären mit ihm gemeinsam draufgegangen. Im Einsatz an der New Yorker Verbrechensfront ist alles möglich. Einfach alles. Und in diesem Fall hatten wir es mit einem Scharfschützen zu tun, der sein Handwerk verstand.

Der Mann hatte Faggart mit einer einzigen Kugel getötet. Kopfschuss.

Der dicke Dealer saß in unveränderter Haltung da, die Zigarette qualmte noch zwischen seinen Fingern. Auf dem Weg zum Aschenbecher war er erstarrt.

Wer nicht genau hinsah, konnte meinen, dass Faggart gerade darüber nachdachte, ob er mit dem Rauchen nicht besser ganz aufhörte. Denn das Einschussloch über seiner Nasenwurzel war kaum zu erkennen.

***

Keine Möwe kreischte.

Kein Schiff war zu sehen.

Nur die Wellen rauschten, von einer schwachen Spätsommerbrise bewegt. Im zerklüfteten, von Moos und Algen bewachsenen Ufergestein dir Insel plätscherte und gurgelte das Wasser auf eine geradezu nervtötende Weise.

Gregory McKenna hockte auf einem größeren Stein am Ufer. Er hatte die Beine angezogen, stützte die Ellenbogen auf die Knie und das Kinn in die Hände. Er stierte auf die See hinaus und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.

Er hatte nichts zu essen, nichts zu trinken und an Kleidung nur das lächerliche bisschen, das er auf dem Leib trug: die bunten Bermudas und die Gummilatschen.

Und er hatte auch sein Handy nicht. Er konnte nicht mal Hilfe rufen! Verdammt, er war der einsamste Mensch der Welt.

Bewusst hatte er am frühen Morgen mit der »Sheryl« einen Kurs gewählt, der weitab von den üblichen Routen der Freizeit-Schifffahrt lag. Die Berufsschiffer, Fischer hauptsächlich, waren im Block Island Sound ohnehin eine Seltenheit. Wenn sie heutzutage überhaupt noch was fingen, dann viel, viel weiter draußen.

Je länger Greg McKenna auf dem Felsen hockte, desto weniger glaubte er daran, dass er dies wirklich erlebte.

Hölle und Teufel, er war die Hauptfigur in einem Inselwitz! Jetzt fehlte nur noch, dass zu seinen Füßen eine Flaschenpost angeschwemmt wurde. Dann würde er den Korken rausziehen; und eine gute Fee würde herauskommen und ihm jeden Wunsch erfüllen.

Greg stieß ein bitteres Lachen aus. Es musste Galgenhumor sein, was sein Gehirn da abspulte.

Der wahrscheinlichste Ausgang seines Ehedramas war nämlich, dass er elend verhungerte und verdurstete. In einem oder zwei Jahrhunderten würde vielleicht mal wieder jemand vorbeikommen und sein Skelett finden, das, von Wind und Wellen blank gewetzt, zwischen den Klippen klemmte.

Schwimmen kam nicht in Frage, das konnte er sich aus dem Kopf schlagen.

Die Felseninsel lag weit draußen im Atlantik vor dem Block Island Sound, jener riesigen Bucht am Nordostzipfel von Long Island. Plum Island im Norden und Montauk Point im Süden waren jeweils mehr als zehn Seemeilen entfernt. Das Gleiche galt für Gardiner’s Island im Westen.

Greg McKenna machte sich keine Illusionen. Ihm fehlte die Kondition. Nicht mal im ruhigen Wasser eines Binnensees hätte er eine solche gewaltige Entfernung geschafft. Hier draußen aber, bei Wind und Wellengang, würde er schon untergehen, bevor er auch nur eine Meile zurückgelegt hatte. Hinzu kamen gefährliche Strömungen, die alle auf den offenen Atlantik gerichtet waren. Selbst geübte Schwimmer, so hieß es, sollten da rettungslos verloren sein.

Okay, es hatte keinen Sinn, sich den Kopf zu zermartern. Wenn ihn etwas retten konnte, dann nur ein gütiger Zufall. Er beschloss, sich auf der Insel umzusehen. Vielleicht fand er irgendetwas. Treibholz, zum Beispiel. Wenn es von der Sonne ausgetrocknet war, fehlte ihm nur noch ein Feuerstein, und er würde bald die schönsten Rauchsignale produzieren.

Deine Fantasie geht mit dir durch, schalt er sich in Gedanken. Auf deiner privaten Insel, mein Lieber, gibt’s nichts als Felsen. Aber davon jede Menge.

Die Insel war praktisch nur ein Granitbuckel, der etwa dreißig Fuß hoch aus dem Wasser ragte. Die Ausdehnung betrug höchstens 2000 Quadratyard. Zuwenig, um damit irgendetwas anfangen zu können. Nicht mal für einen Leuchtturm war dieser Felsklotz jemals geeignet gewesen.

Der Hang war rau und trocken, die Steigung mäßig. Greg schwitzte dennoch, als er den höchsten Punkt der Insel erreichte. Er ging noch als schlank durch, aber ein Bauchansatz war schon da. Sheryl hatte ihm längst prophezeit, dass er in drei Jahren, wenn er 35 wurde, ein widerlicher alter Fettsack sein würde.

Tja, er liebte nun mal das gute Leben - zu viel Essen, zu viel Alkohol, null Sport. Mit 40 würde er seinen ersten Herzinfarkt kriegen. Sheryl wusste das alles ganz genau, konnte ihm alles präzise Vorhersagen.

Keuchend hielt er inne. Der Ausblick vom »Gipfel« war atemberaubend. Wasser, soweit das Auge reichte. Schaumkronen. Sonnenglitzern. Traumhaft schön, wenn man es von Bord einer Jacht betrachtete. Doch für einen Gestrandeten war es der reine Horror. Schon bald, wenn ihn der Durst plagte, würde er den Ausblick verfluchen.

Geblendet schloss der einsame Mann die Augen. Er atmete tief durch und gab sich einen Ruck. Jetzt die Suche nach dem Treibholz! Jeden Quadratinch der Insel musste er erforschen. Und vielleicht, o Himmel, vielleicht entdeckte er ein Loch, in dem sich Regenwasser gesammelt hatte!

Der Gedanke beflügelte ihn. Ja, warum denn nicht? Genau genommen musste es so ein Wasserloch geben. Schließlich war der Felsen zerklüftet genug. An irgendeiner Stelle würde sich Niederschlag gesammelt haben. Okay, vielleicht war er zurzeit gerade verdunstet, aber sobald es wieder regnete…

Voller Hoffnung machte sich Greg McKenna an den Abstieg zur Westseite der Insel. Der Hang war hier etwas steiler, deshalb ließ er sich vorsichtig abwärts gleiten - auf allen vieren und mit dem Hintern auf dem Boden rutschend.

So sah er die kleine Bucht erst, als er mit den Füßen über die Felskante rutschte.

Erschrocken blieb er sitzen. Im nächsten Moment, als er sich mit den Händen hochstemmte und aufsetzte, traf ihn der Hammer.

Er konnte nicht glauben, was er sah.

Eine nackte Frau!

Er kniff die Augen zusammen und öffnete sie langsam und vorsichtig wieder, als müsse er der Sinnestäuschung Zeit geben zu verschwinden.

Aber das Bild war immer noch da.

Die Frau hatte schwarzes Haar, relativ kurz, aber nicht männlich geschnitten. Sie wandte Greg McKenna den Rücken zu, zeigte ihm eine unglaubliche Figur, schlank und straff und doch mit formvollendeten weiblichen Rundungen. Knackig, ja, das war wohl der passende Ausdruck für diesen hinreißenden Körper.