Mördertreffpunkt Pigalle: Krimi Quartett 4 Thriller

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Alfred Bekker und Walter G. Pfaus, Horst Bosetzky, Glenn Stirling

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Inhaltsverzeichnis

  Mördertreffpunkt Pigalle: Krimi Quartett 4 Thriller

  Copyright

  Bastians kaltblütiger Plan

  Undercover Mission

  Archibald Duggan und der Treffpunkt Pigalle

  Archibald Duggan und zwanzigtausend sollen sterben

Mördertreffpunkt Pigalle: Krimi Quartett 4 Thriller
Alfred Bekker und Walter G. Pfaus, Horst Bosetzky, Glenn Stirling

Dieser Band beinhaltet folgende Krimis:

Walter G. Pfaus: Bastians kaltblütiger Plan

Alfred Bekker: Undercover Mission

Archibald Duggan und der Treffpunkt Pigalle (Glenn Stirling)

Archibald Duggan und zwanzigtausend sollen sterben (Horst Bosetzky)

Wilhelm Bastian ist ein überaus ehrgeiziger junger Mann. Für den Aufstieg auf der Karriereleiter tut er alles. Schließlich lässt er sich sogar dazu überreden, die unansehnliche und nicht gerade kluge aber einzige Tochter des Firmeninhabers zu heiraten, um neben seinem Schwiegervater gleichberechtigter Teilhaber zu werden. Von Anfang an ist seine Zuneigung ihr gegenüber nur gespielt – er kann sie nicht ausstehen. Mit der Zeit fängt er sogar an, sie zu hassen. Eine Scheidung kommt für ihn jedoch überhaupt nicht infrage, weil er damit seine Stellung in der Firma verlieren würde. Als er eines Tages von seinem Schwiegervater in aller Öffentlichkeit verlacht wird, steigert sich sein Hass seiner Frau Luise gegenüber ins unermessliche. Plötzlich steht sein Entschluss fest und es gibt kein Zurück mehr: Luise muss sterben …

Ein Ermittler wird in eine Drogengang eingeschleust. Als ultimativen Loyalitätstest fordert man von ihm etwas Ungeheuerliches: Er muss seinen Partner erschießen...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

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Bastians kaltblütiger Plan
von Walter G. Pfaus

Kriminalroman

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Unsplash mit Kathrin Peschel, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappentext:

Wilhelm Bastian ist ein überaus ehrgeiziger junger Mann. Für den Aufstieg auf der Karriereleiter tut er alles. Schließlich lässt er sich sogar dazu überreden, die unansehnliche und nicht gerade kluge aber einzige Tochter des Firmeninhabers zu heiraten, um neben seinem Schwiegervater gleichberechtigter Teilhaber zu werden. Von Anfang an ist seine Zuneigung ihr gegenüber nur gespielt – er kann sie nicht ausstehen. Mit der Zeit fängt er sogar an, sie zu hassen. Eine Scheidung kommt für ihn jedoch überhaupt nicht infrage, weil er damit seine Stellung in der Firma verlieren würde. Als er eines Tages von seinem Schwiegervater in aller Öffentlichkeit verlacht wird, steigert sich sein Hass seiner Frau Luise gegenüber ins unermessliche. Plötzlich steht sein Entschluss fest und es gibt kein Zurück mehr: Luise muss sterben …

Es dauerte nicht lange, und sein folgenreicher, kaltblütiger Plan, dies in die Tat umzusetzen, steht fest. Aber er macht seine Rechnung ohne einen ihm bekannten Widersacher, mit dem am Ende alles ganz anders kommt …

***

1. Kapitel

Es war an einem Montag, als ich mich dazu entschloss, meine Frau zu töten. Mit dem Gedanken, Luise umzubringen, hatte ich schon oft gespielt. Wenn Gedanken töten könnten, wäre Luise schon tausend Tode gestorben. Aber Gedanken töten nicht, und ich konnte mich bis zu diesem Tag nicht dazu durchringen, Luise wirklich umzubringen. Obwohl ich schon seit Wochen an einem guten Plan arbeitete, hatte ich noch einen letzten Rest von Skrupel.

Und dann kam dieser Montag, und alles war plötzlich anders. Ich war fest entschlossen, meinen neuen Plan in die Tat umzusetzen. Und es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass mir gerade mein Schwiegervater, der einzige Mann auf dieser Welt, der Luise wirklich liebte, meine letzten Skrupel nahm. Er gab mir sozusagen das Startzeichen.

Es war nicht viel, was die Lawine ins Rollen brachte. Es war nur ein Lachen, ein lautes, schallendes Gelächter, und es kam von meinem Schwiegervater. Er lachte über mich. Hans-Georg Grashofer lachte mich aus, und ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, ausgelacht zu werden.

Wir saßen zusammen im Mövenpick beim Mittagessen, als mir das Malheur passierte.

Ich schob mir gerade den letzten Bissen meines Kalbsteaks in den Mund, als mir ein Zahn aus dem Mund auf den leeren Teller fiel. Es entstand ein helles, klingelndes Geräusch, und mein Schwiegervater blickte hoch, entdeckte den ausgebrochenen Zahn auf meinem leeren Teller, blickte in mein Gesicht und brach in schallendes Gelächter aus.

Er lachte fast eine halbe Minute lang, und die Leute um uns herum hoben die Köpfe und blickten zu uns herüber. Ich spürte, wie mir die Zornesröte ins Gesicht schoss.

Nachdem er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, fragte er laut: „He, Willi, wie alt bist du denn, dass dir schon die Zähne aus dem Gesicht fallen?“

Er lachte wieder schallend und schlug sich ununterbrochen mit den Händen auf die Oberschenkel.

Ich sagte nichts. Ich konnte nichts sagen. Ich saß nur da und starrte auf den Zahn auf meinem leeren Teller.

Der Zahn stammte aus meiner Brücke. Mir fehlten am Oberkiefer vorne rechts vier Zähne. Mein Zahnarzt hatte mir damals eine Brücke verpasst und die vier fehlenden Zähne ersetzt.

Das Ganze war mir vor sechs Jahren passiert. Damals kannte ich Luise und ihren Vater noch nicht. Ich hatte mich in einer Kneipe in der Altstadt aus einem mir bis heute unerklärlichen Grund sinnlos betrunken. Ich wusste, dass ich in betrunkenem Zustand zu Aggressionen neigte. Deshalb hatte ich mich in der Öffentlichkeit immer mit dem Trinken zurückgehalten. Aber an diesem Tag war mir so ziemlich alles egal gewesen. Mein alter VW hatte schon am frühen Morgen den Geist aufgegeben. Und ich verlor meinen Job, weil ich meiner damaligen Chefin sagte, dass sie keine Ahnung hätte, wie man einen Betrieb führte.

Und so landete ich in der Kneipe und schüttet eine Menge Alkohol in mich hinein.

Es kam wie es kommen musste. In betrunkenem Zustand war ich gern auf Streit aus. Ich stänkerte an der Theke einen jungen Mann an. Da ich immer sehr viel Wert auf ein sauberes, gepflegtes Äußeres legte, wirkte der Junge mit seinem fettigen, strähnigen Haar, seinen schmutzigen Händen und dem vor Dreck starrenden Hemdkragen wie ein rotes Tuch auf mich. Er saß neben mir, hielt in der einen Hand sein Bierglas und in der anderen eine dünne, selbstgedrehte Zigarette.

Ich stieß mit dem Ellenbogen gegen sein Glas, und das Bier schwappte über und tropfte über seine Hand auf seine schmutzige, geflickte Jeans.

„He, Mann!“ Er sah mich lahm an. „Können Sie denn nicht aufpassen?“

„Was heißt hier aufpassen?“, fuhr ich ihn an. „Wenn hier jemand aufpassen muss, dann bist du das! Du fuchtelst hier doch dauernd mit deinen schmutzigen Fingern durch die Gegend. Wasch dich lieber erst, bevor du dich unter die Menschheit wagst. Du stinkst ja schon vor Dreck!“

 

Der Junge hatte mir mit unbewegtem Gesicht zugehört. Als ich fertig war, sagte er langsam: „Was geht dich das an, du Arsch?“

Ich schlug ihm eine harte Linke mitten ins Gesicht und ließ gleich darauf eine Rechte folgen.

Er flog vom Hocker und landete krachend auf dem Boden. Aus Mund und Nase quoll ihm das Blut über das Kinn, und seine großen Augen waren weit aufgerissen.

„Bist du verrückt?“, keuchte er wütend. „Was habe ich dir getan?“

„Das möchte ich auch gern wissen“, sagte ein Mann neben mir. „Er hat Ihnen doch wirklich nichts getan.“

„Der Kerl hat Arsch zu ihm gesagt“, mischte sich ein kleiner Mann mit einem Spitzmausgesicht und langer Nase mit ein. „Ich hab’s genau gehört. Er hat Arsch zu ihm gesagt … Wenn er es zu mir gesagt hätte, hätte ich ihm auch eine gelangt. Seht ihn euch doch an, den Schmutzfink. Der ist doch nur auf Streit aus.“

„Ich bin auf gar nichts aus“, verteidigte sich der Junge. „Ich habe hier friedlich mein Bier getrunken, und plötzlich kommt der Kerl und schlägt mich vom Hocker.“

Der Wirt kam hinter der Theke hervor. Er war ein großer, kräftiger Mann mit vollem, dunklem Haar. Mit einer kurzen Handbewegung schob er mich auf meinen Hocker und sagte: „Du bleibst hier sitzen.“

Ich trat einen Schritt zurück, aber ich setzte mich nicht. Ich blieb neben meinem Barhocker stehen, bereit, dem Kerl noch eine in die Fresse zu schlagen.

Der Wirt zog den Jungen vom Boden hoch. „Du zahlst jetzt dein Bier, und dann verschwindest du! Hast du mich verstanden? Ich dulde keine Streitereien in meinem Lokal.“

Der Junge wischte sich mit seinen schmutzigen Händen das Blut aus dem Gesicht, legte ein Geldstück auf die Theke und ging wortlos zur Tür. Dort wandte er sich noch einmal um und warf mir einen hasserfüllten Blick zu. Dann verließ er endlich das Lokal.

Der Mann, der vorher dem Jungen geholfen hatte, rückte ein Stück von mir ab. Einige andere Gäste klopften mir auf die Schulter und versicherten mir, ich wäre völlig im Recht gewesen.

Ich trank noch vier Bier und drei Schnäpse. Der Mann mit dem Spitzmausgesicht hatte sich neben mich gesetzt und klopfte mir auch nach dem vierten Bier noch auf die Schulter. Ich musste mich zusammennehmen, um ihn nicht auch noch vom Hocker zu schlagen. Der Kerl ging mir schrecklich auf die Nerven. Als ich vor Wut zu zittern anfing, zahlte ich und ging hinaus.

Ich kam keine zwanzig Meter weit.

Der Junge, den ich vom Hocker geschlagen hatte, hatte Verstärkung geholt. Jetzt waren sie zu fünft. Sie fingen mich vor dem Parkplatz ab, schleppten mich in eine nahegelegene dunkle Gasse und verprügelten mich nach allen Regeln der Kunst. Ich hatte nicht die geringste Chance.

Der schmutzige Bursche, dessentwegen ich die Prügel bezog, rächte sich auf seine Art. Er stand hinter mir und trat mir mit einer bewundernswerten Ausdauer mit aller Kraft in den Hintern. Diese Tritte blieben als Einzige in meinem Gedächtnis hängen. Der Kerl trat sogar noch zu, als ich längst am Boden lag. Irgendwann verlor ich dann das Bewusstsein, und ich spürte die Tritte nicht mehr.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich noch immer in der Seitengasse auf dem Pflaster. Ich brauchte fast eine halbe Stunde, um mich hochzurappeln und eine weitere Stunde, bis ich endlich zu Hause war. Vor dem Spiegel stellte ich dann fest, dass mir am Oberkiefer vorne rechts vier Zähne fehlten.

Ich heulte vor Wut, und wenn ich den Kerl in diesem Augenblick in die Finger bekommen hätte, hätte ich ihn erwürgt. Aber ich sah ihn nie wieder, und die Gesichter der anderen hatte ich in der Dunkelheit kaum erkennen können.

Die nächsten vier Tage und Nächte verbrachte ich fast ausschließlich in der Bauchlage. Ich stand nur zum Essen auf, und das unter großen Schmerzen. Als ich mich am vierten Tag von hinten im Spiegel betrachtete, wurde mir fast schlecht. Mein Rücken und mein Hintern waren übersät von grünen, blauen und gelben Flecken, und es dauerte ganze zwei Wochen, bis alle Blessuren verschwunden waren, und es vergingen drei Monate, bis meine Zahnlücke geschlossen war.

Da ich damals ziemlich knapp bei Kasse war, ließ ich mir eine einfache Brücke verpassen. Mein jetziger Zahnarzt hatte mich mehrmals gemahnt, mir einen besseren und haltbareren Zahnersatz anfertigen zu lassen. Ich hatte einfach keine Zeit dazu gehabt. Das Geschäft, Grashofers Strickwarenfabrik, die zur Hälfte schon mir gehörte, hatte mich in den letzten Jahren ziemlich stark in Anspruch genommen.

Und jetzt saß ich mitten in einem gut besuchten Speiselokal. Mein Kopf glühte vor Scham und Zorn, und mein Schwiegervater amüsierte sich köstlich über mein Missgeschick.

Ich saß noch immer stumm vor meinem leeren Teller und starrte auf den Zahn. Ich versuchte krampfhaft, mich in die Gewalt zu bekommen. Ich war schon immer sehr jähzornig gewesen, und ich wusste, dass ich in diesem Zustand dazu neigte, Dinge zu sagen, die ich später bereuen würde.

Also biss ich meine restlichen Zähne zusammen, atmete ein paar Mal tief durch und überlegte, wie ich ihm sein hämisches Lachen heimzahlen könnte.

Und plötzlich stand mein Entschluss fest. Hans-Georg Grashofer hatte mit seinem schrecklichen Lachen selbst das Todesurteil über seine Tochter ausgesprochen. Jetzt gab es für mich kein Zurück mehr.

Luise musste sterben.

2. Kapitel

Nachdem mein Entschluss feststand, war ich auf einmal ganz ruhig. Ich fischte den Zahn vom Teller, wickelte ihn in die Serviette und steckte ihn ein. Anschließend quälte ich mir ein Lächeln auf die Lippen, sah meinen Schwiegervater an und sagte: „Ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, mir einen neuen Zahnersatz anfertigen zu lassen. Die Zeit werde ich mir eben nehmen müssen.“

„Du bist einfach köstlich“, lachte er abermals. „Ich schütte mich fast aus vor Lachen, und du tust so, als wäre überhaupt nichts passiert. Kann dich denn gar nichts aus der Ruhe bringen?“

„Nein, nichts.“

Ich behielt mein Lächeln bei.

„Was bist du nur für ein Mensch?“ Er lachte jetzt nicht mehr. „Du hast eine Ruhe, die schon fast beängstigend ist.“

„Für das Geschäft wirkt sich meine Ruhe jedenfalls nur positiv aus“, gab ich Grashofer leise zu verstehen und zündete mir eine Zigarette an.

„Da hast du allerdings recht“, stimmte mir mein Schwiegervater zu. Jetzt lächelte er wieder, und er holte aus einem ledernen Etui eine Al Capone. „Aber ich wusste ja, warum ich gerade dich haben wollte.“

Das hatte er wirklich gewusst. Als ich damals mit zwanzig Jahren bei ihm als Strickmaschinenführer angefangen hatte, steckte ich schon voller Elan und Ehrgeiz, und Worte wie Rücksichtslosigkeit und Korruption waren mir nicht fremd. Ich wusste damals schon, dass ich, wenn es die Situation erforderte, in der Lage sein würde, rücksichtslos von meinen Ellenbogen Gebrauch zu machen. Ich hätte alles getan, um mein Ziel zu erreichen, und mein Ziel war es, einmal ganz oben zu stehen. Und bei Grashofer standen meine Chancen ausgezeichnet; das wusste ich von Anfang an.

Hans-Georg Grashofer hatte sofort erkannt, dass ich es im Leben zu etwas bringen wollte, und er machte mir das Vorwärtskommen ziemlich leicht. Ich musste nur selten meine Ellenbogen zu Hilfe nehmen.

Schon sehr bald hatte mich Grashofer in sein Herz geschlossen. Er liebte mich fast wie einen Sohn, und es war nicht sehr schwer zu erraten, dass er gerne einen Sohn gehabt hätte. Aber er hatte keinen Sohn, nur eine nicht gerade hübsche Tochter, die er jedoch abgöttisch liebte.

Und deshalb wollte er auch selbst den Mann für seine Tochter aussuchen. Seine Wahl fiel auf mich.

Ich nutzte Grashofers offensichtliches Wohlwollen sofort kaltblütig aus. Während mein Ehrgeiz und mein Streben nach oben absolut echt waren, war meine Zuneigung zu Luise nur gespielt. Ich wusste, der schnellste Weg zum Ziel führte über Luise, und ich tat alles, um so schnell wie möglich mein Ziel zu erreichen.

Luise war die einzige Tochter von Hans-Georg Grashofer, und sie war auch der einzige Erbe. Es gab keine Verwandten, die bei einem eventuellen Ableben der beiden Ansprüche hätten anmelden können.

Es war eine einmalige Chance, und ich war fest entschlossen, sie zu nutzen.

Ich begann, Luise den Hof zu machen. Ich hatte kaum Erfahrung mit Frauen. Sie hatten bis dahin in meinem Leben nur eine ganz geringe Rolle gespielt. Ich hatte andere, viel wichtigere Interessen. Mein erstes Liebeserlebnis hatte ich mit dreiundzwanzig Jahren, und es war keineswegs berauschend gewesen. Ich hatte im Bett versagt, und ich hätte die Frau vor Wut und Scham fast umgebracht. Drei Monate später sprach mich ein Mädchen in einem Lokal an. Wir gingen sechs Wochen miteinander. Bei ihr klappte es auch im Bett. Aber dann ließ sie mich einfach sitzen. Und das wegen einem Kerl, der offensichtlich mehr Geld hatte und ihr mehr bieten konnte. Ich war sehr enttäuscht und danach wollte ich von Frauen nichts mehr wissen. Die große Liebe kam für mich erst viel später; erst nachdem ich mit Luise verheiratet war.

Ich war gerade sechsundzwanzig Jahre alt, als ich meinen ganzen Mut zusammennahm und Luise den Hof machte. Obwohl ich bei Frauen immer große Hemmungen hatte, ging es bei Luise ganz leicht. Wenn es um meine sehr hoch gesteckten Ziele ging, konnte ich alles.

Trotzdem kostete es mich sehr viel Überwindung, Luise Komplimente zu machen. Ich musste sehr lange vor dem Spiegel üben, bis es mir überzeugend gelang. Aber ich schaffte es. Ich ging mit Luise aus, führte sie in gute Lokale zum Essen und zum Tanzen. Ich besuchte mit ihr Konzerte und ging regelmäßig mit ihr ins Theater, weil sie Theater liebte.

Luise war selig. Sie himmelte mich an, und ich wunderte mich manchmal selbst, wie leicht es mir fiel, den vollendeten Kavalier zu spielen. Aber bei Luise war das nicht allzu schwer. Sie war keine besonders gut aussehende Frau. Und die Intelligenz hatte sie auch nicht gepachtet. Ich war ihr in allem überlegen, und was immer ich auch vorschlug, es war Luise recht.

Ich war der erste wirklich attraktive Mann, der sich ernsthaft für sie zu interessieren schien und nicht nur ihr Geld im Auge hatte. Und ich war der erste Mann, der von ihrem Vater akzeptiert wurde. Er wusste auch, dass ich inzwischen in seinem Betrieb unentbehrlich war.

Luise merkte nichts. Sie merkte nicht, dass mein Interesse für sie nur gespielt war, und dass ich sie im Grunde genommen manchmal zum Kotzen fand. Ich verglich sie oft mit einer dummen, plumpen Kuh, und so lag es für mich nahe, den Handel, den Grashofer damals mit mir abschloss, nicht anders als einen Kuhhandel zu nennen.

Im Gegensatz zu Luise war ihr Vater nicht mit Blindheit geschlagen. Er hatte mich durchschaut, wenn auch nicht ganz. Ein wenig glaubte er doch daran, dass ich seine Tochter zumindest ein bisschen mochte. Aber dass mein Interesse in erster Linie der Firma galt und den Millionen, die Luise einmal erben würde, das wusste er. Diese Erkenntnis schien ihm jedoch keineswegs unangenehm zu sein. Es schien ihm sogar völlig normal zu sein, denn anders konnte ich mir den Handel, den er mir damals vorschlug, nicht erklären.

Das war vor ziemlich genau vier Jahren. Inzwischen arbeitete ich schon längst nicht mehr als Strickmaschinenführer. Ich merkte schon als Lehrling, dass ich das Zeug zum Designer hatte, und ich arbeitete abends in meinem Zimmer an Entwürfen für die jeweils neue Kollektion und legte sie anschließend Grashofer vor. Hans-Georg Grashofer gefielen die Entwürfe. Den Kunden gefielen sie auch, und so rutschte ich ein paar Stufen höher.

Aber das genügte mir noch nicht. Susanne Möwig, der Leiterin der Abteilung, konnte ich nichts recht machen. Sie hasste mich, und sie sah in mir den Mann, der ihr den Job streitig machen könnte.

Ich bewies ihr, dass sie damit völlig recht hatte. Ich tat alles, um sie mir vom Hals zu schaffen. Zum ersten Mal musste ich meine Ellenbogen einsetzen, und ich machte rücksichtslos davon Gebrauch. Ich brauchte acht Wochen, um sie aus der Firma zu ekeln. Dann kündigte sie von selbst, und Grashofer gab mir den Posten.

Eines Abends kam Grashofer zu mir ins Büro. Es war schon fast acht Uhr. Ich saß allein im Raum und arbeitete an der neuen Frühjahrskollektion. Er setzte sich neben mich und sah mir eine Weile stumm bei der Arbeit zu.

Plötzlich fragte er: „Lieben Sie meine Tochter, Bastian?“

Der Ton, der in seiner Stimme lag, ließ mich aufhorchen. Instinktiv spürte ich, dass jetzt meine Stunde gekommen war. Darauf hatte ich lange gewartet, und ich hatte mich auf diesen Moment vorbereitet. Ich hatte mir genau überlegt, was ich ihm darauf antworten würde.

 

Ich blickte auf und sah ihm gerade in die Augen.

„Ich weiß nicht“, sagte ich vorsichtig. „Ich glaube nicht. Aber sie ist ein nettes und liebes Mädchen, und ich bin gern mit ihr zusammen.“

Die Antwort schien ihm gefallen zu haben, genau wie ich es erwartet hatte. Seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz, er begann nervös mit einem Kugelschreiber zu spielen und blickte verlegen auf die Schreibtischplatte.

„Könnten Sie sich vorstellen …“ Er brach ab und malte kleine Strichmännchen auf ein leeres Blatt Papier.

Ich sagte nichts. Ich wartete.

Nach einer Weile fing er wieder von vorne an.

„Könnten Sie sich vorstellen … mit meiner Tochter verheiratet zu sein.“

„Verheiratet? Mit Luise?“ Ich tat sehr erstaunt, obwohl ich genau das erwartet hatte. „Ich weiß nicht. Luise ist wirklich ein sehr sympathisches Mädchen, und ehrlich gesagt, irgendwie mag ich sie. Aber an Heirat habe ich eigentlich nicht gedacht. Und Luise sicher auch nicht.“

„Luise denkt nur ans Heiraten“, platzte er heraus.

„Was?“ Diesmal war ich wirklich erstaunt. „Dann hat sie es aber meisterhaft vor mir verborgen.“

„Ich habe es ihr lange genug eingetrichtert“, erklärte Grashofer. „Ich mache mir nichts vor. Wenn ein Mann meine Tochter heiraten will, denkt er doch nur an mein Geld.“

„Und Sie glauben, ich denke nicht an Ihr Geld?“, fragte ich langsam.

„Von Ihnen erwarte ich sogar, dass Sie an mein Geld denken“, sagte er ernst.

Ich legte meinen Bleistift aus der Hand, lehnte mich im Stuhl zurück und sah ihn an.

„Wie soll ich das verstehen?“

„So wie ich es gesagt habe. Ich möchte, dass Sie meine Tochter heiraten. Und wenn Sie dabei an mein Geld denken, dann ist mir das sogar recht.“

Ich hätte jetzt ja sagen können und alles wäre gelaufen. Aber so einfach wollte ich es ihm nicht machen. Ich wollte sehen, wie weit er gehen würde.

„Vielleicht habe ich mich nicht richtig ausgedrückt“, sagte ich ruhig. „Ich dachte überhaupt noch nicht ans Heiraten. Das hat nichts mit Ihrer Tochter zu tun. Ich würde auch keine andere heiraten. Ich glaube, dass es für mich einfach noch zu früh ist. Sie wissen, ich bin sehr ehrgeizig, und ich möchte es im Leben zu etwas bringen. Eine Frau würde mich nur hindern …“

„Mein lieber Junge“, unterbrach mich Grashofer grinsend. „Es dürfte Ihnen sicher nicht entgangen sein, dass ich Sie mag. Sie haben nicht nur ungewöhnlich viel Ehrgeiz. Sie sind obendrein auch sehr intelligent, sehen gut aus und haben ausgezeichnete Manieren. Wenn ich einen Sohn gehabt hätte, hätte ich mir gewünscht, er wäre so wie Sie. Aber ich habe nur eine Tochter, die auf Männer nicht gerade anziehend wirkt. Deshalb habe ich mir vorgenommen, dass ich den Mann für meine Tochter selbst aussuche. Ich möchte, dass Sie mein Schwiegersohn werden. Heiraten Sie meine Tochter, und Sie werden es nicht bereuen. Ich mache Sie sofort nach der Hochzeit zu meinem gleichberechtigten Partner.“

Ich hätte vor Freude an die Decke springen können. Aber ich konnte mich gerade noch zurückhalten. Ich glaube sogar, dass es mir gelang, äußerlich kühl und ruhig zu bleiben.

Ich sagte auch nicht sofort zu. Ich zögerte noch eine Weile und redete von Prinzipien und so. Aber Grashofer zerstreute alle meine angeblichen Bedenken, und schließlich stimmte ich zu. Ich machte ihm jedoch unmissverständlich klar, dass ich sein Geld zwar nicht verachte, dass es aber keinesfalls ausschlaggebend war.

Grashofer freute sich, mit mir handelseinig geworden zu sein. Er war offensichtlich glücklich darüber, einen Schwiegersohn nach Maß bekommen zu haben, und gleichzeitig war er die Sorge um seine Tochter los.

Lachend verließ er mein Büro und kam fünf Minuten später mit zwei Flaschen Sekt zurück. Ich räumte meinen Tisch ab, und wir tranken auf Luise und die bevorstehende Hochzeit. Er bat mich Hans-Georg zu ihm zu sagen, und er nannte mich fortan Willi. Ich hasste den Namen, den mir meine Mutter gab, aber noch mehr hasste ich es, Willi gerufen zu werden. Willi nannte man einen Ochsen oder einen Esel. Aber ich war keins von beiden, und ich hatte immer darauf bestanden, dass man meinen Vornamen voll aussprach.

Grashofer scherte sich einen Dreck darum wie ich angesprochen werden wollte. Den Namen Wilhelm fand er erstens zu lang, und zweitens passe er nicht zu mir. Willi wäre besser, also nannte er mich stur Willi, ohne auf meine Proteste einzugehen.

Nach zwei Stunden Kampf gab ich es auf, und Hans-Georg Grashofer freute sich diebisch über seinen Sieg. Wenn ich gewusst hätte, was das für Folgen nach sich ziehen würde, hätte ich so lange weitergemacht, bis ich meinen Willen durchgesetzt hätte.

So aber nahm alles seinen Lauf. Die Leute, mit denen ich mich geduzt hatte, gingen nach und nach auch auf Willi über, und ich musste es geschehen lassen, weil ich sonst Gefahr gelaufen wäre, mich lächerlich zu machen. Aber ich kochte vor Wut, und ich schwor mir, es ihm eines Tages heimzuzahlen. Hinzu kam dann noch, dass die Arbeiter und Angestellten, mit denen ich früher zusammengearbeitet hatte, und die ich ebenfalls geduzt hatte, nun auch Willi zu mir sagten. Da platzte mir dann endgültig der Kragen.

Wenige Tage nach der Hochzeit mit Luise führte mich Grashofer in der Firma als sein Partner ein. Anschließend ging ich zu meinen früheren Arbeitskollegen und machte ihnen klar, dass ich nun ihr Chef war und deshalb von ihnen nicht mehr geduzt werden möchte. Die meisten nahmen es mit einem Achselzucken auf, und einige grinsten hämisch. Aber das störte mich nicht. Ich ärgerte mich nur über zwei Männer und über den Partnerschaftsvertrag, den Grashofer mir zur Unterschrift vorlegte.

Bei den beiden Männern handelte es sich um Klaus Pawelka und Martin Bienert. Pawelka war ein mieser Typ. Er war ein Raufbold und ein Trinker, und er trieb sich die meiste Zeit in zwielichtigen Kneipen herum.

Ich wusste das so genau, weil ich selbst schon ein paar Mal mit ihm weggegangen war. Das war damals, als ich bei Grashofer angefangen hatte. Als ich jedoch merkte, in welche Gesellschaft ich da geraten war, setzte ich mich sofort von Pawelka ab.

Er hat mir das sehr übel genommen, und wir gerieten uns daraufhin ein paar Mal in die Haare. Aber ich blieb bei meinem Entschluss und zog mich von ihm zurück.

Als ich an diesem Tag zu ihm kam und ihm sagte, dass ich sein Chef wäre und künftig nicht mehr von ihm geduzt werden möchte, spuckte er auf meine Schuhe und sagte: „Du dreckiges, korruptes Schwein. Du bist noch schlimmer, als all die Leute, mit denen du nichts zu tun haben wolltest.“

Meine erste Reaktion war, ihm die Faust mitten ins Gesicht zu setzen. Aber ich konnte mich gerade noch beherrschen. Als Chef konnte ich mir das nicht leisten.

Ich trat einen Schritt zurück, atmete tief durch die Nase ein und sagte so laut, dass es auch die anderen hören konnten: „Sie packen sofort Ihre Sachen, Pawelka! Sie sind fristlos entlassen!“

„Du hast mir überhaupt nichts zu sagen, du Drecksack!“, fauchte Pawelka wütend. „Und rauswerfen lasse ich mich von dir ganz bestimmt nicht …“

„Wenn Sie nicht augenblicklich den Betrieb verlassen, lasse ich Sie von der Polizei abholen“, unterbrach ich ihn ruhig. „Ich gebe Ihnen genau fünfzehn Minuten Zeit. Ihre Papiere und der restliche Lohn werden Ihnen zugestellt.“

Klaus Pawelka blickte mich hasserfüllt an. „Das wirst du eines Tages noch bereuen“, sagte er leise. Dann wandte er sich um und ging hinüber zu den Waschräumen.

Ich nahm seine Drohung nicht ernst. Ich hätte mich höchstens gewundert, wenn er mir nicht gedroht hätte.

Martin Bienert machte ebenfalls Schwierigkeiten. Aber ihn konnte ich nicht einfach entlassen. Er war einer der wichtigsten Männer im Betrieb, und er hatte bei Grashofer einen Stein im Brett.

Und dann kam Grashofer dazu und nahm mich zur Seite. Er erklärte mir, dass es sicher nur von Vorteil für mich wäre, einen Freund wie Bienert im Betrieb zu haben. Ich sah das zwar überhaupt nicht ein, und ich wusste auch, dass Bienert und ich ganz bestimmt nie Freunde werden würden, aber ich wagte nicht zu widersprechen. Ich nickte zustimmend, und wir gingen in sein Büro.

Die ganze Säuberungsaktion, wie ich es für mich nannte, hatte mich bei den rund siebenhundert Arbeitern und Angestellten noch unbeliebter gemacht, als ich es vorher ohnehin schon war. Aber das störte mich nicht im Geringsten. Für mich war wichtig, dass mich niemand von den Arbeitern und Angestellten mehr Willi rief. Außerdem hatte ich bemerkt, dass es Grashofer gefallen hatte, und nur das zählte für mich. Alles andere war mir egal.