Kubinke und der Sturm: Kriminalroman

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Kubinke und der Sturm: Kriminalroman

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2021.

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Kubinke und der Sturm: Kriminalroman

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Kubinke und der Sturm: Kriminalroman


Harry Kubinke Roman

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

Ein Orkan verwüstet einen Vorort von Wilhelmshaven. Eine gute Gelegenheit, dort eine Leiche abzulegen. Doch wer ist dieser Tote? Und warum wurde er von dem sogenannten „Stecher“ umgebracht? Wer hat den Killer beauftragt?

Die Kriminalinspektoren Kubinke und Meier werden mit diesem Fall betraut. Mit Hilfe ihrer Kollegen kommen sie der Lösung des Falls immer näher, jedoch mit einer unerwarteten Wendung ...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jack Raymond, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.




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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martini Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Ingo Pellemeier bremste seinen LKW.

Die apokalyptisch anmutende Landschaft, die ihn nun umgab, zeigte jetzt ihre Wirkung auf ihn. Er schluckte. Überall waren Häuser stark beschädigt, Dächer abgedeckt. Bäume und Strommasten waren von der Gewalt des gerade vorübergezogenen Orkans abgeknickt worden wie Streichhölzer.

Ingo Pellemeier hörte routinemäßig den Funk der örtlichen Polizei ab. Er lauschte einige Augenblicke den leicht verzerrten Stimmen und warf dann einen kurzen Blick auf den Kartenausschnitt, den ihm das große Display seines Navigationssystems zeigte und nickte zufrieden.

 

Die sind weit genug weg, dachte er.

Schließlich wollte er den Polizisten im Moment um keinen Preis der Welt begegnen. Normalerweise wich er auf diese Weise nur Geschwindigkeitskontrollen aus. Aber an diesem Tag hatte Ingo Pellemeier einen ganz besonderen Grund, um den Polizisten aus dem Weg zu gehen.

Und der hatte mit der Leiche zu tun, die sich im Laderaum seines LKWs befand.




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Der schwere Sturm hatte sich gelegt und ein Schneise der Verwüstung durch einige Vororte von Wilhelmshaven in Niedersachsen gezogen. Viele Häuser waren stark beschädigt, einige sogar zerstört worden, Fahrzeuge hatte die Kraft des Sturms einfach beiseite geschoben oder auch auf die Seite geschleudert. In den Nachrichten war auch von Todesopfern und Vermissten die Rede gewesen. Zahlen, die genannt wurden, würden sich mit Sicherheit noch erhöhen.

Ingo stieg aus. Er öffnete mit ein paar geübten Handgriffen die Ladefläche seines LKWs, stieg hinauf und blickte dann auf die Leiche herab. Ein Mann, soviel war noch erkennbar. Aber das Gesicht war so schrecklich entstellt, dass ihn wohl selbst engste Angehörige nicht wiedererkannt hätten. Mit seinen Händen war auch irgendetwas geschehen. Sie wirkten rot. Das rohe Fleisch kam zum Vorschein. Es sah aus, als hätte er sich verbrannt. Ein scharfer Geruch hing in der Luft. Und der ramponierte Zustand seiner Kleidung passte irgendwie zu den Blessuren, die er selbst davongetragen hatte.

Ingo stand der Schweiß auf der Stirn.

An einem Haken hingen ein paar Arbeitshandschuhe. Die zog Ingo über. Dann fasste er den Toten an den Füßen und zog ihn zum Rand der Ladefläche. Mit einem dumpfen Geräusch fiel die Leiche wie ein nasser Sack auf den Boden.

Nichts für ungut, dachte Ingo und sprang hinterher. Er orientierte sich kurz. Dann hatte er seine Wahl getroffen. Ein Trümmerhaufen, der noch vor wenigen Stunden wohl noch ein ansehnlicher Vorstadtbungalow gewesen war, schien ihm der perfekte Ort zu sein, um eine Leiche loszuwerden. Er schleifte den Toten hinter sich her.

Es konnte ja nicht allzu schwer sein, ihn so zu drapieren, dass man ihn für ein Opfer des Sturms hielt.

Nach ein paar Minuten war er fertig. Er hetzte zur Fahrerkabine des LKWs, stieg ein und startete. Ingo Pellemeier trat das Gaspedal voll durch. Der Motor heulte auf wie ein getretenes Ungetüm. Nur weg!, dachte Ingo. So schnell und so weit wie möglich weg von hier!




3


Ungefähr eine Stunde fährt man von Berlin nach Quardenburg. Rudi und ich hatten uns nicht ohne Grund dort hinbemüht. Wir trafen uns mit einigen Mitgliedern des Ermittlungsteam Erkennungsdienstes, dessen Dienste uns zur Verfügung standen, seit man uns zu Kriminalinspektoren befördert hatte. Und das Ganze hatte natürlich mit einem neuen Fall zu tun, der uns übertragen worden war. Ein Fall, bei dem es um einen Toten ging, der vor kurzem in einer vom Orkan ziemlich zerstörten Siedlung in der Nähe von Wilhelmshaven gefunden worden war.

„Sie sind spät dran“, stellte Friedrich G. Förnheim fest. Unser Naturwissenschaftler sprach mit einem Akzent, der so hamburgisch klang, dass er damit wohl selbst an der Elbchaussee als eingebildet gegolten hätte.

„Wir wurden aufgehalten”, sagte ich.

„Unsere Kollegin Lin-Tai Gansenbrink würde das wohl eher als ein Zeichen für schlechte Berechnung verschiedener, in Betracht zu ziehender Parameter interpretieren, wie zum Beispiel Länge des Anfahrtswegs, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Staumeldungen, Verkehrsverhältnisse und so weiter.”

„Was soll’s, FGF”, mischte sich der Forensiker und Gerichtsmediziner Gerold Wildenbacher ein. Der Bayer zuckte die Schultern. „Fangen wir an!”

„Dieser Meinung bin ich auch”, ergänzte Lin-Tai Gansenbrink, die Mathematikerin und IT-Spezialistin des Teams. „Soll ich für unsere Kriminalinspektoren die Pointe vorwegnehmen, dass wir zwar die Identität des Opfers noch nicht kennen, aber dafür wissen, wer der Täter war - oder wäre das jetzt ein allzu forscher Vorgriff?”

„Wie bitte?”, mischte ich mich ein.

„Es scheint mir, dass unsere Kollegin in Ihrem Bemühen, sich mathematisch kurz zu fassen, etwas über ihr Ziel hinausgeschossen ist und damit vermutlich mehr Verwirrung verursacht, als für Klarheit gesorgt hat, wie ich befürchte, wenn ich mir die Gesichter von Harry und Rudi so ansehe”, sagte Förnheim.

„Ich schlage vor, wir fangen einfach von vorn an und kommen endlich zur Sache”, lautete die nüchterne Ansicht von Charlotte Ferretz, unserer Wirtschaftswissenschaftlerin, die immer dann zur Stelle war, wenn es darum ging, die betriebswirtschaftlichen Implikationen eines Falles zu beurteilen. Insbesondere, wenn es im Zuge von Ermittlungen im Bereich des organisierten Verbrechens darum ging, verborgene Geldströme und wirtschaftliche Verflechtungen zu erfassen, waren wir auf die Hilfe von Mitarbeitern angewiesen, die sich in diesem Bereich auskannten. Und nicht selten führten gerade die Erkenntnisse aus diesem Bereich erst dazu, dass man überhaupt an die Hintermänner herankam, die sich allzu gern mit weißer Weste zeigten und angeblich nichts mit den schmutzigen Geschäften ihrer Untergebenen zu tun hatten.

Dass Charlotte bei diesem Meeting anwesend war, zeigte allerdings schon, dass es auch in diesem Fall um eine Verwicklung in Machenschaften einer kriminellen Organisation ging.

„Man kennt also den Täter - aber nicht das Opfer”, sagte Rudi an Wildenbacher gewandt. „Das klingt auf jeden Fall schon mal so, als würde es etwas vom üblichen Schema abweichen - vorsichtig ausgedrückt.”

„In diesem Fall ist einiges nicht, wie es sein sollte”, stellte der Bayer fest. Er warf einen Blick auf das Laptop, das vor ihm auf dem Tisch stand und dessen Funktionen er gerade mit einem Tastendruck aus dem Schlaf des Energiesparmodus geweckt hatte. „Wie auch immer. Fangen wir von vorne an! Ein heftiger Orkan hat einen Vorort von Wilhelmshaven in Niedersachsen nahezu zerstört. Da steht kaum noch ein Haus, das nicht einen Schaden aufzuweisen hat. Es gibt leider auch ein paar Todesopfer. Unter den Trümmern von einem der zerstörten Häuser wurden drei Leichen entdeckt, die von den Kollegen des Polizeidienststelle in Wilhelmshaven einfach durchnummeriert wurden. Bei Leiche 1 und 2 handelt es sich um ein älteres Ehepaar, das in diesem Haus gewohnt hat. Leiche Nummer 3 wurde ebenfalls in den Trümmern dieses Hauses gefunden, ist aber nach wie vor unidentifiziert.” Wildenbacher aktivierte einen Großbildschirm, der die Ansicht seines Laptops in vergrößerter Form zeigte. Ein schrecklich entstelltes Gesicht war darauf zu sehen - oder das, was davon übrig geblieben war. „Hier sehen Sie den Grund dafür, weshalb es den Kollegen bisher nicht gelungen ist, den Toten zu identifizieren.”

„Was das Geschlecht angeht, sind Sie sich aber sicher?”, fragte ich.

„Es ist ein Mann, das steht fest”, erklärte Wildenbacher. „Allerdings wurde sein Gesicht höchstwahrscheinlich mit einer sehr starken Säure so verätzt, dass kein Gesichtserkennungsprogramm der ganzen Welt ihn noch wiedererkennen könnte.”

„Ich habe einen Abgleich anhand einer telemetrischen Gesichtsanalyse mit unseren Daten durchgeführt”, mischte sich Lin-Tai Gansenbrink ein. „Leider mit negativem Ergebnis.”

„Man muss dazu sagen, dass die Säurebehandlung, der dieser Mann ausgesetzt gewesen ist, so starke Entstellungen hinterlassen hat, dass teilweise selbst die Knochen angegriffen wurden und es damit wohl einer aufwändigeren Rekonstruktion bedarf, um überhaupt die ursprünglichen Abstände zwischen den Augen oder Kinn und Nase und so weiter feststellen zu können, die ja für eine Identifizierung mit Hilfe von telemetrischen Daten notwendig sind. Aber Sie sehen hier sehr schön, wie zum Beispiel unterhalb des linken Auges nicht nur das Gewebe durch die chemische Reaktion ...”

„Ich glaube das reicht, Gerold”, mischte sich Charlotte Ferretz ein. „Wir können uns das alle lebhaft vorstellen.”

„Nun, wenn Sie an diesen wichtigen Details kein Interesse haben, dann ist das geradezu fahrlässig. Schließlich werden wir versuchen müssen, anhand der sterblichen Überreste dieses Unbekannten, irgendwie herauszufinden, wer er ist.” Wildenbacher ließ ein weiteres Bild auf dem Großbildschirm erscheinen. Es zeigte die Hände des Unbekannten. „Die Fingerkuppen wurden auf ähnliche Weise behandelt, wie Sie sehen. Das bedeutet, dass wir ihn auch nicht über die Fingerabdrücke identifizieren können.”

„Die Tatsache, dass man sich diese Mühe gemacht hat, könnte darauf hinweisen, dass dem Täter klar war, dass man das Opfer auf diese Weise schnell identifizieren könnte”, sagte ich.

„Zusammen mit den Abdrücken von Millionen weiteren lebenden oder toten Personen, deren Abdrücke irgendwann mal gespeichert wurden”, nickte Wildenbacher. „Die gespeicherten Kriminellen fallen da zahlenmäßig kaum noch ins Gewicht. Unser Opfer wird dadurch leider noch nicht sehr eingegrenzt. Aber bisher hatte ich auch nur die Bilddaten und die Untersuchungsergebnisse der Kollegen aus Wilhelmshaven zur Verfügung. Wenn ich die Leiche selbst untersucht habe, dann finde ich vielleicht doch noch eine Möglichkeit, herauszufinden, um wen es sich da handelt.”

„Vielleicht sollten wir jetzt über den Täter sprechen”, schlug nun Förnheim vor. „Über den wissen wir schließlich sehr viel mehr.”

„Nur keine Ungeduld”, gab Wildenbacher zurück. „Zunächst mal möchte ich feststellen, dass die Kollegen in Wilhelmshaven richtigerweise festgestellt haben, dass diese Säurebehandlung nur das Gesicht und die Finger betrifft und mit Sicherheit post mortem durchgeführt wurde. Das heißt, mit dem Ziel, die Identität des Toten zu verschleiern. Der Unbekannte wurde also keineswegs gefoltert oder dergleichen. Die Todesursache sehen wir hier ...” Ein neues Bild erschien jetzt. „Sie erkennen hier eine Hautpartie am Rücken in starker Vergrößerung. Die markierte Stelle haben die Kollegen in Wilhelmshaven als Einstichstelle identifiziert - richtigerweise, wie ich sagen muss. Dem Opfer wurde eine Substanz injiziert, die die Eigenschaft hat, mit einer Verzögerung von zehn bis fünfzehn Minuten zu wirken - und absolut tödlich zu sein.”

„Den bisherigen Analysen nach ist diese Substanz sehr speziell zusammengesetzt”, ergriff jetzt Förnheim das Wort. „Eine sehr individuelle Mischung, die in ihrer Zusammensetzung typisch für einen bekannten Auftragskiller ist, der unter der Bezeichnung ‘der Stecher’ bekannt ist.”

„Der Stecher arbeitet als Auftragsmörder”, stellte Lin-Tai Gansenbrink fest. „Seine Methode läuft darauf hinaus, dass er seinem Opfer quasi im Vorbeigehen eine Injektion verpasst. Ein Stich mit einer feinen Nadel durch die Kleidung hindurch, zum Beispiel in einem dichten Gedränge in der Bahn oder aber an einem anderen Ort, an dem er die Gelegenheit hat, dem Opfer nahe zu kommen.”

„Das Opfer bemerkt diesen Stich normalerweise nicht gleich”, stellte Wildenbacher fest. „Die Wirkung des Giftes setzt ja erst mit Verzögerung ein - und dann kommt sowieso jede Hilfe zu spät, während der Killer bereits auf und davon ist.”

 

„Wie sicher ist es, dass tatsächlich dieser sogenannte Stecher hinter dem Mord steckt?”, fragte ich.

„Nun, das verwendete Gift ist quasi seine Visitenkarte”, meinte Förnheim. „Die Methode selbst kommt häufiger vor und wird ansonsten auch gerne von Angehörigen verschiedener fremder Geheimdienste verwendet. Früher hat sie sich insbesondere bei Angehörigen verschiedener Ost-Block-Geheimdienste, wie dem KGB, großer Beliebtheit erfreut, wobei keine konventionellen Gifte verwendet wurden, sondern beispielsweise Tollwut-Erreger, bei denen die Täter getrost davon ausgehen konnten, dass in den westlichen Ländern kaum noch ein Arzt in der Lage ist, die Symptome rechtzeitig und zutreffend zu diagnostizieren.”

„Dann könnte der Killer möglicherweise auch aus diesem Umfeld kommen?”, fragte Rudi.

Aber Förnheim schien das nahezu auszuschließen. Jedenfalls schüttelte er energisch den Kopf - bemerkenswerterweise annähernd synchron zu Dr. Wildenbacher. „Nach allem, was man über den Stecher in unserem Archiv abrufen kann, ist er hier im Zusammenhang mit Morden gebracht worden, die im Dunstkreis krimineller Banden geschehen sind“, sagte Wildenbacher. „Ihm werden einige Dutzend Auftragsmorde zur Last gelegt.“

„Eins verstehe ich allerdings nicht“, bekannte ich. „Die Sache mit der Säure. Wie passt das mit der Vorgehensweise des Stechers zusammen?“

„Überhaupt nicht“, mischte sich Lin-Tai Gansenbrink ein. „Ich hatte bisher nur für eine Kurzanalyse der Fälle Zeit, die dem Stecher angelastet werden.”

„Und wie ist hier das Ergebnis?”, fragte ich. Wenn Gansenbrink von einer Kurzanalyse sprach, dann war die oft profunder als das, was andere nach einer langen Beschäftigung mit dem jeweiligen Problem zuwege brachten. Sie hob die Augenbrauen.

„Ich meine, der Tatablauf, der sich aus den bisherigen Erkenntnissen ergibt, macht meines Erachtens überhaupt keinen Sinn. Da wird jemand mit einer Giftnadel angerempelt, stirbt in angemessenem zeitlichen Abstand, so dass der Täter von Zeugen gar nicht mehr in einen zeitlichen Zusammenhang mit dem Tod des Betreffenden gebracht werden kann, aber anschließend sucht derselbe Killer sein Opfer noch mal auf und sorgt dafür, dass es nicht mehr identifizierbar ist.”

„Das könnten ein oder mehrere Komplizen getan haben”, erklärte Rudi.

„Dem Täter ist es offenbar nicht unwichtig, dass man ihn als den Stecher identifiziert”, sagte Gansenbrink. „Sonst hätte er ein Gift verwenden können, was schon nach kurzer Zeit nicht mehr nachweisbar wäre, und vor allem hätte er dann nicht eine so speziell designte Substanz verwendet, die direkt auf ihn hinweist.”

„Er ist ein Profi und will seine Handschrift hinterlassen, damit man ihn wieder engagiert”, glaubte Rudi und lag damit vermutlich richtig.

Gansenbrink stimmte dem zu.

„Sie haben recht, Rudi. Allerdings widerspricht die anschließende Säurebehandlung des Opfers tatsächlich vollkommen der bisherigen Vorgehensweise des Stechers.”

„Möglicherweise war es bei diesem Mord für den Auftraggeber von besonderer Bedeutung, dass die Identität des Opfers so lange wie möglich unbekannt ist”, vermutete Rudi.

„Die andere Möglichkeit wäre, dass es sich bei dem Täter nicht um den Stecher handelt, sondern um jemanden, der nur sein Gift benutzt - was aber äußerst unwahrscheinlich ist”, meinte Förnheim. „Die Herstellung ist sehr speziell. Es wäre allenfalls denkbar, dass er es aus derselben Quelle bezieht, was ich nicht glaube, da diese Quelle ein zu großes Risiko wäre.”

„Dann denken Sie, der Stecher hat es selbst hergestellt?”, fragte ich.

Förnheim nickte.

„Davon bin ich überzeugt. Wir suchen jemanden mit profunden chemischen Kenntnissen. Er hat vielleicht ein Studium in diesem Bereich absolviert oder mal für ein gewisse Zeit in der chemischen Branche gearbeitet.”

„Jedenfalls ist das der erste Mord des Stechers seit fünf Jahren”, sagte Gansenbrink.

„Der Erste, von dem wir wissen”, schränkte Förnheim ein.

„Jedenfalls scheint in diesem Falle einiges anders gelaufen zu sein, als bei den bisherigen Morden, die mit dem Killer in Verbindung gebracht werden”, ergriff Gansenbrink wieder das Wort. „Das mit der Säure ist noch nachvollziehbar - wenn auch quasi die Brachialmethode. Es wäre sicherlich leichter gewesen, das Opfer an einem Ort zu entsorgen, wo die Leiche mit großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahrzehnten nicht gefunden wird. Aber den Kerl in den Trümmern eines vom Sturm zerstörten Hauses zu platzieren, in der Hoffnung, dass man ihn den Orkan-Opfern zuordnet und nicht genauer nachschaut, erscheint mir schon reichlich naiv.“

„Sagen Sie das nicht!“, widersprach Wildenbacher. „Was glauben Sie, was ich schon alles für Mordopfer auf dem Obduktionstisch liegen hatte, bei denen irgendein Wald- und Wiesenarzt ein Herzversagen diagnostiziert hat, obwohl der Betreffende eindeutige Einstichstellen am Körper aufweist, die auf eine Messerattacke hinweisen. In diesem Fall war es ja nur ein sehr kleiner Einstich einer Injektionsnadel - und den haben die Kollegen in Wilhelmshaven auch sofort entdeckt.”

„Ich denke, Gerold und ich werden kaum umhin kommen, selbst nach Wilhelmshaven zu fahren, um uns die Original-Leiche genauer anzusehen und außerdem noch einmal sämtliche anderen Spuren, die gesichert werden konnten”, sagte Förnheim.

„Ich habe eine Analyse von verdächtigen Transaktionen eingeleitet, die möglicherweise Hinweise auf besondere Entwicklungen innerhalb krimineller Vereinigungen geben könnten”, meldete sich nun Charlotte Ferretz zu Wort. Sie wandte sich dabei an Dr. Lin-Tai Gansenbrink. „Dabei werde ich sicherlich noch des Öfteren Ihre Unterstützung benötigen, Lin-Tai.”

„Auf die können Sie sich verlassen, Charlotte”, versprach Gansenbrink, ohne dass sich dabei in ihrem Gesicht irgendeine Regung zeigte.

„Es gab in der Vergangenheit Transaktionen über eine gewisse Bank in Deutschland bis zu den Cayman-Islands, die von damals ermittelnden Kollegen mit der Bezahlung des Stechers in Verbindung gebracht wurden, ohne dass dies jemals wirklich bewiesen werden konnte”, fuhr Charlotte Ferretz fort. „Wenn wir nach Transaktionen suchen, die nach einem ähnlichen Muster erfolgen, bringt uns das vielleicht weiter.”

„Was dies betrifft, bin ich mir nicht sicher, ob die Definition der Muster tatsächlich schon optimal ist. Da stehen wir noch ganz am Anfang und werden mit Sicherheit noch nachjustieren müssen.“

„Was Sie ja wohl nicht vor unüberwindbare Hindernisse stellen dürfte“, meinte Förnheim.

„Sicher nicht”, sagte Charlotte Ferretz.

„Ich denke, wir müssen die Sache etwas systematischer angehen”, erklärte Gansenbrink.

„Ach, das heißt, dass alles, was bisher geschehen ist, in Ihren Augen mehr oder minder unsystematisch war?”, fragte Förnheim etwas pikiert.

„So hart würde ich das nicht ausdrücken”, antwortete Gansenbrink - höflich und kühl, wie es ihrer Art entsprach. „Nur fürchte ich, werden wir die Identität des Opfers nicht schnell genug ermitteln, wenn wir nicht einen besseren Ansatzpunkt finden.”

„Auf den Röntgenbildern, die mir geliefert worden sind, ist zu sehen, dass die Zähne offenbar von der Säurebehandlung nicht allzu viel in Mitleidenschaft gezogen worden sind”, stellte Wildenbacher fest.

„Na, das ist doch etwas, worauf sich aufbauen lässt”, meinte Gansenbrink. „Gibt es da irgendwelche Auffälligkeiten?”

„Der Tote hatte eine Reihe aufwändiger Implantate. Ich würde sagen, man kann schon mal sagen, dass er gut versichert und zumindest nicht arm war.”

„Es müsste sich herausfinden lassen, wer diese Behandlung durchgeführt hat.”

„Wollen Sie sämtliche Zahnärzte und Zahnkliniken in Deutschland durchchecken?”, fragte Rudi.

Gansenbrink schüttelte den Kopf.

„Nicht sämtliche. Ich werde mich zunächst auf Fälle von vermissten Personen beschränken, die in irgendeiner Form im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen stehen. Möglicherweise ergeben sich auch Querverbindungen zu den Transaktionen, von denen gerade die Rede war. Dann dürfte man den Kreis der Personen sehr schnell eingrenzen können, die mit dem Toten aus dem Sturmgebiet identisch ein könnten.”

Förnheim wandte sich an mich.

„Sie haben sicher schon gemerkt, dass Lin-Tai eine unverbesserliche Optimistin ist.”

„Das bin ich auch”, bekannte ich. „Andernfalls kann man diesen Job wahrscheinlich auch nicht allzu lange machen.”