Krimi Doppelband 2232

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Fred Breinersdorfer, Alfred Bekker

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Inhaltsverzeichnis

  Krimi Doppelband 2332

  Copyright

  DER HAMMERMÖRDER

  Ein Kommissar läuft Amok

Krimi Doppelband 2332
Fred Breinersdorfer, Alfred Bekker

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Der Hammermörder (Fred Breinersdorfer)

Ein Kommissar läuft Amok (Alfred Bekker)

Sein Name ist Norbert Poehlke. Polizist, verheiratet, zwei Kinder. Alles wirkt glücklich und normal für die Nachbarn. Aber der Schein trügt. Poehlke und seine Familie sind durch den Hausbau hoch verschuldet, und die finanzielle Situation wird immer auswegloser. Da beschließt Poehlke, diese – in seinen Augen – menschenunwürdige Lage auf seine Weise zu verändern. Er sucht sich einen Nebenjob. Zumindest sagt er das seiner Frau. Und tatsächlich kommt wieder Geld ins Haus, aber daran klebt Blut …

Der Essener Kriminalbeamte Kevin Marenberg taumelt in ein Einkaufszentrum und schießt plötzlich wahllos um sich. Kriminalhauptkommissar Gerd Thormann, der dort jemanden beschattet, wie er später seine dortige Anwesenheit erklärt, greift in das Geschehen ein und erschießt seinen Vorgesetzten.

Doch warum lief Marenberg Amok?

Das sollen die beiden Ermittler Harry Kubinke und Rudi Meier herausfinden.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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DER HAMMERMÖRDER
FRED BREINERSDORFER

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Stocksnapper/123RF mit Steve Mayer, 2018

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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***

Sein Name ist Norbert Poehlke. Polizist, verheiratet, zwei Kinder. Alles wirkt glücklich und normal für die Nachbarn. Aber der Schein trügt. Poehlke und seine Familie sind durch den Hausbau hoch verschuldet, und die finanzielle Situation wird immer auswegloser. Da beschließt Poehlke, diese – in seinen Augen – menschenunwürdige Lage auf seine Weise zu verändern. Er sucht sich einen Nebenjob. Zumindest sagt er das seiner Frau. Und tatsächlich kommt wieder Geld ins Haus, aber daran klebt Blut …

DER HAMMERMÖRDER ist ein dokumentarischer Roman und schildert die menschlichen Abgründe eines verzweifelten Mannes, der keinen Ausweg mehr sieht. Der Roman wurde verfilmt mit Christian Redl, der für diese Rolle eine Idealbesetzung war.

***

Ein klarer heller Maitag.

Die vergangene Nacht war kühl gewesen, Tau war reichlich gefallen, der Boden vollgesogen mit Feuchtigkeit. Das frische Laubwerk glitzerte. Über den Himmel zogen weiße Frühsommerwolken. Von den beiden großen Sammelbecken des Klärwerks »Häldenmühle« drangen Schwaden von Moder und Fäkaliengeruch herüber. Das Rührwerk arbeitete träge.

Ein kleiner Junge streifte geduckt durch das Unterholz des schmalen Waldes, der sich zwischen der Straße und dem Flüsschen Murr knapp dreihundert Meter hinunter bis zu dessen Mündung in den Neckar hineinzieht. Schulmappe und Fahrrad hatte er hinter einem Buchengesträuch verborgen und sich auf seinen Schleichpfad durch das Gehölz gemacht. Vorsichtig, jede Deckung ausnutzend, pirschte er nahe der Böschung entlang. Von Zeit zu Zeit hob er die rechte Hand, Zeigefinger ausgestreckt. Arm angewinkelt; wie ein Pistolenschütze visierte er mit zusammengekniffenem Auge über vermeintliche Kimme und Korn. In dem Schatten der Büsche und hinter den Baumstämmen schien ihm der Feind zu lauern. Vielleicht Indianer, möglicherweise auch Verbrecher, die er zu jagen hatte.

Gerade sah er in einem abgestorbenen Ast das Profil eines Feindgesichtes. Er drückte ab und machte halblaut »biauu!« und dann noch einmal »biauu!«; geduckt sprang er, Haken schlagend, über eine freie Stelle im Wäldchen, da krachte tatsächlich ein Schuss. Nicht weit entfernt. Der Junge zuckte zusammen. Er registrierte, dass kein Querschläger zu hören war, wie so oft im Fernsehen. Dabei glitt er auf den Boden ins nasse Gras und spitzte die Ohren, wartete auf einen weiteren Schuss oder zumindest eine Bewegung, Schreie oder geflüsterte Anweisungen.

Nichts. Nur das Geräusch der auf den angrenzenden Straßen vorbeiziehenden Fahrzeuge und das träge Murmeln der braunen Wellen des Flüsschens waren zu hören. Der Junge machte sich noch vorsichtiger und nicht völlig ohne Angst auf den Weg in die Richtung, aus der ihm der Schuss gekommen zu sein schien. Dass in der Wirklichkeit wenige Meter von ihm entfernt geschossen worden war, geriet mit der Fantasie zusammen und wurde Bestandteil seiner eigenen Vorstellungswelt. Ein Feind hatte auf ihn gefeuert!

Die Handpistole immer in Blickrichtung haltend, nach allen Seiten sichernd, glitt er zwischen den Stämmen durchs Unterholz. Er kannte jede Wurzel, jeden Stein. Hier konnte ihm keiner entkommen! Er gelangte in die Nähe des Parkplatzes. Dort kam er selten hin, weil man nicht ungestört war und weil der Wald durch eine Schneise getrennt war. Dennoch, jetzt, wo ein Schuss gefallen war, hatte er auch den Parkplatz zu kontrollieren.

Und tatsächlich fuhr in diesem Augenblick ein weißer BMW an. Automatisch hob der Junge seine Hand und zielte über den Zeigefinger auf die Reifen des Fahrzeuges. »Biauu, biauu«, rief er, doch der BMW setzte den Blinker, fuhr hinaus auf das Asphaltband der Straße und beschleunigte stark in Richtung Marbach.

»Feigling«, murmelte der Junge und drehte sich um. In Gedanken versunken, ging er, einem Pfad folgend, die zweihundert Kinderschritte durch das Gehölz zur Flussmündung. Den Schuss hatte er schon fast vergessen, das Geräusch war längst verhallt, irreal geworden, und seine Fantasie machte wie bei allen Buben in diesem Alter heftige Sprünge und Überschläge. Wenn einer so viel beim Spielen schoss wie der kleine Markus, dann konnte er sich nicht mehr an jede dieser kleinen Explosionen erinnern.

Er setzte sich in Trab und zuckelte weiter. Mit dem Kopf war er nun bei der Turnstunde am Nachmittag, wenn man fürs Sportfest trainieren würde. Markus war einer der Besten. Er überlegte sich, ob es für den ersten Preis reichen würde; seine Schwester hatte im letzten Jahr den Ersten gemacht, er war nur Dritter geworden.

»Erster musst du werden«, dachte er. Er kehrte um und zog einen Spurt an; mit langen, geschmeidigen Sätzen rannte er die letzten Meter; er lief in seiner Einbildung nicht auf einem Waldpfad, sondern auf der Aschenbahn im Sportverein. Ziel. Gewonnen! Er ließ sich auspendeln, wie man es bei den Profis in der Sportschau sieht, schlenkerte die Arme, sog die Lungen voll Luft und blies sie aus. Nun erreichte er die Waldschneise und blieb vor der Flussböschung stehen, stemmte die Arme in die Seite und sah sich um. Der Himmel war wie mit mattem blauem Lack überzogen. Die Strahlen der Sonne glitzerten auf den Wellen. Ihm fiel ein, dass er endlich nach Hause musste; er drehte sich um. wollte lostraben, um das Rad zu holen, da fiel er fast über den Mann, der zwei Meter neben ihm am Rand der Lichtung auf dem Bauch lag.

Markus hatte im Hochsommer schon oft Menschen im Gras liegen sehen, meist Liebespaare, die er heimlich beobachtete. Aber an einem Mittag im frühen Mai hatte er noch nie jemanden auf dem Boden wahrgenommen. Ein Betrunkener, Penner, einer der nicht weiß, wo er hin soll?

 

Der Bub trat näher heran. Der Mann rührte sich nicht. Markus sah das Blut, das aus einer Wunde am Genick austrat, ein dünnes Rinnsal, das immer noch sickerte. Der Junge ging rasch vor zum Kopf und bückte sich. Es war nicht schwer zu erkennen, dass dieser Mann tot war. Das Gesicht war von der Wucht des Schusses, der den Schädel getroffen hatte, entstellt. Das Blut zog seine Bahn. Der Nasenrücken war zertrümmert. Eine Hornbrille mit zerbrochenem Glas hing schief über den Augen. Die schütteren Haare fielen in die Stirn.

Markus schrie nicht, er lief nicht davon. Er hatte bis zu diesem Morgen am 3. Mai keine persönliche Erfahrung mit dem Tod gemacht. Der unmittelbar zuvor mit einem Schuss in den Kopf getötete Mann war der erste Leichnam, den das Kind sah. Der Junge war gebannt von dem fast noch lebendigen, in einer zufälligen Grimasse angehaltenen Gesicht, von der Ruhe, die von dem Toten ausging, der Bewegungslosigkeit seiner im Sturz verdrehten Glieder.

Die Leiche lag in der Nähe eines Busches, der die Lichtung begrenzte. Daneben, auf dem Boden im frischen Gras, war die Spur von Autoreifen zu sehen. Markus kniete sich hin und untersuchte mit den Händen vorsichtig die Abdrücke. Auf der anderen Seite der Murr hupte ein Auto ungeduldig. Der Junge drehte sich um und blickte hinüber. Dabei berührte er den Rücken des toten Mannes mit der Hand. Der Anzugstoff fühlte sich weich und warm an. Markus schreckte zurück. Er trat zur Seite und betrachtete den Leichnam. Da schien es ihm, als bewege sich etwas. Es war aber nur ein wenig Wind aufgekommen, der in die Kronen der Bäume und die Blätter der Büsche griff und Bewegung erzeugte.

Den Jungen packte das Grauen. Er rannte davon, um seiner Mutter von dem grausigen Fund zu erzählen.

*

Der Tote, den die Polizei wenig später an der von Markus’ Mutter genau beschriebenen Stelle vorfand, war, ausweislich der Papiere, die man bei ihm fand, der Ingenieur und Handlungsreisende Siegfried Pfitzer. Er war siebenundvierzig Jahre alt, als er starb, Opfer eines Gewaltverbrechens.

Siegfried Pfitzer war ein ruhiger, freundlicher Mann gewesen, verheiratet, zwei Kinder. Er lebte in Alzenau bei Aschaffenburg und arbeitete für die Firma Suhlig in Stuhr, eine Handlingmaschinenfabrik, die Vorrichtungen zum Formen und Prägen von Kunststoffen herstellte. Pfitzer, der ursprünglich Ingenieur für Werkzeugbau war, dann auf Maschinenbau umgesattelt hatte, vertrieb die Produkte der Firma Suhlig im süddeutschen Raum. Zu seinem Gebiet gehörte auch die Gegend um Stuttgart.

Das Foto, das die Presse in den Monaten nach seinem Tod veröffentlichte, zeigte ein ernstes Gesicht, wie man es halt für ein Passfoto macht, in dem vor allem die modische Brille mit breitem Gestell und großen Gläsern auffällt. Die Schatten des Brillengestells ließen jedoch noch genügend Raum für die Augen, die am Betrachter nachdenklich vorbeiblickten. Die Haare, rechts gescheitelt, waren schütter und ordentlich gekämmt. Kinn und Backen ließen auf eine gewisse Körperfülle schließen. Hemd, Jackett und Schlips verrieten eine bürgerlich-konventionelle Erscheinung.

Siegfried Pfitzer hatte am Morgen der Firma Balduf im benachbarten Freiberg am Neckar einen Vertreterbesuch abgestattet. Niemandem war etwas Außergewöhnliches aufgefallen. Er verließ seinen Kunden in Freiberg zwischen 10.15 Uhr und 10.30 Uhr. Von Freiberg nach Marbach waren es knapp acht Kilometer. In Marbach war Pfitzer nachmittags bei einem anderen Kunden, der Firma BBP, zu einem weiteren Besuch angesagt.

Auf seinem Weg in die Schillerstadt muss Pfitzer eine Pause eingelegt haben. Denn man fand später ein Handdiktiergerät mit besprochener Kassette. Pfitzers Stimme ist zu hören. Wie gewohnt, hält er das Ergebnis seines Kundenbesuchs auf Band fest, emotionslos und sachlich, von den üblichen Pausen unterbrochen. Im Hintergrund vernimmt man Vogelgezwitscher, deutlich und laut. Siegfried Pfitzer muss entweder bei offenem Autofenster oder im Freien diktiert haben. Daraus darf man indes nicht vorschnell den Schluss ziehen, dass er auf dem Parkplatz in der Nähe des Ortes, wo der kleine Markus die Leiche gefunden hat, die Notiz auf Band gesprochen hat. Denn wir wissen nicht, ob er nicht vorher schon eine Pause eingelegt hat. Und die Vögel, deren Stimmen auf dem Band zu hören sind, kommen überall in der Gegend vor; es sind keine Arten festzustellen, die nur an den Ufern von Gewässern leben.

Für 15 Uhr hatte Pfitzer in seinem Kalender eine merkwürdige Notiz: Er wollte in Marbach einen dort ansässigen Rechtsanwalt konsultieren. Doch üblicherweise meldet man sich für einen Beratungstermin an. Aber der Rechtsanwalt hatte mit Pfitzer, den er nicht kannte, keinen Termin abgesprochen. Woher konnte Pfitzer wissen, ob der Anwalt nicht bei einer Gerichtsverhandlung in Stuttgart sein würde oder schon anderweitig disponiert hatte? Auch das Büropersonal kann sich an einen Anruf des Handlungsreisenden nicht erinnern. Pfitzer war in seinem Wohnort Aschaffenburg anwaltlich vertreten, und es war kein Grund ersichtlich, weshalb er den Berater wechseln sollte.

Die Kalendereintragung, unzweifelhaft von der Hand Pfit zers, konnte bis heute nicht geklärt werden. Sie bleibt eines der vielen Rätsel, die diesen Mordfall so undurchsichtig machen. Im Grunde wäre diese Arabeske noch nicht einmal erwähnenswert gewesen, würde sie nicht zeigen, dass selbst im banalsten Alltagsablauf Ungereimtheiten stecken, die ohne Hilfe des Beteiligten nicht zu entschlüsseln sind. Denn zu oft widerspricht die Handlungsweise der Menschen den psychologischen Wahrscheinlichkeitstheorien, die man zu ihrer Enträtselung heranzieht. Die Spekulationen, wonach es unwahrscheinlich ist, dass Opfer und Täter so und nicht anders handeln, nur weil der Fahnder sich etwas anderes nicht vorstellen kann, werden zu oft angesichts der bizarren Realität zu Makulatur.

Wäre es beispielsweise nicht denkbar, dass Pfitzer nach langem Ringen einen Prinzipienstreit mit dem Kunden vom Zaun brechen und sich dazu vorher anwaltlichen Rat einholen wollte, und zwar dort, wo man ihn nicht kannte, wohl aber den Kunden? Möglicherweise hat er doch angerufen, und der Lehrling in der Kanzlei, der den Termin entgegengenommen haben könnte, schweigt, weil er es vergessen hat, ihn zu notieren: Der Lehrling ist erfolgreich mit seinem Schweigen, denn er wird für die Verfehlung nicht belangt.

Warum war es nicht so? Nur weil Pfitzer nach außen ein verbindlicher Mann war, dem man einen Prinzipienstreit nicht zutraut? Nur weil es unwahrscheinlich ist. will sagen: selten, dass Termine beim Anwalt nicht notiert werden? Es sind noch ungewöhnlichere, ja sogar bizarre Theorien denkbar, mit denen dieses Geheimnis am Rande des Mordfalles Pfitzer zu erklären wäre. Der ganze Fall ist schließlich ein Beleg dafür, dass das Undenkbare sich unversehens realisiert.

*

Norbert Poehlke stand gegen Mittag unschlüssig vor der Tür seines neuen, noch nicht völlig fertiggestellten Hauses und sah zum Himmel hinauf. Einige Wolkenbündel zogen von West nach Ost über den klaren Himmel. Poehlke drückte mit den Fingerspitzen neben der Nasenwurzel in die Augäpfel, dann schob er die Hände in die Tasche. Ein alter Mann, gebückt an zwei Stöcken gehend, kam am Grundstück vorbei und überquerte die Straße. Poehlke grüßte höflich, der Mann hob einen Stock und winkte als Erwiderung.

Poehlke war ein stattlicher Mann, 1,76 Meter groß, breitschultrig und massig, mit leichtem Bauchansatz. Die äußere Erscheinung konnte fast darüber hinwegtäuschen, dass er sehr sportlich war, oft Waldläufe unternahm, die notwendige Körperbeherrschung für Hand- und Kopfstand besaß, kurz gesagt, gut trainiert war. Zu diesem Zeitpunkt war Poehlke dreiunddreißig Jahre alt. Sein Gesicht wirkte dunkel, es war flächig und oval. Ein ausrasierter markanter schwarzer Vollbart und auffällig buschige Brauen dominierten ebenso wie wache Augen mit einem stechenden Blick, letzteres ein Eindruck, der vielleicht von den zur Nase hinunterschwingenden Augenbrauen verursacht wurde. Poehlke trug die Haare fast militärisch kurz.

Zwei Laster fuhren die Straße hinunter und verursachten Lärm. Poehlke kratzte sich hinter dem Ohr und sah den Fahrzeugen nach. Seine Frau trat aus dem Haus.

»Ich stell’ noch mal ein Umleitungsschild auf«, sagte sie, »ein Krach ist das.«

»Nachts ist’s ruhig«, sagte Poehlke, »und wann kommt hier schon ein Laster vorbei?«

»Oft.«

Poehlke zuckte mit den Schultern, ohne die Hände aus der Tasche zu nehmen. Er ging aus dem Gartentor und ums Haus herum. Man hörte zwei Hunde bellen. Ein freudiges Winseln folgte. Frau Poehlke ging in den kleinen Vorgarten, um Blumen zu schneiden. Späte Tulpen und Narzissen, die im Schatten wuchsen, gaben einen bunten Strauß. Sie band einige Frühlingszweige mit hinein.

Ihr Mann erschien wieder. Zwei mächtige Schäferhundrüden folgten ihm. Es waren Rassetiere, mit schönem Kopf und geschwungener Rute, die sie zwischen den Hinterläufen trugen. Er schlurfte vor dem Haus vorbei, einen schräg nach oben führenden Asphaltweg hinauf bis vor das Tor einer mächtigen Scheune, die fast an das Wohnhaus anschloss. Dort stand Poehlkes weißer Mercedes-Kombi, frisch gewaschen glänzte er in der Sonne.

»Sitz!«, befahl er den Hunden. Sie gehorchten.

Poehlke öffnete die Heckklappe. »Rex, spring!«, sagte er. Der größere der beiden Hunde erhob sich, und mit einem weichen Satz flog er in den Wagen. »Ingbert, spring!«, rief Poehlke. Das andere Tier folgte.

Seine Frau hielt den Strauß am ausgestreckten Arm von sich und betrachtete ihn kritisch.

»Wo fährst du hin?«, fragte sie.

»Wagner«, antwortete ihr Mann.

»Wagner?« Ihr Gesicht verdüsterte sich.

»Ja, Wagner«, bestätigte Poehlke. Seine Stimme hörte sich gelassen, vielleicht sogar gleichgültig an. Eine Passantin sah herüber. Poehlke lächelte. Er blickte in das Gesicht seiner Frau. Man konnte ihr ansehen, dass sie wütend war, im Begriffe, ihm die Meinung zu sagen. Er grüßte mit einem leichten Kopfnicken zu der Passantin, die ihm unbekannt war. Auf dem Dorf grüßt man jeden.

Er ging auf seine Frau zu, bewunderte den schönen Frühlingsstrauß und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Er rief zum Haus hin: »Gabriel, Adrian, brav sein! Vielleicht bringt Vati was mit.«

Man hörte eine Kinderstimme, konnte nichts verstehen. Poehlke trottete zu seinem Wagen, ließ ihn an. Winkend fuhr er an seinem Haus vorbei. Aus dem Augenwinkel sah er noch den kleinen Gabriel aus der Tür springen. Poehlke kurbelte die Scheibe herunter und winkte.

*

Während die Kriminalbeamten der Spurensicherung auf dem Waldparkplatz Häldenmühle anlangten und die Schutzpolizei die Abriegelung des Tatorts vornahm, um die Schaulustigen zurückzudrängen, während sich in der Nähe von Marbach am Flussufer die kriminalistische Routine abwickelte, ging, kaum zwölf Kilometer davon entfernt, in der Volksbankfiliale des kleinen Ortsteils Erbstetten der Gemeinde Burgstetten die alltägliche Vormittagsschalterstunde ihrem Ende entgegen. Es war kurz nach 12 Uhr. Um 12.30 Uhr wird geschlossen.

Erbstetten und Burgstall wurden in der Gemeindereform zu einem Verband zusammengelegt, den man »Burgstetten« nannte. Weder damals noch heute besteht ein baulicher Zusammenhang zwischen den beiden Dörfern. Während der heutige Ortsteil Burgstall am Fuße eines steilen Abhangs im Tal der Murr liegt, ist der kleinere Ortsteil Erbstetten ein Dörfchen auf der hügeligen Hochebene jenseits des Murrtales. Wer sich umschaut, sieht flache Erdrücken, die landwirtschaftlich genutzt werden. Wald ist selten.

Erbstetten hat immerhin zwei Banken: eine winzige Filiale der Kreissparkasse rechts vor dem alten Gemeindehaus, links davon in einem gesichtslosen zweistöckigen Neubau die Volksbank. Der kleine Geschäftsraum ist im Hochparterre untergebracht. Ein gutes halbes Dutzend Stufen führt zu zwei modernen Glastüren hinauf. Links ist dann ein Gebäude, das Haus einer Speditionsfirma, mit einem großen Parkplatz angebaut. Von der Volksbank aus eröffnen sich vier große Fluchtlinien, darunter die eine in Richtung Waiblingen, die andere in Richtung Marbach.

Die Volksbank hat zahlreiche Filialen, die auch die kleinsten Gemeinden mit ihrem Service versorgen. Naheliegend in einem Landstrich, der fürs Sparen bekannt ist. Die kreuzbraven Kreditinstitute, genossenschaftlich orientiert, legen Wert auf schlichtes Äußeres. Einem marmorvertäfelten Geldtempel würde man misstrauen; bedenklich, wer so mit dem Geld umgeht. Dass die Ökonomie auch zur Zurückhaltung bei Sicherheitsinvestitionen führt, das ist indes später bedauert worden. Denn die Erbstettener Filiale war nicht mit einem modernen Alarmsystem ausgerüstet. Man meinte, man dürfe es auch getrost einsparen, denn die Groschen, die in dieser winzigen Einzimmerfiliale von der überwiegend bäuerlichen Kundschaft umgesetzt werden, blieben bislang unangetastet. Was sollten da teuere Videoüberwachungskameras und Alarmanlagen? Nur eine Telefonmeldeanlage mit Verbindung zur Polizei, allerdings wegen eines Relaisdefekts nicht einsatzbereit, sowie eine Schutzglasscheibe, wohlgemerkt noch nicht einmal ein Panzerglas, schirmten die Filialleiterin vor einem möglichen Räuber ab. Die Filialleiterin ist die einzige Angestellte in dieser Niederlassung. Sie kennt jeden, der ein und aus geht, mit dem Namen, weiß fast jedes Konto auswendig.

 

Die wohltuende Gleichförmigkeit des Alltagablaufs wiegte sie und die Direktion der Volksbank in Sicherheit. Auch die für einen Raub besonders günstige Lage am Ortsrand, mit verschiedenen Fluchtwegen, bewog nicht zu anderer Beurteilung. Denn man sagte sich: Was will ein Räuber in einer so kleinen Filiale holen? Was darf er sich von den hier getätigten Geschäften versprechen? Bei diesen Überlegungen ging man typischerweise wieder von psychologischen Spekulationen aus, die sich an einem rational kalkulierenden Täter orientierten, einem, der kalt plant und zudem das Gefüge eines Geldinstituts durchschaut.

Doch die Erfahrung zeigt, dass kühl kalkulierende Täter, die sich bereichern wollen, nur selten Banken überfallen, denn die gängigen Wirtschaftsdelikte sind lukrativer. Da eröffnen sich elegantere und lohnendere Möglichkeiten. Für den Sicherheitsbeauftragten einer Bank ist es am wahrscheinlichsten, dass der Überfall dort passiert, wo das meiste Geld fließt. Für einen einfachen Mann, der einen Raub plant, ist möglicherweise die Bank überall, wo ihr Reklameschild über einer Tür prangt, reich und mit Geldbündeln gespickt. Er greift vielleicht am ehesten dort zu, wo es ihm räumlich oder zeitlich günstig zu sein scheint. Von einem ausreichenden Ertrag wird er überzeugt sein.

Der Täter, der um 12.25 Uhr am 3. Mai 1984 in der Volksbankfiliale in Erbstetten zugriff, dürfte eine solche ausreichende Beute erwartet haben.

Nach den Feststellungen der Polizei lief der Überfall innerhalb weniger Minuten ab. Ein Mann, fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt und zwischen 1,75 und 1,80 m groß, näherte sich um 12.25 Uhr mit einem weißen BMW 520i der Bank. Das Fahrzeug rollte langsam und unauffällig auf einen Parkplatz vor dem Bankgebäude. Der Mann, den die Zeugen in blauem Straßenanzug gesehen haben wollen, soll eine gepflegte Erscheinung gewesen sein; er sei ausgestiegen und schnell die sieben Stufen zur Eingangstür hinaufgelaufen.

Als er eintrat, hatte er schon eine schwarze Zorromaske mit Perlenschnüren über Augen, Nase und Mund gezogen. Er schrie das Wort »Überfall!«. Auch Bankräuber müssen sich Mut machen. Die Angestellte konnte nur noch in den gesicherten Kassenraum fliehen. Starr vor Schreck sah sie den Täter einen schweren Vorschlaghammer heben und mehrfach auf die Scheibe vor der Kasse einschlagen. Der Glaskasten bebte und zitterte, das Glas hielt; noch ein Schlag, härter als die ersten, und schließlich zerbarst die Scheibe doch mit einem krachenden Geräusch, das massiver klang, als wenn eine einfache Glasscheibe zerspringt.

Wann sich der Mann verletzt haben könnte, weiß die Angestellte nicht mehr zu sagen. Eine Blutspur wurde später auf einem Kuvert entdeckt, das auf dem Abfertigungstisch im Glaskasten lag.

Die Filialleiterin händigte dem Räuber ohne weiteres die vorhandenen Geldscheine aus, die sie aus dem Aluminiumfach nahm. Es war nicht viel, was der Täter in einen kleinen Plastiksack stecken konnte.

Wortlos verließ der Mann die Bankfiliale. Wegen des Defekts am Telefon war ein automatischer Alarm nicht auslösbar.

Die Angestellte floh in der Angst, der Räuber könne zurückkehren, in den ersten Stock, in dem sich eine Wohnung befindet. Zusammen mit der Frau, die dort wohnt, eilte sie ans Fenster. Sie sahen den Täter in das weiße Fahrzeug steigen und ohne Hast davonfahren. Das Kennzeichen lautete AB-LN 471.

Ein weiterer Zeuge, der gerade noch rechtzeitig vor Kassenschluss Geld abheben wollte, beobachtete den Mann, wie er aus der Bank kam. Der Zeuge beschreibt zwei wichtige Auffälligkeiten, nämlich einmal einen seltsamen Gang, der sich wie ein »Watschelgang« angesehen habe; zudem habe dem Mann von der Stirn ein Pflaster heruntergehangen.

Die Kriminalpolizei, die am Nachmittag schon durch den Einsatz auf dem Parkplatz beim Gruppenklärwerk Häldenmühle stark belastet war, musste weitere Spurensicherer in die Gegend von Marbach abstellen, wo man zum Glück im allgemeinen nur selten Kapitalverbrechen verzeichnet. Eine erste Ermittlungsgruppe mit fünfzehn Beamten wurde gebildet.

Die Beschreibung des Tatbestandes, der in der Bankfiliale Erbstetten aufzunehmen war, erwies sich, wie oft bei diesen Überfällen, als nicht sehr ergiebig. Die Aussage der Filialleiterin war bald festgehalten; die Untersuchung der Eingangstür, der Glasscherben und des Fußbodens ergab keine brauchbaren Spuren. Aber am Kassenschalter waren interessante Feststellungen zu machen: Besonders wichtig war der Blutfleck auf dem Kuvert, der vom Täter stammen musste. Kein Zweifel. Dies bestätigte auch die Zeugenaussage.

Die Glassplitter wurden von den Kriminaltechnikern routinemäßig abgepudert, um sie auf Fingerabdrücke zu untersuchen. Dabei konnten einige Spuren gesichert werden. Nach und nach wurde der Scherbenhaufen auf dem Pult und dem Registrierautomaten mit der Pinzette abgesammelt. Einige Proben der Scheiben, insbesondere aber die Glassplitter mit Fingerspuren, tütete man als Asservaten ein.

Als äußerst wichtig erweist sich stets die Sicherung der Blutspuren, denn Blut kann entscheidende Hinweise geben. Die Ausbeute an objektiven Aussagen ist um so schlechter, je älter das Blut ist. Deshalb beeilte man sich mit dieser Arbeit.

Die Kriminaltechnik verfügt heute über verschiedene naturwissenschaftliche Methoden, selbst geringste Reste von Blutspuren zu sichern, das heißt zunächst für eine medizinische Untersuchung im Labor konservieren. Erst der Gerichtsmediziner kann dann, sozusagen in einem zweiten Arbeitsgang, sagen, ob es sich überhaupt um Menschenblut handelt, wenn ja, welcher Blutgruppe es angehört und welche Blutgruppensysteme mit welchen Untergruppen vorhanden sind. Die Aufgabe der Kriminaltechniker vor Ort besteht darin, die Spur als solche präzise zu dokumentieren, ohne sie dabei zu verderben oder zu verfälschen.

Diese Prozeduren nahmen den ganzen Nachmittag in Anspruch, so dass die Bankfiliale geschlossen bleiben musste. Erst gegen Abend wurde der Raum soweit freigegeben, dass man die Kasse überprüfen konnte, um die Höhe des Verlustes festzustellen. Exakt 4.790 DM fehlten nach dem Überfall.

*

Es war kurz nach 13.00 Uhr; eine gewisse Mittagsruhe hatte sich über das Dorf Strümpfelbach gelegt, eine kleine Gemeinde, früher selbständig, heute der Stadt Backnang zugeschlagen, zu der es noch nicht einmal Sichtverbindung gibt. Verwaltungsvereinfachung war der Grund für die baden-württembergische Gebietsreform gewesen. Viele selbständige und heute immer noch in sich geschlossene Ortschaften wurden zu administrativen Zweckverbänden zusammengeschlossen. So kam der Ort zur Gemeinde Backnang. Strümpfelbach liegt in welligem Gelände. In der Umgebung des Ortes findet man weite Felder. Der Boden ist gut, der Ackerbau lohnt sich.

Inge Poehlke saß auf einem Stuhl vor dem Haus und schälte Kartoffeln, putzte Gemüse und Salat, um für den Abend das Essen zuzubereiten. Ihr Mann würde, wie immer, wenn er zu Wagner fuhr, erst spät nach Hause kommen. Für die beiden Söhne, Gabriel und Adrian, machte die Schwiegermutter, die im Anbau lebte, gerade Pfannenkuchen mit Marmelade.

Inge saß mit übergeschlagenen Beinen da und blinzelte, weil die Sonne grell schien. Die Fenster im Haus waren geöffnet. Von drinnen drang Radiomusik heraus, angenehme unverbindliche Weisen, die leicht ins Ohr gingen. Inge pfiff leise mit: »Max, wenn du den Tango tanzt« und »Die Rose vom Wörthersee«.

Inge Poehlke war eine zierliche Frau, mit einem offenen, ebenmäßigen Gesicht. Über der hohen Stirn trug sie ihre blonden, krausgelockten Haare offen. Sie hatte helle Augen, die beim Lachen strahlten, eine schmale Nase und einen breiten Mund. Sie war keinesfalls unscheinbar, hätte freilich auch mehr aus sich machen können.