Krimi Doppelband 2234

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Horst Bieber, Alfred Bekker

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Inhaltsverzeichnis

  Krimi Doppelband 2234 - Zwei excellente Thriller in einem Buch!

  Copyright

  SCHERENSCHNITTE

  Klappe

  Alle Personen und Taten, Firmen und Konstruktionen, selbst Stadt und Land sind frei erfunden. Nur die Umstände sollen an die Bundesrepublik erinnern.

  Roman

  I.

  II.A

  II.B

  IV

  Der Mann mit der Seidenkrawatte

Krimi Doppelband 2234 - Zwei excellente Thriller in einem Buch!
von Alfred Bekker, Horst Bieber

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Scherenschnitte (Horst Bieber)

Der Mann mit der Seidenkrawatte (Alfred Bekker)

Kommissar Harry Kubinke und sein Kollege Rudi Meier erfahren von einem großangelegten Verschwörungsplan. Die Sicherheit der Bundeshauptstadt Berlin steht auf dem Spiel. Aber Kubinke und sein Team haben kaum einen Ansatzpunkt für Ermittlungen. Eine Teenagerin hat zuviel gehört und stirbt, ein dubioser Ex-Agent scheint mehr zu wissen, ein Profi-Killer tritt in Aktion und ein Mann mit einer Vorliebe für Seidenkrawatten glaubt, dass seine grausame Rechnung aufgehen wird…

ALFRED BEKKER wurde vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher einem großen Publikum bekannt wurde. Daneben schrieb er Krimis und historische Romane und war Mitautor zahlreicher Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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SCHERENSCHNITTE

HORST BIEBER

Krimi

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay, Dmitry Cherevko/123RF, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Uwe Helmbrecht, Verkaufsleiter bei der Firma Rittlinger Scheren , muss in letzter Zeit, auffallend viele Misserfolge hinnehmen. Die schönsten Aufträge gehen im letzten Moment verloren, obwohl er sich mit aller Kraft einsetzt. Und dann hört er in der Branche, dass er seine Firma verlassen will – was er gar nicht vorhat. Aber er ahnt, wer dahintersteckt: Holger Bornemann, einer der beiden Geschäftsführer, versucht offenbar alles, um ihn loszuwerden. Nur warum? Uwe schart seine Getreuen um sich und betreibt auf eigene Faust ein bisschen Werkspionage … und findet überraschende Dinge heraus: die Firma ist auf Grund von Bornemanns Geschäftspolitik auf dem absteigenden Ast, und Bornemann baut ihn zum Sündenbock für seine eigenen Fehler und Versäumnisse auf.

Uwe holt zum Gegenschlag aus. Doch bevor er sich richtig wehren kann, verhaftet ihn die Polizei: Mordverdacht. Die Indizien sind überwältigend. Und nun geht es nicht nur um seinen Job, sondern um seine Haut …

Personenverzeichnis

Uwe Helmbrecht – hat mehr Feinde, als er ahnt.

Melanie Helmbrecht – bietet eine schöne Fassade.

Holger Bornemann – spielt den strahlenden Gewinner.

Dala Bornemann – hätte vielleicht lieber einen Verlierer.

Werner Danckus – hält ein Auge auf Gewinn und Verlust.

Martha Engel – ist längst nicht so sanft wie ihr Name und trotzdem ein Schutzengel.

Friderike van der Brügge entlockt jedem Computer seine Geheimnisse.

Christine Marbach passt im entscheidenden Moment nicht auf.

Karin Szesseny nutzt ihre Reize gnadenlos aus.

Angelica Weber verliebt sich in den falschen Mann.

Hauptkommissar Gotte – lässt sich auch nicht durch höhere Gewalt von der Spur bringen.

Staatsanwalt Hedrick – raucht Pfeife und behält immer einen kühlen Kopf.

Alle Personen und Taten, Firmen und Konstruktionen, selbst Stadt und Land sind frei erfunden. Nur die Umstände sollen an die Bundesrepublik erinnern.

Meinem Freund und Kollegen H. Sch. gewidmet.

A Faint Cold Fear Thrills Through My Veins

(William Shakespeare)

Roman

Das Haus war dunkel, kühl und fast beklemmend still; der schmächtige alte Mann lauschte einen Moment beunruhigt, bevor er sich wieder über den Briefbogen beugte. Die Feder seines Füllhalters kratzte widerspenstig.

„ Lieber Freund, an unserer Schönen soll es nicht scheitern, ich schicke sie Dir gern. Sie ist zuverlässig, schnell, tüchtig und verschwiegen, sie ist aber auch im wahrsten Sinne des Wortes gewissenlos. Und das, mein Freund, vergiss bitte nie; ich habe es in einer schwachen Stunde einmal vergessen und teuer dafür bezahlt. Sie hat übrigens einen für Dich geeigneten Mann an der Hand, den sie mitbringen wird. An Deiner Stelle würde ich ihr diesen Brief zeigen; Du wirst schon begreifen, warum ich Dir das rate.

Unser letztes Geschäft war ein Fehler. Die Wölfe kommen näher, einer muss vom Schlitten, und zwar bald. Ich bin traurig und fürchte mich. Alles Gute, Dein Walter.“

Mit pedantischer Sorgfalt, die alle seine Bewegungen auszeichnete, schraubte er den Füllhalter zu, faltete den Bogen und schob ihn in den bereits adressierten und frankierten Umschlag, klebte ihn zu und legte ihn mitten auf die Schreibunterlage. Es reichte, wenn er ihn morgen auf der Fahrt ins Büro einwarf.

Eine altmodische Standuhr begann zu schlagen, er zählte bis zwölf und griff seufzend nach dem Stock. Das rechte Fußgelenk war dick bandagiert, und mühsam humpelte er zur Tür. Noch vor Monaten hatte er das große leere Haus als Schutzburg empfunden, inzwischen ängstigte es ihn, und seit dem unglücklichen Sturz vor drei Wochen überfiel ihn manchmal die panische Furcht, in einer riesigen Falle zu sitzen. Ächzend stieg er die lange, gerade Treppe hoch, der Knöchel schmerzte immer noch.

Die Gestalt zog sich zurück und wartete oben im Schatten, direkt neben der Treppe, flach atmend. Unter der scheußlichen Hexenmaske aus Gummi war es feuchtwarm.

Der alte Mann hatte die vorletzte Stufe erreicht. Plötzlich trat die Gestalt zwei Schritte vor, der Schreck lähmte den Mann für eine Sekunde, aber da hatte die Gestalt bereits beide Hände ausgestreckt und stieß ihn mit aller Kraft zurück. Dagegen hatte der Alte keine Chance. Mit einem erstickten Schrei stürzte er rückwärts die Treppe hinunter, sein Stock verklemmte sich in dem Geländer und splitterte, die beiden Teile rollten hinterher.

 

Die Gestalt wartete eine Minute, bevor sie hinunterging, vorsichtig über die beiden obersten Stufen steigend, auf denen sie – mit Handschuhen – vorher die Spannstäbe des Läufers ein wenig gelockert hatte, nicht viel, gerade genug, um jetzt ein wenig ziehen zu können, sodass der rotschwarzkarierte Läufer auf zwei Stufen Falten warf, nicht auffällig, aber auch nicht zu übersehen. Der Mann war tot, zu einer grotesken Gliederpuppe geworden, und der Schreck hatte sein Gesicht zu einer fürchterlichen Grimasse verzerrt, fast so abstoßend wie die Maske, die der Gestalt auf der schweißnassen Haut klebte.

Ohne Eile ging die Gestalt in die Bibliothek. Die Schreibtischlampe brannte noch, als müsse sie eigens auf den Brief, genau in der Mitte der Unterlage hinweisen. Die Hexe las die Anschrift und grunzte, bevor sie den Brief einsteckte. Durch die Seitentür verließ sie unbemerkt das Haus und schloss ab. Auf dem Heimweg hielt die Gestalt einmal an, um Maske, Handschuhe und Schlüssel in eine fremde Mülltonne zu stopfen.

I.

Bis zum Abflug hatte er noch vierzig Minuten Zeit, und deswegen beschloss er, es gleich hinter sich zu bringen. Die Telefonzellen links und rechts waren leer, zum Glück; denn Holger würde wahrscheinlich zu toben anfangen.

Nach dem dritten Läuten hob er ab und knurrte nur „Ja?“ Eine unangenehme Eigenart, an die er sich nie gewöhnen konnte. „Holger? Hier ist Uwe.“

„ Ah ja. Na, wie sieht’s aus?“

„ Sense. Wir kriegen den Auftrag nicht.“

Am anderen Ende blieb es lange still. Er lehnte sich an das Glas und unterdrückte ein Gähnen, die beiden Tage waren heiß und anstrengend gewesen. In der Zelle stank es nach kaltem Schweiß.

„ Und warum nicht?“

„ Sie wollten von Anfang an nicht. Wie ich dir gestern …“

„ Unsinn! Natürlich wollten sie.“

Heimlich holte er Luft. Mit Holger war er noch nie gut ausgekommen, aber wenn sein Chef diese Platte auflegte, verlor er leicht jede Beherrschung. „Nein, sie wollten nicht. Ich bin mit dem Preis bis zur unteren Grenze runtergegangen. Ich habe alle Termine so weit gedrückt, wie wir es vereinbart hatten. Plus Sonderleistungen.“

„ Warum sollten sie nicht wollen?“

„ Weil sie ein anderes Angebot auf dem Tisch hatten.“

„ Von wem?“

„ Ambrosiani.“

„ Glaub ich nicht!“ Glaub doch, was du willst, dachte er erbost und sagte nichts. Wenn sein lieber Boss ohnehin alles besser wusste, hätte er ja selbst verhandeln können. Ambrosiani wollte in der Bundesrepublik Fuß fassen, der Auftrag von Schneider & Sohn bot eine gute Gelegenheit dazu. Dafür würden die Italiener mit dem Preis in den Keller steigen. Schon am ersten Tag hatte er das unbestimmte Gefühl gehabt, dass Vater Schneider und Sohn Schneider von ihm nur erfahren wollten, was sie Ambrosiani abfordern konnten.

„ Verdammte Scheiße! Wir brauchen den Auftrag unbedingt. Das hast du doch gewusst.“

„ Moment mal“, verwahrte er sich, „wir haben gemeinsam die Untergrenze festgesetzt. Ich bin sogar bis zum Selbstkostenpreis gegangen, obwohl wir uns …“

„ Ach, Quatsch. Um jeden Preis – das war die Marschroute.“

So viel unverschämte Verlogenheit verschlug ihm die Sprache, und bevor er sich fassen konnte, klickte es im Hörer. Wenn da draußen die beiden Polizisten nicht vorbeigeschlendert wären, hätte er vor Wut den unschuldigen Apparat demoliert.

Im Warteraum waren alle Stühle besetzt, er lehnte sich an die Wand und kaute noch immer an seiner Wut auf Holger. Seit Tagen hatte er ein schlechtes Gefühl gehabt, schon auf dem Herflug, und jetzt fiel ihm auch wieder ein, dass er sich beim Anblick der Werkshallen gewundert hatte. Das sah nicht so aus, als liefen die Geschäfte von Schneider & Sohn glänzend.

Die Schlange setzte sich in Bewegung, die Könner mogelten sich mit Ellbogen und höflicher Miene nach vorne. Der Airbus war bis auf den letzten Platz gefüllt, er musste lange auf seinen Gin-Tonic warten und ihn dann hinunterschütten, weil die Maschine schon den Sinkflug begonnen hatte. Er kochte noch immer, als er seinen Wagen aus der Garage holte, und hupte sinnlos, weil sich vor der Ausfahrt ein Stau gebildet hatte. Auf der Fahrt Richtung Mertingen musste er mehrere Male scharf bremsen; eine Radfahrerin zeigte ihm erbost das Zeichen für Arschloch, nachdem er ihr die Vorfahrt genommen hatte. Verschwitzt und nervös stoppte er endlich vor der Garage, hielt den Sender für den automatischen Türöffner ins Freie und fluchte erneut. Die saublöde Anlage wollte einfach nicht funktionieren; die Monteure der Lieferfirma behaupteten, es ließe sich kein Fehler finden, aber der Fehler existierte, gerade jetzt zum Beispiel.

Stöhnend wuchtete er die Tür hoch. Melanies Wagen stand nicht an seinem Platz, er würde also in ein leeres Haus kommen. Einen Moment starrte er grimmig in das Halbdunkel, dann zuckte er die Achseln. Besser allein als ein neuer Krach, und bei seiner Stinklaune war ein Streit so gut wie unvermeidlich.

Er duschte und zog sich um, mixte in der Küche den Helmbrecht-Special (viel Eis, viel Tonic, wenig Gin, Lemonenextrakt und Angostura) und strolchte auf nackten Füßen durch das Haus. Für seinen Geschmack war es zu groß und zu bombastisch, aber Melanie hatte darauf bestanden, und weil sie mehr als genug eigenes Geld besaß, hatte er es endlich gekauft. Den Nachmittag hatte sie am Schwimmbecken verbracht. Auf dem Tisch mit dem aufgespannten Sonnenschirm entdeckte er ein leeres Glas, Sonnenbrille und Nasenschützer. Die Handtücher waren halb von der Sonnenliege gerutscht, und ihren nassen Bikini hatte sie achtlos auf die Fliesen fallen lassen. Aufräumen und Ordnung waren noch nie Melanies Stärken gewesen.

Er angelte sich einen Stuhl heran und streckte alle viere von sich. Der Blick über den gepflegten Garten und die niedrige Hecke an den Wald, der gleich hinter der Grundstücksreihe begann, tröstete ihn immer wieder über dieses unsinnig teure und große Haus hinweg, in dem zwei Bewohner so gut aneinander vorbeileben konnten. Um zehn Uhr, als die brütende Hitze nachließ, setzte er sich an seinen Schreibtisch und diktierte den Bericht auf Band. Holgers Verdrehung der Tatsachen beunruhigte ihn doch etwas. Es war schon richtig, sie hätten den Auftrag gut gebrauchen können, aber es stimmte einfach nicht, dass sie ihn „um jeden Preis“ hereinholen mussten. Bis Ende des Jahres war die Fertigung ausgelastet, und sie verhandelten über andere Projekte, die er für aussichtsreicher hielt, als er bei Schneider & Sohn je angenommen hatte.

Melanie kam spät in der Nacht zurück; er hörte ihren Wagen, dann die zukrachende Tür ihres Schlafzimmers und grinste. Aus einem unerfindlichen Grund reagierte sein geliebtes Weib ihre Wut immer an der unschuldigen Zimmertür ab, womit sie – da machte er sich keine Illusionen – auch ihn ärgern wollte, weil ein Stein bei diesem Lärm aufgewacht wäre.

Aber als er am nächsten Morgen um halb acht in die Küche trottete, huschte Melanie schon herum, hatte Kaffee gekocht und den Tisch gedeckt.

„ Guten Morgen, Liebster.“

„ Guten Morgen, Melanie.“ Während des zeremoniellen Morgenkusses schnupperte er ein neues Parfüm, sehr süß, sehr schwer – schwül, wie er fand. Es passte nicht zu ihr.

Sie frühstückten stumm, und er beobachtete sie hinter seiner Zeitung unauffällig. Melanie war 40 Jahre alt, was sie mit großer Geschicklichkeit und noch größerer Dreistigkeit leugnete, auch leugnen konnte: mittelgroß und überschlank, mit geschmeidigen Bewegungen, die für flüchtige Bekannte überdeckten, dass sie nicht stillsitzen konnte. Die aschblonden, glatten Haare fielen ihr bis auf die Schultern; er hatte gelernt, ihre Stimmungen aus den Handbewegungen abzulesen, mit denen sie die Haare aus dem Gesicht strich. Ihre schmalen, länglichen Augen standen etwas zu weit auseinander und waren eigentlich hellgrau, wirkten aber völlig farblos. Deswegen schminkte sie ihre Augenpartie sorgfältig, blau-silber, den Lidstrich mit äußerster Präzision dunkelbraun nachgezogen. Um zu bräunen, lag sie sommers stundenlang nackt am Swimmingpool. Im Herbst und Winter absolvierte sie ein kompliziertes Programm auf der Sonnenliege neben der Sauna im Keller. Im März, vor oder nach ihrem Winterurlaub, quälte sie sich vierzehn Tage auf einer Schönheitsfarm an der Côte d’Azur.

„ Noch Kaffee, Liebster?“

„ Gerne.“

An sich hätte sie ein eigenwilliges Gesicht haben können. Aber sie verwendete viel Zeit darauf, wie ein perfektes Modell auszusehen, halb sportlich, halb sexy, und in dieser Reihe von Titelbild-Schönheiten erschien sie ihm so auffällig wie ein Wassertropfen im Rhein. Vor zwei Jahren hatte sie zum ersten Mal ihren Busen liften lassen; es war eine perfekte Chirurgenarbeit geworden, sodass sie wieder in hautengen Hemdchen herumlaufen konnte. Er hätte sie gern etwas weniger perfekt und dafür etwas liebevoller gehabt, aber diesen Wunsch hatte er zum letzten Mal vor sechs Jahren ausgesprochen, und kurz danach bezogen sie getrennte Schlafzimmer. Heimlich seufzte er. Ihr langer weißer Morgenmantel war so dünn, dass sie auch gleich nackt hätte herumlaufen können.

„ Vergiss nicht, dass wir heute Abend bei Holger eingeladen sind. Punkt sieben Uhr.“

„ Nein.“ Er seufzte wieder, diesmal laut. „Das wird ein Vergnügen, bei dieser Affenhitze.“

„ Dala hat gestern noch einmal angerufen. Entweder Badesachen oder dünne Sporthose und kurzärmeliges Hemd. Wer mit Krawatte aufkreuzt, wird nicht reingelassen.“

„ Na, wenigstens etwas.“ Danach vertiefte er sich in die Zeitung; sie rauchte und rührte zwischendurch lustlos in ihrem Müslibrei. Sie fragte nicht, wie es in München abgelaufen war, und er erkundigte sich nicht, wo sie gestern Abend gewesen war.

Punkt acht Uhr setzte er seinen Wagen aus der Garage. Bis zur Firma im Norden der Stadt brauchte er normalerweise fünfzehn Minuten, und die Viertelstunde, die er später als die Mehrzahl der 250 Mitarbeiter sein Zimmer betrat, zählte er bewusst zu seinen Privilegien als Abteilungsleiter. Schließlich durfte er nur davon träumen, Punkt 16.30 Uhr das Gebäude zu verlassen. Im Gegenteil, ungestört und konzentriert konnte er erst nach dem allgemeinen Büroschluss arbeiten.

Er legte Engelchen die Kassette auf den Schreibtisch und schüttelte nur leicht den Kopf, als sie einen fragenden Blick auf Erika warf. Erika, zwanzig Jahre jung, fleißig, flink und flott auf der Schreibmaschine, zählte zu den lebhaften Gemütern, die pausenlos plappern mussten. Man konnte ihr einfach nicht böse sein, man durfte ihr nur keine Sachen zum Tippen geben, die vertraulich behandelt werden sollten. Sie schwärmte für ihren Chef und löcherte Engelchen zwei, dreimal pro Tag, ob der Chef sie wohl auch leiden möge. Ihr fester Freund arbeitete als Spitzendreher in der Halle II und träumte davon, einmal als Libero beim 1. FC zu spielen.

Nach einer dreiviertel Stunde kam Engelchen in sein Zimmer, schloss die gepolsterte Tür sorgfältig hinter sich und fragte direkt: „Was ist los, Chef? Kriegen Sie Ärger wegen Schneider & Sohn?“

„ Ich fürchte, ja.“

„ Behauptet der schöne Holger jetzt, Sie hätten den Auftrag um jeden Preis an Land ziehen müssen?“

„ Jetzt – ja.“ Auf Engelchen konnte er sich verlassen. Martha Engel, seit Ewigkeiten Engelchen gerufen, hatte die Fünfzig ebenso endgültig überschritten wie ihr Idealgewicht. Seitdem färbte sie ihre grauen Haare nicht mehr. Zu Anfang waren sie nicht gut miteinander ausgekommen. Er stammte aus Schleswig–Holstein, war an der dänischen Grenze aufgewachsen und konnte sich mit ihrer rheinischen Frohnatur nur schwer anfreunden. Doch sein erster Eindruck, sie nehme alles auf die leichte Schulter, täuschte gewaltig. Engelchen wurde unglaublich laut, unfreundlich und fies, wenn ihr etwas nicht in den Kram passte. Seit ihrem ersten Krach, bei dem er den Kürzeren zog, hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel.

„ Ich hab schon so was läuten gehört“, murmelte sie. „Der schöne Holger ist in letzter Zeit sehr nervös. Wissen Sie, wer das Feuerchen unter seinem Arsch angezündet hat?“

Über das Bild musste er schmunzeln: „Keine Ahnung.“

„ Schade. Passen Sie bloß auf, der Kerl ist so vertrauenswürdig wie ein Dreißigmarkschein.“

Daran musste er denken, als er sich im Sitzungszimmer auf seinen angestammten Platz setzte. Mit den meisten Kollegen vertrug er sich gut, sie waren alle zehn Jahre oder länger bei Rittlinger Scheren und hatten gemeinsam die Firma hochgebracht. Selbstverständlich gab es die üblichen Schwierigkeiten; die Herstellung verlangte immer spätere Termine, als der Verkauf zubilligen wollte; die Konstruktion geriet sich mit der Kalkulation regelmäßig in die Wolle; die Finanzabteilung war mit allen unzufrieden. Einige Ehrgeizige veranstalteten regelrechte Hahnenkämpfe, aber die Mehrheit absolvierte nur ihre Beschimpfungsrituale und einigte sich dann schnell und gütlich. Nur Holger Bornemann, der schöne Holger, und Werner Danckus, die beiden Geschäftsführer, fielen aus dem Rahmen. Danckus war ein verkniffen schweigsamer, sehr penibler und entscheidungsscheuer Endfünfziger, der an Magengeschwüren zu leiden und die Monate bis zu seinem Ruhestand zu zählen schien. Seine weißen Haare, zu einem akkuraten Mittelscheitel gekämmt, waren dünn geworden.

 

Nicht hineingefunden hatten sich die vier Neuen, die seit wenigen Jahren die von Holger Bornemann durchgeboxten Forschungsabteilungen leiteten. Irgendwie verstanden sie es nicht, den Hochmut der Theoretiker gegenüber den Praktikern zu unterdrücken, und obwohl es allgemein hieß, sie leisteten gute Arbeit, waren sie mit den anderen nie warm geworden. Kein Zufall, dass sie sich gern separierten oder, wie jetzt, am unteren Ende des Tisches stumm nebeneinander hockten. Vom Geschäft begriffen sie jedenfalls nichts, in puncto Geld hatten sie alle schon atemberaubende Unkenntnis offenbart. Seit die ersten in ihren Labors entwickelten Patente angemeldet und verkauft worden waren, verbesserte sich die Stimmung ihnen gegenüber etwas, wozu auch beigetragen hatte, dass Holger inzwischen die Kunst beherrschte, Subventionen, Fördermittel und Programmbeihilfen aus allen möglichen, staatlichen und halbstaatlichen Töpfen heranzuschaffen – eine Fähigkeit, die Danckus mit demonstrativer Verachtung strafte.

„ Guten Tag, meine Damen und Herren“, eröffnete Holger die Sitzung wie immer laut, energisch und eine Spur arrogant. „Ich darf Ihnen zuerst Dieter Ritter vorstellen. Herr Ritter hat gerade seinen Wehrdienst abgeleistet und will vor seinem Maschinenbaustudium bei uns ein Praktikum absolvieren.“ Der hochaufgeschossene junge Mann erhob sich, verbeugte sich linkisch und wurde rot, als die anderen zur Begrüßung auf den Tisch klopften.

‚ Bei uns‘, dachte er amüsiert. Holger stellte gern die Verhältnisse klar. Rittlinger Scheren war ein Familienbetrieb gewesen, als die Firma tatsächlich noch Papier und Stoffscheren herstellte, gegründet von August Ritter und Hermann Lingen vor mehr als hundert Jahren. Vom Handwerk verstanden Ritter und Lingen bestimmt eine Menge, vom Geschäftlichen weniger. Das Unternehmen krebste vor sich hin, die Familien wuchsen mit biblischer Fruchtbarkeit, und die Firmenchronik zum 100. Geburtstag stellte keck fest, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs die Zahl der Miteigentümer die Zahl der Beschäftigten überstieg. Mitte der fünfziger Jahre hatten die Familien, wahrscheinlich auf Druck der Banken, die komplizierten Besitzverhältnisse geordnet und sich von der Leitung zurückgezogen. Seitdem gab es zwei Geschäftsführer, die sich von den Ritters, Lingens und wie sie alle heißen mochten, nicht hereinreden ließen. Ob der junge Ritter Holgers Unverschämtheit mitgekriegt hatte?

Eine knappe Stunde hakten sie die übliche Tagesordnung ab. Dann richtete sich Holger auf: „Das waren sozusagen die guten Nachrichten. Nun die schlechten. Wir bekommen den Auftrag von Schneider & Sohn nicht.“

Alle Köpfe drehten sich zu Helmbrecht.

„ Ich habe zwei Tage mit Schneider senior und Schneider junior verhandelt“, begann er ruhig. „Beide haben mich von der ersten Minute an hingehalten. Sie waren nicht an einem Abschluss interessiert, sondern wollten nur drei Dinge erfahren. Erstens, bis zu welchem Preis wir heruntergehen würden. Zweitens, wie unsere Termine und Serviceleistungen aussehen. Drittens, und das finde ich besonders bemerkenswert, kamen sie immer wieder auf die Fragen zurück, welche Toleranzen wir bei welchem Profilschnitt garantieren, wie hoch das Material aufgeheizt werden muss und wie viel Zeit zwischen Schnitt und Verschweißen oder Verkleben wir veranschlagen.“

„ Ambrosiani.“ Das war Jolles von der Marktforschung. Er hatte eine Stimme wie ein verrostetes Dampfhorn.

„ Wie bitte?“ Holger gab sich keine Mühe, seinen Ärger zu verbergen.

„ Das sind Ambrosianis Sorgen.“

„ Könnten Sie das näher erklären?“

„ Aber gern!“ Jolles dröhnte ungerührt. „CK 106 ist bei Normaltemperatur so spröde und hart, dass es splittert, wenn Sie versuchen, ein Profil reinzuschneiden. Deswegen heizt unsere Schere die Platte auf und schneidet erst dann. Aber wenn man 106 auf ideale Schnitt-Temperatur erwärmt, dehnt es sich aus und beginnt zu arbeiten. Diese Ausdehnungen und diese Spannungen müssen sehr genau gemessen werden, ein Rechner steuert danach die Schere, die Heizung und die Kühlanlage.“

„ Das ist alles bekannt.“

Wenn Jolles reden wollte, hinderte ihn auch ein Holger nicht daran. „Wir haben den Trick heraus, nur soweit abzukühlen, dass der Kleber gerade schön haftet, und dann das andere Stück, ebenfalls noch warm, so zu schneiden und zu verkleben, dass sich beim Abkühlen beide Teile gegensinnig entspannen, also schön zusammenpappen, aber zum Schluss nicht unter Spannung stehen.“

„ Was hat das mit Ambrosiani …“

„ Das können die Spaghettis noch nicht. Die Schere und die Scherensteuerung sind vergleichsweise simpel, aber die Elektronik und die Messsonden haben’s in sich. Können Sie sich nicht mehr erinnern, welchen Ärger wir mit Hagman’s Processors hatten?“

„ Was für einen Ärger?“ wollte jemand wissen.

„ Na, die Sonden und Temperaturfühler und die Rechner dazu stehen auf der Sperrliste, Cocom, verstehen Sie? Gilt als strategisches Material, kriegswichtig oder so. Die Amis möchten es am liebsten überhaupt nicht ins Ausland liefern.“

„ Na schön“, übernahm Holger wieder die Regie. „Ambrosiani kann das alles nicht. Warum haben wir dann den Auftrag nicht gekriegt?“

Helmbrecht lächelte schmal: „Weil die Italiener eine Methode und eine Maschine anbieten, die zwar sehr viel mehr Schnittzeit braucht, aber auch nur die Hälfte unserer Schere kostet.“

„ So ist es!“ Jolles grollte, dass die Tassen auf dem Tisch leise zitterten. „Schneider Vater ist ein Geizkragen, Schneider Sohn noch feucht hinter den Ohren. Sie investieren billig und produzieren teuer. Mit Ambrosiani sind sie gut bedient.“

Holger schwieg eine Minute, die Stirn gerunzelt. Ihm lag noch etwas auf der Zunge, aber dann schluckte er es herunter und ging zum nächsten Punkt über. Die Fähigkeit, seine Laune zu verbergen, beherrschte er perfekt – wenn er wollte.

Kurz vor seinem Zimmer zupfte jemand an seinem Ärmel. „Hast du einen Moment Zeit, Uwe?“

Er schmunzelte breit. Christine Marbach war eine Frau nach seinem Geschmack, patent, witzig und resolut. Aus ihren 43 Jahren machte sie kein Hehl; sie hatte Fältchen um die dunkelbraunen Augen, die mehr vom Lachen als vom Alter herrührten, ein energisches Kinn und Grübchen, wenn sie ihren großen Mund vergnügt verzog. Nur zu gern fuhr sie mit beiden Händen durch ihre kupferroten Haare, um ihrer Verzweiflung über die menschliche Begriffsstutzigkeit Ausdruck zu geben. Die Sommersprossen auf ihrer Nase leuchteten dann im selben Rotton.

„ Für dich immer“, gelobte er feierlich.

„ Aha. Na, dann wollen wir das mal testen.“

Doch in seinem Zimmer wurde sie ernst, faltete beide Hände über den Knien und erkundigte sich: „Hast du Ärger mit Holger?“

„ Ich?“ Vor Erstaunen fiel ihm der Unterkiefer herunter. „Wie kommst du denn darauf?“

„ Ich dachte nur – wegen Schneider & Sohn – na ja. Heute Morgen ist die Fritzen bei mir gewesen, um zu beichten.“ Marianne Fritzen – er erinnerte sich, Sachbearbeiterin in der Personalabteilung. Ein hübscher Feger mit langen Beinen und kurzen Röckchen. „Sie hat vor zwei Wochen wieder mal einen neuen Supermann kennengelernt. Großes Auto, kleines Hirn, dicke Brieftasche – sage ich, sie sieht das wohl anders. Jedenfalls konnte sie morgens nicht spät genug kommen und abends nicht früh genug gehen. Gestern ist mir das sauer aufgestoßen, sie musste bleiben, um nachzuarbeiten, es wurde wohl recht spät – na, wie auch immer, so gegen zwanzig Uhr kommt der schöne Holger zu ihr ins Zimmer geschlichen und raunzt sie an, er müsse mal an das Gerät, sie solle eine Pause machen. Natürlich gehorcht sie, er setzt sich ans Terminal und lässt sich was ausdrucken.“

„ Ja, und?“

„ Deine Personalakte.“

„ Was?“

„ Ja, die Fritzen schwört, dass sie deinen Namen auf dem Schirm gelesen hat. Und die typischen Rubriken aus dem Personalaktensatz. Dann legte der Drucker los, und sie verzog sich lieber, bevor Holger sie bemerkte. Behauptet sie.“

„ Merkwürdig!“ Verständnislos starrte er sie an. Warum sollte sich ein Geschäftsführer abends spät den Datensatz seines Verkaufsleiters ausdrucken lassen? Sie zuckte die Achseln: „Ich wollt’s dir nur gesagt haben.“

„ Danke, ja, aber ich kann mir darauf keinen Reim machen.“

„ Ich auch nicht. Das habe ich auch der Fritzen gesagt. Worauf sie ganz komisch wurde und eine noch verrücktere Geschichte erzählte. Vor drei oder vier Wochen habe sich ein Ausländer an sie herangemacht. Einer von der großzügigen Sorte, also ganz nach ihrem Geschmack, aber der habe nichts von ihr gewollt, wenigstens nichts – na, du verstehst schon, aber ausgefragt habe er sie. Nach Strich und Faden. Über das Geschäft, die Scheren und dann über bestimmte Mitarbeiter. Und ganz besonders habe er sich für dich interessiert.“