Krimi Doppelband 2214

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Horst Friedrichs, Alfred Bekker

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Inhaltsverzeichnis

  Krimi Doppelband 2214

  Copyright

  Die gestohlenen Pläne

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  Kubinke und der verschwundene Flüchtling

Krimi Doppelband 2214
Alfred Bekker, Horst Friedrichs

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Die gestohlenen Pläne (Horst Friedrichs)

Kubinke und der verschwundene Flüchtling (Alfred Bekker)

Die beiden BKA-Ermittler Harry Kubinke und Rudi Meier hat es aus der Hauptstadt in die sächsische Provinz verschlagen. Der Mord an einem Kollegen muss aufgeklärt werden. Die Liste der Tatverdächtigen ist lang. Und die örtliche Polizei ist leider keine Hilfe. Hat der verschwundene Flüchtling mit dem Mord zu tun?

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die gestohlenen Pläne

Thriller von Horst Friedrichs

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

Ray Norton soll die Pläne für einen neuen Schalldämpfer beschaffen, die der Firma INGUN von Brett Hartford gestohlen wurden. Doch Norton ist nicht der einzige, der Jagd auf Hartford macht …

1

Die schlanke Nase der Jet Star jagte blutigem Rot entgegen. Der Sonnenuntergang, der den westlichen Horizont in einen purpurnen Vorhang verwandelte, tauchte das Cockpit der zweistrahligen Maschine in ein unwirkliches Licht.

Brett Hartford richtete die Laufmündung seiner Walther PP auf die Schläfe des Piloten.

„Neuntausend Fuß Höhe, maximale Fluggeschwindigkeit zweihundert Meilen pro Stunde“, sagte Hartford, „prägen Sie es sich gut ein, und halten Sie sich daran! Genau zwanzig Minuten lang!“

Der Pilot schluckte, zögerte, nickte dann — aschgrau im Gesicht. Hartfort wandte sich halb um, so dass er auch die beiden anderen Mitglieder der Cockpitbesatzung im Auge hatte.

„Versucht nicht, mich hereinzulegen, Leute! Ich war Fallschirmspringer bei der Army, und ich habe ein Gefühl für Höhe und Geschwindigkeit. Ich denke, ihr werdet euch gegenseitig zur Vernunft bringen, falls einer auf krause Gedanken kommt.“

„Mann!“, flüsterte der Copilot kopfschüttelnd. „Sie müssen lebensmüde sein! Wissen Sie, was da unter uns ist?“

Hartford grinste.

„Jede Menge Bäume, jede Menge Schnee und keine Menschenseele. Genau das, was mir vorschwebt.“

„Ich denke, Sie können ein offenes Wort vertragen, Mister“, sagte der Bordingenieur, „Sie haben uns fair behandelt, auch wenn Sie nach dem Buchstaben des Gesetzes nichts anderes sind als ein Hijacker.“

„Danke für die Blumen“, nickte Hartford, „lassen Sie Ihr offenes Wort hören, bevor wir anfangen, uns gegenseitig mit Komplimenten zu überschütten!“

„Die Wildnis da unten ...“, erklärte der Ingenieur gedehnt, „hat sich seit Jahrhunderten nicht verändert. Im Umkreis von hundert Meilen und mehr gibt es keine menschliche Ansiedlung. Dann die Kälte ... Zur Zeit haben wir zehn bis zwanzig Grad unter dem Gefrierpunkt, je nach Höhenlage. Ohne ein Minimum an Ausrüstung ist es praktisch Selbstmord, was Sie machen.“

Hartford zog sich zur Cockpittür zurück und klopfte dem Mann mit der freien Linken auf die Schulter.

„Ihr seid anständige Jungens. Wenn ich euch nicht gehabt hätte, wäre ich schon nicht mehr am Leben. Und über alles andere solltet ihr euch keine Gedanken machen. Okay ...“ Er blickte auf seine Armbanduhr. „Die Frist läuft in genau fünf Minuten an. Wer von euch kontrolliert das?“

Der CoPilot hob die Hand.

„Ich.“

„In Ordnung. Haltet den jetzigen Kurs und seht zu, dass ihr in fünf Minuten auf neunhundert Fuß und zweihundert Stundenmeilen seid! Nach zwanzig Minuten könnt ihr abdrehen. So long, Freunde. Ich wünsche euch einen guten Flug.“ Hartford schlüpfte hinaus und drückte die Cockpittür von außen zu. Er verbarrikadierte sie mit den beiden vorbereiteten Aluminiumflanschen und sicherte den oberen zusätzlich mit einem Vorhängeschloss, dessen Schlüssel er in den Abfallbehälter der kleinen Bordküche warf. Er brauchte keinen unnötigen Ballast.

Im Cockpit hatten sie nach wie vor Funkverbindung mit dem Tower des Airports in Grants Pass. Es spielte keine Rolle. Die Positionsmeldungen, die die Cockpitcrew durchgab, waren für Hartfords Verfolger praktisch wertlos. Und er wusste, dass sie sich daran hielten, keine zweite Maschine zur Beobachtung hinterher zu schicken. Denn immerhin stand das Leben der drei Geiseln auf dem Spiel. Der Pilot hatte diese Warnung eindringlich genug an den Tower durchgegeben.

Hartford ging zum hinteren Ende der Kabine, wo auf zwei Sesseln der Fallschirm und seine übrigen Sachen lagen. Es war höllisch wenig, womit er sich auf den Weg nach unten begab. Aber es musste reichen. Ihm blieb keine andere Wahl.

Er streifte sein Jackett ab und zog die gefütterte Lederweste mit den eingenähten Innenfutteralen an. In eines der passgenau geschnittenen Futterale schob er die Walther PP. In weiteren Futteralen befanden sich der Schalldämpfer für die Walther, der Schalldämpfer für die MPi, die MPi selbst, die abschraubbare Leichtmetallschulterstütze, die Reservemagazine, die Munitionspäckchen und das Klappmesser. Hartford verstaute auch den Inhalt seiner Hosen und Jackentaschen in der Weste: zwei Streichholzheftchen, drei Schachteln Zigaretten, ein Päckchen Papiertaschentücher, eine Tafel Schokolade und die Brieftasche mit den gefälschten Personalpapieren.

Um die Hüfte band er die lederne Geldkatze, in deren Taschen die Scheine gleichmäßig verteilt waren, so dass sie kaum auftrugen. Er knöpfte die Weste zu und streifte die Armee-Parka über, die er auf Anforderung zusammen mit der Geldkatze erhalten hatte. Außerdem: ein Paar gefütterte Handschuhe und eine Pelzmütze mit Ohrenklappen. Die Springerstiefel hatte er bereits in seinem Handgepäck gehabt, als er an Bord gegangen war. Bei der laschen Sicherheitskontrolle hatte er die Spezialweste mit den Waffen ohne große Mühe durchschmuggeln können.

 

Hartford blickte abermals auf seine Armbanduhr, ehe er den Fallschirm anlegte. Noch zwei Minuten bis zum Beginn der Frist. Die Maschine befand sich bereits im Sinkflug. Er spürte es.

Der Pilot würde sich voll darauf konzentrieren müssen, den Berggipfeln und Höhenzügen auszuweichen. Nachdem die Frist angelaufen war, wartete Hartford genau siebzehn Minuten, ehe er in den hinteren Teil des Rumpfes vordrang und den Mechanismus der Sprengbolzen auslöste.

Es gab einen dumpfen, puffenden Laut, als die Ladeluke nach außen wegflog.

Eisige Kälte fauchte herein, traf wie mit tausend Nadelspitzen auf Hartfords ungeschützte Gesichtshaut. Die gleißende Helligkeit des Schnees blendete ihn. Sekundenlang schloss er die Augen, ehe er sich daran gewöhnt hatte.

Der Kurs stimmte. Westen. Er sah es an dem langen Schatten der Maschine, der über verschneite Baumwipfel glitt. Nach den letzten Meldungen herrschte Westwind, Stärke zwei bis drei. Es passte haargenau zu Hartfords Kalkulationen. Die Männer im Cockpit hatten keine Chance, seinen Absprung zu beobachten. Er würde sehr schnell nach Osten abgetrieben werden.

Die Jet Star flog über ein ausgedehntes Tal in den Bergwäldern des Josephine County im westlichen Bundesstaat Oregon.

Brett Hartford sprang.

Das grelle Weiß der Winterlandschaft raste ihm entgegen. Die Kälte umschloss ihn wie eine unerbittliche Klammer. Seine Gesichtshaut begann zu schmerzen. Er zog die Reißleine. Ohne mit der Wimper zu zucken, ertrug er den harten Ruck, mit dem der Schirm sein Körpergewicht auffing.

Minutenlang pendelte er in den Gurten, ehe sich sein Abwärtsschweben stabilisierte. Er hob den Kopf. Über ihm blähte sich die weiße Fallschirmseide.

Weit entfernt im Westen schimmerte der silberfarbene Rumpf des Jets stecknadelkopfklein vor dem Rot des Sonnenuntergangs, um im nächsten Moment hinter einer Bergkette zu verschwinden. Noch etwa zwei Minuten musste der Pilot auf Kurs bleiben, ehe er zum Rückflug nach Grants Pass abdrehte.

Hartford spähte nach unten. Die Bäume kamen bedrohlich rasch näher — wie gigantische, pelzbesetzte Zahnstocher, die dicht an dicht in eine Schneemustorte gepiekt worden waren.

Hartford zog die Beine an, legte den Kopf vor die Brust und schützte sein Gesicht mit den Armen. Sekunden später peitschten die Zweige um seinen Körper. Schnee wurde aufgewirbelt, begleitete ihn als eine eisige Wolke. Jäh spürte er einen furchtbaren Schlag gegen den Rücken. Er wurde herumgerissen, mit dem Kopf nach unten, ehe ihn die Gurte wieder auffingen. Der Schmerz tobte durch sein Bewusstsein, Schleier wallten vor seinen Augen auf.

Ewigkeiten schienen vergangen zu sein, als es ihm endlich wieder gelang, die Augen zu öffnen. Er presste die Zähne aufeinander, blickte sich um. Unter ihm war der schneebedeckte Waldboden. Hartford schätzte, dass er nicht mehr als drei oder vier Fuß hoch über dem Boden hing. Ringsherum waren die schlanken Stämme der Föhren, deren Abstände hier unten viel größer erschienen als vom Flugzeug aus. Der Fallschirm hatte sich in den Zweigen verfangen.

Hartford bewegte Arme und Beine und den Kopf. Alles in Ordnung. Die Schmerzen im Rücken tobten mit unverminderter Heftigkeit, aber er wusste jetzt, dass es nichts Ernsthaftes war. Die Chancen, beim Absprung von einem Ast oder Baumstamm erschlagen zu werden, hatten fünfzig zu fünfzig gestanden. Vorläufig schien sich das Glück noch entschlossen zu haben, auf seiner Seite zu bleiben. Doch das konnte sich sehr schnell ändern.

Mit einiger Mühe gelang es ihm, den Reißverschluss des Parka zu öffnen und das Klappmesser aus der Weste zu fingern. Die scharfe Klinge durchtrennte die Leinen. Der Schnee dämpfte Hartfords Fall. Er rappelte sich auf, klopfte seine Kleidung ab und suchte das Messer auf, das er vorher beiseite geworfen hatte. Er schob es zurück in das Futteral der Weste.

Zwielicht lastete zwischen den Bäumen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit blieb höchstens noch eine Stunde. Hartford beeilte sich. Er unterdrückte die Schmerzen, warf die Gurte ab und hievte seinen athletischen Körper mit einem kraftvollen Klimmzug auf den untersten Ast der Föhre, in deren Zweigen sich die Fallschirmseide verheddert hatte. Mit katzenhafter Gewandtheit kletterte Hartford höher. Der Baum war gut und gerne hundert Fuß hoch und alle Äste stark genug, um das Gewicht eines Mannes zu tragen.

Mit dem Messer kappte er die Leinen, die sich verfangen hatten. Schon nach wenigen Minuten gelang es ihm, die ersten Bahnen der Fallschirmseide loszuzerren. Es war unerheblich, dass der dünne Stoff an mehreren Stellen einriss.

Das Triebwerksgeräusch des Flugzeuges näherte sich. Wie erwartet. Sie flogen auf dem gleichen Kurs zurück, hofften vielleicht, den wahnwitzigen Hijacker zu orten.

Brett Hartford hielt inne, lächelte. Er war hundertprozentig sicher, dass es ihnen nicht gelang. Der weiße Fallschirm war in der endlosen Schneelandschaft nicht besser zu erkennen als ein gelber Schmetterling über einem blühenden Rapsfeld.

Das Geräusch der Maschine verlor sich.

Hartford arbeitete weiter. Er zweifelte nicht mehr daran, dass er es vor Dunkelwerden schaffen würde. Und er brauchte die Fallschirmseide. Für die erste Nacht hatte er eine Tafel Schokolade. Zigaretten und Streichhölzer musste er streng rationieren.

Am kommenden Morgen würde der Kampf für ihn beginnen.

Der Kampf ums Überleben.

2

Es war dieser aufmunternde Morgenduft, der im Raum hing — frisch aufgebrühter Kaffee, gebratener Speck mit Eiern, frisch getoastetes Weißbrot. Dazu noch der Geruch des Zeitungspapiers, mit Druckerschwärze angereichert. Die gesammelten Duftnoten intensivierten sich, als das Girl die Schwingtür der Küche öffnete und das Tablett mit gekonntem Hüftschwung um die Tresenkante balancierte.

Nortons Wohlbefinden steigerte sich. Er faltete das drei Tage alte Provinzblatt zusammen und legte es auf den freien Stuhl neben sich. Das Mädchen schob Teller, Tasse, Kanne und Besteck vor ihn hin. Die Kleine war höchstens 17 Jahre alt, hatte dunkle Haare und ein makelloses Puppengesicht. Ihre Körperformen waren die einer 25jährigen. Der sehr kurze Rock, der sich über ihre sehenswerten Oberschenkeln spannte, ließ darauf schließen, dass die Zeichen der Modezeit bis in diese Einöde noch nicht vorgedrungen waren.

„Sonst noch einen Wunsch, Sir?“, fragte sie und klemmte das leere Tablett unter den linken Arm.

Norton beschnupperte seine Ham and Eggs, hob den Kopf und grinste.

„Eine Frage, die du einem Mann nur unter ganz speziellen Voraussetzungen stellen solltest, Girly“, sagte er tadelnd.

Sie errötete, wandte sich ab und produzierte den gleichen vollendeten Hüftschwung, als sie hinter die Theke zurückkehrte. Dann verschwand sie in der Küche, um über die Bemerkung des derzeit einzigen Hotelgastes nachzudenken, wie Norton vermutete.

Er genoss das Frühstück und die Behaglichkeit, die ihn umgab. Das Restaurant des ,Sextonpass Hotel’ war ein Schlauch von etwa fünfzig Quadratyards, doch mit naturfarbenen Eichenmöbeln und rotweiß karierten Fenstervorhängen gemütlich eingerichtet. Der Blick aus dem Fenster, an dem Norton saß, machte die Heizungswärme doppelt angenehm. Jenseits des Parkplatzes und der Passstraße erstreckte sich draußen eine tief verschneite Berglandschaft, die mit 20 Minusgraden alles andere als einladend aussah. Über den bewaldeten Hängen ragte vor dem westlichen Horizont das mächtige Gletschermassiv von ,Hobsons Horn’ auf. Mochte der Teufel wissen, weshalb der Berg diesen Namen trug. Norton kannte die Geschichte Oregons nicht. Und er war nicht hier, um historische Studien zu betreiben.

Er beseitigte Spiegeleier, Speck und Toast und zündete sich zum brühheißen Kaffee die erste Zigarette des Tages an. Dann faltete er die Zeitung wieder auseinander und studierte mit verrücktem Interesse die Klatschgeschichten aus Galice und Rand, den beiden nahegelegenen Kleinstädten an der Provinzstraße nach Grants Pass.

In der Küche klapperte das Geschirr, brodelte der Wasserkessel. Motorengeräusch näherte sich dem Parkplatz, wurde noch einmal hochgejubelt und versiegte dann mit zwei Patschern.

Norton blickte hinaus. Ein dunkelblauer Range Rover, über dem Führerhaus der längliche Kasten der Standheizung. Drei Typen stiegen aus. Nach ihrem Äußeren war keiner von ihnen die Kontaktperson, auf die Norton wartete. Er hatte einen Blick dafür. Diese Burschen sahen aus, als ob sie geradewegs vom Bau der Pipeline in Alaska kamen oder auf dem Weg dorthin waren. Voran stapfte ein sechseinhalb Fuß großer Riese mit dichtem, schwarzem Vollbart und mächtigen Schultern. Die beiden anderen, dunkelblond und ebenfalls bärtig, wirkten dagegen fast schmächtig, obwohl sie durchaus in Nortons Kategorie passten — hochgewachsen, durchtrainiert, energiegeladen. Alle drei trugen gefütterte Schnürstiefel, derbe Denimhosen und dicke Felljacken mit Kapuzen. Sie polterten herein, brachten einen eisigen Windhauch mit und steuerten auf die Theke zu. Aus den Profilsohlen ihrer Stiefel lösten sich fingerdicke Würmer festgetretenen Schnees und markierten den Weg von der Eingangstür zum Tresen. Der untere Saum der Felljacken beulte sich bei allen drei Männern über der rechten Hüfte. Ihre ledernen Gürtelholster waren zur Hälfte zu erkennen. In Oregon hatten sich die Waffengesetze seit der Pionierzeit kaum verändert. Wer hier ein Schießeisen deutlich sichtbar mit sich herumschleppte, tat nichts Verbotenes. Umso strenger packte das Gesetz zu, wenn einer erwischt wurde, der seine Privatartillerie versteckt auf dem Leib trug.

Die drei rau aussehenden Burschen schlugen ihre Kapuzen zurück, bedachten den einsamen Zeitungsleser mit einem flüchtigen Blick und bauten sich an der Theke auf.

Norton betrachtete sie über den Rand der Zeitung hinweg. Holzfäller vermutlich. Hier, im Südwesten von Oregon, bestanden neunzig Prozent der spärlichen Bevölkerung aus Holzfällern.

Der Schwarzbart hämmerte mit der Faust auf die Bedienungsklingel. Seine Begleiter standen breitbeinig neben ihm, parkten die Ellenbogen auf dem Tresen und murmelten unfreundliche Worte wie ,Saftladen’ und ,Provinzschuppen’.

Das Mädchen bugsierte seine drallen Rundungen durch die Schwingtür der Küche. Schlagartig verstummte das Gemurmel. Norton ahnte die Blicke, obwohl er nur die Hinterköpfe der Waldmänner sah.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte das Girl.

Norton schüttelte fassungslos den Kopf. Würde sie es jemals lernen?

Die Burschen johlten wie auf Kommando los.

„Baby“, schnaufte der schwarzbärtige Wortführer, „auf eine offene Frage sollst du eine offene Antwort kriegen. Folgendes: Zuerst bringst du uns eine Kanne heißen Whisky, eine Kanne heißes Wasser und einen Zuckertopf. Dann eine Riesenpfanne voll mit Bohnen, Speck und Eiern. Und wenn du das alles erledigt hast, Baby, wirst du uns Gesellschaft leisten. Wie ich die Sache sehe, wirkst du unheimlich appetitanregend ...“

Die beiden anderen kicherten.

„... und alles andere als schüchtern. Okay. Wenn wir mit dir zufrieden sind, kommt’s uns auf einen Schein mehr oder weniger nicht an.“ Er klatschte seine Brieftasche auf den Tresen.

Das Mädchen bekam runde Augen und blasse Gesichtshaut.

„Aber ... aber ... Sir ...“, stammelte sie, „dies ist ... dies ist ein Hotel. Wir ... ich meine, ich ...“ Sie stockte. Erst jetzt schien ihr wieder einzufallen, dass ihre Eltern vor zwei Stunden nach Galice gefahren waren, um Einkäufe zu erledigen.

Grölendes Gelächter erstickte alles, was das Girl noch zu sagen versuchte.

Norton hob den Kopf. Die Kleine schickte einen hilfesuchenden Blick in seine Richtung,

Er grinste.

Die Waldmänner bemerkten den Blickwechsel, stoppten ihr Gelächter, drehten sich um.

Norton grinste noch immer.

Der Schwarzbärtige runzelte die Stirn. Augenscheinlich fiel es ihm schwer, den Mann hinter der Provinzzeitung zu klassifizieren.

„He, Mac ... was denkst du dir, wenn du das Wort ,Hotel’ hörst? Vielleicht schaffst du es, unserem ahnungslosen kleinen Engel auf die Sprünge zu helfen. Also, was fällt dir ein zu dem Stichwort?“

Norton legte die Zeitung hin, schob den Daumen unter das Kinn und dachte angestrengt nach.

„Rotlicht“, sagte er dann, „dunkle Ecken und jede Menge Rotlicht ...“

 

„Weiter, weiter“, drängte der Schwarzbart. Sein Stirnrunzeln wich einer wohlgefälligen Miene.

Norton legte den Kopf schief.

„Na ja ... dann würde ich noch an die freundlichen Ladys denken, die immer freundlicher werden, je mehr Dollars sie zu sehen kriegen. Yeah ... das würde ich denken, wenn ich Mac wäre.“

Das Mädchen nutzte die Gelegenheit, um fluchtartig in der Küche zu verschwinden. Im schwarzumrahmten Gesicht des Riesen schwand das Wohlwollen. Die beiden anderen ahmten seinen Unwillen fast synchron nach.

„Was soll das heißen?“, knurrte er drohend.

Norton grinste breiter.

„Dass ich ein Hotel von einem Hotel unterscheiden kann. Und weil du das anscheinend nicht kannst, Baby, solltest du in dich gehen und drüber nachdenken.“

Die dunklen Augen des Schwarzbarts funkelten hinter zusammengekniffenen Lidern. Er sprach jetzt sehr leise, weil es einschüchternd wirken sollte.

„Was für ein Vogel bist du, Mac? Und was für ein Spiel ist es, das du treiben willst?“

„Das Spiel ist hier wahrscheinlich noch unbekannt“, sagte Norton ruhig, „es heißt: ,Klopf den Sprücheklopfern auf die Finger“.“

Unterkiefer klappten herunter. Verblüffung malte sich in die bärtigen Gesichter.

„Jake“, sagte einer der Begleiter, „ich denke, wir sollten diesem Witzbold zeigen, dass er mit seinem Spiel an der falschen Adresse ist.“

Der Riese schüttelte den Kopf, scheuchte seine Nebenmänner mit einer energischen Handbewegung weg.

„Diesen Spass will ich allein haben“, zischte er und reckte den massigen Schädel herausfordernd vor. Im nächsten Moment schlug er demonstrativ ruckartig seine Jacke auseinander. An seiner rechten Hüfte schimmerte das polierte Griffholz eines schweren Colt Revolvers.

Norton blinzelte in gespielter Verwirrung.

„Wo bin ich? Im Wilden Westen?“

Die beiden anderen, die sich an die Thekenenden zurückgezogen hatten, lachten. Der Schwarzbart nickte in grimmigem Spott.

„So ungefähr, Mac. Wir sind hier weit im Westen. Und wir werden verdammt wild, wenn uns ein hergelaufener Asphaltschleicher auf die Füße treten will.“

„Hm ...“, Norton deutete auf das gefährlich aussehende Schießeisen. „Soll das jetzt heißen, dass du es mit mir ausschießen willst, Baby? Oder erwartest du, dass ich vor Angst unter den Tisch krieche?“

„Vielleicht lasse ich dich tanzen, Mac. Diesen guten, alten Brauch haben wir hier nicht vergessen.“

Norton stand langsam auf, streifte sein Jackett ab und legte es auf den Stuhl.

„Ich bin ein miserabler Tanzpartner, Baby. Vielleicht überlegst du es dir noch, ob du mich wirklich aufforderst.“

Die Blicke der Waldmänner hefteten sich auf das kaum mehr als handtellergroße Bianchi-Holster, das er am Hosengurt vor dem rechten Hüftknochen trug. Eine Spezialanfertigung mit eingearbeitem Federstahl und passgerechtem Ausschnitt für den Abzugsbügel des stupsnasigen Colt Cobra aus rostfreiem Edelstahl.

„Wenn du ein Bulle bist ...“, fauchte der Schwarzbart, „... ich habe Zeugen dafür, dass du mich angegriffen hast. Mit irgendwelchen dreckigen Tricks legst du mich nicht aufs Kreuz!“

„Keine Sorge“, grinste Norton, „ich bin Freiberufler. Völlig ungebunden ...“

„Umso schlechter für dich.“

Er zog etwa so, wie er es aus den Westernfilmen gelernt haben musste. Er versuchte es jedenfalls. Norton absolvierte im Rahmen seiner Combat-Schießlehrgänge ein regelmäßiges Quick-Draw-Training. Bei der letzten Präzisionsmessung hatte er es auf die Traumzeit von einer Sechshundertstelsekunde gebracht — gemessen vom Signal zum Ziehen bis zum Schuss.

So war für keinen der Waldmänner möglich, überhaupt mitzubekommen, was vor sich ging. Norton gestattete sich eine mäßige Hundertstelsekunde, um nach dem Ziehen im Beidhandanschlag sorgfältig anzuvisieren. Die Pranke des Schwarzbarts erreichte gerade den Revolvergriff, als Nortons Colt Cobra aufbellte. Der Riese riss die Hand weg, als hätte er versehentlich in die Holzkohlenglut seines Campinggrills gefasst. Sein Holster war mitsamt Gurt und Revolver etwa um Handbreite nach hinten gerutscht. Im vorderen Leder des Holsters klaffte ein sauber gestanztes Loch vom Kaliber 38 Special. Durch die Öffnung war das Teilmantelgeschoss zu erkennen, das sich auf dem Rahmen des schweren 45ers aufgepilzt hatte.

Norton schwenkte den Cobra nur kurz in beide Richtungen.

,,Vergesst alles, was euch lieb und wert war, Freunde! Der Wilde Westen ist nicht mehr das, was er mal war.“

Die Waldmänner starrten ihn an, brachten kein Wort mehr hervor. Der hell schimmernde Edelstahl des Colt Cobra schien eine fast hypnotisierende Wirkung auf sie auszuüben. Ihre Blicke klebten an dieser Waffe, die der hochgewachsene Mann mit einer an Zauberei grenzenden Schnelligkeit in Aktion gesetzt hatte.

„Es wäre besser, ihr würdet das Hotel wechseln“, sagte Norton freundschaftlich, „hier ist die Stimmung vergiftet.“

Der Schwarzbart blickte auf sein verrutschtes Holster mit dem eingedellten Sechsschüsser. Dann nickte er wie ein folgsamer Schuljunge. Sie trabten los — dreifach personifizierte Niedergeschlagenheit.

Die Tür schwang vor ihnen auf, noch ehe sie sie erreichten.

Das Girl, das mit leicht amüsiertem Lächeln eintrat, war mehr als nur einen flüchtigen Blick wert. Sie trug eine kostbare Pelzjacke, unter deren Kapuze ihre dunklen Haare hervorlugten. Hautenge Edeljeans, über den Stiefeln umgeschlagen, betonten ihre sehr langen, schlanken Beine.

Aber keiner der drei Waldmänner dachte daran, dieser unverhofften faszinierenden Erscheinung Beachtung zu schenken. Es war Nortons Nähe, die das bewirkte. Sie schoben sich an dem Girl vorbei, hasteten mit zunehmend rascheren Schritten hinaus. Wenig später war von draußen der aufbrummende Motor des Range Rover zu hören.

Celia Dawson schloss die Tür. Kopfschüttelnd holsterte Norton seinen Colt Cobra, zog das Jackett wieder über.

„Ich hätte es mir denken sollen“, murmelte er, „die verrücktesten Aufträge kriege ich von dir. Liegt das daran, dass Frauen eine Vorliebe für das Geheimnisvolle haben?“

Sie kam lächelnd auf ihn zu und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Ihre Gesichtshaut war kalt, erinnerte an die zwanzig Grad minus, die draußen herrschten. Doch ihre Lippen strahlten jenes unvergleichliche Feuer aus, das Norton zu schätzen gelernt hatte.

„Du weißt noch gar nicht, wie verrückt der Auftrag ist“, entgegnete sie.

„Doch. Du bist hier. Das genügt, um mit dem Schlimmsten zu rechnen.“

„Freust du dich denn kein bisschen?“

„Dich wiederzusehen?“

Sie nickte.

„Ich fühle mich nach zwei Seiten gezerrt“, gestand er grinsend, „auf der einen Seite steht die hinreißendste Frau, die ich kenne. Auf der anderen Seite ein Konferenztisch voll mit dicken Bossen, die dicke Zigarren paffen und mich verschaukeln wie beim Sandkastenspiel.“

„Welche von den beiden Seiten siehst du vor dir, Ray? Zum Greifen nahe?“

„Ist das ein Angebot?“

„Ich denke, über dieses Stadium sind wir hinaus.“

„Allerdings“, lächelte er, legte den Arm um ihre bepelzten Schultern und führte sie in Richtung Tresen. Das Girl war aus der Küche aufgetaucht, immer noch kreidebleich.

„Sir, ich ... ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll ...“ Sie blickte verlegen zu Boden.

„Kein Problem, Mädchen“, erwiderte er, „bring ein zweites Frühstück und Kaffee auf mein Zimmer. Und dann solltest du einen Tipp von mir beherzigen: Lass dir von deinen Eltern ein Buch aus der Stadt mitbringen. Einen Ratgeber über Redewendungen im Umgang mit Gästen.“

Sie nickte, warf einen Blick auf Nortons rassige Kontaktperson, errötete und eilte zurück an ihren Arbeitsplatz zwischen Herd, Spülmaschine und Geschirrschränken.

„Ich habe deine kleine Vorführung durch das Fenster beobachtet“, sagte Celia, während sie die Treppe hinaufgingen. „Du musst ziemlich viel Leerlauf gehabt haben, wenn du solche Anlässe brauchst, um dich auszutoben. Aber immerhin ... du scheinst mächtig gut in Form zu sein.“

„Danke für den Beifall.“

Sie betraten das Zimmer. Ein gemütlich eingerichteter kleiner Raum mit Blick auf ,Hobsons Horn‘.

Norton schloss die Tür, half Celia aus der Pelzjacke. Darunter trug sie einen rostbraunen Pullover, der vor allem an den entscheidenden Punkten faszinierend eng war.

Celia ging zum Fenster, wobei der Jeansstoff das Spiel ihrer zarten weiblichen Muskeln wie eine zweite Haut modellierte. Sie blickte minutenlang auf die verschneite Landschaft hinaus und drehte sich dann mit einem entschlossenen Ruck um.

„Ray, es handelt sich um ...“

„Du bist zu weit weg“, unterbrach er sie. Er lehnte an der Tischkante. „Deine Stimme hört sich aus unmittelbarer Nähe noch bezaubernder an.“

„Ray, bitte! Es ist keine Zeit für ...“

„Komm näher!“ Sein Blick hakte in dem ihren fest, und er sah, wie in der unergründlichen Tiefe ihrer Pupillen der Widerstand dahinschmolz. Ein sehr geringer Widerstand. Sie löste sich von der Fensterbrüstung und schob sich zögernd auf ihn zu.

„Ray, du wusstest von vornherein, dass es eilig ist. Es hatte seine Gründe, dass du von einer Stunde zur anderen aufbrechen musstest. Deshalb ...“ Sie schwieg, als seiner nervigen Finger sich um ihre Schultern legten. Sie schloss die Augen, atmete tief.

„Du willst es nicht wirklich“, sagte er leise, „du tust immer nur so, als ob du am liebsten über Geschäftliches redest.“

Sie sank in seine Arme.

„Ich fürchte, du hast recht“, hauchte sie.