Ein Kommissar läuft Amok: Ein Kubinke Krimi

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Ein Kommissar läuft Amok: Ein Kubinke Krimi

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2021.

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Ein Kommissar läuft Amok

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Ein Kommissar läuft Amok


Ein Kubinke Krimi

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

Der Essener Kriminalbeamte Kevin Marenberg taumelt in ein Einkaufszentrum und schießt plötzlich wahllos um sich. Kriminalhauptkommissar Gerd Thormann, der dort jemanden beschattet, wie er später seine dortige Anwesenheit erklärt, greift in das Geschehen ein und erschießt seinen Vorgesetzten.

Doch warum lief Marenberg Amok?

Das sollen die beiden Ermittler Harry Kubinke und Rudi Meier herausfinden.




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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author /COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1


Essen, Happy-Family-Einkaufszentrum ...

Kevin Marenberg taumelte in das Einkaufszentrum. Die Augen waren weit aufgerissen. Wie im Wahn. Er riss einen Ständer mit Postkarten um, der krachend zu Boden fiel. Einige Passanten drehten sich jetzt nach ihm.

Ein Irrer.

Das musste der erste Eindruck bei jedem sein, der ihn jetzt sah.

Marenberg löste mit der linken Hand den ersten Hemdknopf und dann die Krawatte, während die rechte Hand unter das Jackett griff und eine Waffe hervorzog. Schweißperlen glänzten auf Marenbergs Stirn.

Sein Gesicht wirkte wie eine entstellte Fratze.

Er stieß einen dumpfen, kaum noch menschlichen Laut aus.

Er wirbelte jetzt herum, hatte dabei sichtlich Mühe, das Gleichgewicht zu halten und feuerte gleich drei Schüsse kurz hintereinander mit seiner Pistole ab. Mehrere Schreie gellten.

Marenberg gab einen weiteren Schuss ab.

Und noch einen.

“Hilfe!”, schrie jemand.

Der Zeitschriftenhändler duckte sich gerade noch rechtzeitig hinter seinen Tresen, bevor gleich mehrere Kugeln über ihn hinwegschossen und sich in die Regale brannten.

„Ein Amokläufer!”, schrie eine Frau.

Kevin Marenberg stolperte vorwärts.

In seinem Gesicht zuckte es unruhig.

Die Pupillen waren riesig.

Der Schweiß perlte nur so Stirn und Wangen hinunter.

Er fasste die Waffe jetzt mit beiden Händen. Wie die rote Zunge eines Drachen leckte jetzt das Mündungsfeuer aus dem Lauf, als er erneut schoss. Ein Mann vom Sicherheitsdienst der privaten Sicherheitsfirma, die mit der Bewachung des Happy-Family-Einkaufszentrums von Essen beauftragt war, bekam eine der Kugeln genau in die Stirn, ehe er zum Walkie-Talkie und der Dienstwaffe greifen konnte. Er sackte in sich zusammen und blieb regungslos liegen. Ein paar Meter weiter lag ein Mann am Boden, der von einem Querschläger getroffen worden war. Sein rechtes Hosenbein war dunkelrot geworden. Er konnte nicht aufstehen und versuchte die Blutung mit den Händen zu stoppen. Mit angstgeweiteten Augen sah er auf.

 

Der Amokschütze drückte erneut ab.

Er stieß einen Laut aus, der wie Knurren klang.

Scheinbar wahllos ballerte er herum.

Die Projektile zischten durch die Luft.

Glasscheiben splitterten. Die Dachfenster, durch die Tageslicht in das Einkaufszentrum fiel, zerbarsten. Ein Regen aus Glasscherben kam herab.

Irgendwo schrie ein Kleinkind, was den Schützen offenbar dazu veranlasste, sich erneut umzudrehen. Suchend schweifte sein Blick. Die Mündung seiner Waffe wirbelte herum.

„Polizei! Lassen Sie die Waffe fallen!”, rief ein Mann im grauen Dreiteiler. Sein Haar war aschblond und kurz geschoren. In der Faust hielt er seine Dienstwaffe. Ein Polizist in Zivil.

Für einen Moment hing alles in der Schwebe.

Kevin Marenberg blinzelte. Dann winkelte er den Arm mit der Waffe an. Im nächsten Moment trafen ihn mehrere Schüsse. Drei in den Oberkörper, ein vierter in den Kopf. Die Wucht der Geschosse ließ Marenberg zurücktaumeln. Er schwankte, hielt sich noch einen Moment auf den Beinen, ehe er dann schließlich der Länge nach mit einem dumpfen Geräusch hinfiel.

Eine Blutlache bildete sich.




2


Der Mann mit dem dreiteiligen Anzug näherte sich dem Toten und richtete dabei nach wie vor die Waffe auf den am Boden liegenden Amokschützen. Dieser krallte noch immer seine Hand um den Griff seiner Waffe. Erst als der Mann im Dreiteiler sie Marenberg aus der Hand nehmen konnte, schien er sich etwas zu beruhigen.

Von mehreren Seiten kamen nun Sicherheitskräfte des privaten Security Service zum Ort des Geschehens. Sie näherten sich mit gezogenen Dienstwaffen.

Der Mann im Dreiteiler beugte sich da bereits über die Leiche.

„Wer sind Sie?”, fragte einer der Security-Männer, die sich jetzt von allen Seiten mit der Waffe in der Hand näherten.

„Kriminalhauptkommissar Thormann, Kripo Essen”, sagte der Mann im grauen Dreiteiler. „Und dieser Mann hier ist mein Chef, Dienststellenleiter Kevin Marenberg.”

Thormann nahm dem Toten vorsichtig seinen Ausweis aus der Tasche.

„Lassen Sie alles wie es ist und legen Sie Ihre Waffe auf den Boden!”, befahl einer der Sicherheitsleute. „Sofort!”

„Aber ich habe Ihnen doch gesagt, ich ...”

„Das werden wir überprüfen”, kam es zurück.




3


An diesem Morgen fuhren mein Kollege Rudi Meier und ich nach Quardenburg. Von Berlin aus kann man die Strecke in einer Dreiviertelstunde schaffen. Zumindest sagt das der Routenplaner. Man sollte aber besser die doppelte Zeit einplanen und das hatten wir auch.

In Quardenburg arbeitete das Ermittlungsteam Erkennungsdienst, dessen Dienste uns in unserer Funktion als BKA-Kriminalinspektoren zur Verfügung standen. Ihre Labore waren der Akademie des Bundeskriminalamtes inQuardenburg angegliedert.

Kriminaldirektor Hoch hatte uns auf einen neuen Fall angesetzt, der wirklich rätselhaft war und selbst für uns, die wir täglich mit alle nur erdenkliche Arten des Verbrechens konfrontiert sind, eine Besonderheit.

Das Besondere war: Täter wie Opfer waren Kollegen.

Das kam nicht oft vor.

Ein besonderer Fall also.

Sehr besonders.

Kevin Marenberg war wild um sich schießend durch ein Einkaufszentrum in Essen gelaufen, hatte dabei einen Menschen getötet und mehrere verletzt. Einem Amokläufer gleich hatte er scheinbar wahllos auf alles gefeuert, was sich bewegte.

Marenberg war allerdings nicht nur irgendein Kriminalhauptkommissar. Er war der Chef der Kriminalpolizei Essen gewesen. Und ausgerechnet einer seiner Kollegen, ein gewisser Kriminalhauptkommissar Gerd Thormann, hatte seinen Amoklauf mit mehreren Schüssen gestoppt.

Niemand hatte bisher eine plausible Erklärung für die Hintergründe dieses Dramas. Was hatte Kevin Marenberg dazu veranlasst, sich scheinbar völlig unkontrolliert und enthemmt in einer Orgie der Gewalt zu ergehen? Ein Mann immerhin, der sein ganzes bisheriges Leben dem Einsatz gegen das Verbrechen gewidmet hatte.

Hatte er unter Drogen gestanden? Gab es Anzeichen für eine unerkannte psychische Erkrankung? All das würden wir überprüfen müssen. Die Medien ergingen sich schon jetzt in Spekulationen aller Art. Eine Reihe von spektakulären Fällen von ungerechtfertigter Polizeigewalt haben in letzter Zeit in Deutschland Schlagzeilen gemacht. Die Medien waren natürlich entsprechend sensibilisiert und auch in diesem Fall sofort eingestiegen, auch wenn er mit dieser Art von Vorkommnissen wohl nicht vergleichbar war.

Ich beschleunigte den Dienst-Porsche etwas, aber nur bis zur zulässigen Höchstgeschwindigkeit. Strecken, auf denen man so ein Fahrzeug richtig ausfahren kann, gibt es so gut wie nirgendwo.

„Kollege Kevin Marenberg wurde immer als ruhiger, besonnener Typ beschrieben“, sagte Rudi, der während der Fahrt ein paar Unterlagen auf seinem Laptop gelesen hatte. Insbesondere natürlich das, was man inzwischen über das Datenverbundsystem des BKA zu diesem Fall abrufen konnte, aber zusätzlich auch die ersten Vernehmungsprotokolle, dazu dienstliche Beurteilungen von Vorgesetzten und was es sonst noch so gab. „Also, wenn du mich fragst, dann liegt eine pharmakologische Erklärung für diesen Ausbruch von Irrsinn am nächsten.“

„Du meinst, eine Medikamenten- beziehungsweise Drogenvergiftung“, sagte ich.

„Du kannst dieser Sache verschiedene Namen geben, aber es läuft immer auf dasselbe hinaus, Harry.“

„Also falls so etwas vorliegen sollte, dann wird unser bayerischer Alm-Doktor das sicherlich schon herausbekommen.“

Der Gerichtsmediziner des Ermittlungsteams war der Bayer Gerold M. Wildenbacher, der diese Bezeichnung vermutlich nicht einmal als Beleidigung aufgefasst hätte. Andererseits - Wildenbacher wurde von vielen als jemand beschrieben, dem das Gemüt eines Schlachtergesellen eigen war und mit seiner groben Hemdsärmeligkeit in schöner Regelmäßigkeit bei Kollegen und Vorgesetzten aneckte.

Rudi und ich kamen allerdings gut mit ihm klar. Man musste ihn eben nur richtig zu nehmen wissen, und an seiner Qualifikation als exzellenter Gerichtsmediziner gab es nun wirklich nicht den geringsten Zweifel.

Wir erreichten schließlich Quardenburg.

Nachdem ich den Dienst-Porsche auf einem der Parkplätze abgestellt hatte, begaben Rudi und ich uns zu den Laboren und Sektionsräumen.

Dr. Wildenbacher erwartete uns nicht. Wir mussten also eine Viertelstunde auf ihn warten, weil er gerade eine feingewebliche Untersuchung begonnen hatte und dabei nicht unterbrochen werden wollte. Jedenfalls ließ er uns das durch eine Praktikantin ausrichten.

„Hatte nichts mit Ihrem Fall zu tun“, begrüßte er uns schließlich. „Ich arbeite ja nicht nur für Sie beide. Es gibt zum Glück noch andere Morde aufzuklären.“ Als er Rudis etwas irritierten Blick sah, schien er es für nötig zu halten, seine Bemerkung zu erklären. „Das war Ironie, Rudi. Anscheinend bin ich zu häufig mit FGF zusammen. Da färbt sein hamburgischer Humor eben etwas zu sehr auf mich ab.“

FGF war die Abkürzung für Friedrich G. Förnheim, einen Naturwissenschaftler und Forensiker in den Reihen des Ermittlungsteams, dessen Hilfe wir ebenfalls sehr häufig in Anspruch nahmen. Förnheims distinguierte Art und sein unverkennbar hamburgischer Akzent bildeten immer so etwas wie den personifizierten Gegensatz zu dem Bayer Wildenbacher.

„Gut, dass Sie das gleich erläutert haben, ich hätte es sonst kaum verstanden“, meinte Rudi.

„Was jetzt vermutlich keine Ironie war“, sagte Wildenbacher. „Aber jetzt mal völlig ernsthaft, dieser amoklaufende Kommissar, den ich auf den Tisch des Hauses bekommen habe, gibt mir ein paar Rätsel auf.“

„Uns ebenfalls“, sagte ich.

„Kommen Sie, ich zeig Ihnen mal was!“

Dr. Gerold M. Wildenbacher führte uns in den Sektionsraum. Kevin Marenberg lag auf dem Tisch. Wildenbacher schlug die grüne Einweg-Decke zur Seite.

„Also es ist so: Die Leiche hat ein paar Einstichstellen. Der Tote hat noch zu Lebzeiten mehrere Injektionen bekommen, die er sich unmöglich selbst beigebracht haben kann. Das geht einfach nicht, zumindest, wenn man nicht biegsame Tentakelarme oder ähnliches hat.“

„Sie meinen, ihm wurden vielleicht gewaltsam Drogen verabreicht, die ihn zum Amokläufer gemacht haben?“, hakte ich nach.

Dr. Wildenbacher nickte. „Es gibt einige weitere Merkmale, die für diese Hypothese sprechen. Erstens wurden die Injektionen an Stellen angesetzt, wo sie möglichst nicht auffallen, Hautfalten zum Beispiel. Sowas wird selbst von halbwegs sorgfältigen Kollegen, von denen es ja wenig genug gibt, gerne mal übersehen. Hier zum Beispiel und hier.“ Wildenbacher fasste entschlossen zu und drehte die Leiche um. „Und hier auch.“

„Ja, ich glaube, wir können uns durchaus vorstellen, was Sie meinen, Gerold“, sagte Rudi.

„Die Vorstellung reicht nicht. Man muss sich der Wirklichkeit stellen, Rudi. Aber es kann durchaus sein, dass das unter verweichlichten Haupstädtern inzwischen aus der Mode gekommen ist.“

„Können Sie uns noch mehr sagen?“, fragte ich.

Wildenbacher nickte.

„Ja, sehen Sie diese Hämatome? An den Handgelenken, den Fußgelenken und unter den Achseln ...”

„Wenn Sie sagen, dass das Hämatome sind”, meinte Rudi.

„Ja, kann schon sein, dass die sich etwas verändern, wenn ein Toter schon länger tot ist. Aber ich versichere Ihnen, es sind welche. Und zwar sehr typische.”

„Typisch? Wofür?”, fragte ich.

„Dafür, dass Herr Marenberg getragen worden ist. Jetzt fragen Sie mich nicht, was das im Einzelnen bedeutet, aber eigentlich spricht die Spurenlage für folgendes: Marenberg wurde überwältigt, betäubt und anschließend wurden ihm bisher noch unbekannte Substanzen injiziert, die seinen Amoklauf ausgelöst haben.”

„Fragt sich, wer das getan haben könnte und aus welchem Grund”, meinte ich. „Aber das ist auf jeden Fall schon mal ein Ansatz.”

„Es ist nur eine Hypothese, Harry”, dämpfte Wildenbacher sogleich meine Freude darüber, in diesem Fall zumindest einen Ansatzpunkt zu haben.

„Sicher, aber ...”

„Es gibt etwas, das dieser Hypothese deutlich widerspricht. Ich habe das Blut des Toten gründlich untersuchen lassen und außerdem von einigen inneren Organen feingewebliche Untersuchungen durchgeführt.”

 

„Mit welchem Ergebnis?”, fragte ich.

„Ich will nicht zu sehr in die Einzelheiten gehen, die Sie vermutlich sowieso nicht verstehen. Und abgesehen davon bin ich auch noch nicht fertig. Aber eins steht fest: Kevin Marenberg hat über längere Zeit mehrere Psychopharmaka eingenommen. Und zwar in Konzentrationen, die vermuten lassen, dass er in ärztlicher Behandlung gewesen sein muss.”

„Davon steht nichts in den Unterlagen, die wir zur Verfügung bekommen haben”, mischte sich Rudi ein. „Ich will die ganzen Daten gerne noch mal durchforsten, aber das wäre eine Sache gewesen, die mir sofort aufgefallen wäre!”

„Das wäre jedem aufgefallen, Rudi”, sagte Wildenbacher. „Der Dienststellenleiter eines Polizeibehörde muss Medikamente nehmen, um psychisch im Gleichgewicht zu bleiben. Man kann sich vorstellen, dass das ein Fressen für die Presse-Meute gewesen wäre, wenn man es draußen erzählt hätte.”

„Das heißt, da hat uns jemand was verschwiegen”, schloss ich.

„Sieht so aus. Wenn Dienststellenleiter Marenberg aber unter einer psychischen Erkrankung litt, die mit Medikamenten behandelt werden musste, stellt sich der Fall womöglich ganz anders dar.”

„Was sind das für Substanzen, die Marenberg genommen hat?”, fragte Rudi.

„Sehen Sie, das ist genau die Schwierigkeit. Ich habe ein paar Substanzen gefunden, die bei depressiven Verstimmungen verschrieben werden und zur Stimmungsaufhellung dienen. Und die feingeweblichen Untersuchungen beweisen, dass sie regelmäßig genommen wurden und nicht etwa nur einmal mit einer gespritzten Designer-Drogen-Dröhnung. Aber erstens weiß ich nicht, ob das alles ist, was Marenberg im Körper hatte, zweitens weiß ich nicht die genaue Zusammensetzung und kann nur grobe Rückschlüsse auf die Dosierung anstellen und drittens kann der Effekt dieser Wirkstoffe durch weitere Komponenten sehr stark verändert werden. Wenn ich jetzt die Diagnose und die Verschreibungen des betreffenden Arztes hätte, wüsste ich immerhin, wonach ich suchen müsste. Es gibt unzählige Substanzen, die in Frage kämen. Manche sind im Blut nachweisbar, andere nur in bestimmten Organen oder im Urin - und das wiederum danach gestaffelt, wann und wie lange die Einnahme erfolgte und ob zum Beispiel eine große Dosis in kurzer Zeit oder kleine Dosen während eines längeren Zeitraums genommen wurden.”

„Wir werden versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen”, sagte ich.

„Es gibt übrigens noch eine dritte Möglichkeit, die wir nicht außer Acht lassen sollten. Ich halte sie zwar für die Unwahrscheinlichste, aber das heißt nicht, dass wir sie ausschließen können.”

„Und die wäre?”, fragte ich.

Dr. Wildenbacher drehte den Toten wieder herum und bedeckte ihn. Ein Arm ragte jetzt hervor. Der Gerichtsmediziner brauchte zwei Versuche, bis der Arm so auf dem Seziertisch lag, dass er nicht mehr nach außen stand.

„Zumindest eine der Substanzen, die ich bisher gefunden habe, konnte ...”

In diesem Augenblick ging die Tür auf. Dr. Förnheim betrat den Raum. Der Naturwissenschaftler trug einen weißen Kittel und eine Schutzbrille für die Augen, wie man sie in chemischen Laboren benutzte.

„Schön, das die Herren aus Berlin uns mit Ihrer Anwesenheit ehren”, sagte Förnheim. Dann wandte er sich an Wildenbacher.

„Es ist drin”, sagte er. „Ich habe die Analyse noch einmal überprüft, aber es dürfte da keine Zweifel mehr geben.”

Wildenbacher wandte sich daraufhin an uns.

„Tja, unser Fischkopp spricht mal wieder für Außenstehende in Rätseln”, meinte er. „Es geht um Folgendes: Eine der Substanzen, die ich in den Organen von Herr Marenberg feststellen konnte, wird sowohl in verschiedenen Psychopharmaka verwendet, als auch als sogenannte Designer-Droge illegal verkauft. Und das ist genau die dritte Möglichkeit, von der ich gerade sprach.”

„Sie meinen, Marenberg könnte drogensüchtig gewesen sein?”, schloss ich.

Förnheim bestätigte dies.

„Das wäre eine plausible Erklärung für das Vorhandensein dieser Substanz”, erklärte er.

„Ich halte persönlich folgendes Szenario für denkbar: Marenberg hat wegen psychischer Probleme regelmäßig Psychopharmaka genommen”, ergänzte Wildenbacher. „Aber die stimmungsaufhellende Wirkung dieser Substanzen lässt mit der Zeit nach. Es kann sein, dass ihm die Wirkung einfach nicht mehr ausreichte und er deshalb zusätzlich was eingeworfen hat.”

„Kann man feststellen, ob es sich um Medikamente handelt oder um zusätzlich eingenommene Substanzen?”, fragte Rudi.

„Könnte man”, bestätigte Wildenbacher. „Dazu müsste ich aber wissen, was Marenberg verschrieben worden ist.”

„Ich nehme an, manche Dinge werden wir wohl nur vor Ort herausbekommen”, meinte ich.