Die Berliner Mauer

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Die Berliner Mauer

Geschichtstouren für Entdecker



Inhalt

Einleitung: Einladung zur Spurensuche

Ein Überblick: Die Berliner Mauer 1961–1989

Aufbau und Ausbau der Grenzanlagen

Mauer und Erinnerungskultur

Geschichtstour 1

Station 1: Humboldthafen – Gedenkstein Günter Litfin

Vertiefung: »Husarenstück« zu Wasser

Station 2. Parlament der Bäume

Vertiefung: Der »Baumpate« Ben Wagin

Station 3: Weiße Kreuze

Vertiefung: Chris Gueffroy – der letzte Mauertote

Station 4: Pariser Platz und BrandenburgerTor

Vertiefung: »Mister Gorbachev, open this gate! Mister Gorbachev, tear down this wall!«

Station 5: Potsdamer Platz

Vertiefung: Massenflucht in den Osten und Klingeln bei Honecker – Skurrilitäten der Mauerzeit

Station 6: Wachturm Erna-Berger-Straße

Vertiefung: Als die Mauerreste plötzlich verschwunden waren

Station 7: Niederkirchnerstraße

Vertiefung: Von ›Mauerspechten‹ und dem Big Business mit den Resten der Teilung

Station 8: Checkpoint Charlie

Vertiefung: Das Museum am Checkpoint Charlie

Geschichtstour 2

Station 1: Bösebrücke / Bornholmer Straße

Vertiefung: »Sensation: DDR öffnet Grenzen zur Bundesrepublik und nach West-Berlin«

Station 2: Norweger Straße

Vertiefung: Leben im Grenzgebiet

Station 3: Schwedter Steg

Vertiefung: Freiwillige Helfer der Grenztruppen

Station 4: Mauerpark

Vertiefung: Der 13. August 1961 – Reaktionen

Station 5: Gedenksteine für die Maueropfer in der Bernauer Straße

Vertiefung: Fluchttunnel in der Bernauer Straße

Station 6: Kapelle der Versöhnung

Vertiefung: Gedenken für die Mauertoten

Station 7: Bernauer Straße und Nordbahnhof

Vertiefung: Die Erweiterung der Gedenkstätte Bernauer Straße

Orte außerhalb der Touren

Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

Im Interview: Bettina Effner

Wachturm am Kieler Eck – Gedenkstätte Günter Litfin

Wachturm am Schlesischen Busch

S-Bahnhof Friedrichstraße

Tränenpalast

East Side Gallery

Invalidenfriedhof

Gedenkstätte Hohenschönhausen

Anhang

Mauer-Propaganda aus der DDR

Literatur

Filmografie

Links

Museen und Gedenkstätten

Anmerkungen

Abbildungsverzeichnis


Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN (eBook, epub) 978-3-940621-53-5

Redaktionelle Mitarbeit: Steffi Kühnel, James

McSpadden, Silvia Orth, Katrin Strauß

Bild-Redaktion: Alexander Schug, James McSpadden

Lektorat: Waltraud Greczmiel

Grafisches Gesamtkonzept, Titelgestaltung, Satz und Layout: Stefan Berndt – www.fototypo.de

© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2009

www.vergangenheitsverlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Einleitung: Einladung zur Spurensuche
Einladung zur Spurensuche

»Wo stand eigentlich die Berliner Mauer?« Diese Frage wird noch immer häufig von Berlintouristen gestellt. Sie halten bei ihrer Erkundung durch die Hauptstadt nicht selten vergeblich nach Resten dieses Bauwerks Ausschau, dessen Errichtung 1961 die Welt schockierte und 28 Jahre das Berliner Stadtbild so nachhaltig geprägt hat.

Tatsächlich ist eine intensive Spurensuche nötig, um den ehemaligen Verlauf der Mauer nachvollziehen zu können. Denn nach dem Mauerfall 1989/90 sollten sämtliche Erinnerungen an die einstige Teilung möglichst schnell aus dem Stadtbild verschwinden. Wenige setzten sich dagegen schon frühzeitig dafür ein, Reste der Mauer als mahnende Erinnerung zu erhalten. Diese Mauerreste sind heute durch Gedenksteine und Informationstafeln ergänzt und der Mauerverlauf größtenteils durch eine Doppelreihe von Pflastersteinen im Bodenbelag sichtbar gemacht. Mancherorts wurden im Straßenpflaster zusätzlich Plaketten mit der Inschrift »Berliner Mauer 1961 – 1989« eingelassen. Wenn Sie die Schrift richtig herum lesen können, befinden Sie sich auf der ehemaligen Westseite, steht die Schrift auf dem Kopf, halten Sie sich im einstigen Todesstreifen auf.

Dieser Mauerführer nimmt Sie mit auf eine Entdeckungsreise. Die zwei Geschichtstouren, die in diesem Reiseführer vorgestellt werden, leiten Sie zu einigen der Mauerrelikte, die zum Teil so unscheinbar sind, dass die meisten sie gar nicht beachten. Dieses Buch will Ihnen helfen, sie aufzuspüren. Jede der beiden Touren ist in mehrere Stationen unterteilt: Ein Stationstext beschreibt jeweils einen sehenswerten Anlaufpunkt der Tour, der darauf folgende Vertiefungstext stellt einen bestimmten historischen Aspekt näher dar und liefert Hintergrundinformationen. Kurze Überleitungstexte (»Auf dem Weg …«) erklären den Weg zur nächsten Station und dienen somit der Navigation.

 

Die Fotos dieses Mauerführers werden zum großen Teil erstmals publiziert und stellen eine einmalige Quelle dar. Die Bilder sind integraler Bestandteil des Buches – sie sollen nicht nur illustrieren, sondern stellen einen eigenständigen inhaltlichen Beitrag zur Geschichte der Berliner Mauer dar, für deren monströse Wirkung nicht selten angemessene Worte fehlen.

Die Informationen werden von einer Reihe ausgesuchter gastronomischer Tipps ergänzt. Hier können Sie während Ihres Spaziergangs einkehren, in diesem Buch lesen oder sich einfach nur ausruhen. Beide Touren sind so angelegt, dass sie in ca. zwei bis drei Stunden zu Fuß bewältigt werden können. Alternativ empfehlen wir die Erkundung per Rad. Räder können Sie bei unserem Partner Fahrradstation (www.fahrradstation.de) an folgenden zentralen Punkten ausleihen oder zurückbringen:

fahrradstation am Bahnhof

Friedrichstraße 95

Eingang Dorotheenstraße 30

(gegenüber Staatsbibliothek)

10117 Berlin (Mitte)

Tel. 0180 510 8000

welcome@fahrradstation.de

www.fahrradstation.de

fahrradstation GmbH

(Büroanschrift)

Leipziger Straße 56

10117 Berlin (Mitte)

Tel. 030 666 49 180

fahrradstation Mitte

Auguststraße 29a

10119 Berlin

Tel. 030 285 99 661

fahrradstation Kreuzberg

Bergmannstraße 9

10961 Berlin

Tel. 030 215 15 66

fahrradstation Charlottenburg

Goethestraße 46

10625 Berlin

Tel. 030 939 52 757

fahrradstation am Kollwitzplatz

Kollwitzstraße 77

10405 Berlin

Tel.: 030 939 58 130

Wir wünschen Ihnen eine spannende und informative Geschichtstour!

Alexander Schug und Hilmar Sack


Bei Vorlage dieses Buches erhalten Sie bei der Fahrradstation 10 Prozent Rabatt.

Ein Überblick: Die Berliner Mauer 1961-1989
Die Berliner Mauer 1961–1989

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland von den Alliierten in vier Besatzungszonen und Berlin in vier Sektoren aufgeteilt. Im Zuge der Konfrontation des ›Kalten Krieges‹ zwischen den westlichen Alliierten USA, Großbritannien und Frankreich auf der einen und der Sowjetunion auf der anderen Seite standen sich zwei unterschiedliche politische Systeme auf deutschem Boden gegenüber. 1949 kam es zur Gründung zweier deutscher Staaten: Der Bundesrepublik Deutschland als einer westlichen repräsentativen Demokratie mit Mehrparteiensystem, freien Wahlen und Gewaltenteilung stand die Einparteienherrschaft der SED in der Deutschen Demokratischen Republik gegenüber.

Während die Bundesrepublik mit Unterstützung ihrer westlichen Verbündeten und auf der Grundlage der sozialen Marktwirtschaft einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, der bis heute als ›Wirtschaftswunder‹ verklärt wird, erlebten viele in der DDR die Folgen massiver Reparationen und die Demontage wichtiger Industrieanlagen durch die sowjetische Besatzungsmacht. Infolge von Missständen in der sozialistischen Planwirtschaft klaffte die wirtschaftliche und soziale Entwicklung beider Staaten seit den 1960er Jahren immer weiter auseinander, auch wenn die DDR zeitweilig zu den zehn größten Industriestaaten der Welt gezählt wurde. Deshalb, aber auch insbesondere aus politischen und familiären Gründen, flüchteten viele Menschen in die Bundesrepublik. Allein zwischen 1945 und 1961 waren es rund dreieinhalb Millionen.

Leben mit der Mauer. Straßenszene vom Herbst 1989

Um diese Fluchtbewegung gen Westen zu stoppen, wurde bereits am 26. Mai 1952 die Grenze zur Bundesrepublik mit Stacheldraht abgeriegelt. In Berlin blieben jedoch zahlreiche Sektorenübergänge offen, weshalb sich die ›Abwanderung‹ hier fortsetzte. Die SED-Führung sah sich daher zu einer Verschärfung der Strafgesetze veranlasst: Seit Dezember 1957 galt das Verlassen der DDR als ›Republikflucht‹ und bereits bei Vorbereitung und Versuch drohte Gefängnis. 1961 stimmte der sowjetische Partei- und Staatsführer Nikita Chruschtschow schließlich einer Abriegelung der Sektorengrenze in Berlin zu. Im Juli begannen die geheimen Vorbereitungen zur Grenzschließung, die dann in der Nacht vom 12. auf den 13. August erfolgte.1

Die Berliner Mauer wurde zum Symbol des ›Kalten Krieges‹ und hatte 28 Jahre Bestand. Erst der Amtsantritt Michail Gorbatschows in der Sowjetunion führte mit ›Glasnost‹ (Offenheit) und ›Perestroika‹ (Umgestaltung) zu grundlegenden politischen Veränderungen, von denen auch die DDR nicht unberührt bleiben sollte, auch wenn sich die SED-Führung dem zunächst entschieden widersetzte. Die Ostblockstaaten erhielten unter der neuen sowjetischen Führung mehr Freiheiten und mussten bei politischen Reformen nicht mehr sofort die militärische Intervention der Sowjetunion fürchten. Die ungarische und die polnische Regierung nutzten diese Chance – anders als die DDR.2 Heute wird die besondere Rolle der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarno in den 1980er Jahren sowie die Vorreiterrolle Ungarns bei der Öffnung des ›Eisernen Vorhangs‹ 1989 allgemein anerkannt und gewürdigt.

Die Harzer Straße in Berlin am 20.9.1961

Zwar fand auch in der DDR ein Wandel statt, jedoch nicht in der überalterten Staatsführung, sondern in Folge einer friedlichen Revolution, ausgelöst durch oppositionelle Gruppen innerhalb der Bevölkerung. Bereits seit den 1980er Jahren bildeten sich – vor allem im kirchlichen Milieu – informelle oppositionelle Gruppen, die für Menschenrechte und Pluralismus eintraten. Sie wurden zur Keimzelle der friedlichen Revolution in der DDR und fanden 1989 den lange erhofften Zulauf aus der Bevölkerung. Seit dem Spätsommer 1989 wurde der Protest immer breiter. Tausende gingen bei den Leipziger Montagsdemonstrationen, aber bald auch andernorts in den Städten der DDR auf die Straße. Am 4. November forderten bei einer Großdemonstration auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz prominente Redner, darunter die Schriftsteller Christoph Hein, Christa Wolf, Stefan Heym und Heiner Müller sowie der Schauspieler Ulrich Mühe, und sogar schließlich auch Vertreter der SED wie Gregor Gysi und Günter Schabowski, vor mehr als 500.000 Zuhörern demokratische Reformen.3

Zu der anwachsenden Bürgerrechtsbewegung kam eine rasant steigende Zahl von Ausreiseanträgen, die die SEDFührung in ernsthafte Bedrängnis brachte. Während Anfang 1989 noch 100.000 Menschen auf eine Genehmigung ihrer Ausreiseanträge warteten, versuchten ab dem Sommer Tausende mit der Besetzung bundesdeutscher Botschaften in Warschau, Prag und Budapest sowie der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin ihre Ausreise aktiv durchzusetzen. Am 30. September saßen mehr als 10.000 Menschen in der Botschaft in Prag fest, als der damalige bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Nachricht über die Ausreisebewilligung durch die DDR vom Balkon des Botschaftsgebäudes überbrachte. Nach einer weiteren Ausreisewelle forderte die Regierung der damaligen SSR die SED-Führung auf, den Menschen die direkte Ausreise in die Bundesrepublik zu ermöglichen, um die ›Völkerwanderung‹ durch die Tschechoslowakei zu stoppen.4 Am Ende war es also wieder eine Massenflucht, die die Berliner Mauer zum Einsturz brachte – ebenso wie sie einst zu deren Bau geführt hatte.

Aufbau und Ausbau der Grenzanlagen

Die Berliner Mauer war kein statisches Gebilde, das einmal errichtet fast dreißig Jahre unverändert geblieben ist. Sie wurde vielmehr laufend verändert und perfektioniert. Die Mauer war auch nicht einfach eine Betonwand, wie sie vom Westen her wahrgenommen wurde, sondern setzte sich aus verschiedenen Sperranlagen zusammen.5

Der Ausbau der Grenzanlagen vollzog sich in mehreren Phasen. Zunächst wurde West-Berlin in den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 mit Stacheldraht und provisorischen Sperren abgeriegelt. In der Folgezeit entstand an deren Stelle eine Mauer aus großen Blockelementen und mehreren Lagen kleinerer Hohlblocksteine, die mit einem Stacheldraht abschloss. Mitte der 1960er Jahre wurde diese Grenzanlage durch eine Mauer aus schmalen Betonplatten ersetzt, auf der ein Abwasserrohr aus Beton angebracht war, um das Übersteigen der Mauer zu verhindern. Mitte der 1970er Jahre löste diese wiederum die so genannte ›Grenzmauer 75‹ ab, die deutlich widerstandsfähiger und von Fahrzeugen nicht zu durchbrechen war. Sie bot außerdem ein glattes, ›sauberes‹ Erscheinungsbild in Richtung West-Berlin, wie Axel Klausmeier und Leo Schmidt in ihrer Dokumentation der Berliner Mauer schreiben, »weil den Machthabern der DDR seit den siebziger Jahren immer mehr daran gelegen war, die Außenwirkung ihres Staates nicht durch die offensichtliche Brutalität der Grenzanlagen zu beeinträchtigen.«6

Ost-Berliner Kameramann am Potsdamer Platz, 19.8.1961

Volkspolizisten hinter der Mauer am Potsdamer Platz, 18.8.1961

Die Mauer in der Berliner Liesenstraße hat eine Höhe von 4 Metern erreicht, 13.8.1961

Grenzübergang Chaussestraße, 1962

Die eigentliche Mauer stellte das ›Vordere Sperrelement‹ der Grenzanlagen dar, das Ost-Berlin von der vermeintlich ›feindwärtigen‹ Seite, also den Westsektoren trennte. Tatsächlich waren die Sicherungsanlagen allerdings auf die ›freundwärtige‹ Seite, also auf das eigene Territorium ausgerichtet, sollten sie doch Menschen an der ›Republikflucht‹ hindern. In Richtung Osten wurde die Vorderlandmauer daher durch ein gestaffeltes System von Sperrelementen ergänzt, die bereits verhindern sollten, dass Fluchtwillige bis an die Mauer gelangen konnten.

Klausmeier und Schmidt schreiben: »Zunächst traf man auf verschiedene Warnzeichen. Die unmittelbare Sperrzone vor den Grenzanlagen wurde durch rot-weiße Pfosten und Markierungen oder auch durch ein niedriges rot-weiß gestrichenes Geländer angezeigt. In Abständen angebrachte Schilder warnten Unbefugte mit der viersprachigen Aufschrift ›Grenzgebiet – Betreten verboten‹.«7

Von der provisorischen Mauer zum Bollwerk: Der fertige Grenzübergang Chausseestraße, 24.10.1965

Zum Teil fanden sich in dem Sperrgebiet so genannte Vorfeldsicherungen, wie z.B. vorgelagerte Plattenwände, Zäune oder Durchfahrtssperren oder auch Vergitterungen an Fenstern. Die eigentlichen Grenzanlagen begannen auf Ost-Berliner Seite mit der Hinterlandsicherungsmauer, kurz Hinterlandmauer, die in Richtung Ost-Berlin mit langen weißen, grau gerahmten Rechtecken bemalt war. Zwischen Vorder- und Hinterlandmauer befand sich der Todesstreifen. In dieser Richtung war die Hinterlandmauer komplett weiß gestrichen, damit sich ein Flüchtender auch nachts vor ihr abzeichnete.

Hinter der Hinterlandmauer gab es einen ein Elektrosignalzaun, der Alarm auslöste, wenn Flüchtende versuchten, ihn zu überwinden. Hinter diesem Zaun befanden sich oft Hundelaufanlagen und andere Hindernisse wie die ›Flächensperren‹ mit aufrecht stehenden langen Stahlspitzen, die einen vom Zaun herunterspringenden Flüchtling schwer verletzen konnten.

Rund 300 Wachttürme (Beobachtungstürme und Führungsstellen, wie jene am Kieler Eck und am Schlesischen Busch, die auch heute noch erhalten sind, siehe S. 146f) ermöglichten die Kontrolle des Grenzstreifens. Der asphaltierte oder betonierte Kolonnenweg diente den Grenztruppen als Patrouillenweg. Entlang dieses Weges befand sich die so genannte ›Lichttrasse‹, das heißt Lampenmasten, die den angrenzenden Kontrollstreifen aus Sand ausleuchteten, in dem sich wiederum die Spuren von Flüchtlingen abzeichneten. Grenzübergangsstellen (GÜSt) ermöglichten Befugten das Überqueren der innerstädtischen Grenze bzw. der Grenze zum Berliner Umland. Sie waren besonders scharf gesichert.8

 

1.4.1963: Spree, Höhe Cuvrystraße (Kreuzberg). Der 16-jährige Wolf-Olaf Muszynski wird am West-Berliner Ufer tot geborgen

1965 seilte sich um 5 Uhr morgens ein Mann in der Harzer Straße 119 (Treptow) ab und pendelte über die Mauer. Foto der West-Berliner Polizei, auf dem der Vorgang rekonstruiert wurde

Hinterlandmauer, Todesstreifen mit Lampenmasten, Kontrollstreifen aus Sand und Vorderlandmauer, hier an der Brehmestraße 1989

Mauer und Erinnerungskultur

»Wo war eigentlich die Berliner Mauer?« Bei der Beantwortung der Mutter aller Fragen eines Berlin-Besuchers kann es nicht allein darum gehen, den Verlauf eines monströsen Bauwerks nachvollziehbar zu machen. Es muss auch darum gehen, wie an dieses Bauwerk der deutsch-deutschen Teilung erinnert wird. Im Zentrum der öffentlichen Erinnerung steht deshalb vor allem das Gedenken an die Opfer der Mauer sowie die Dokumentation der Auswirkungen der Teilung Berlins auf das Leben der Menschen.

Feiernde Menschen am Grenzübergang Bornholmer Straße am 9. November 1989

Doch wie sieht die »richtige Erinnerung« aus? Verschiedene Ansätze stehen hier heute – auch im Stadtbild – nebeneinander und konkurrieren nicht selten miteinander um die Aufmerksamkeit: privates Gedenken und offizielles Erinnern, wissenschaftliche Aufarbeitung und touristische Eventkultur. Seit dem Bau der Mauer und auch nach deren Fall wurden für die zahlreichen Opfer Gedenkorte eingerichtet, die von Gedenkplatten im Straßenbelag über Kreuze bis hin zu Gedenkstelen reichen. Viele dieser Orte gehen auf private Initiativen zurück, wie z.B. die ›Weißen Kreuze‹ am Reichstag, aber auch auf Anregung von Parteien oder einzelner Abgeordneter. Nach 1990 wurden zudem zahlreiche Anstrengungen unternommen, den früheren Verlauf der Mauer im Stadtbild sichtbar zu machen.

Das Land Berlin konzentrierte sich zunächst auf das Angebot von Informationen im öffentlichen Raum und auf die künstlerische Auseinandersetzung mit der Mauer. 1996 wurde der Kunstwettbewerb ›Übergänge‹ ausgelobt, bei dem es um die künstlerische Gestaltung der einstigen Grenzübergänge ging. Einer der realisierten Siegerentwürfe befindet sich am Beginn der ersten Geschichtstour (siehe auch S. 92).

Nach dem Fall der Mauer hatte vielen der Abriss dieses Symbols der Teilung nicht schnell genug gehen können, auch wenn schon frühzeitig Stimmen laut wurden, die den Erhalt einzelner Abschnitte als Erinnerungsorte anmahnten. Um das vollständige Verschwinden aus dem Stadtbild zu verhindern, wurden einige Mauerabschnitte unter Denkmalschutz gestellt, so z.B. an der Bernauer Straße, der »East Side Gallery« am Ostbahnhof und an weiteren Orten mit kleineren, meist unscheinbaren Überresten.

Mit größerem zeitlichem Abstand setzte das Bedauern darüber ein, die Mauer in der Stadt so gründlich beseitigt zu haben. Viele der noch bestehenden Reste sind oft schwer erkennbar und ohne Hintergrundinformationen nicht unmittelbar verständlich. Um zumindest sichtbar zu machen, wo sich die einstige Mauer erstreckte, wurde deren innerstädtischer Verlauf durch Markierungen im Straßenbelag nachvollzogen. Hierbei handelt es sich überwiegend um eine Doppelreihe aus Pflastersteinen, die gelegentlich durch Eisenplatten mit der Inschrift ›Berliner Mauer 1961- 1989‹ unterbrochen werden. Im Bereich des Abgeordnetenhauses (Niederkirchnerstraße) ist der Verlauf durch ein Kupferband mit der gleichen Inschrift gekennzeichnet, am Reichstag durch Platten von der Breite des Betonfußes der Vorderlandmauer.9

Die Doppelpflasterreihe markiert den ehemaligen Verlauf der Vorderlandmauer

Von Nord nach Süd und westlich um die Stadt herum ist der Berliner Mauerweg angelegt worden. Er wird durch grau-weiße Schilder gekennzeichnet und lädt Berliner und Touristen ein, dem ehemaligen Mauerverlauf zu Fuß oder per Fahrrad zu folgen.


Der Mauerweg ist durch die ganze Stadt mit Schildern ausgewiesen

An zahlreichen Orten entlang dieses Weges wurden im Auftrag des Berliner Senats viersprachige Informationstafeln (deutsch, englisch, französisch und russisch) der Geschichtsmeile Berliner Mauer aufgestellt. Mit Fotos geben sie Auskunft über Ereignisse am jeweiligen Standort, die im Zusammenhang von Teilung, Mauerbau und Maueröffnung stehen.10 Diese Tafeln werden an zentralen Orten durch Informationssäulen ergänzt, die weiterführende Informationen liefern – auf Knopfdruck auch in verschiedenen Sprachen zum Anhören.11

2006 legte der Berliner Senat ein Gesamtkonzept zur Erinnerung an die Berliner Mauer vor, das vorsieht, im öffentlichen Stadtraum ebenso über die Mauer zu informieren wie an deren Opfer zu erinnern. Es bildet die Handlungsgrundlage bis zum Jahr 2011, in dem sich die Errichtung der Mauer zum fünfzigsten Mal jähren wird. Das Konzept baut auf dem auf, was bereits vorhanden war, und will die verschiedenen Gedenk- und Informationsorte in ein einheitliches Konzept integrieren. Diese sollen zueinander in Beziehung gesetzt werden. Darüber hinaus noch bestehende Spuren will man lesbar machen.

Das Konzept sieht als zentralen Ort für das Gedenken an die Opfer die Gedenkstätte Bernauer Straße vor, die erheblich ausgebaut und erweitert werden wird. Die dezentrale Struktur der Erinnerungslandschaft soll jedoch respektiert und die zahlreichen Einzelinitiativen von Organisationen und Vereinen gewürdigt und gestärkt werden. Als dezentrale Orte werden im Einzelnen genannt: Die Wachtürme am Kieler Eck und am Schlesischen Busch, das Parlament der Bäume an der Bibliothek des Deutschen Bundestages, der Potsdamer Platz, die Niederkirchnerstraße, die East Side Gallery, der Bahnhof Friedrichstraße mit Tränenpalast und der Checkpoint Bravo.12

Infostelen bieten zusätzliche Informationen über die Geschichte der Mauer

Mit der Fortschreibung seines Gedenkstättenkonzepts 2008 hat sich auch der Bund als ein wichtiger erinnerungskultureller Akteur in der Hauptstadt neu positioniert.12b Das Gedenkstättenkonzept sieht vor, die erinnerungspolitische Aufarbeitung des SED-Unrechts zu verstärken und in diesem Zusammenhang Widerstand und Opposition besonders zu würdigen. Der Bund ist bereits heute ebenso am Ausbau des Gedenkareals Bernauer Straße zur Teilungsgeschichte der Hauptstadt Berlin beteiligt wie auch Förderer der neuen Landesstiftung »Berliner Mauer«. Im Rahmen eines Geschichtsverbunds zur Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur in Deutschland soll die Zusammenarbeit aller Einrichtungen zur Geschichte der SBZ und der DDR gefördert werden. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziert u.a. das zurzeit laufende Projekt »Todesopfer an der Berliner Mauer, 1961–1989«, mit dem die Zahl der Maueropfer in Berlin und die näheren Umstände ihres Todes erforscht wird. In Berlin soll das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im »Tränenpalast« am Bahnhof Friedrichstraße eine Dauerausstellung zum Thema »Teilung und Grenze im Alltag der Deutschen« einrichten. Hier sollen dem Gedenkstättenkonzept zufolge »auch die Überwindung der Teilung und die Darstellung des Vereinigungsprozesses 1989/90 Berücksichtigung finden, da bislang kein Ort existiert, an dem die bedeutenden Ereignisse zwischen dem Herbst 1989 und dem 3. Oktober 1990 umfassend gewürdigt werden.«12c Der Deutsche Bundestag hat zudem am 9. November 2007 die Errichtung eines Freiheits- und Einheitsdenkmals beschlossen, das an die friedliche Revolution im Herbst 1989 und an die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands erinnern, zugleich aber auch die freiheitlichen Bewegungen und die Einheitsbestrebungen der vergangenen Jahrhunderte würdigen soll.

Neben diesen verschiedenen Formen des Erinnerns, die der Information und dem Gedenken dienen, ist jedoch auch eine zunehmende Kommerzialisierung bei der Erinnerung an die Mauer zu beobachten. So werden insbesondere im Bereich des früheren Grenzübergangs am Checkpoint Charlie eine Vielzahl von Aktionen und Produkten für Touristen angeboten, z.B. Fotos mit Uniformierten, ›Stamp Your Passport‹-Aktionen, Mauerrundflüge oder eine Trabi-Safari. Im Shop des Mauer-Museums können neben Publikationen zur Mauer aus dem hauseigenen Verlag auch T-Shirts und Kaffeebecher mit dem Aufdruck »You are leaving the American sector«, Mauerstücke und Spielzeugtrabis käuflich erworben werden. So fragwürdig diese Angebote manchmal sind, weil sie die Mauer popkulturell verharmlosen – sie zeigen aber auch ganz deutlich, dass die Teilung der Stadt tatsächlich Geschichte geworden ist, die von vielen nicht einmal mehr erinnert wird und heute nunmehr Touristenakttraktion geworden ist.

Touristenattraktion: Die Berliner Mauer wird heute erfolgreich vermarktet

Wie weit wir uns von der Zeit entfernt haben, in der die Mauer als eines ihrer schockierendsten Zeichen verstanden wurde, trat im Frühjahr 2009 an der East Side Gallery zu Tage. Das längste erhaltene Mauerstück in der Nähe des Ostbahnhofs wurde aufwendig restauriert und konserviert, ein sinnvoller und richtiger Schritt, um die Erinnerung an die Teilung, die Mauertoten und die Folgen des real existierenden Sozialismus wach zu halten. Das Bild der Mauer und ihrer Restaurierung birgt aber auch Absurdes in sich, wenn man daran denkt, dass Generationen gegen dieses Bauwerk gekämpft, es sprichwörtlich untergraben, den Fall ersehnt und bejubelt haben. Die Mauer und ihre erhaltenen Anlagen sind heute ein Freilichtmuseum, das unter Denkmalschutz steht – aber nach wie vor Fragen stellt, auch nach über 20 Jahren Mauerfall.

Exotik pur: Safaris in den Dschungel der Vergangenheit. DDRGeschichte ist vielfach nur noch Gegenstand unterhaltsamer Event-Angebote