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Wir wurden mit der zuvorkommendsten Höflichkeit im Haus eines französischen Arztes, des Herrn Juliac, empfangen, der sehr gut in Montpellier studiert hatte. Sein kleines Haus enthielt eine Sammlung der verschiedensten Dinge, die aber alle den Reisenden angenehm sein konnten. Wir fanden literarische und naturgeschichtliche Werke; meteorologische Aufzeichnungen; Häute des Jaguars und von großen Wasserschlangen; lebende Tiere, Affen, Gürteltiere und Vögel. Unser Hausherr war erster Wundarzt am königlichen Hospital zu Puerto Cabello und wegen seines gründlichen Studiums des Gelben Fiebers unter seinen Landsleuten vorteilhaft bekannt. Seit sieben Jahren hatte er 6000 bis 8000 von der schrecklichen Krankheit befallene Menschen in die Spitäler bringen sehen; er hatte die Verheerungen beobachtet, welche die Epidemie von 1793 in der Flotte des Admirals Ariztizabal verursachte. Diese Flotte verlor fast ein Drittel der Schiffsmannschaft, weil die Matrosen fast alle nicht akklimatisierte Europäer waren und frei mit dem Lande verkehrten. Herr Juliac hatte früher diese Kranken, wie in Tierra Firme und auf den Inseln üblich, mit Aderlaß, gelinde abführenden Mitteln und säuerlichen Getränken behandelt. Bei dieser Behandlung ist man nicht darauf aus, die Lebenskräfte durch die Kraft von Stimulanzien zu heben. Indem man zu beruhigen trachtete, vermehrte man Schwäche und Siechtum. In den Spitälern, wo die Kranken zuhauf waren, betrug die Sterblichkeit damals 33 % unter den weißen Creolen und 65 % unter den neu angekommenen Europäern. Seit man die alte schwächende Methode durch Reizmittel ersetzte: Opium, Benzoé und alkoholische Getränke, hat sich die Sterblichkeit bedeutend vermindert. Man glaubt sie auf 20 % bei den Europäern und auf 10 % bei den Creolen reduziert zu haben, sogar dann, wenn schwarzes Erbrechen durch den Mund und Blutungen aus Nase, Ohren und Zahnfleisch einen hohen Grad von Bösartigkeit der Krankheit anzeigten. Ich berichte treu, was damals als allgemeines Ergebnis der Beobachtungen ausgegeben wurde; man soll aber, glaube ich, bei diesen Zahlenvergleichen nicht vergessen, daß sich trotz des äußeren Anscheins die Epidemien mehrerer aufeinanderfolgender Jahre nicht gleichen und daß, um über die Anwendung der stärkenden oder schwächenden Heilmittel (wenn überhaupt ein solcher Unterschied in absolutem Sinne vorhanden ist) zu urteilen, zwischen den verschiedenen Perioden der Krankheit differenziert werden muß.

Das Klima von Puerto Cabello ist weniger heiß als das von La Guaira. Der Seewind weht dort stärker, häufiger und regelmäßiger. Die Häuser stehen nicht an Felswänden, welche tagsüber die Sonnenstrahlen absorbieren und nachts die Wärme wieder ausstrahlen. Die Luft kann zwischen den Küsten und den Bergen von Ilaria frei zirkulieren. Die Ursachen der ungesunden Atmosphäre müssen an dem sich westlich in weite Ferne gegen Punta de Tucacos, in der Nähe des schönen Hafens von Chichiribiche, ausdehnenden Strand gesucht werden. Hier befinden sich die Salinen, und hier herrschen bei Eintritt der Regenzeit die dreitägigen Wechselfieber, die so leicht in ataxische [d.h. mit Bewegungsstörungen einhergehende] Fieber übergehen. Man hat die auffallende Bemerkung gemacht, daß die in den Salinen arbeitenden Mestizen dunkler gefärbt sind und eine gelbere Haut haben, wenn sie mehrere Jahre nacheinander diese Fieber überstanden haben, welche die Küstenkrankheit genannt werden. Die Bewohner dieses Strandes, arme Fischer, versichern, nicht die Überschwemmung des Meeres und das Wiederabfließen des salzigen Wassers sei es, was die mit Mangroven bedeckte Landschaft ungesund mache, sondern die ungesunde Luftbeschaffenheit rühre von den Überschwemmungen des Guayguaza – und des Estévan-Stromes her, die in den Monaten Oktober und November so plötzlich und mächtig anschwellen. Die Ufer des Río Estévan sind für ihre Anwohner weniger gefährlich, seit kleine Mais- und Bananenpflanzungen angelegt worden sind und seit es gelungen ist, den Fluß durch Erhöhung und Befestigung des Terrains in engerem Bett zu halten. Man ist mit dem Plan beschäftigt, dem Río San Estévan eine andere Mündung zu geben und dadurch die Umgegend von Puerto Cabello gesünder zu machen. Ein Ableitungskanal soll das Wasser dem der Insel Guayguaza vorgelagerten Küstenteil zuführen.

Die Salinen von Puerto Cabello gleichen ziemlich denen der Halbinsel Araya nahe bei Cumaná. Die Erde, welche man durch Sammeln des Regenwassers in kleinen Becken auslaugt, enthält jedoch weniger Salz. Man wirft hier wie in Cumaná die Frage auf, ob das Erdreich mit Salzteilchen gesättigt ist, weil es seit Jahrhunderten in Intervallen mit an der Sonne verdunstendem Seewasser bedeckt war, oder ob der Boden salzhaltig ist wie ein sehr armes Steinsalzbergwerk. Ich fand die erforderliche Muße nicht, um diesen Strand mit gleicher Sorgfalt wie die Halbinsel Araya zu untersuchen. Führt übrigens dieses Problem nicht auf die sehr einfache Frage zurück, ob das Salz von neuen oder sehr alten Überflutungen herrührt? Weil die Arbeit in den Salinen von Puerto Cabello im höchsten Grad ungesund ist, geben sich nur die allerärmsten Menschen damit ab. Sie sammeln das Salz in kleinen Depots und verkaufen es danach an die Läden der Stadt.

Während unseres Aufenthalts in Puerto Cabello war die Küstenströmung, die gewöhnlich westwärts geht, von Westen nach Osten gerichtet. Diese nach oben führende Strömung (corriente por arriba), von der wir auch schon sprachen, ist während zwei bis drei Monaten im Jahr, vom September bis Oktober, häufig. Man hält sie für die Wirkung einiger Nordwestwinde zwischen Jamaica und dem Kap San Antonio der Insel Cuba.

Die militärische Verteidigung der Küsten der Tierra Firme beruht auf sechs Punkten, dem Schloß San Antonio von Cumaná, dem Morro von Nueva Barcelona, den Festungswerken von La Guaira (mit 134 Kanonen), Puerto Cabello, dem Fort San Carlos an der Mündung des Sees von Maracaibo und Cartagena. Nach Cartagena ist Puerto Cabello der wichtigste befestigte Platz. Die Stadt ist sehr modern und ihr Hafen einer der schönsten, den man in beiden Welten kennt. Menschenwerk konnte den Vorteilen, die seine natürliche Lage bietet, fast nichts hinzufügen. Eine Landzunge verlängert sich erst nördlich, dann westwärts. Ihr westliches Ende steht einer Reihe von Inseln gegenüber, die durch Brücken verbunden und so nahe beieinander sind, daß man sie für eine zweite Landzunge halten könnte. Diese Inseln gehören alle einer extrem rezenten Formation von Kalkbreccie an, die der verwandt ist, die wir an der Küste von Cumaná und in der Nähe des Schlosses Araya beschrieben haben. Es ist ein Konglomerat, das Bruchstücke von Madreporen und anderen Korallen enthält, die auf kalkiger Grundlage, mit Sandkörnern verkittet sind. Wir hatten dieses Konglomerat schon in der Nähe des Río Guayguaza gesehen. Vermöge der außerordentlichen Verhältnisse des Terrains gleicht der Hafen einem Becken oder einer inneren Lagune, deren Südende von kleinen Inseln erfüllt ist, die von Mangroven bedeckt sind. Die westliche Öffnung des Hafens trägt viel zur Ruhe des Wassers bei. Auf einmal kann nur ein einziges Schiff einlaufen; aber die größten Linienschiffe können ganz nahe am Land ankern, um Wasser einzunehmen. Die Felsenriffe von Punta Brava, denen gegenüber eine Batterie von acht Kanonen errichtet wurde, bilden die einzige Gefahr bei der Hafeneinfahrt. Westwärts und südwestwärts erblickt man das Fort, das ein regelmäßiges Pentagon mit fünf Bastionen bildet, die Batterie auf dem Felsenriff und die Befestigungen, welche die alte Stadt umgeben, die auf einer kleinen trapezförmigen Insel gegründet wurde. Eine Brücke und das feste Tor des Pfahlwerkes vereinigen die alte Stadt mit der neuen, die schon größer als diese ist, obgleich sie nur als Vorstadt angesehen wird. Der Hintergrund des Beckens (oder der Lagune), der den Hafen von Puerto Cabello bildet, umfaßt den Südwesten dieser Vorstadt und bildet ein Sumpfland, das mit stinkendem, stagnierendem Wasser überschwemmt ist. Die Stadt hat heute nahezu 9000 Einwohner. Sie verdankt ihren Ursprung dem Schleichhandel, den die Nähe der 1549 gegründeten Stadt Burburata zu diesem Küstenstrich hinzog. Erst unter der Verwaltung der Biskayer und der Compagnie von Guipúzcoa wurde Puerto Cabello, das nur ein Weiler gewesen war, zu einer wohlbefestigten Stadt. Die Schiffe von La Guaira, das weniger ein Hafen als eine schlechte, offene Reede ist, kommen nach Puerto Cabello, um sich kalfatern und ausbessern zu lassen.

Die wahre Verteidigung des Hafens besteht in den tief liegenden Batterien der Landzunge von Punta Brava und des Felsenriffs, und man hat dieses Prinzip verkannt, als man mit großen Kosten auf den Bergen, welche die Vorstadt südwärts beherrschen, ein neues Fort, das Belvedere (Mirador) von Solano erbauen ließ. Dieses eine Viertelliewe vom Hafen entfernte Werk liegt 400 bis 500 Fuß über dem Meer. Seine Baukosten betrugen jährlich während einer langen Reihe von Jahren 20.000 bis 30.000 Piaster. Der Generalkapitän von Caracas, Herr de Guevara y Vasconcelos, urteilte wie die geschickten spanischen Ingenieure, der Mirador, der zu meiner Zeit nur noch mit 16 Kanonen versehen war, könnte für die Verteidigung des Platzes wenig leisten und hieß die Arbeiten einstellen. Eine lange Erfahrung hat bewiesen, daß die sehr erhöht liegenden Batterien, selbst wenn sie mit großem Geschütz versehen sind, viel weniger zum Schutz der Reede leisten als niedrige, halb im Wasser stehende Batterien, die mit Kanonen kleineren Kalibers ausgerüstet, aber auf den Küsten oder Hafendämmen errichtet sind. Wir fanden den Platz Puerto Cabello in einem unbefriedigendem Verteidigungszustand. Die Festungswerke des Hafens und die Umwallung der Stadt mit etwa 60 Feuerschlünden erfordern eine Besatzung von 1800 bis 2000 Mann; es waren aber nur 600 vorhanden. Auch war nachts eine königliche Fregatte von den Kanonier-Schaluppen eines englischen Kriegsschiffes angegriffen und genommen worden, obgleich sie am Hafeneingang vor Anker lag. Die Blockade verhinderte den Schleichhandel weniger, als sie ihn begünstigte; alles schien in Puerto Cabello zunehmende Bevölkerung und Gewerbefleiß anzukünden. Der aktivste Schleichhandel wird mit den Inseln Curaçao und Jamaica getrieben. Jährlich werden mehr als 10.000 Maultiere ausgeführt. Es ist ein ziemlich merkwürdiges Schauspiel, diese Tiere einschiffen zu sehen, die durch Schlingen zu Boden geworfen und mittels einer kranähnlichen Vorrichtung an Bord der Schiffe gebracht werden. In zwei Reihen gestellt, können die Maultiere sich während des Schlingerns und Stampfens des Schiffes kaum aufrecht halten. Um sie zu schrecken und fügsamer zu machen, wird einen großen Teil des Tages und der Nacht die Trommel gerührt. Man stelle sich die Ruhe vor, die ein Passagier genießt, der den Mut besitzt, sich auf einer dieser mit Maultieren beladenen Goeletten nach Jamaica einzuschiffen.

 

Wir verließen Puerto Cabello am 1. März [1800] bei Sonnenaufgang. Mit Verwunderung sahen wir die große Zahl der Kähne beladen mit Früchten, die man auf dem Markt verkauft. Dies erinnerte mich an einen schönen Morgen in Venedig. Von der Seeseite gewährt die Stadt im allgemeinen einen freundlichen und angenehmen Anblick. Mit Vegetation bedeckte und mit Pics gekrönte Gipfel, die man ihren Umrissen nach für aus trappartigem Gestein bestehend halten könnte, bilden den Hintergrund der Landschaft. In der Küstennähe ist alles nackt, weiß und hell beleuchtet; während die Bergwand mit dicht belaubten Bäumen besetzt ist, die ihre langen Schatten auf die braune und felsige Landschaft werfen. Beim Verlassen der Stadt besichtigten wir die soeben vollendete Wasserleitung. Sie ist 5000 varas lang und führt in einer Rinne das Wasser des Río Estévan nach der Stadt. Das Werk kostete über 30.000 Piaster; dafür fließt nun aber auch Wasser in allen Straßen.

[Über die Milch des Kuhbaums und den Saft der Carica papaya des Melonenbaums]

Auf dem Rückweg von Puerto Cabello nach den Tälern von Aragua machten wir nochmals halt in der Pflanzung von Barbula, durch welche die neue Straße von Valencia geführt wird. Wir hatten seit mehreren Wochen von einem Baum sprechen hören, dessen Saft eine nährende Milch ist. Er wird der Kuhbaum genannt, und man versicherte uns, die Neger des Hofes, welche diese Pflanzenmilch in Menge tränken, hielten sie für eine sehr gesunde Nahrung. Da alle Milchsäfte der Pflanzen beißend, bitter und mehr oder weniger giftig sind, kam uns diese Angabe sehr seltsam vor. Die Erfahrung belehrte uns während des Aufenthalts in Barbula, daß man uns keineswegs die guten Eigenschaften des palo de vaca übertrieben dargestellt hatte. Dieser schöne Baum hat die Gestalt des Sternapfelbaums [Chrysophyllum Cainito]. Seine länglichen, zugespitzten, lederartigen und wechselständigen Blätter sind mit unten vorspringenden und parallellaufenden Seitenrippen versehen. Ihre Länge beträgt bis zu zehn Zoll. Die Blüte haben wir nicht gesehen; die Frucht hat wenig Fleisch und enthält eine, bisweilen auch zwei Nüsse. Werden in den Stamm des Kuhbaums Einschnitte gemacht, spendet er reichlich eine klebrige, ziemlich dicke, von jeder Schärfe freie, sehr angenehm balsamisch riechende Milch. Man reichte uns diese Milch in Früchten des Tutumo oder Flaschenkürbisbaumes. Wir haben davon getrunken, sowohl abends vor dem Schlafengehen als früh morgens, ohne irgendeine schädliche Wirkung zu verspüren. Nur die Klebrigkeit macht die Milch etwas unangenehm. Die Neger und die Freien, die auf der Pflanzung arbeiten, trinken sie, indem sie Mais- oder Maniocbrot, arepa und cassave, in sie eintauchen. Der Verwalter des Hofes versicherte, die Sklaven würden zusehends fetter während der Jahreszeit, in welcher der palo de vaca die meiste Milch liefert. An der Luft bilden sich auf der Oberfläche des Saftes, vielleicht infolge Absorption atmosphärischen Sauerstoffs, Häute einer sich stark in tierischen Stoff umwandelnden, gelblichen, faserigen und käseähnlichen Substanz. Wenn man diese Häute von der übrigen mehr wässerigen Flüssigkeit trennt, sind sie fast elastisch wie Kautschuk. In der Folge aber gehen sie ebenso in Fäulnis über wie Gelatine. Das Volk nennt den sich im Kontakt mit der Luft abtrennenden Klumpen Käse; er wird in fünf bis sechs Tagen sauer, wie ich an kleinen Rationen, die ich mit nach Nueva Valencia nahm, beobachtet habe. In einem wohlverschlossenen Fläschchen aufbewahrt, setzte sich aus der Milch ein wenig Gerinnsel ab; und weit entfernt, übelriechend zu werden, bewahrte sie ständig ihren balsamischen Gerucht. Mit kaltem Wasser gemischt gerann der frische Saft kaum; dagegen erfolgte die Trennung der klebrigen Häute, wenn ich ihn mit Salpetersäure in Berührung brachte. Wir sandten zwei Flaschen dieser Milch an Herrn Fourcroy nach Paris. In der einen war sie in ihrem natürlichen Zustand, in der anderen hingegen mit einer gewissen Menge kohlensaurer Soda vermischt. Der französische Konsul auf der Insel Sankt Thomas hatte die Gefälligkeit, diese Sendung zu besorgen.

Es scheint der außerordentliche Baum, von dem hier die Rede ist, vorzüglich der Küsten-Cordillere, der Gegend zwischen Barbula und dem Maracaibo-See, anzugehören. Einige Stämme stehen auch in der Nähe des Dorfs San Mateo und nach dem Zeugnis des Herrn Bredemeyer, dessen Reisen den schönen Gewächshäusern von Schönbrunn und Wien so reichen Zuwachs brachten, auch im Tal von Caucagua, drei Tagesreisen östlich von Caracas. Dieser Naturforscher fand wie wir die Pflanzenmilch des palo de vaca von angenehmem Geschmack und aromatischem Geruch. In Caucagua nennen die Eingeborenen den Baum, welcher diesen nährenden Saft liefert, Milchbaum, árbol de leche. Sie behaupten, an der Dichte und Farbe des Laubes die Stämme zu unterscheiden, die am meisten Saft enthalten, wie die Hirten an äußeren Kennzeichen eine gute Milchkuh erkennen. Noch hat bis dahin kein Botaniker das Dasein dieses Gewächses gekannt, von dem man sich die Befruchtungsteile wird leicht verschaffen können. Nach Herrn Kunth scheint es der Familie der Sapoteen anzugehören. Ich habe erst lange nach meiner Rückkehr nach Europa, in der Beschreibung von Ostindien des Holländers Laet, eine Stelle gefunden, die sich auf den Kuhbaum zu beziehen scheint. „Es befinden sich“, sagt Laet, „in der Provinz Cumaná Bäume, deren Saft einer geronnenen Milch gleicht und eine gesunde Nahrung gewährt. “

Ich gestehe, daß unter der großen Zahl merkwürdiger Erscheinungen, die mir auf meinen Reisen vorgekommen sind, nur wenige meine Einbildungskraft so stark beeindruckten wie der Anblick des Kuhbaums. Alles, was Milch und die Zerealien betrifft, regt eine Teilnahme in uns an, die nicht nur auf dem Wert der physischen Kenntnis der Dinge beruht, sondern sich einer anderen Reihe der Ideen und Gefühle anschließt. Wir können uns kaum denken, daß das Menschengeschlecht ohne mehlige Substanzen, ohne den Nahrungssaft bestehen könnte, den die Mutterbrust enthält, welcher der lange andauernden Schwäche des Kindes angepaßt ist. Das Stärkemehl der Zerealien, ein Gegenstand religiöser Verehrung bei sehr vielen alten und neueren Völkern, kommt in den Samen und Wurzeln der Vegetabilien vor; die zur Nahrung dienende Milch zeigt sich uns ausschließlich als ein Erzeugnis animalischer Organisation. Solcherart ist auch die Ursache des Erstaunens, das uns beim Anblick des soeben beschriebenen Baumes ergreift. Es sind hier nicht die prachtvollen Schatten der Wälder, weder der majestätische Lauf der Ströme noch in ewigen Schnee gehüllte Berge, die uns mächtig ergreifen. Einige Tropfen eines Pflanzensafts erinnern uns an die Allmacht und Fruchtbarkeit der Natur. Am dürren Abhang eines Felsen wächst ein Baum, dessen Blätter dürr und zäh sind. Seine dicken holzigen Wurzeln haben Mühe, in das Gestein einzudringen. Mehrere Monate des Jahres befeuchtet kein erquickender Regen sein Laub. Die Äste scheinen abgestorben und vertrocknet, bohrt man aber den Stamm an, so entfließt ihm eine milde und nährende Milch. Bei Sonnenaufgang ist diese vegetabilische Quelle am reichsten. Es kommen dann von allen Seiten her Neger und Eingeborene, mit großen Näpfen versehen, um die Milch zu sammeln, die gelb wird und sich auf der Oberfläche verdichtet. Die einen leeren ihre Näpfe unter dem Baum selbst aus, andere bringen das Gesammelte ihren Kindern. Man glaubt die Familie eines Hirten zu sehen, der die Milch seiner Herde verteilt.

Dies sind die Eindrücke, die der erste Anblick des Kuhbaums im Geist des Reisenden zurückläßt. Die Wissenschaft zeigt uns, indem sie die natürlichen Eigenschaften der tierischen und der Pflanzensubstanzen untersucht, die zwischen beiden bestehende enge Verbindung; aber sie beraubt uns des Wunderbaren und vielleicht sogar eines Teiles unseres ursprünglichen Interesses. Nichts erscheint isoliert; chemische Grundstoffe, welche man den Tieren eigentümlich glaubte, finden sich in den Pflanzen wieder. Ein gemeinsames Band umschlingt die gesamte organische Natur.

Lange bevor unsere Chemiker kleine Wachsteilchen in den Blütenpollen, im Firnis der Blätter und im weißlichen Staub unserer Pflaumen und Trauben erkannt hatten, verfertigten die Bewohner der Anden von Quindío Kerzen aus der dicken Wachskruste, die den Stamm eines Palmbaums bedeckt. Vor wenigen Jahren erst gelang in Europa die Entdeckung des Kaseins, des Käsegrundstoffes, in der Mandelmilch; seit Jahrhunderten werden indessen im Küstengebirge Venezuelas die Milch eines Baumes und der Käse, der sich aus dieser vegetabilischen Milch abscheidet, als gesunde Nahrung betrachtet. Worauf beruht dieser seltsame Gang in der Entwicklung unserer Kenntnisse? Wie gelangte das Volk auf der einen Halbkugel zur Erkenntnis dessen, was auf der andern sich so lange dem Scharfsinn der Chemiker entzog, die gewöhnt sind, die Natur zu befragen und sie in ihrem geheimnisvollen Gang zu überraschen? Der Grund liegt darin, daß eine kleine Zahl von Elementen und verschieden verbundenen Grundstoffen in mehreren Pflanzenfamilien verbreitet sind; daß die Gattungen und Arten dieser natürlichen Familien nicht gleichmäßig in der Äquatorialzone und in den kalten und gemäßigten Zonen verteilt sind; daß Völkerschaften, die notgedrungen fast all ihre Nahrung aus dem Pflanzenreich ziehen, überall nährende Grundstoffe, mehlige und nahrhafte Substanzen entdecken, wo die Natur sie in Säften, Rinden, Wurzeln oder Früchten der Gewächse aufbewahrt hat. Dieses Stärkemehl, das die Körner der Zerealien am reinsten enthalten, findet sich in den Wurzeln des Arum, der Tacca pinnatifida und der Jatropha manihot, mit einem scharfen und zuweilen sogar giftigen Saft. Der amerikanische Wilde hat wie der Bewohner der Südsee-Inseln gelernt, Stärkemehl durch Auspressen und Trennung von seinem Saft zu versüßen. In der Pflanzenmilch und in den milchigen Emulsionen sind überaus nährende Stoffe, Eiweiß, Kasein und Zucker, mit dem Kautschuk und mit ätzenden und zerstörenden Grundstoffen, wie Morphium und Blausäure, vermischt. Diese Mischungen variieren nicht nur in den verschiedenen Familien, sondern auch in den Arten, welche zur selben Gattung gehören. Bald ist es das Morphium und der narkotische Grundstoff, der wie bei einigen Mohnarten die Pflanzenmilch kennzeichnet; bald der Kautschuk wie bei der Hevea und Castilloa; bald das Eiweiß und das Kasein wie beim Melonen- und Kuhbaum.

Die Milchsaftpflanzen gehören vorzugsweise zu den drei Familien der Euphorbiaceen, Urticeen und Apocineen, und da es sich bei Untersuchung der Verteilung der Pflanzenformen über den Erdball ergibt, daß diese drei Familien in der niederen Region der Tropenländer in zahlreicheren Arten vorkommen, läßt sich daraus folgern, daß eine sehr erhöhte Temperatur zur Ausbildung der Milchsäfte, zur Bildung des Kautschuks, des Eiweißes und des Kaseins beiträgt. Der Saft des palo de vaca zeigt ohne Zweifel das merkwürdigste Beispiel einer Pflanzenmilch, worin der scharfe und schädliche Grundstoff dem Eiweiß, dem Kasein und dem Kautschuk nicht beigesellt ist; inzwischen fanden sich auch in den Gattungen Euphorbia und Asclepias, die so allgemein durch ihre ätzenden Eigenschaften bekannt sind, solche Arten, deren Saft mild und unschädlich ist. Dahin gehören Tabayba dulce der Canarischen Inseln, von dem wir anderswo gesprochen haben, und Asclepias lactífera aus Ceylon. Burmann erzählt, man bediene sich in Ermangelung von Kuhmilch dort des Milchsafts dieser Pflanze, und man lasse mit ihren Blättern die Speisen kochen, die sonst gewöhnlich mit Tiermilch zubereitet werden. Man darf hoffen, ein in der Chemie sehr bewanderter Reisender, Herr John Davy, werde diese Tatsache während seines Verweilens auf der Insel Ceylon aufklären; denn es wäre möglich, wie Herr Decandolle bemerkt, daß die Eingeborenen nur an einem Zeitpunkt den Saft der ganz jungen Pflanze gebrauchten, wo der scharfe Grundstoff noch nicht entwickelt ist. Die ersten Sprößlinge der Apocyneen werden auch wirklich in mehreren Ländern gegessen.

 

Ich versuchte in dieser Zusammenstellung, die Milchsäfte, welche in den Pflanzen zirkulieren, und die milchigen Säfte, die aus den Früchten der Amygdaleen und Palmbaumarten stammen, unter einem allgemeinen Gesichtspunkt zu betrachten. Es sei mir gestattet, diesen Betrachtungen die Resultate einiger Versuche beizugesellen, die ich mit dem Saft der Carica papaya während meines Aufenthalts in den Tälern von Aragua angestellt habe, obgleich ich damals fast gar nicht mit Reagenzien versehen war. Der gleiche Saft ist seither von Herrn Vauquelin untersucht worden. Dieser berühmte Chemiker hat das Eiweiß und den käseartigen Stoff sehr wohl erkannt; er vergleicht den milchigen Saft mit einer stark animalisierten Substanz, dem Blut der Tiere; er konnte aber seiner Prüfung nur einen gegorenen Saft und ein Gerinnsel von stinkendem Geruch unterwerfen, das sich während der Überfahrt des Schiffes von Ile de France [Mauritius] nach Le Havre gebildet hatte. Er drückt den Wunsch aus, ein Reisender möchte die Milch des Melonenbaums frisch, wie sie aus den Zweigen oder der Frucht abfließt, untersuchen.

Je jünger die Frucht des Melonenbaums ist, um so mehr Milch liefert sie, und diese findet sich bereits im kaum befruchteten Keim. In dem Maß, wie die Frucht reift, nimmt die Milch an Menge ab und wird wäßriger. Sie enthält dann weniger von diesem animalischen, durch Säuren und die Absorption des Sauerstoffs der Atmosphäre gerinnbaren Stoff. Weil die ganze Frucht klebrig ist, könnte man glauben, der gerinnungsfähige Stoff werde in die Organe abgelagert und ein Teil der markigen oder fleischigen Substanz bilde sich daraus, indem sie dicker werden. Wenn mit vier Teilen Wasser verdünnte Salpetersäure tropfenweise der ausgepreßten Milch einer noch ganz jungen Frucht beigemischt wird, zeigt sich eine ganz außerordentliche Erscheinung. Im Mittelpunkt jedes Tropfens bildet sich ein gallertiges Häutchen, das durch gräuliche Striche abgeteilt ist. Diese Striche sind nichts anderes als der wäßrig gewordene Saft, weil der Kontakt mit der Säure ihm das Eiweiß entzogen hat. Zu gleicher Zeit wird der Mittelpunkt der Häutchen undurchsichtig und nimmt die Farbe von Eidotter an. Sie vergrößern sich wie durch die Verlängerung auseinanderlaufender Fasern. Die ganze Flüssigkeit gleicht anfänglich einem Achat mit milchigen Wölkchen, und man glaubt, organische Häutchen unter seinen Augen entstehen zu sehen. Wenn das Gerinnen sich über die ganze Masse ausdehnt, verschwinden die gelben Flecken von neuem. Durch Schütteln wird die Masse körnig wie weicher Käse. Die gelbe Farbe kommt wieder zum Vorschein, wenn man nochmals einige Tropfen Salpetersäure zugießt. Die Säure wirkt hier wie die Berührung des Sauerstoffs der Atmosphäre bei der Temperatur von 27 bis 35°; denn das weiß Geronnene wird in zwei bis drei Minuten gelb, wenn man es der Sonne aussetzt. Nach einigen Stunden geht das Gelbe in Braun über, ohne Zweifel, weil der Kohlenstoff freier wird, in dem Maß, wie der mit ihm vereint gewesene Wasserstoff verbrennt. Das durch die Säure gebildete Geronnene wird klebrig und nimmt den Wachsgeruch an, den ich bei der Behandlung des Muskelfleisches und der Pilze (Morcheln) mit Salpetersäure wahrnahm. Nach den schönen Versuchen des Herrn Hatchett läßt sich annehmen, daß das Eiweiß zum Teil in Gelatine übergeht. Das frisch bereitete Geronnene des Melonenbaums wird, im Wasser aufgeweicht, zum Teil aufgelöst und färbt das Wasser gelblich. Die Milch, mit Wasser in Verbindung gebracht, bildet gleichfalls Häute. Eine zitternde Gallerte, dem Stärkemehl ähnlich, wird alsbald daraus niedergeschlagen. Diese Erscheinung zeigt sich besonders auffällig, wenn das dazu gebrauchte Wasser bis zu 40 oder 60° erwärmt ist. Die Gallerte verdichtet sich im Verhältnis des zugegossenen Wassers. Sie bewahrt ihre weiße Farbe lange und wird nur durch Kontakt mit einigen Tropfen Salpetersäure gelb gefärbt. Angeregt durch den Versuch der Herren Fourcroy und Vauquelin mit dem Saft des Gummibaums (Hevea), vermischte ich die Milch des Melonenbaums mit einer Auflösung von kohlensaurem Natron. Es bildete sich kein Klumpen, auch dann nicht, wenn reines Wasser zu der Mischung von Milch und alkalischer Lösung gegossen wurde. Die Häute erscheinen erst, wenn durch Zusatz einer Säure das Soda neutralisiert und ein Übermaß von Säure vorhanden ist. Ich habe sogar das aus Salpetersäure, Zitronensaft oder heißem Wasser gebildete Geronnene mittels Mischung mit kohlensaurem Natron zum Verschwinden gebracht. Der Saft wird wieder milchig und flüssig, wie er ursprünglich gewesen ist; wenn dieser Versuch gelingen soll, muß jedoch das Geronnene noch frisch und erst kürzlich gebildet sein.

Vergleicht man die Milchsäfte des Melonenbaums, des Kuhbaums und der Hevea, so zeigt sich eine auffallende Analogie zwischen den Säften, bei denen der käseartige Stoff, und denen, worin das Kautschuk vorherrschend ist. Aller weiß und frisch bereitete Kautschuk und sogar die wasserdichten Mäntel, die im spanischen Amerika mittels einer zwischen zwei Stücke Leinwand gebrachten Milchschicht des Gummibaums verfertigt werden, dünsten einen tierischen und widerlichen Geruch aus. Dieser scheint anzudeuten, daß der Kautschuk beim Gerinnen das Kasein nach sich zieht, es vielleicht nur ein modifiziertes Eiweiß ist.

Die Frucht des Brotbaumes ist ebensowenig Brot wie die Banane vor ihrer Reife oder die knolligen, stärkemehlhaltigen Wurzeln des Manioc, der Dioscorea, des Convolvulus batatas und der Kartoffel. Die Milch des Kuhbaums hingegen enthält das Kasein gleich der Milch der Säugetiere. Bei allgemeiner Betrachtung halten wir mit Herrn Gay-Lussac den Kautschuk für den öligen Teil, die Butter der vegetabilischen Milch. Wir finden in der Milch der Gewächse Kasein und Kautschuk; in der Milch der Tiere Kasein und Butter. Die zwei eiweißartigen und öligen Grundstoffe kommen in verschiedener Proportion in den verschiedenen Arten der Tiere und der Milchsaftpflanzen vor. In diesen sind sie meist mit anderen, als Nahrung schädlichen Substanzen verbunden, die man jedoch vielleicht durch chemische Vorkehrungen auszuscheiden vermöchte. Eine Pflanzenmilch wird nährend, wenn sie keine scharfen und narkotischen Grundstoffe enthält und wenn der Kautschuk weniger als das Kasein darin vorherrschend ist.

Wenn der palo de vaca die unermeßliche Fruchtbarkeit und Wohltätigkeit der Natur in der heißen Zone darstellt, erinnert er auch an die zahlreichen Ursachen, die in diesen schönen Klimaten die sorglose Trägheit des Menschen begünstigen. Mungo Park hat uns mit dem Butterbaum von Bambarra bekannt gemacht, von dem Herr Decandolle vermutet, er gehöre wie unser Milchbaum zur Familie der Sapoteen. Die Banane, der Sagobaum, die Mauritia-Palme des Orinoco sind Brotbäume wie die Rima der Südsee. Die Früchte von Crescentia und Lecythis dienen als Gefäße; Blumenscheiden der Palmbäume und Baumrinden liefern Mützen und Gewänder ohne Nähte. Die Knoten oder vielmehr die inneren Scheidewände des Stamms der Bambusrohre dienen zu Leitern und erleichtern auf mannigfaltige Weise den Bau der Hütten, die Verfertigung von Stühlen, Betten und anderen Hausgeräten, die der Reichtum der Wilden sind. Inmitten einer so üppigen, in ihren Erzeugnissen so mannigfaltigen Vegetation bedarf es kräftiger Antriebe, um den Menschen zur Arbeit anzuspornen, ihn aus seiner Lethargie aufzuwecken und seine Geisteskräfte zu entwickeln.

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