Werke

Text
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

15 bis 18 Stunden nach der schrecklichen Katastrophe blieb der Erdboden ruhig. Die Nacht, wie oben bemerkt worden ist, war schön und ruhig; erst nach dem 27. März [1812] erfolgten wieder neue Stöße, die von einem unterirdischen, überaus heftigen und andauernden Donner (bramido) begleitet waren. Die Einwohner von Caracas zerstreuten sich in der Umgegend, weil aber Dörfer und Höfe ebenso gelitten hatten wie die Stadt, fanden sie nur jenseits der Berge von Los Teques, in den Tälern von Aragua und in den Llanos oder Savannen Obdach. Oftmals wurden an einem einzigen Tag bis zu 15 Schwingungen verspürt. Am 5. April [1812] geschah ein Erdbeben, das an Heftigkeit dem wenig nachstand, das die Hauptstadt zerstört hatte. Der Boden erlitt mehrere Stunden nacheinander ununterbrochene Schwingungen. Es erfolgten große Bergstürze; gewaltige Felsmassen lösten sich von der Silla de Caracas ab. Man behauptete sogar (und diese Meinung ist jetzt noch allgemein im Land verbreitet), die beiden abgerundeten Spitzen der Silla hätten sich um 50 bis 60 Toisen gesenkt. Diese Behauptung beruht aber auf keinerlei Messung. Mir ist bekannt, daß man sich auch in der Provinz Quito bei jeder großen Erschütterung einbildet, der Vulkan von Tunguragua sei niedriger geworden.

In mehreren anläßlich der Zerstörung von Caracas veröffentlichten Nachrichten wurde behauptet, der Berg la Silla sei ein erloschener Vulkan, man finde viele vulkanische Substanzen auf dem Weg, der von La Guaira nach Caracas führe, die Felsen böten keine regelmäßige Schichtung dar und trügen alle das Gepräge des Feuers. Man hat sogar hinzugesetzt, es hätten Herr Bonpland und ich zwölf Jahre vor der großen Katastrophe, zufolge unserer mineralogischen und physikalischen Untersuchungen, die Silla als eine gefährliche Nachbarschaft für die Stadt angesehen, indem dieser Berg viel Schwefel enthalte und die Erschütterungen von der Nord-Ost-Seite herkommen müßten. Es geschieht selten, daß Naturforscher sich wegen einer in Erfüllung gegangenen Vorhersage rechtfertigen müssen, doch ich halte mich verpflichtet, irrige Meinungen zu bestreiten, welche über die örtlichen Ursachen der Erdbeben allzu leicht Eingang finden.

Überall, wo der Boden monatelang in steter Bewegung bleibt wie auf Jamaica 1693, zu Lissabon 1755, in Cumaná 1766, in Piemont 1808, erwartet man den bevorstehenden Ausbruch eines Vulkans. Man vergißt, daß der wirksame Herd oder Mittelpunkt fern von der Erdoberfläche gesucht werden muß; daß nach zuverlässigen Angaben die Schwingungen, und zwar sozusagen im gleichen Augenblick, sich 1000 lieues weit über Meere von großer Tiefe hin fortpflanzen; daß die größten Zerstörungen nicht am Fuß tätiger Vulkane, sondern in Bergketten, die aus den ungleichartigsten Gesteinen bestehen, stattfinden. Wir haben im vorhergehenden Buch die geognostische Beschreibung der Gegend von Caracas geliefert; es finden sich dort Gneise und Glimmerschiefer, die Bänke von Urgebirgskalkstein enthalten. Je geringer die Schichten gebrochen sind, desto unregelmäßiger fallen sie ein wie bei Freiberg in Sachsen und allenthalben, wo das Urgebirge sich schnell zu großer Höhe erhebt; ich habe dort weder Basalt noch Dolerit gefunden, nicht einmal Trachyte oder Trapp-Porphyre, überhaupt keinerlei Spur erloschener Vulkane, es sei denn, daß man die Diabase oder uranfängliche, im Gneis vorkommende Grünsteine als Spalten ausfüllende Lavamassen betrachten wollte. Dieser Grünstein ist von gleicher Art mit dem in Böhmen, Sachsen und Franken, und was man auch immer über die vormaligen Ursachen der Oxidation der Erdoberfläche denken mag, wird man doch, denke ich, nicht alle Urgebirge, welche Mischungen von Hornblende und körnigem Feldspat, sei es in Gängen oder in Kugeln mit konzentrischen Schichten, enthalten, vulkanisches Gebiet nennen. Man wird den Mont Blanc und den Mont d’Or nicht in die gleiche Klasse einordnen. Die Anhänger des Universalvulkanismus oder der geistvollen Huttonschen Theorie unterscheiden sogar die Laven, welche unter dem bloßen Druck der Atmosphäre auf der Oberfläche des Erdballs ausgeflossen sind, von denen, die unter dem gewaltigen Druck des Ozeans und aufliegender Felsmassen durch Feuer gebildet wurden. Sie würden die Auvergne und das granitische Tal von Caracas nicht unter dem gemeinsamen Namen einer Landschaft erloschener Vulkane vereinen.

Nie konnte mir in den Sinn kommen, auszusprechen, daß die Silla und der Cerro de Avila, Gebirge die aus Gneis und Glimmerschiefer beständen, eine gefährliche Nachbarschaft für die Hauptstadt seien, weil sie in untergeordneten Bänken des Urkalksteins viel Schwefelkies enthalten; wohl aber erinnere ich mich, während meines Aufenthalts in Caracas gesagt zu haben, das östliche Ende der Tierra Firme scheine sich seit dem großen Erdbeben von Quito in einem Zustand heftiger Bewegung zu befinden, der die Besorgnis erwecken könne, die Provinz Venezuela möchte nach einiger Zeit ebenfalls gewaltsame Erschütterungen erleiden. Ich setzte hinzu, wenn eine Landschaft lange Zeit Erdstößen ausgesetzt gewesen sei, schienen sich neue unterirdische Verbindungen mit den Nachbarländern zu öffnen, und die in der Richtung der Silla nordöstlich von der Stadt gelegenen Vulkane der Antillen seien vielleicht Luftlöcher, wodurch zur Zeit der Ausbrüche die elastischen Flüssigkeiten, welche die Erdbeben auf den Küsten des Festlandes verursachen, ihren Ausgang nähmen. Es ist aber ein großer Unterschied zwischen diesen, auf Kenntnis der Örtlichkeiten und bloße Analogien gegründeten Vermutungen und einer durch den Gang der Naturereignisse gerechtfertigten Vorhersage.

Während man gleichzeitig im Mississippital, auf der Insel Saint Vincent und in der Provinz Venezuela diese heftigen Erdstöße erlitt, wurde man am 30. April 1812 in Caracas, in Calabozo, das mitten in den Steppen liegt, und an den Gestaden des Río Apure, in einer Ausdehnung von 4000 Quadratures, durch ein unterirdisches Getöse erschreckt, das dem wiederholten Losbrennen von Kanonen des größten Kalibers glich. Dieses Getöse fing um zwei Uhr morgens an. Es war von keinen Stößen begleitet und, was sehr bemerkenswert ist, an der Küste ebenso stark wie 80 lieues weit im Inneren des Landes. Allenthalben glaubte man, es werde durch die Luft übertragen, und man war so weit entfernt, seine unterirdische Natur zu erkennen, daß in Caracas wie in Calabozo militärische Maßnahmen getroffen wurden, um den Ort gegen einen, wie es schien, mit grobem Geschütz anrückenden Feind zu verteidigen. Herr Palacio hörte beim Übergang des Río Apure unterhalb von Orivante, unfern des Zusammenflusses des Río Nula, aus dem Munde der Eingeborenen, „die Kanonenschüsse“ seien ebenso deutlich am westlichen Ende der Provinz Barinas wie im Hafen von Guaira auf der Nordseite der Küstenkette gehört worden.

Der Tag, an dem die Einwohner von Tierra Firme durch ein unterirdisches Getöse erschreckt wurden, war der gleiche, an welchem der große Ausbruch des Vulkans der Insel Saint Vincent stattfand. Dieser nahezu 500 Toisen hohe Berg hatte seit dem Jahr 1718 keine Lava ausgeworfen. Kaum bemerkte man einigen Rauch aufsteigen, als im Mai 1811 häufigere Stöße verkündeten, das vulkanische Feuer habe sich entweder neu entzündet oder diesem Teil der Antillen zugewandt. Der erste Ausbruch erfolgte nicht eher als am 27. April 1812, um Mittag. Es war nur ein Aschenauswurf, aber von einem entsetzlichen Krachen begleitet. Am 30. April geschah der Abfluß der Lava, die nach vier Stunden das Meer erreichte. Das Getöse des Ausbruchs glich „den wechselnden Abschüssen von Kanonen groben Kalibers und einem Musketenfeuer; und, was sehr bemerkenswert ist, man fand es stärker auf offener See, in großer Entfernung von der Insel, als im Angesicht des Landes, ganz nahe beim brennenden Vulkan“.

Die Luftlinie beträgt vom Vulkan von Saint Vincent zum Río Apure bei der Mündung des Nula 210 lieues; die Explosion wurde demnach in einer Entfernung gehört, die der des Vesuvs von Paris gleichkommt. Dieses Phänomen, mit dem sich eine Menge anderer, in der Cordillere der Anden beobachteter Tatsachen verknüpfen, beweist, wieviel ausgedehnter die unterirdische Tätigkeit eines Vulkans ist, als man den kleinen, auf der Erdoberfläche bewirkten Veränderungen nach zu glauben versucht sein sollte. Die Detonationen, die in der Neuen Welt tagelang auf 80, auf 100 und bis auf 200 lieues von einem Krater entfernt gehört werden, gelangen nicht durch Fortpflanzung des Tones in der Luft zu uns; das Getöse teilt sich durch die Erde mit, vielleicht sogar an der Stelle, wo wir uns befinden. Würden die Ausbrüche des Vulkans von Saint Vincent, des Cotopaxi oder des Tunguragua so weithin ertönen wie eine Kanone von ungeheurem Umfang, müßte die Stärke des Donners im umgekehrten Verhältnis der Entfernung wahrgenommen werden; die Erfahrung zeigt aber, daß dies nicht der Fall ist. Noch mehr: In der Südsee, während der Überfahrt von Guayaquil nach den Küsten Mexicos, kamen Herr Bonpland und ich auf Stellen, wo unsere sämtlichen Matrosen von einem dumpfen, aus der Tiefe des Ozeans aufsteigenden und durch das Wasser uns mitgeteilten Getöse erschreckt wurden. Es geschah dies zur Zeit eines neuen Ausbruchs des Cotopaxi, und wir waren von diesem Vulkan ebensoweit entfernt wie Neapel vom Ätna. Man rechnet nicht weniger als 145 lieues vom Vulkan Cotopaxi bis zu der kleinen Stadt Honda am Ufer des Río Magdalena; indessen hörte man zur Zeit der heftigen Ausbrüche dieses Vulkans im Jahr 1744 in Honda ein unterirdisches Getöse, das für Entladungen groben Geschützes gehalten wurde. Die Franziskanermönche streuten die Nachricht aus, Cartagena werde von den Briten belagert und bombardiert, und sie fand bei den Einwohnern überall Eingang. Der Vulkan Cotopaxi ist aber ein Kegel, der sich mehr als 1800 Toisen über das Becken von Honda erhebt; er entsteigt einem Plateau, dessen Erhöhung über dem Magdalena-Tal noch 1500 Toisen beträgt. Sämtliche kolossalen Berge sowie die zahllosen Täler und Schluchten Quitos, der Provinz de Los Pastos und von Popayán finden sich dazwischen! Es läßt sich nicht denken, daß sich unter diesen Umständen das Getöse durch die Luft oder durch die Schichten der Erdoberfläche fortgepflanzt und von dem Punkt hergekommen sei, wo der Kegel und der Krater des Cotopaxi stehen. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß der erhobene Teil des Königreichs Quito und der benachbarten Cordilleren keineswegs aus einer Gruppe vereinzelter Vulkane besteht, sondern daß sie eine einzige gewölbte Masse bilden, eine mächtige vulkanische Mauer, die von Süden nach Norden ausgedehnt einen Gebirgskamm von nahezu 600 Quadratlieues Oberfläche darbietet. Der Cotopaxi, der Tunguragua, der Antisana, der Pichincha befinden sich auf diesem Gewölbe und stehen sämtlich auf diesem Erhebungsboden. Sie führen unterschiedliche Namen, obgleich sie nur verschiedene Gipfel ein und derselben vulkanischen Grundmauer sind. Das Feuer bricht sich bald durch den einen, bald durch den anderen dieser Gipfel Bahn. Die verstopften Krater erscheinen uns als erloschene Vulkane; aber es ist zu vermuten, wenn der Cotopaxi oder der Tunguragua während eines Jahrhunderts nur ein oder zweimal ausbreche, daß das Feuer darum nicht geringer tätig ist unter der Stadt Quito, unter dem Pichincha und Imbaburu.

 

Weiter nordwärts erblicken wir zwischen dem Vulkan Cotopaxi und der Stadt Honda zwei andere vulkanische Bergsysteme, die von los Pastos und von Popayán. Die Verbindung dieser Systeme hat sich in den Anden auf eine ganz unzweideutige Weise durch eine Erscheinung bezeugt, die ich bereits anführte, als von der letzten Zerstörung Cumanás die Rede war. Eine dichte Rauchsäule stieg seit November 1796 aus dem Vulkan von Pasto, der westlich der gleichnamigen Stadt in der Nähe des Tals des Río Guaytara liegt. Die Mündungen des Vulkans sind seitwärts und befinden sich am westlichen Abhang; dennoch stieg die Rauchsäule drei einander folgende Monate lang über dem Bergkamm derart empor, daß sie den Bewohnern der Stadt Pasto ständig sichtbar blieb. Zu ihrem größten Erstaunen, so erzählten sie uns alle, sei am 4. Februar 1797 der Rauch plötzlich verschwunden, ohne daß irgendeine Erschütterung verspürt wurde. Dies geschah in dem Augenblick, als 65 lieues südwärts zwischen dem Chimborazo, dem Tunguragua und dem Altar (Capac Urcu) die Stadt Riobamba durch eines der schrecklichsten Erdbeben, welche die Geschichte kennt, zerstört wurde. Wie ließe es sich bei diesem Zusammentreffen der Erscheinungen bezweifeln, daß die aus den kleinen Mündungen oder ventanillas des Vulkans Pasto aufsteigenden Dünste nicht mit dem Druck der elastischen Flüssigkeiten zusammenhingen, die den Boden des Königreichs Quito erschüttert und in wenigen Augenblicken 30.000 bis 40.000 Einwohnern den Untergang gebracht haben?

Um die mächtigen Wirkungen der vulkanischen Reaktionen zu erklären und um zu erweisen, daß die Gruppe oder das Vulkansystem der Antillen von Zeit zu Zeit Tierra Firme zu erschüttern vermag, mußte ich die AndenCordillere erwähnen. Geologische Urteile können nur durch Analogie jüngster und demnach unzweideutig bewährter Tatsachen unterstützt werden; und in welch anderer Region der Erde ließen sich vulkanische Erscheinungen wahrnehmen, die zugleich größer und mannigfaltiger wären als in dieser durch das Feuer emporgehobenen doppelten Gebirgskette, auf diesem Boden, den auf jedem Gipfel, in jedem Tal die Natur mit ihren Wundern bedeckt hat? Betrachtet man einen entzündeten Krater als eine abgesonderte Erscheinung, schätzt man nur die Masse seiner ausgeworfenen steinartigen Erzeugnisse, kann uns die vulkanische Wirksamkeit auf der gegenwärtigen Oberfläche des Erdballs weder sehr mächtig noch sehr ausgedehnt erscheinen. Aber das Bild dieser Tätigkeit vergrößert sich in unserem Geist in dem Maß, wie wir die Beziehungen studieren, welche die Vulkane einer gemeinsamen Gruppe untereinander verbinden, zum Beispiel die von Neapel und Sizilien, die der Canarischen Inseln, der Azoren, der Kleinen Antillen, der Vulkane Mexicos, Guatemalas und der Plateaus von Quito; nach der Maßgabe, wie wir entweder die gegenseitigen Reaktionen dieser vulkanischen Systeme aufeinander oder die Entfernungen würdigen, in denen sie durch unterirdische Verbindungen gleichzeitig die Erde bewegen. Das Studium der Vulkane zerfällt in zwei Abteilungen. Die eine, rein mineralogische, hat die Untersuchung der wechselnden Gesteinsschichten oder der von der Wirkung des Feuers erzeugten Gesteine, von der Bildung der Trachyte oder Trapp-Porphyre, der Basalte, Phonolithe und Dolerite bis zu den jüngsten Laven zum Gegenstand. Die andere, weniger zugängliche und bis jetzt vernachlässigtere Abteilung umfaßt die physikalischen Verhältnisse, welche die Vulkane untereinander verbinden, den Einfluß, den ein vulkanisches System auf das andere ausübt, den Zusammenhang, welcher sich zwischen den feuerspeienden Bergen und den Stößen offenbart, die auf große Entfernungen hin und lange anhaltend in gleichen Richtungen die Erde erschüttern. Diese Abteilung kann erst dann Fortschritte machen, wenn man exakte Daten besitzen wird über die verschiedenen Epochen gleichzeitiger Wirksamkeit, Richtung, Ausdehnung und Stärke der Erschütterungen, über ihr allmähliches Vorschreiten in vorher unberührt gebliebene Gegenden, über das Zusammentreffen einer entfernten vulkanischen Eruption mit dem unterirdischen Getöse, das die Bewohner der Anden um seiner Stärke willen auf eine ausdrucksvolle Weise mit dem Namen des „unterirdischen Gebrülls und Donners“ belegt haben. Diese sämtlichen Angaben sind das Gebiet der Naturgeschichte, einer Wissenschaft, der nicht einmal ihr Name gesichert geblieben ist und die wie alle Geschichte von Zeiten ausgeht, welche uns fabelhaft vorkommen, und von Katastrophen, deren Gewalt und Größe unsere Phantasie nicht fassen kann.

Man hat sich lange Zeit darauf beschränkt, die Geschichte der Natur mittels alter, in der Erde vergrabener Denkmäler zu studieren; wenn aber auch der enge Kreis, worauf zuverlässige Überlieferungen beschränkt sind, so allgemeine Umwälzungen nicht bietet, wie die es sind, welche die Cordilleren emporhoben und Myriaden pelagischer Geschöpfe begruben, dann bietet die vor unseren Augen wirksame Natur nichtsdestoweniger solche tumultuarischen, obgleich nur partiellen Veränderungen dar, deren Studium auch die entferntesten Zeiträume erhellen kann. Im Inneren des Erdballs herrschen diese geheimnisvollen Kräfte, deren Wirkungen sich auf der Oberfläche manifestieren, durch die Erzeugung von Dämpfen, von glühenden Schlacken, von neuen vulkanischen Gesteinen und Thermalquellen, durch emporsteigende Inseln und Berge, durch Erschütterungen, die sich mit der Schnelligkeit des elektrischen Schlages fortpflanzen, und endlich durch diese unterirdischen Donner, die ganze Monate lang und ohne Erschütterung des Erdbodens in Gegenden, die von den wirksamen Vulkanen sehr weit entfernt liegen, gehört werden.

In dem Maß, wie die Äquinoktial-Länder Amerikas in ihrer Bevölkerung und Kultur fortschreiten und wie die Vulkan-Systeme des mexicanischen Zentral-Plateaus, der Kleinen Antillen, die Vulkane von Popayán, von Los Pastos und von Quito emsiger beobachtet werden, wird auch der Zusammenhang der Ausbrüche und der Erdbeben, die ihnen vorausgehen und sie zuweilen begleiten, allgemeiner erkannt werden. Die vorhin genannten Vulkane, vorzüglich die der Anden, welche die gewaltige Höhe von 2500 Toisen übersteigen, bieten der Beobachtung große Vorteile dar. Die Epochen ihrer Ausbrüche sind sehr ausgeprägt. Sie bleiben 30 bis 40 Jahre untätig, ohne Schlacken, Asche oder auch nur Dämpfe auszustoßen. In dieser Zwischenzeit bemerkte ich keine Spur von Rauch über dem Gipfel des Tunguragua und des Cotopaxi. Eine dem Krater des Vesuvs entsteigende Rauchwolke zieht kaum die Aufmerksamkeit der Einwohner von Neapel auf sich; sie sind an die Bewegungen dieses kleinen Vulkans gewöhnt, der zuweilen zwei bis drei Jahre durch Schlacken auswirft. Es ist dann schwer zu entscheiden, ob der Schlackenauswurf zum Zeitpunkt eines in den Apenninen verspürten Erdbebens häufiger war. Auf dem Rücken der Cordilleren gewinnt alles eine entschiedenere Ansicht. Ein Aschenauswurf, der nur einige Minuten dauert, folgt öfters einer zehnjährigen Ruhe. Unter solchen Umständen fällt es nicht schwer, Epochen festzustellen und das Zusammenfallen von Erscheinungen zu erkennen.

Wenn, woran sich in der Tat nicht zweifeln läßt, die Zerstörung von Cumaná 1797 und von Caracas 1812 den Einfluß der Vulkane der Kleinen Antillen auf die Erschütterungen der Küsten der Tierra Firme zeigen, wird am Schluß dieses Kapitels ein kurzer Blick auf diesen mediterranen Archipel nützlich sein. Die vulkanischen Inseln bilden ein Fünftel des Bogens, der sich von der Küste von Paria bis zur Halbinsel Florida erstreckt. Vermöge ihrer Ausdehnung von Süden nach Norden schließen sie auf der Ostseite dieses Binnenmeeres, während die Großen Antillen gleichsam die Trümmer einer Gruppe von Bergen der Urgebirgsformation bilden, deren höchster Teil sich zwischen Kap Abacou, Kap Morant und den Kupferbergen an der Stelle befunden zu haben scheint, wo die Inseln Santo Domingo, Cuba und Jamaica einander am nächsten stehen. Betrachtet man das Atlantische Becken als sehr großes Tal, das die beiden Kontinente voneinander trennt und in dem von 20° Süd bis 30° Nord die vorspringenden Winkel (Brasilien und Senegambien) den einwärtsgehenden Winkeln (der Golf von Guinea und das Antillenmeer) entsprechen, dann wird man auf die Vermutung geleitet, dieses letztere Meer sei durch Strömungen gebildet worden, die wie die gegenwärtige Kreisströmung von Osten nach Westen gerichtet waren und den Südküsten von Puerto Rico, von Santo Domingo und Cuba eine so einförmige Gestalt gaben. Diese ziemlich wahrscheinliche Vermutung eines pelagischen Einbruchs hat zwei andere Hypothesen über die Entstehung der Kleinen Antillen entstehen lassen. Einige Geologen nehmen an, diese ununterbrochen Inselkette von Trinidad bis Florida stelle die Trümmer einer vormaligen Bergkette dar. Sie verbinden diese Kette entweder mit den Graniten des französischen Guayana oder mit den Kalkbergen von Paria. Andere, die von der Verschiedenheit der geognostischen Constitution des Urgebirges der Großen Antillen und der vulkanischen Kegel der Kleinen Antillen beeindruckt sind, sehen diese als Erzeugnisse des Meergrundes an.

Erinnert man sich der geraden Richtung, welche vulkanische Erhebungen meist bevorzugen, wenn sie durch weithin verlängerte Spalten geschehen, sieht man, daß es schwerhält, nach der bloßen Lage des Kraters zu beurteilen, ob die Vulkane früher zur gleichen Kette gehört haben oder ob sie immer isoliert waren. Angenommen, eine Eruption erfolgte aus dem Ozean heraus, sei es im östlichen Teil der Insel Java, sei es in den Cordilleren Guatemalas und Nicaraguas, da, wo so viele feuerspeiende Berge eine zusammenhängende Kette bilden, dann würde diese Kette in mehrere kleine Inseln zerteilt werden und vollkommen dem Archipel der Kleinen Antillen gleichen. Auch die Vereinigung der Urgebirgsformationen und der vulkanischen Gesteine in derselben zusammenhängenden Bergkette ist nichts Befremdendes: Man erkennt sie deutlich in meinen geognostischen Durchschnitten der Anden-Cordillere. Die Trachyte und die Basalte von Popayán finden sich durch die Glimmerschiefer von Almaguer vom System der Quito-Vulkane getrennt, wie die Vulkane an Quito durch die Gneise des Condorasto und des Guasonto von den Trachyten von Assuay separiert sind. Es gibt keine wirkliche Bergkette in der Richtung von Süd-Ost nach Nord-West, vom Oyapoc zu den Mündungen des Orinoco, als deren nördliche Verlängerung die Kleinen Antillen betrachtet werden könnten. Die Granite Guayanas sowie die Hornblendschiefer, die ich in der Nähe von Angostura, an den Ufern des unteren Orinoco sah, gehören den Bergen von Pacaraimo und La Parima an, die sich von Westen nach Osten ins Landesinnere ausdehnen, keineswegs aber parallel mit der Küstenrichtung zwischen den Mündungen des Amazonas und des Orinoco; wenn jedoch schon am nordöstlichen Ende der Tierra Firme keine Bergkette in gleicher Richtung mit dem Archipel der Kleinen Antillen vorhanden ist, folgt hieraus allein noch keineswegs, daß die vulkanischen Berge der Inselgruppe nicht ursprünglich dem Kontinent und der Küstenkette von Caracas und Cumaná angehört haben könnten.

Wenn ich hier die Einwürfe einiger berühmter Naturforscher bekämpfe, liegt es mir fern, eine vormalige Verbindung aller Kleinen Antillen zu stützen. Ich bin eher geneigt, sie für Inseln anzusehen, die, durch Feuer emporgehoben, in der Richtung von Süden nach Norden mit der Regelmäßigkeit aufgereiht wurden, die sich uns in so vielen vulkanischen Hügeln der Auvergne, in Mexico und in Peru auf das merkwürdigste darbietet. Das wenige, das uns bis dahin über die geognostische Constitution dieses Archipels bekannt ist, läßt ihn uns den Azoren und den Canarischen Inseln sehr ähnlich erkennen. Die Urgebirgsformationen liegen nirgends zutage, und es findet sich nur, was unmittelbar den Vulkanen zugehört: feldspatartige Laven, Dolerite, Basalte, aus Erdschlacken, Bims- und Tuffstein bestehende Konglomerate. Unter den Kalkformationen muß man die den vulkanischen Tuffarten wesentlich untergeordneten von denen unterscheiden, die von Madreporen und anderen Zoophyten herrühren. Diese letzteren scheinen nach Herrn Moreau de Jonnès Klippen vulkanischer Herkunft zur Grundlage zu haben. Die Berge, die Spuren mehr oder weniger neuer Entzündungen darbieten und deren einige fast 900 Toisen Höhe haben, stehen alle auf der Westseite der Kleinen Antillen. Jede dieser Inseln ist nicht durch einmaliges Aufsteigen entstanden, die meisten scheinen aus abgesonderten Massen, welche sich allmählich vereinigt haben, gebildet zu sein. Der vulkanische Stoff wurde nicht von einer, sondern von mehreren Mündungen ausgeworfen, so daß oftmals eine Insel von geringem Umfang ein ganzes System von Vulkanen, rein basaltische Teile und andere, die mit rezenten Laven bedeckt sind, vereinigt. Noch brennende Vulkane sind die von Saint Vincent, Santa Lucia und Guadeloupe. Der erste hat 1718 und 1812 Laven ausgeworfen; im zweiten wird durch die Kondensation der aus den Spalten eines vormaligen Kraters aufsteigenden Dämpfe fortlaufend Schwefel gebildet. Der Vulkan von Guadeloupe spie zum letzten Mal Feuer im Jahr 1737. Der Schwefelberg von Saint Christopher brannte noch 1692. Auf Martinique müssen der von den fünf Pitons du Carbet umgebene Krater, der Vauclin und der Berg Pelée als drei erloschene Vulkane betrachtet werden. Man hat dort öfters die Wirkungen des Blitzes mit denen des unterirdischen Feuers verwechselt. Der angebliche vulkanische Ausbruch vom 22. Januar 1792 ist durch keine zuverlässige Beobachtung bestätigt worden. Es verhält sich mit der Vulkangruppe der Kleinen Antillen wie mit der von Quito und Los Pastos. Mündungen, die mit dem unterirdischen Feuer weiter keine Verbindung zu haben scheinen, stehen auf derselben Linie mit den feuerspeienden Kratern und wechseln mit ihnen ab.

 

Trotz der innigen Beziehungen, die sich zwischen der Wirksamkeit der Vulkane der Kleinen Antillen und den Erdbeben der Tierra Firme darstellen, geschieht es jedoch nicht selten, daß Erdstöße, welche auf der vulkanischen Inselgruppe verspürt werden, sich weder auf die Insel Trinidad noch an die Küsten von Cumaná und Caracas fortpflanzen. Dieser Umstand hat nichts Befremdendes. Auch in den Kleinen Antillen selbst bleiben die Erschütterungen öfters auf eine einzige Insel beschränkt. Der große Ausbruch des Vulkans von Saint Vincent im Jahr 1812 verursachte kein Erdbeben auf Martinique und auf Guadeloupe, wohl aber hörte man dort wie in Venezuela heftige Detonationen, während der Erdboden ruhig blieb.

Die gleichen Detonationen, die man mit dem Rollen nicht verwechseln darf, welches überall auch den geringsten Erschütterungen vorangeht, läßt sich nicht selten an den Ufern des Orinoco und, wie uns an Ort und Stelle versichert wurde, zwischen dem Río Arauca und dem Cuchivero hören. Der Pater Morello erzählt, wie in der Mission von Cabruta das unterirdische Getöse zuweilen dem Losfeuern von Steinböllern (pedreros) dermaßen gleicht, daß man ein fernes Treffen zu hören glaubte. Am 21. Oktober 1766, dem Tage des furchtbaren Erdbebens, das die Provinz Neu-Andalusien verheerte, bewegte sich der Boden gleichmäßig in Cumaná, in Caracas, in Maracaibo, an den Ufern des Casanare, des Meta, des Orinoco und des Ventuario. Der Pater Gili hat diese Erschütterungen einer völlig granitischen Gegend in der Mission von Encaramada, wo sie von heftigen Detonationen begleitet waren, beschrieben. Es erfolgten große Bergstürze am Paurari, und in der Nähe des Felsens Aravacoto verschwand eine kleine Insel im Orinoco. Die schwingenden Bewegungen hielten eine ganze Stunde an. Es war gleichsam das erste Signal dieser heftigen Erschütterungen, die länger als zehn Monate an den Küsten von Cumaná und Cariaco verspürt wurden. Man sollte glauben, zerstreut in Wäldern lebende Menschen, die kein anderes Obdach haben als aus Schilfrohr und Palmblättern verfertigte Hütten, müßten sich nicht vor den Erdbeben fürchten. Allein die Indianer vom Crevato und Caura erschrecken darüber wie über eine ziemlich seltene Erscheiung, die auch den Waldtieren Schrecken einjagt und die Krokodile aus der Tiefe des Wassers ans Ufer treibt. Näher am Meer, wo die Stöße häufiger vorkommen, fürchten sich die Einwohner keineswegs, sondern betrachten sie befriedigt als Vorboten eines feuchten und fruchtbaren Jahres.

Ich habe in dieser Diskussion über die Erdbeben der Tierra Firme und über die Vulkane des nahen Archipels der Antillen den allgemeinen Plan befolgt, welchen ich mir in diesem Werk vorsetzte. Erst brachte ich eine große Zahl vereinzelter Tatsachen bei, die ich nachher in ihrem Zusammenhang darstellte [Hervorhebung vom Hrsg.]. Alles kündet im Inneren des Erdballs von einer Wirksamkeit lebendiger Kräfte, die aufeinander einwirken, sich die Waage halten und sich modifizieren. Je unbekannter uns die Ursachen dieser Schwingungen, dieser Wärmeentbindungen, dieser Bildungen elastischer Flüssigkeiten sind, um so mehr ist Pflicht des Naturforschers, die Übereinstimmungen zu ergründen, welche diese Erscheinungen in weiten Entfernungen und auf eine so gleichförmige Weise darstellen. Dann nur, wenn diese verschiedenen Beziehungen unter einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet und über eine weite Ausdehnung der Erdoberfläche durch verschiedenste Gesteinsformationen hindurch verfolgt werden, ist man geneigt, auf die Vermutung kleiner Lokalursachen von Pyritschichten oder brennender Steinkohle zu verzichten.

Folgendes ist die Reihe der Erscheinungen, welche die Nordküsten von Cumaná, Nueva Barcelona und Caracas darbieten und von denen man glaubt, sie dürften mit den Ursachen der Erdbeben und der Lavaergießungen in Verbindung stehen. Wir wollen am östlichsten Ende, mit der Insel Trinidad beginnen, die, wie oben bereits bemerkt wurde, mehr dem Küstenland als dem System der Berge der Antillen-Inseln anzugehören scheint.

Der Schlund, der Asphalt ausspeit in der Bucht von Mayaro, an der Ostküste der Insel Trinidad, südwärts der Guataro-Spitze. Es ist die Mine von Chapapote, die den mineralischen Teer dieses Landes liefert. In den Monaten März und Juni sind, wie man versichert, die Ausbrüche öfters von starken Detonationen, von Rauch und Flammen begleitet. Fast auf derselben Parallele, ebenfalls im Meer, aber auf der Ostseite der Insel (nahe Punta de la Brea, südwärts vom Hafen von Naparaimo), findet sich ein ähnliches Luftloch. An der nahen Küste, in einem tonigen Boden, befindet sich der berühmte Asphaltsee (Laguna de la Brea), ein Sumpf, dessen Wasser die Temperatur der Atmosphäre besitzt. Die kleinen Kegel, die am südwestlichen Ende der Insel zwischen der Spitze Icacos und dem Río Erín liegen, scheinen einige Ähnlichkeit mit den Luft- und Schlammvulkanen zu haben, die ich bei Turbaco im Königreich Neu-Granada antraf. Wenn ich der Asphalt-Lagerstätten gedenke, so geschieht es um der merkwürdigeren, ihnen in diesen Gegenden eigentümlichen Verhältnisse willen, da ich ansonsten wohl weiß, daß das Naphta, das Petroleum und der Asphalt zugleich im vulkanischen und im Sekundärboden vorkommen, und in letzteren sogar auch öfter. Das Petroleum schwimmt, dreißig lieues nordwärts von Trinidad, um die Insel Grenada herum, die einen erloschenen Vulkan und Basalte hat.