Werke

Text
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

Alexander von Humboldt

DARMSTÄDTER AUSGABE

Sieben Bände

Herausgegeben von Hanno Beck

BAND II/2

Alexander

von Humboldt

Die Forschungsreise
in den Tropen Amerikas

Teilband 2

Herausgegeben und kommentiert von Hanno Beck

in Verbindung mit Wolf-Dieter Grün, Sabine Melzer-Grün,

Detlef Haberland, Paulgünther Kautenburger †, Eva Michels-Schwarz,

Uwe Schwarz und Fabienne Orazie Vallino


Impressum

Forschungsunternehmen der Humboldt-Gesellschaft, Nr. 40

Mit Förderung der Academia Cosmologica Nova

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,

Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in

und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

2., durchgesehene Auflage 2008

© 2008 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

1. Auflage 1987–1997

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder

der WBG ermöglicht.

Satz: Janß GmbH, Pfungstadt

Umschlag- und Schubergestaltung: Peter Lohse, Büttelborn

Abbildungen auf dem Schuber: Humboldt-Portrait von F. G. Weitsch 1806,

Foto: Hanno Beck; Weltkarte aus dem Berghausatlas, V. Abteilung, Pflanzen-Geographie;

„Plan du Port de Veracruz“ von A. v. Humboldt, Foto: Hanno Beck

Umschlagabbildungen: Details aus den Karten und Illustrationen des Berghausatlas

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-darmstadt.de

ISBN 978-3-534-19691-3

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): 978-3-534-73927-1

eBook (epub): 978-3-534-73928-8

Inhalt

A. Textteil [Forts.]

Fünftes Buch

Kapitel XIV

Erdbeben von Caracas – Zusammenhang dieser Erscheinung mit den vulkanischen Ausbrüchen der Antillen-Inseln

Kapitel XV

Abreise von Caracas – Berge von San Pedro und Los Teques – Victoria – Täler von Aragua

[Über das Zodiakallicht]

Kapitel XVI

See von Tacarigua [Valencia] – Heiße Quellen von Mariara – Die Stadt Nueva Valencia de El Rey – Abstieg an die Küsten von Puerto Cabello

[Über die Milch des Kuhbaums und den Saft der Carica papaya des Melonenbaums]

[Vom Cacao-Anbau]

Sechstes Buch

Kapitel XVII

Gebirge, welche die Täler von Aragua von den Llanos von Caracas trennen – Villa de Cura – Parapara – Llanos oder Steppen – Calabozo

[Begegnung mit Brüllaffen]

[Geognostische Constitution]

[Llanos, Steppen, Pampas, Heiden]

[Geologische Constitution und Hauptzüge Südamerikas und die Geschichte des Menschen]

[Herden und Tiere der Llanos]

[Über den elektrischen Aal]

Kapitel XVIII

San Fernando de Apure – Verflechtungen und Gabelteilungen der Flüsse Apure und Arauca – Fahrt auf dem Río Apure

[Zum Klima der Tropen]

[Über Krokodile]

[Über den caribe-Fisch, piraya oder piranha]

[Über den lamantín oder die Seekuh]

Siebtes Buch

Kapitel XIX

Verbindung des Río Apure und des Orinoco – Berge von Encaramada – Uruana – Baraguán – Carichana – Mündung des Meta – Insel Panumana

[Schildkröteneier: Sammlung und Ölherstellung]

[Über die rote Bemalung der Indianer]

[Über Felshühner und verschiedene Affen]

Kapitel XX

Mündung des Río Anaveni – Pic von Uniana – Mission Atures – Katarakt oder Raudal von Mapara – Inselchen Surupamana und Uirapuri

[Über die schwarze Rinde des Granits]

[Ursachen der Entvölkerung]

[Würdigung der Stromschnellen]

[Unterschiedliche Ausbreitung der Schallwellen bei Tag und bei Nacht]

[Über den Waldmenschen (salvaje)]

[Zur geographischen Verbreitung der Insekten. Schwarz- und Weißwasser]

Kapitel XXI

Der Raudal von Garcita – Maipures – Der Katarakt von Quittuna – Die Einmündung des Vichada und des Zama – Der Fels von Aricagua – Siquita

[Der Raudal von Maipures]

[Zur Maipures-Sprache]

[Über Schwarzwasserflüsse]

Kapitel XXII

San Fernando de Atabapo – San Báltasar – Die Flüsse Temi und Tuamini – Javita – Die Portage vom Tuamini zum Río Negro

[Der Fels der Guahiba-Indianerin]

[Das Klima der Mission Javita]

[Die Herkunft des Kautschuks]

Menü

Buch lesen

Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Herausgeber

Impressum

A Textteil [Forts.]

Reise

in die

Aequinoctial-Gegenden

des

neuen Continents

in den Jahren 1799, 1800, 1801, 1802, 1803 und 1804.

Verfaßt

von

Alexander von Humboldt

und

A. Bonpland.

Dritter Theil.

Stuttgart und Tübingen,

 

in der J. G. Cotta’schen Buchhandlung.

1820.

Reise

in die

Aequinoctial-Gegenden

des

neuen Continents

Fünftes Buch
Kapitel XIV
Erdbeben von Caracas – Zusammenhang dieser Erscheinung mit den vulkanischen Ausbrüchen der Antillen-Inseln

Wir verließen Caracas am 7. Februar [1800] in der Abendkühle, um die Reise zum Orinoco anzutreten. Die Erinnerung an diese Abreise ist heute schmerzhafter für uns, als es vor einigen Jahren war. Unsere Freunde sind in den blutigen Revolutionen umgekommen, welche diesen fernen Regionen Zug um Zug wechselweise die Freiheit gaben oder raubten. Das Haus, welches wir bewohnt haben, ist nur noch ein Schutthaufen; schreckliche Erdbeben haben die Oberfläche des Bodens umgekehrt. Die Stadt, die ich beschrieben habe, ist nicht mehr vorhanden. Auf derselben Stätte, auf diesem zerrissenen Erdboden, erhebt sich allmählich eine neue Stadt. Bereits sind die aufgehäuften Trümmer, die Gräber einer zahlreichen Bevölkerung, neuerdings Wohnungen der Menschen geworden.

Indem ich Veränderungen von einem derart allgemeinen Interesse nachspüre, gedenke ich Ereignissen, die erst lange nach meiner Rückkehr nach Europa eintraten. Die Erschütterungen des Volkes und die Umwälzungen, die der gesellschaftliche Zustand erlitten hat, übergehe ich mit Stillschweigen. Die modernen Völker sorgen für ihr Gedächtnis, und sie retten die Geschichte menschlicher Revolutionen, welche die Darstellung glühender Leidenschaften und eingewurzelten Hasses ist, vor dem Vergessen. Anders verhält es sich mit den Revolutionen der physischen Welt; diese werden desto nachlässiger beschrieben, wenn sie mit dem bürgerlichen Zwist zusammenfallen. Die Erdbeben und die Ausbrüche der Vulkane wirken mächtig auf die Phantasie durch die Zerstörungen, die sie notwendig zur Folge haben. Die Überlieferung greift vorzugsweise nach allem, was unbestimmt und wunderbar ist, und der Mensch scheint in großer öffentlicher Not wie im privaten Unglück das Licht zu scheuen, das über die wahren Ursachen der Ereignisse Aufschluß gibt und die begleitenden Umstände in ihrer Verbindung darstellen könnte. Ich habe geglaubt, in dieses Werk aufnehmen zu sollen, was ich Zuverlässiges von den Erschütterungen des 26. März 1812 erfahren konnte, welche die Stadt Caracas zerstört haben und in der Provinz von Venezuela über 20.000 Einwohner fast in einem Augenblicke umkommen ließen. Die Verbindungen, welche ich fortgehend mit Menschen aus allen Schichten unterhalten habe, setzen mich in die Lage, die Erzählungen verschiedener Augenzeugen miteinander zu vergleichen und an sie über Gegenstände, die Licht über die allgemeine Naturkunde verbreiten können, Fragen zu richten. Als Historiker der Natur muß der Reisende die Daten großer Katastrophen feststellen, ihren Zusammenhang und ihre Wechselbeziehungen prüfen und im schnellen Lauf der Zeiten, in der ununterbrochenen Bewegung der einander folgenden Veränderungen Fixpunkte bezeichnen, die eines Tages zum Vergleich mit anderen Katastrophen dienen können. In der unermeßlichen Zeitfolge, welche die Geschichte der Natur umfaßt, nähern sich alle Epochen. Die verflossenen Jahre erscheinen nur noch als Augenblicke; und wenn auch die Naturbeschreibungen eines Landes kein sehr allgemeines und sehr lebhaftes Interesse erregen, haben sie wenigstens den Vorteil, daß sie nicht veralten. Von ähnlichen Betrachtungen geleitet, hat auch Herr de La Condamine in seiner ›Voyage à l’Equateur ‹ die denkwürdigen Ausbrüche des Vulkans Cotopaxi beschrieben, die lange nach seiner Abreise von Quito stattfanden. Wenn ich dem Beispiel dieses berühmten Gelehrten folge, glaube ich um so weniger Tadel zu verdienen, als die Ereignisse, welchen ich nachspüren werde, die Theorie der vulkanischen Reaktionen oder des Einflusses, den das Vulkansystem über einen weiten Umkreis benachbarter Länder ausübt, stützen werden.

In der Zeit, als Herr Bonpland und ich in den Provinzen Neu-Andalusien, Nueva Barcelona und Caracas weilten, herrschte überall die Meinung, es seien die östlichsten dieser Küstengegenden den zerstörenden Wirkungen der Erdbeben am meisten ausgesetzt. Die Einwohner von Cumaná scheuten das Tal von Caracas wegen seines feuchten und wechselnden Klimas und seines nebligen und melancholischen Himmels. Die Bewohner dieses gemäßigten Tals sprachen von Cumaná als von einer Stadt, in der man ständig eine glühende Luft atme und deren Boden heftigen periodischen Erschütterungen ausgesetzt sei. Der Verheerungen von Riobamba und anderer sehr hochgelegener Städte hatten sie vergessen und wußten nicht, daß die aus Glimmerschiefer gebildete Halbinsel Araya an den Bewegungen der Kalkküste von Cumaná teilnähme. So glaubten auch wohlunterrichtete Personen, in der Bildung des Urgebirgsgesteins von Caracas und in der hohen Lage dieses Tals Gründe für die Sicherheit zu finden. Kirchenfeste, die in Guaira und in der Hauptstadt selbst nächtlicherweile begangen wurden, erinnerten zwar daran, daß die Provinz Venezuela von Zeit zu Zeit Erdbeben erlitten habe; aber man fürchtet Gefahren wenig, die nur selten wiederkehren. 1811 hat eine grausame Erfahrung den Zauber der Theorien und des Volksglaubens zerstört. Caracas, im Gebirge gelegen, drei Grad westlich von Cumaná und fünf Grad westlich des durch die Vulkane der Cariben-Inseln gehenden Meridians, erlitt heftigere Erschütterungen, als solche je zuvor an den Küsten von Paria und Neu-Andalusien verspürt worden waren.

Mir war schon bei meiner Ankunft in Tierra Firme die Verbindung zweier Naturereignisse, der Zerstörung von Cumaná am 14. Dezember 1797 und der vulkanischen Ausbrüche in den Kleinen Antillen, aufgefallen. Die Zerstörung von Caracas am 26. März 1812 hat diese Verhältnisse erneut manifestiert. Der Vulkan von Guadeloupe schien 1797 auf die Küsten Cumanás rückgewirkt zu haben. Fünfzehn Jahre später war es ein dem Festland näherliegender Vulkan, der von Saint Vincent, der seinen Einfluß bis nach Caracas und an die Ufer des Apure auszuüben schien. In beiden Epochen befand sich wahrscheinlich das Zentrum der Explosion ungemein tief und in gleichmäßiger Entfernung von den Gegenden, nach denen hin sich die Bewegung auf der Erdoberfläche fortpflanzte.

Seit Anfang des Jahres 1811 bis zum Jahr 1813 ist ein weiter Bereich, der vom Meridian der Azoren, vom Tal des Ohio, von den Cordilleren Neu-Granadas, von den Küsten Venezuelas und von den Vulkanen der Kleinen Antillen begrenzt wird, fast gleichzeitig von Erschütterungen betroffen worden, die man unterirdischen Feuerherden zurechnen kann. Hier folgt die Aufzählung der Phänomene, welche Verbindungen in weiten Entfernungen anzuzeigen scheinen: Am 30. Januar 1811 erschien ein unterseeischer Vulkan nahe bei São Miguel, einer der Azoren-Inseln. An einer Stelle, wo das Meer 60 Faden Tiefe hatte, hob sich ein Fels über die Wasserfläche. Das Aufsteigen der erweichten Erdrinde scheint dem Flammenausbruch des Kraters vorangegangen zu sein, wie dies ebenso bei den Vulkanen von Jorullo in Mexico und zur Zeit der Entstehung der Insel Klein-Kameni nahe bei Santorin beobachtet worden ist. Das neue Inselchen der Azoren war anfänglich nur eine unbeträchtliche Klippe, die aber am 15. Juni durch einen neuen, sechs Tage andauernden Ausbruch vergrößert und nach und nach zur Höhe von fünfzig Toisen über der Meeresfläche erhoben wurde. Dies neue Land, wovon der Schiffskapitän Tillard im Namen der britischen Regierung ungesäumt Besitz ergriff und das er Insel Sabrina nannte, hatte 900 Toisen im Durchmesser. Es scheint seither wieder vom Ozean verschlungen worden zu sein. Zum dritten Mal haben bereits nun Unterseevulkane dieses außerordentliche Schauspiel wiederholt; und als geschähen die Ausbrüche dieser Vulkane in regelmäßigen, durch eine gewisse Ansammlung elastischer Flüssigkeiten bestimmten Zeiträumen, ist die kleine Insel jedesmal nach Verlauf von 91 oder 92 Jahren wieder zum Vorschein gekommen. Man kann nicht anders als bedauern, daß trotz der geringen Entfernung weder eine europäische Regierung noch eine gelehrte Gesellschaft Naturforscher und Geologen auf die Azoren zur näheren Untersuchung einer Erscheinung abordnete, die der Geschichte der Vulkane und der des Erdballs überhaupt wichtige Aufschlüsse liefern konnte.

Die 800 lieues südwestlich der Azoren gelegenen Kleinen Antillen verzeichneten zur Zeit des Erscheinens der neuen Insel Sabrina häufige Erdbeben. Über 200 Erdstöße wurden von Mai 1811 bis April 1812 auf der Insel Saint Vincent, einer der drei Antillen, die noch tätige Vulkane haben, verspürt. Die Bewegungen blieben keineswegs auf das Inselland des östlichen Amerika beschränkt. Seit dem 16. Dezember 1811 war die Erde fast andauernd bewegt in den Tälern des Mississippi, des Arkansas und des Ohio. Die Schwingungen waren schwächer auf der Ost- als auf der Westseite des Allegheny-Gebirges in Tennessee und Kentucky. Sie waren von einem beträchtlichen, von Südwest herkommenden, unterirdischen Donnern begleitet. An einigen Stellen zwischen New Madrid und Little Prairie sowie bei der Saline nördlich von Cincinnati, unter 37° 45′ Breite, wurden die Stöße täglich und fast stündlich mehrere Monate hindurch verspürt. Das Ganze dieser Erscheinungen währte vom 16. Dezember 1811 bis ins Jahr 1813 hinein. Die anfangs südwärts auf das Tal des unteren Mississippi begrenzten Bewegungen schienen allmählich gegen Norden vorzuschreiten.

Zur gleichen Zeit, als in den jenseits der Alleghenies gelegenen Staaten diese lange Serie von Erdbeben begann, im Dezember 1811, erlitt die Stadt Caracas, bei stillem und heiterem Wetter, einen ersten Stoß. Dieses Zusammentreffen der Erscheinungen war vermutlich kein bloßer Zufall; weil man nicht vergessen darf, daß trotz der weiten Entfernung dieser Gegenden die Niederungen Louisianas und die Küsten Venezuelas und Cumanás dem gleichen Becken, nämlich dem des Antillen-Meeres angehören. Dieses Mittelmeer mit mehreren Ausgängen nimmt seine Richtung von Nordost nach Nordwest, und man glaubt eine frühere Ausdehnung in den weiten Ebenen wahrzunehmen, die stufenweise um 30, 50 und 80 Toisen über der Wasserfläche des Ozeans erhoben, mit Sekundärformationen bedeckt sind und durch den Ohio, den Missouri, den Arkansas und den Mississippi bewässert werden. Betrachtet man das Wasserbecken des Antillen-Meeres und des Golfs von Mexico mit geologischem Blick, findet man, daß es südwärts durch die Küstenkette von Venezuela und von den Cordilleren von Mérida und Pamplona, östlich von den Bergen der Antillen-Inseln und Alleghenies, westlich von den mexicanischen Anden und den Rocky Mountains und nördlich von den unbeträchtlichen Hügeln begrenzt ist, welche die kanadischen Seen von den Zuflüssen des Mississippi trennen. Über zwei Drittel dieses Beckens stehen unter Wasser. Zwei Reihen tätiger Vulkane fassen es ein: östlich auf den Kleinen Antillen, zwischen dem 13. und 16. Breitengrad, und westlich auf den Cordilleren von Nicaragua, Guatemala und Mexico, zwischen dem 11. und 20. Grad. Wer sich erinnert, daß das große Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755 fast im gleichen Augenblick an den schwedischen Küsten, am Ontario-See und auf Martinique verspürt wurde, der wird die Vermutung nicht allzu kühn finden, daß das ganze Becken der Antillen, von Cumaná und Caracas bis in die Ebenen von Louisiana, zuweilen gleichzeitig durch Erschütterungen, die von einem gemeinsamen Mittelpunkt ausgehen, betroffen werden kann.

Es ist eine auf den Küsten der Tierra Firme sehr allgemein verbreitete Meinung, die Erdbeben würden häufiger, wenn die elektrischen Entladungen einige Jahre hindurch seltener gewesen seien. In Cumaná und in Caracas hat man zu beobachten geglaubt, daß die Regengüsse seit 1792 seltener von Donner begleitet waren, und man verfehlte nicht, sowohl die gänzliche Zerstörung Cumanás 1797 wie die in den Jahren 1800, 1801 und 1802 in Maracaibo, Puerto Cabello und Caracas erlittenen Erdstöße „einer Anhäufung der Elektrizität im Inneren der Erde“ zuzuschreiben. Es fiele schwer, nach einem langen Aufenthalt in Neu-Andalusien oder in den Niederungen von Peru zu verneinen, daß die Jahreszeit, worin am meisten Erdbeben zu befürchten sind, die des Anfangs der Regenmonate ist, wo dann aber auch die meisten Gewitter eintreffen. Die Atmosphäre und der Zustand der Erdoberfläche scheinen auf eine uns unbekannte Weise auf die Veränderungen einzuwirken, welche in großen Tiefen vor sich gehen, und ich vermute, die Verbindung, welche man zwischen dem Mangel an Gewittern und den häufigen Erdbeben wahrzunehmen glaubt, sei mehr eine von den Halbwissern des Landes ersonnene Hypothese als das Ergebnis langer Erfahrung. Der Zufall kann das Zusammentreffen gewisser Erscheinungen begünstigen. Den außerordentlichen Erdstößen, die zwei Jahre lang anhaltend an den Gestaden des Mississippi und des Ohio verspürt wurden und die 1812 mit denen im Tal von Caracas zusammentrafen, war in Louisiana ein fast völlig gewitterloses Jahr vorangegangen. Diese Erscheinung wurde abermals allgemein sehr auffallend gefunden. Man darf sich nicht wundern, wenn im Vaterland Franklins eine große Vorliebe für Erklärungen angetroffen wird, die auf der Theorie der Elektrizität beruhen.

 

Der Erdstoß, der in Caracas im Dezember 1811 verspürt wurde, ist der einzige, der der schrecklichen Katastrophe vom 26. März 1812 voranging. Niemand kannte in Tierra Firme die Bewegungen, die einerseits der Vulkan der Insel Saint Vincent und andererseits das Becken des Mississippi erlitt, wo am 7. und 8. Februar 1812 der Boden sich Tag und Nacht in einem Zustand beständiger Schwingungen befand. Die Provinz Venezuela litt zu jener Zeit an großer Trockenheit. Kein Tropfen Regen war in Caracas und 90 lieues in der Runde während fünf Monaten unmittelbar vor der Zerstörung der Hauptstadt gefallen. Der 26. März begann als ein sehr heißer Tag, die Luft war ruhig und der Himmel wolkenlos. Es war Gründonnerstag und das Volk großenteils in den Kirchen versammelt. Nichts schien das drohende Unglück zu verkünden. Sieben Minuten nach vier Uhr abends verspürte man die erste Erschütterung. „Sie war stark genug, um die Kirchenglocken in Bewegung zu setzen. Sie dauerte 5 bis 6 Sekunden, und unmittelbar darauf folgte eine zweite Erschütterung von 10 bis 12 Sekunden, während der der Erdboden in beständiger Wellenbewegung wie eine Flüssigkeit zu kochen schien. Schon glaubte man, die Gefahr sei vorüber, als sich ein heftiges unterirdisches Getöse hören ließ. Es glich dem Rollen des Donners, war jedoch stärker und andauernder, als dies in der Jahreszeit der Gewitter zwischen den Wendekreisen gewöhnlich ist. Dem Donner folgte unmittelbar eine senkrechte, ungefähr drei bis vier Sekunden anhaltende Bewegung, die von einer etwas länger dauernden wellenförmigen begleitet wurde. Die Stöße erfolgten in entgegengesetzten Richtungen von Norden nach Süden und von Osten nach Westen. Dieser Bewegung von unten nach oben und sich durchkreuzenden Schwingungen vermochte nichts zu widerstehen. Die Stadt Caracas wurde gänzlich zugrunde gerichtet. Tausende ihrer Bewohner (zwischen 9000 und 10.000) fanden unter den Trümmern der Kirchen und Häuser ihr Grab. Noch hatte die Prozession ihren Umzug nicht eröffnet; aber das Hinströmen in die Kirchen war so groß, daß gegen 3000 oder 4000 Personen unter ihren einstürzenden Gewölben erdrückt wurden. Die Explosion war heftiger auf der Nordseite in dem dem Berg Avila und der Silla näher gelegenen Teil der Stadt. Die Kirchen der Dreifaltigkeit und Alta Gracia, die mehr als 150 Fuß Höhe hatten und deren Schiff durch 12 bis 15 Fuß dicke Pfeiler getragen wurde, lagen in einen Trümmerhaufen verwandelt, der nicht über 5 bis 6 Fuß Höhe hatte, und die Zermalmung des Schutts war so beträchtlich, daß von den Pfeilern und Säulen fast keine Spur mehr erkennbar geblieben ist. Die Kaserne el Quartel de San Carlos, die nördlich von der Dreifaltigkeitskirche, am Weg nach dem Zollhaus de la Pastora lag, ist fast völlig verschwunden. Ein Regiment Linientruppen stand darin unter Waffen und sollte sich eben zur Prozession begeben. Wenige einzelne ausgenommen, wurde es sämtlich unter den Trümmern des großen Gebäudes verschüttet. Neun Zehntel der schönen Stadt Caracas wurden gänzlich zerstört. Die Häuser, welche nicht einstürzten, wie die der Stadt San Juan beim Kapuzinerhospiz, waren dermaßen zerrissen, daß sie nicht weiter bewohnt werden konnten. Etwas weniger verheerend zeigten sich die Wirkungen des Erdbebens im südlichen und westlichen Teil der Stadt, zwischen dem Großen Platz und dem Hohlweg von Caraguata. Hier blieb die Kathedralkirche, von gewaltigen Strebepfeilern unterstützt, aufrecht stehen.

Wenn die Zahl der Toten in der Stadt Caracas auf 9000 bis 10.000 berechnet wird, sind dabei die Unglücklichen noch nicht berücksichtigt, die, schwer verwundet, nach Monaten erst aus Mangel an Nahrung und Pflege umkamen. Die Nacht vom Donnerstag auf den Karfreitag bot den Anblick eines unsäglichen Jammers und Unglücks dar. Die dichte Staubwolke, die sich über die Trümmer erhob und die Luft gleich einem Nebel verdunkelte, hatte sich zur Erde niedergeschlagen. Die Erschütterungen hatten aufgehört, und die Nacht war so hell und ruhig wie je zuvor. Der fast volle Mond beleuchtete die abgerundeten Dome der Silla, und die Gestalt des Himmels bildete einen furchtbaren Kontrast zu der mit Trümmern und Leichen bedeckten Erde. Mütter trugen Kinderleichen im Arm, die sie ins Leben zurückzubringen hofften. Jammernde Familien durchzogen die Stadt, um einen Bruder, einen Gatten, einen Freund zu suchen, dessen Schicksal unbekannt war und den man im Gedränge verloren glauben konnte. Man drängte sich in den Straßen, die man nur noch an den Trümmerhaufen der Fluchtlinie wiedererkannte.

Alles in den großen Katastrophen von Lissabon, Messina, Lima und Riobamba erlittene Unglück wiederholte sich am Schreckenstag des 26. März 1812. „Die unter dem Schutt begrabenen Verwundeten riefen die Vorbeigehenden laut flehend um Hilfe an; über 2000 wurden hervorgezogen. Nie hat sich das Mitleid rührender, man kann sagen, sinnreich tätiger, gezeigt als in den Anstrengungen, welche gemacht wurden, um den Unglücklichen, deren Seufzer man hörte, Hilfe zu leisten. Es mangelte gänzlich an geeigneten Werkzeugen zum Ausgraben und Wegräumen des Schutts; man mußte sich der Hände bedienen, um die Lebenden hervorzugraben. Die Verwundeten sowohl wie die aus den Hospitälern entflohenen Kranken wurden an das Gestade des kleinen Guaire-Flusses gelegt. Sie fanden hier keinen anderen Schutz als nur das Laubdach der Bäume. Die Betten, die Leinwand zum Verbinden der Wunden, chirurgische Instrumente, Medikamente, alle zuerst notwendigen Gegenstände waren unter den Ruinen vergraben. In den ersten Tagen fehlte alles, sogar Nahrungsmittel. Auch das Wasser war im Inneren der Stadt selten geworden. Die Erschütterung hatte die Brunnenleitungen zerschlagen. Der Einsturz der Erde hatte die Quellen verstopft. Um Wasser zu bekommen, mußte man bis zum Río Guaire hinabsteigen, dessen Hochwasser beträchtlicher war, und man ermangelte zudem der Schöpfgefäße.

Es blieb die Erfüllung einer Pflicht an den Toten, die von der Pietät und der Furcht vor Infektion zugleich gefordert wurde. Bei der Unmöglichkeit, so viele Tausende halb unter den Ruinen liegender Leichen ordentlich zu begraben, wurden Kommissare mit ihrer Verbrennung beauftragt. Scheiterhaufen wurden zwischen dem Schutt errichtet. Dies dauerte mehrere Tage. Inmitten des allgemeinen Jammers vollzog das Volk die religiösen Gebräuche, mit denen es am ehesten den Zorn des Himmels besänftigen zu können hoffte. Die einen vereinigten sich zu Prozessionen und stimmten Leichengesänge an; andere, von Geistesverirrung befallen, beichteten laut mitten auf den Straßen. Es ereignete sich damals in dieser Stadt, was auch nach dem schrecklichen Erdbeben vom 4. Februar 1797 in der Provinz Quito geschehen war: Viele Ehen wurden zwischen Personen geschlossen, die seit langen Jahren ohne priesterlichen Segen zusammengelebt hatten. Kinder bekamen jetzt Eltern, von denen sie bis dahin nie anerkannt worden waren; Rückerstattungen wurden von Leuten versprochen, die niemand eines Diebstahls beschuldigt hatte; Familien, die lange in Feindseligkeit gelebt hatten, versöhnten sich im Gefühl des gemeinsamen Unglücks. Wenn dieses Gefühl jedoch bei den einen die Sitten milderte und das Herz dem Mitleid öffnete, so hatte es bei anderen eine gegenteilige Wirkung: sie wurden hartherziger und unmenschlicher. In großen Nöten sieht man, daß gemeine Seelen weniger Güte als Stärke bewahren, denn es verhält sich mit dem Unglück wie mit dem Studium der Wissenschaften und mit der Betrachtung der Natur; es ist nur eine kleine Zahl, auf die sie ihren wohltuenden Einfluß ausüben, indem sie mehr Wärme des Gefühls und mehr Erhebung des Denkens, mehr Wohlwollen des Charakters schenken.

Solch heftige Erdstöße, die innerhalb einer Minute die Stadt Caracas zerstört haben, konnten nicht auf eine kleine Strecke des Kontinents beschränkt sein. Ihre traurigen Wirkungen dehnten sich über die Provinzen von Venezuela, Barinas und Maracaibo, der Küste nach, vorzüglich aber auch über das Gebirge im Landesinneren aus. La Guaira, Maiquetía, Antimano, Baruta, la Vega, San Felipe und Mérida wurden fast gänzlich zerstört. In La Guaira und Villa de San Felipe, unfern der Kupferminen von Aroa, betrug die Zahl der Toten wenigstens 4000 bis 5000. Das Erdbeben scheint in der Richtung einer Linie, die sich von Ostnordost nach Westsüdwest, von La Guaira und Caracas gegen die hohen Berge von Niquitao und Mérida ausdehnt, am heftigsten gewesen zu sein. Im Königreich Neu-Granada wurde es von den Verzweigungen der hohen Sierra de Santa Marta bis nach Santa Fé de Bogotá und Honda, an den Ufern des Río Magdalena, in einer Entfernung von 180 lieues von Caracas verspürt. Es war überall stärker auf den Gneis- und Glimmerschiefercordilleren oder unmittelbar an deren Fuß als in den Ebenen. In den Savannen von Barinas und Casanare war dieser Unterschied am fühlbarsten. (Er läßt sich am ehesten mit dem System der Geologen erklären, welche annehmen, daß alle Ketten vulkanischer und nichtvulkanischer Berge zur Zeit ihrer Bildung wie durch Spalten emporgestiegen seien.) In den zwischen Caracas und der Stadt San Felipe liegenden Teilen von Aragua wurden nur sehr schwache Erdstöße verspürt. La Victoria, Maracay, Valencia haben trotz der Nähe der Hauptstadt fast gar nicht gelitten. Bei Valecillo, wenige lieues von Valencia, warf die zerrissene Erde eine solche Menge Wasser aus, daß sich ein neuer Strom bildete. Das gleiche geschah auch in der Nähe von Puerto Cabello. Hingegen hatte sich der See von Maracaibo bedeutend vermindert. In Coro verspürte man keinerlei Bewegung, obgleich die Stadt an der Küste und zwischen anderen Städten liegt, die nicht unbeschädigt geblieben sind.“ Die Fischer, welche sich am 26. März auf der Insel Orchila, 30 lieues nordöstlich von Guaira, und auf dem Land befanden, verspürten keine Stöße. Es gründen sich diese Verschiedenheiten der Richtung und Fortpflanzung des Stoßes wahrscheinlich auf die besondere Anordnung der Gesteinslagen.

Nachdem wir die Wirkungen des Erdbebens auf der Westseite von Caracas bis zu den Schneegebirgen von Santa Marta und zum Plateau von Santa Fé de Bogotá verfolgt haben, wollen wir nunmehr auch die der Hauptstadt östlich gelegene Landschaft ins Auge fassen. Die Erschütterungen waren ungemein heftig – jenseits von Caurimare im Tal von Cupaya, wo sie sich bis zum Meridian des Kap Codera ausdehnten; äußerst merkwürdig aber ist es, daß sie sich an den Küsten von Nueva Barcelona, von Cumaná und von Paria nur sehr schwach zeigten, obgleich diese eine Fortsetzung des Küstenlandes von La Guaira sind und von alters her im Ruf stehen, öfteren unterirdischen Erschütterungen ausgesetzt zu sein. Wenn man annehmen dürfte, die gänzliche Zerstörung der vier Städte Caracas, La Guaira, San Felipe und Mérida sei von einem vulkanischen Herd ausgegangen, der unter der Insel Saint Vincent oder in ihrer Nähe liegt, würde dadurch begreiflich, wie sich die Bewegung von Nordost nach Südwest ausdehnen konnte, auf einer Linie, welche ihre Richtung durch die kleinen Inseln der Los Hermanos nimmt, nahe bei Blanquilla vorbei, ohne Berührung der Küsten von Araya, Cumaná und Nueva Barcelona. Diese Fortpflanzung des Stoßes könnte sogar auch stattfinden, ohne daß die Erdoberfläche der zwischenliegenden Punkte, zum Beispiel der kleinen Hermanos-Inseln, die geringste Erschütterung verspürte. Wir sehen diese Erscheinung öfters in Mexico und Peru bei Erdbeben, die seit Jahrhunderten eine bestimmte Richtung befolgen. Die Bewohner der Anden sprechen von einem Zwischenland, das nicht an der allgemeinen Bewegung teilnimmt, naiv „es bilde eine Brücke“ (que hace puente), als wollten sie dadurch andeuten, die Schwingungen pflanzten sich in sehr großer Tiefe unter einem unbewegten Gestein fort.