Schneeflockenzeit

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Inhalt

1  1 Das weiße Klavier

2  2 Aber das blieb nicht so

3  3 Wie Schneeflocken

4  4 Meine Schwester Maria

5  5 Das Glashaus

6  6 Agios

7  7 Herodes erschrak

8  8 Heiligabend

9  9 Das Krippenspiel

10  10 Kleingeldsammler

11  11 Berufswechsel

12  12 Winterreise

13  13 Danksager aus dem Morgengrauen

14  14 Alles umsonst

15  15 Torgaans Lieblingslied

16  16 Diese wunderbare Unvollkommenheit

17  17 Der Geruch des Heiligen

18  18 Das Erscheinungsfest

19  19 Ungestört

1 Das weiße Klavier

In dem Zimmer einer Altbauwohnung stand ein Klavier halb vergessen in einer Ecke. Weil es mehr zur Dekoration diente und von menschlichen Fingern kaum berührt wurde, befand es sich seit Jahren in einer miserablen Stimmung. Die Saiten waren ausgeleiert, der Rahmen war verzogen, und wenn ausnahmsweise doch einmal jemand darauf spielte, hörte es sich an, als ob es Bauchschmerzen hätte.

Nun stand das Klavier mit seinem Stimmungstief auch noch ausgerechnet in einem Zimmer mit anderen Instrumenten zusammen, die durchaus in Gebrauch waren und häufiger in die Hände genommen wurden. Nur für das Klavier fand sich kein Spieler. Die anderen Instrumente seufzten jedes Mal genervt, wenn eines der Kinder zum Spaß darauf herumklimperte.

„Unerträglich“, quietschte die Klarinette und machte ihre Klappen zu.

„Das ist ja nicht auszuhalten“, brummte der Bass in der Ecke und drehte sich zur Wand.

„Eine Beleidigung für Empfindsame!“, hauchte die Blockflöte. „Und was wird erst passieren, wenn unsere Musiker in ein paar Wochen Weihnachtslieder spielen wollen? Auf diesem verstimmten Kasten? Unmöglich!“

„Phhh!“, zischte die Klarinette. „Dazu braucht man kein Klavier. Flöte, Klarinette und Bass genügen.“

Das Klavier war zwar alt, aber nicht dumm. Es bekam ganz gut mit, was die anderen sagten. Aber was sollte es tun? Es konnte seinen verzogenen Rahmen nicht alleine zurechtbiegen. Einmal hatte es das probiert, aber da ging ein lautes Knacken durch seinen Körper, und schnell hörte es mit seinen Dehnübungen wieder auf.

Es gab nur ein einziges Wesen, dem die Zustände des Klaviers nichts ausmachten: Das war eine junge Maus, die sich aus der Winterkälte in den Klavierkasten geflüchtet und es sich darin gemütlich gemacht hatte. Je weniger auf dem Klavier gespielt wurde, desto besser. Dann hatte die Maus ihre Ruhe. Sie fühlte sich im Bauch des Klaviers richtig wohl.

An den dicken Basssaiten konnte sie wunderbar hinaufklettern und wenn sie sich auf die höheren Saiten schwang, klangen immer geheimnisvolle Töne nach draußen.

„Habt ihr das gehört?“, fragte die Klarinette.

„Was denn?“, grummelte der Bass, der sich gerade bewundernd im Fenster spiegelte und in der Dämmerung sah, wie der erste Schnee fiel.

„So eine eigenartige Musik, die aus dem Klavier kam…“

„Ach, das bildest du dir nur ein“, meinte der Bass, „vielleicht schnarcht es nur.“

Aber die Blockflöte, die auf dem Notenständer lag und einen guten Überblick hatte, wusste Bescheid. „Im Klavier lebt eine Maus!“

„Was?“ Bass und Klarinette waren entsetzt.

„Es ist eine Zumutung, mit so einem halb vergammelten Instrument im selben Zimmer zu wohnen“, gab die Klarinette pikiert von sich.

„Womöglich nagt uns diese Maus noch an!“, schimpfte der Bass brummend und schüttelte sich, dass die Saiten klirrten.

„Tja“, hauchte die Flöte, „mit dem alten Kasten ist absolut nichts mehr los.“ Sie wandte sich an die Klarinette: „Wir sind da aus einem ganz anderen Holz geschnitzt, nicht wahr? Wir sind nicht so riesig und so kompliziert gebaut. Man kann uns überall hin mitnehmen. Ich sage immer: Man muss beweglich bleiben und nicht so schwer und behäbig sein wie ein Klavier.“

„Na ja“, meinte der Bass, der sich halb angesprochen fühlte, „man kann schon groß und dick sein und trotzdem beweglich bleiben!“ Damit drehte er sich elegant einmal um sich selbst.

Das Klavier schwieg, weil es diese trübsinnige Unterhaltung Wort für Wort mitbekam und inzwischen selber dachte, dass mit ihm nicht mehr viel los sei.

„Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen“, dachte es und ließ seine Saiten noch mehr hängen. „Irgendwann geht eben alles zu Ende“, sinnierte es weiter, „sterben müssen wir alle.“

Von da an gab es seinen Musikgeist auf und seine Saiten klangen nur noch stumpf und leer.

Aber dann kam Evelyn! Evelyn war eine gute Bekannte der Familie und hatte seit neuestem einen Freund, der ein Antiquitätengeschäft besaß, John hieß und ursprünglich aus Ghana kam.

Sein Lieblingsinstrument war das Klavier, denn er sagte immer: „Das Klavier ist der Beweis, dass es geht.“

„Das was geht?“, fragte Evelyn am Anfang ihrer Beziehung.

„Das Zusammenleben der unterschiedlichen Menschen. Du brauchst nur auf die Tasten zu blicken, und du merkst: Die weißen brauchen die schwarzen Tasten, sonst klingen die Akkorde eintönig und langweilig und die schwarzen brauchen die weißen Tasten, sonst kriegen sie keine vollständigen Tonleitern und Melodien hin.“

Jedenfalls kam Evelyn eines Tages in das Musikzimmer und verliebte sich in das ausgeleierte Klavier. Sie sah es sich an, erfuhr, dass die Klaviermarke immer noch gefragt war, kaufte es, beförderte die Maus nach draußen und schaffte das alte Stück in ihre Wohnung. Dann holte sie einen Klavierstimmer, der sich lange das Instrument ansah, abklopfte und schließlich sagte: „Hmm, ein gutes Klavier, doch ich befürchte, wir kriegen es nicht mehr so hin, wie es mal war. Aber ich kann es so stimmen, dass es insgesamt tiefer klingt und in sich stimmig ist. Vielleicht können wir seinen Geist zu neuem Leben erwecken!“

„Na, das ist doch wunderbar!“, rief Evelyn. „Was brauchen wir dauernd hohe Stimmungen? Ein bisschen tiefer ist sogar gemütlicher. Und ich bin sowieso ein Alt.“

Geduldig schmirgelte sie den Lack ab und strich es weiß an. Dem Klavier tat das gut und ein neuer Geist wehte durch seine Saiten. Als John mit ein paar Freunden vorbeikam, spielte er: „Nobody knows the trouble I‘ve seen“ und fing an zu improvisieren. Nach einer Weile sagte er: „Mann! Der Kasten hat Charakter! Da kommen diese neuen Modelle nicht mit.“

Seit dieser Zeit war das Klavier der Mittelpunkt des Zimmers. Evelyn fing an, ein paar Lieder für Ihre Weihnachstparty zu üben und sang dazu.

Besonders bei der Strophe: „… Ich stand in Spott und Schanden, du kommst und machst mich groß“, musste sich das Klavier richtig zusammenreißen, sonst hätte es geweint vor Freude, und das wäre nicht gut für seine hölzernen Innereien gewesen.

Schade, dachte es, dass die Klarinette, die Flöte und der Bass mich nicht sehen und hören können! Ich glaube, die würden gelb werden vor Neid.

* * *

2 Aber das blieb nicht so

Heinz Kuhnau hatte immer weniger Zeit seitdem er Rentner geworden war. Plötzlich hatten sich hundert Dinge in die neu entstandenen Freiräume gedrängt wie Krimskrams in leere Schubladen: kleine Reparaturen im Haus, Besichtigungen, Enkelbesuche, Einkäufe, Ehrenämter, Bemerkungen wie „Könntest du uns nicht mal eben aushelfen? Du hast doch Zeit!“ … und natürlich die täglichen Besuche bei seiner dementen Frau im Seniorenheim.

Und jetzt noch die Tafel. Warum hatte er sich nur breitschlagen lassen, einmal die Woche Lebensmittel an Bedürftige zu verteilen, die schlecht zu Fuß waren? Hätte er nicht einfach Nein sagen können?

Er blickte auf die Uhr: Halb neun. Zeit, um loszufahren. Heinz öffnete seinen Kombi, klappte die Sitze um und warf eine Decke über die Ladefläche. Dann stieg er ein und fuhr los. Das Thermometer zeigte ein paar Grad über Null. Wenigstens keine glatten Straßen.

Fünf Minuten später parkte er vor dem Tafelgebäude, holte sich leere Kisten, um Brot, Brötchen und alte Kuchen einzusammeln, die die Bäckereien loswerden wollten. Das war die erste Tour, danach würde er sechs oder sieben Lieferungen einladen und sie zu den Leuten bringen, die nicht selber kommen konnten. Er startete und drehte am Radio. Irgendein Popsong strömte durch das Auto. Im Grunde war es ja ein sinnvoller Vormittag in der Woche. Er brauchte nicht zu hetzen, konnte sich seine Zeit einteilen, zwischendurch einen Kaffee trinken und als Wohltäter auftreten.

 

Wenn er daran dachte, dass manche Leute direkt auf ihn warteten, ja, dass er manchmal sogar der einzige Mensch am Tag war, mit dem sie redeten!

Alles in allem eine gute Sache, dachte er, auch wenn der Vormittag verplant ist. Er hielt vor der Bahnschranke.

„Und nun zu unserem Adventsquiz“, hörte er eine aufgeräumte Männerstimme aus dem Radio. „Wir haben heute am Telefon, Frau Annegret Hilchenbach. Sind Sie bereit, Frau Hilchenbach?“

„Ja“, antwortete eine gepresste Frauenstimme.

„Es geht um …“, die Stimme dehnte das „um“ dramatisch in die Länge und knallte die nächsten Worte in das Mikrofon, „achthundert Euro!“

Die Bahnschranke schwang hoch und Heinz Kuhnau fuhr an. Vorne auf dem Armaturenbrett lag ein Zettel, der ihm freie Fahrt durch die Fußgängerzone zusicherte.

Die Altstadt mit ihren Adventsdekorationen öffnete sich vor ihm. Er fuhr an Fachwerkhäusern vorbei, Friseurläden, Elektrogeschäften und leerstehenden Wohnungen.

„Was bedeutet das Wort Advent?“, fragte der Moderator. „Sie haben vier Möglichkeiten, Frau Hilchenbach: A: Es ist griechisch und bedeutet: vier Kerzen. B: Es ist Latein und bedeutet: Ankunft C: das Wort kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet: sehnsuchtsvolles Warten. Und D: Es ist ein spanisches Wort und bezeichnet die Zipfelmütze des Weihnachtsmanns. Also: A. vier Kerzen, B: Ankunft, C sehnsuchtsvolles Warten oder D: Zipfelmütze.

„Lächerlich“, brummte Heinz Kuhnau und schaltete in den zweiten Gang zurück, weil die Bäckerei in Sicht kam. „Jeder weiß doch, dass Advent aus dem Lateinischen kommt und Ankunft heißt!“

Man hörte eine spannungsgeladene Musik und die leise Stimme von Frau Hilchenbach, die an der Lösung herumrätselte. „Na ja, vier Kerzen könnte ja sein. Die Zipfelmütze scheidet sicherlich aus. Ich denke mal: entweder sehnsuchtsvolles Warten oder vier Kerzen…“

„Noch zehn Sekunden!“

„Meine Güte“, seufzte Heinz, „Ankunft, Ankunft, Ankunft!“

„Vier Kerzen“, sagte Frau Hilchenbach etwas hilflos.

„Das iiiist … nicht richtig. Schade. Aber ihre Konkurrentin könnte jetzt auch einen Fehler machen. Noch ist alles offen.“ Musik setzte ein und Heinz Kuhnau stieg aus, überließ das Feld der unhörbaren Konkurrentin, holte die drei leeren Kisten aus dem Auto und betrat die Bäckerei.

Ein wunderbarer Duft strömte ihm entgegen, eine Mischung aus frischem Brot und einer Vanillenote. Aus dem Kaffeeautomaten duftete es nach frisch gebrühtem Kaffee. Heinz lockerte seinen Schal, ging durch den Verkaufsraum in den Hinterhof, wo drei Kisten mit Broten, Brötchen, Laugenstangen und zerdrückten Croissants von gestern warteten. Als Krönung obendrauf stand ein Blech mit Kuchen- und Tortenresten.

Er lud alles in sein Auto und fuhr dann ein kleines Stück weiter zur Tankstelle, wo ebenfalls die alten Brötchen elegant und barmherzig von Heinz Kuhnau entsorgt wurden.

Immer noch lief die Quizsendung.

„…wieder im Rennen, Frau Hilchenbach, herzlichen Glückwunsch!“, lobte die Stimme. „Für alle, die jetzt erst zugeschaltet haben: Frau Annegret Hilchenbach und Frau Ilse Döbner versuchen die Adventsrätsel zu knacken. Dann gleich die nächste Frage, eine Doppelfrage an Frau Hilchenbach. Und das bedeutet: „Ihr Gewinn verdoppelt sich, wenn Sie beide lösen. Ihr Gewinn halbiert sich, wenn Sie nur eine Frage lösen. Also, sind Sie bereit?“

Ein elektronischer Trommelwirbel setzte ein.

„Ja“, sagte Frau Hilchenbach schlicht.

„Wo wurde der erste Adventskranz aufgehängt und wie viele Kerzen hatte er? A: In Köln, B: In Birmingham/England, C: in Schwäbisch Hall oder D: in Hamburg.“

Heinz hielt erneut vor dem Bahnübergang.

Er seufzte: „Natürlich in Hamburg, bei Wiechern im Rauen Haus!“

„In Hamburg?“, sagte Frau Hilchenbach zaghaft mit einem fragenden Unterton.

„Sind Sie sicher?“

„Ja, ja, ja, sie ist sich sicher!“, brummte Heinz.

„Ähm“, überlegte Frau Hilchenbach, „doch, ich bleib bei Hamburg.“

„Das iiist … richtig!“

Heinz hörte künstliche Trompetenklänge.

Frau Annegret Hilchenbach lachte erleichtert.

Sympathisches Lachen, dachte Heinz.

„Und wie viele Kerzen hatte der erste Adventskranz? A: vier B: vierundzwanzig C: achtundzwanzig oder D: dreiundzwanzig?“

Wieder der Trommelwirbel.

„Meine Güte“, rief Heinz und trommelte gegen den Takt auf das Steuerrad, „das nächste Mal sollte ich bei diesem Rätselraten mitmachen. Dreiundzwanzig, Frau Hilchenbach. Im Jahr 1839 waren es zwischen dem ersten Advent und Heiligabend dreiundzwanzig Tage. Für jeden Tag eine Kerze. Darunter vier dicke für die Sonntage und die sind dann später übriggeblieben.“

„Hm“, murmelte Frau Hilchenbach, „vier sind’s sicher nicht, das wäre zu leicht…“

„Oh“, rief die aufgeräumte Stimme, „sagen Sie das nicht. Es könnte auch eine Fangfrage sein.“

„Nein, nein!“ Frau Hilchenbach ließ sich nicht beirren.

„Gut so“, murmelte Heinz, „lass dich nicht einschüchtern!“

„Vierundzwanzig würde Sinn machen, achtundzwanzig eher nicht…“

„Sind Sie sicher, Frau Hilchenbach? Vielleicht wurden ja die Sonntage extra gezählt!“

Heinz fuhr über die Schienen. „Komm schon, Annegret! Sag es! Drei-und-zwan-zig! Drei-und-zwan-zig!“

„Ja, dann sage ich einfach mal … dreiundzwanzig.“

„Das iiiist … richtig!“ Die Stimme des Moderators überschlug sich fast vor Begeisterung. Trompeten setzten ein.

Heinz war wieder bei der Tafel angekommen, holte sich den Adresszettel, fragte, ob etwas Besonderes anliege und bat einen kräftigen Mann mit Glatze, ob er ihm beim Einladen behilflich sein könne.

„Klar Mann!“

Das Auto war schnell beladen. Diesmal ging es in die andere Richtung, über den Fluss, der die Stadt durchzog.

Etwas oberhalb lagen Siedlungshäuser. Heinz Kuhnau holte eine der Kisten heraus, klingelte und wartete. Das kannte er schon. Herr Knieske saß im Rollstuhl, hatte eine Beinprothese und war nicht so schnell beim Öffner.

Jetzt summte es und Heinz drückte die Tür nach innen.

„Da bin ich wieder, Herr Knieske.“

Er betrat den Flur und dann das Wohnzimmer. Über dem Couchtisch hing eine dicke Rauchwolke. Neben dem lauten Radio, aus dem die Stimme des Moderators ertönte und die nächste Frage ankündigte, lag ein Päckchen Tabak und Papier zum Selberdrehen. Auch Herr Knieske schien mit zu rätseln.

„Stellen Sie die Kiste in die Küche!“, rief Herr Knieske, der ins Wohnzimmer rollte und etwas suchte.

Als Heinz aus der Küche kam, hielt Knieske ihm die Karte entgegen, die Heinz abzeichnen musste. Er schrieb das Datum darauf und fragte: „Na, wie geht’s Ihnen heute?“

„Schlecht. Wieder Schmerzen am Stumpf. Der Arzt sagt, wenn ich so weiterrauche, muss das andere Bein auch irgendwann dran glauben.“

„Hoffentlich nicht“, sagte Heinz, entdeckte die leere Kiste vom letzten Besuch und klemmte sie sich unter den Arm. In einer Ecke lehnte die Beinprothese mit Schuh. Es sah irgendwie grotesk aus. Heinz bekam eine leichte Gänsehaut und verabschiedete sich.

„Hals und Beinbruch!“, rief ihm Herr Knieske hinterher und sein Lachen ging in Husten über.

Als Heinz Kuhnau wieder unten auf dem Plattenweg stand, atmete er die frische Winterluft ein paar Mal tief ein. „Mann, Mann, Mann“, sagte er zu sich. „Was würde ich machen, wenn ich nur noch ein Bein hätte? Auto fahren wäre schwierig … außer bei einem Automatikgetriebe.“

Er schwang sich auf den Sitz, warf einen Blick auf die nächste Adresse und rangierte aus der Parklücke.

„Wir sind jetzt bei tausendsechshundert Euro, meine Damen“, sagte der Sprecher mit verhaltener Stimme, als würde er ein Geheimnis preisgeben.

„Bei uns zugeschaltet sind Frau Annegret Hilchenbach und Frau Ilse Döbner. Beide haben sich bei unserem Adventsrätsel wacker geschlagen. Frau Döbner, Sie hören jetzt gleich adventliche Musik und sagen mir, welcher Komponist sich das ausgedacht hat: A: Franz Schubert, B: Max Reger C: Johann Sebastian Bach oder D: Die Gruppe Abba.

Heinz Kuhnau fuhr los, hörte die ersten Klänge der Musik, steuerte auf die nächste Ampel zu und sagte: „Bach, Pastorale, aus dem Weihnachtsoratorium.“

Die Musik wurde leiser. Frau Döbner, die eine tiefere Stimme als Annegret Hilchenbach hatte, räusperte sich: „Also, Abba ist es nicht. Franz Schubert oder Bach tippe ich.“

„Franz Schubert!“, rief Heinz Kuhnau in die Richtung des Radios. „Sag Schubert und lass Annegret gewinnen.“

„Franz Schubert.“

„Ja!“, rief Heinz Kuhnau und reckte die rechte Hand in die Luft. „Ein Punkt für Annegret!“ Aus irgendeinem Grund war ihm Annegret sympathischer.

„Das iiiist … nicht richtig.“

Heinz Kuhnau hielt, holte eine weitere Kiste heraus und klingelte. Als es summte, stieg er zwei Stockwerke nach oben. Die Tür öffnete sich schon, bevor er richtig oben war und Frau Eilenburg legte den Finger an die Lippen und flüsterte: „Meine Nachbarin, Frau Hilchenbach ist gerade bei mir. Wir rätseln im Radio!“

„Was? Frau Hilchenbach? Annegret Hilchenbach?“

„Psst. Sie ist gleich dran. Stellen sie die Kiste leise in den Flur.“

Kuhnau stellte die Kiste ab.

„Ich könnte Ihnen helfen!“, überlegte er. „Ich habe die Sendung eben im Auto gehört und wusste alle Lösungen.“

„Oh, Herr Kuhnau, das ist ja… Kommen Sie, kommen Sie.“

Er flüsterte: „Papier und Bleistift!“

Frau Eilenburg war so aufgeregt, dass sie auf die Schnelle kein Papier fand. Endlich entdeckte sie einen alten Einkaufszettel und schob ihn Kuhnau zu.

Sie betraten leise die Küche. Frau Hilchenbach blickte kurz und nervös auf, als sie die beiden sah und wandte sich wieder dem Telefonhörer und dem Radio zu.

Heinz war begeistert. Eben hatte er die Sendung gehört und jetzt war er mittendrin. Frau Hilchenbach sah gar nicht so hausbacken aus, wie er gedacht hatte. Eigentlich ziemlich flott. Er schätzte sie auf Ende fünfzig.

„Und jetzt zu Ihnen, Frau Hilchenbach“, sagte die Radiostimme. „Sie liegen einen Punkt weiter vorn. Es wird jetzt etwas schwieriger und ihre Chancen steigen. Zweitausend Euro, wenn Sie gewinnen! Also: Von wem stammen die folgenden Zeilen? A: von Manfred Hausmann, B: von Knut Kiesewetter, C: von Hilde Domin oder D: von Johann Wolfgang von Goethe?“

Der Sprecher räusperte sich und sprach mit pathetischem Unterton:

„Es brauchte nicht grade im Stall zu sein

und zwischen dem wiederkäuenden Vieh.

Doch hausten sie wenigstens allein,

der Mann, das Kind und sie.

Also – A: Hausmann, B: Kiesewetter, C: Domin, oder D: Goethe?“

Pause, dann wieder Trommelwirbel.

Heinz Kuhnau kritzelte etwas auf den Einkaufszettel und tippte Frau Hilchenbach auf die Schulter. Sie zuckte leicht zusammen und drehte sich um.

Heinz Kuhnau deutete stumm auf das Papier. Sie las es und lächelte, dann sagte sie ins Telefon. „A: Manfred Hausmann.“

„Und – sind Sie sich ganz sicher?“

Annegret Hilchenbach blickte Heinz in die Augen. Er nickte und reckte den rechten Daumen in die Höhe.

„Ja, ganz sicher.“

„Das iiiiiist …. richtig!“ Trompeten und Pauken dröhnten durch das Radio. Der Sprecher gratulierte und ließ Musik spielen. Frau Hilchenbach atmete hörbar erleichtert aus und lächelte. Heinz Kuhnau nahm die Dankesworte entgegen und blieb noch ein Weilchen, um mitzuerleben, wie Frau Döbner verlor.

Es gab Sekt. Frau Eilenburg hatte vorgesorgt und konnte sich nicht beruhigen, dass Heinz Kuhnau gerade zur richtigen Zeit gekommen war.

„Woher wissen Sie das alles?“, fragte sie und prostete ihm zu.

Kuhnau winkte ab. „Ich bin Pastor im Ruhestand. Da hat man das so drauf. Ich kenne auch das ganze Gedicht von Hausmann auswendig. Das war ja nur ein Abschnitt. Es hat mir in seiner nüchternen Art von allen Weihnachtsgedichten am besten gefallen.“

„Oh, dann sagen Sie es ganz auf“, bat Frau Hilchenbach und lächelte den Ruheständler mit ihrem ganzen Charme an, so dass Heinz Kuhnau ein wenig rot wurde und kurz daran dachte, dass schon lange keine Frau ihn so angeblickt hatte. „Also gut“, sagte er und räusperte sich: „Manfred Hausmann: Die Geburt:

 

Und niemand dachte sich etwas dabei.

Die Frau bekam ihr erstes Kind.

Sie stöhnte, schrie und zerbiss den Schrei.

Wie Frauen dann so sind.

Der Ort war mit Fremden überfüllt.

Zur Rechten hämmerte wer an ein Tor,

zur Linken wurde wer angebrüllt.

Auch das kommt manchmal vor.

Es brauchte nicht grade im Stall zu sein

Und zwischen dem wiederkäuenden Vieh.

Doch hausten sie wenigstens allein,

der Mann, das Kind und sie.

Ein Ächzen ging durch die Finsternis.

Das Kind lag hilflos auf seinem Stroh.

Der Tod war seines Sieges gewiss.

Aber das blieb nicht so.“

* * *