Wo die Unheimlichen wohnen: Gruselsammlung Oktober 2021

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Alfred Bekker, Horst Friedrichs, W.A.Hary, Art Norman, Cedric Balmore, Glenn Stirling, A.F.Morland

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Inhaltsverzeichnis

  Wo die Unheimlichen wohnen: Gruselsammlung Oktober 2021

  Copyright

  ​Mordrausch der Dämonen

  WO DAS GRAUEN HERRSCHT

  DAS ENDE ALLER TAGE

  Kreaturen der Apokalypse

  Herr der Würmer

  Die Nacht der wilden Bestien

  Die Gestalt im Nebel

  Kodiak – Der Manntöter

  Begräbnis einer Dämonin

  Wölfe in der einsamen Geisterstadt

Wo die Unheimlichen wohnen: Gruselsammlung Oktober 2021
Alfred Bekker, Horst Friedrichs, W.A.Hary, Art Norman, Cedric Balmore, Glenn Stirling, A.F.Morland

Dieses Buch enthält folgende Gruselgeschichten:

Horst Friedrichs: Mordrausch der Dämonen

Alfred Bekker /W.A.Hary : Wo das Grauen herrscht...

Alfred Bekker: Das Ende aller Tage

Alfred Bekker: Kreaturen der Apokalypse

W.A.Hary & Art Norman: Herr der Würmer

Cedric Balmore:Die Nacht der wilden Bestien

A.F.Morland: Die Gestalt im Nebel

Glenn Stirling: Kodiak – Der Manntöter

Wolf G. Rahn: Begräbnis einer Dämonin

Alfred Bekker: Wölfe in der einsamen Geisterstadt

Die wankenden Gestalten näherten sich. Dumpfe, murmelte Laute kamen über ihre zerstörten Lippen. Die Gesichter waren bleich, an manchen Stellen konnte man auf blanke Knochen blicken. Dasselbe galt für die Hände. Manche glichen Skeletthänden. Die Kleider hingen wie Säcke an den dürren, auf gespenstische Weise abgemagerten Gestalten. Wie Sinnbilder des Todes wirkten sie. Untote, nicht wirklich zum Reich des Todes und nicht ganz zum Reich der Lebenden gehörig.

Leere Augenhöhlen blickten Murphy an.

Und der Geruch!

Ein Pesthauch hing über der ganzen Stadt und er wurde jetzt noch stärker, da sich die Untoten ihm näherten. Murphys Nase war wie betäubt. Er glaubte fast, ersticken zu müssen.

Der Gestank der Verwesung und des Verfalls, ging es ihm durch Kopf. Murphy fühlte deutlich Panik in sich aufkeimen. Was war aus London geworden? Eine Stadt der halbverwesten Zombies...

Ich bin zu spät gekommen, dachte Murphy. Zu spät, um zu verhindern, was geschehen ist.

Zu spät...

Murphy wich weiter zurück.

Seine Beine fühlten sich schwer an.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, ALFREDBOOKS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Werner Öckl

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

w ww.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

​Mordrausch der Dämonen
Horst Friedrichs

Die Finger des Mannes glitten zielsicher über eine verwirrende Vielfalt von Hebeln und Knöpfen. Der Dieselmotor dröhnte. Druckluft fauchte. Wieder und wieder gruben sich die blankgewetzten Zähne der mächtigen Stahlschaufel in das feuchte schwarze Erdreich.

Plötzlich gab es einen Widerstand. Der Baggerführer spürte es durch die Hebel und Knöpfe in seinen Fingerspitzen. Er wollte die Schaufel hochkommen lassen.

Im gleichen Moment gab der Widerstand nach, hatte dem Druck des schweren Stahls also nicht trotzen können.

Verwundert blickte der Mann durch die Frontscheibe seines Führerhäuschens. Die Baggerschaufel grub sich weiter in die Erde, entschwand seinem Blick.

Erst jetzt sah er das Mauerwerk an den Rändern des Loches. Brüchige alte Quadersteine, von der riesigen Stahlschaufel regelrecht durchstoßen.

Er zerrte an den Hebeln. Hämmerte mit geballten Fäusten auf die Knöpfe. Ohne Erfolg. Schon setzte sich der Bagger in Bewegung, wurde von einer rätselhaften Kraft gezogen. Den Mann im Führerhaus packte das Entsetzen. Er wollte die Tür aufstoßen, hinaus, nichts wie weg… Zu spät. Es war, als quoll plötzlich glühende Lava aus der Tiefe empor. Die Erde riß auf, begleitet von einem Donnern, das den Wahnsinnsschrei des Mannes im Führerhaus verschluckte. Mit dem Bagger stürzte er in eine bodenlose Tiefe. Die verzehrende Glut erfaßte ihn, verschlang ihn, erlöste ihn von den Höllenqualen…

Spielend leicht wurde der Land Rover mit der beträchtlichen Steigung und den Unebenheiten des Bodens fertig.

Die Zigarette wippte in Carters linkem Mundwinkel auf und ab. Wegen der Schaukelei brauchte er beide Hände, um das Lenkrad zu halten.

Noch bevor er die Kuppe des Hügels erreichte, sah er die Wolken, die wie eine düstere Wand über den Baumwipfeln heraufzogen. Im gleichen Augenblick setzte der Sturm ein. Die Bäume bogen sich bedrohlich. Morsche Äste knickten ab, wurden durch die Luft gewirbelt.

Carter spürte die Kraft der Böen selbst in seinem schweren Geländefahrzeug. Der Land Rover legte sich nach rechts - wie ein Schiff mit Schlagseite.

Unvermittelt war ein dumpfes Grollen zu hören. Im ersten Moment ließ es auf ein Gewitter schließen.

Doch keine Blitze zuckten vom Himmel herab, kein wolkenbruchartiger Regen prasselte auf die Erde.

Carter stutzte. Fluchend schleuderte er die Zigarette aus dem offenen Seitenfenster und kurbelte die Scheibe hoch.

Jetzt spürte er, daß dieses merkwürdige Grollen aus der Erde zu kommen schien. Die Karosserie des Land Rover begann zu vibrieren, und es war nicht der Motor, der das verursachte.

Die Hände des Mannes verkrampften sich um das Lenkrad. Er kümmerte sich nicht mehr um die Unebenheiten des schmalen Sandweges. Entschlossen trat er das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Der Wagen machte einen Satz, jagte rumpelnd voran. Die durchschlagenden Stoßdämpfer übertönten das Heulen der Sturmböen.

Der Weg führte am Waldrand entlang, beschrieb einen weiten Bogen. Noch zweihundert Meter bis zur anderen Seite der Hügelkuppe, wo sich die Baustelle befand.

Das Grollen nahm zu. Gleichzeitig das Vibrieren der Karosserie. Es ging Carter durch Mark und Bein. Aus den Augenwinkeln heraus sah er die Bäume, deren Stämme sich wie Peitschengerten durchbogen. Jeden Augenblick konnte ein Baum entwurzelt werden.

Trotz der Gefahr wurde der junge Bauingenieur von einer unbestimmten Ahnung vorangetrieben. Er spürte, daß er womöglich sein Leben aufs Spiel setzte. Aber er kam nicht auf den Gedanken, umzukehren.

Carter bemerkte nicht sofort, daß das Rumpeln des Wagens von einem Schlingern begleitet wurde. Das kantige Heck wedelte nach beiden Seiten - wie bei überhöhter Geschwindigkeit auf vereister Fahrbahn.

Dann, als sich der Land Rover immer bedenklicher zur Seite neigte, spürte Carter eine eisige Faust des Schreckens, die seinen Nacken erfaßte.

Noch hundertfünfzig Meter bis zur Baustelle. Die Bäume versperrten die Sicht.

Mit geweiteten Augen sah Carter, wie der Erdboden vor ihm in Bewegung geriet. Gras, Büsche und Bäume schienen plötzlich auf einer schwammigen, morastigen Masse zu wachsen, die von den Orkanböen in Bewegung gebracht wurde.

Noch sekundenlang war Carter wie erstarrt, nicht fähig, Gas wegzunehmen.

Die letzte Wegbiegung lag vor ihm.

Der Land Rover raste schlingernd darauf zu.

Jäh kippten die ersten Bäume weg, waren wie ausgelöscht.

Zehn, zwanzig Meter vor dem Wagen neigte sich ein Stamm zur Seite. Der Sturm zerrte wütend an den Ästen. Die Wurzeln lösten sich aus dem wabernden Boden.

Carter zuckte zusammen, trat auf die Bremse. Es war mehr der Instinkt, der ihn dazu veranlaßte.

Nur ein dumpfer Laut war zu hören, als der Baum quer auf den Weg schlug.

Das Grollen aus der Erde übertönte alles.

Buchstäblich im letzten Augenblick brachte Carter den Land Rover vor dem Baumstamm zum stehen.

 

Er sprang ins Freie und verlor das Gleichgewicht. Der Erdboden unter ihm schien zu tanzen. Der Land Rover schaukelte, hüpfte wie auf einem Trampolin.

Carter rieb sich Dreck aus den Augen. Fluchend versuchte er, sich aufzurappeln. Vergeblich. Der Sturm preßte ihn auf den Boden.

Im Inferno der entfesselten Gewalten kroch der Bauingenieur mühsam auf den umgestürzten Baumstamm zu, krallte seine Finger in die rissige Rinde und zog sich langsam daran hoch.

Um ihn herum tobte der Orkan, nahm das Grollen aus der Erde zu. Die Wolken jagten vor dem Himmel entlang. Laub und Zweige wirbelten durch die Luft. Die Oberfläche der Erde schien zu brodeln.

Carter gelang es, den Kopf über den Baumstamm hinauszuschieben.

Etwas durchzuckte sein Inneres wie eine glühende Lanze.

Für Minuten waren seine Sinne wie gelähmt. Er war zu keiner Reaktion fähig. Sein Mund öffnete sich, doch kein Schrei kam über seine Lippen. Das Grauen sträubte die Nackenhaare des jungen Mannes, ohne daß er es spürte. Er lag da wie ein erstarrtes, lebloses Bündel Mensch - zu ohnmächtiger Hilflosigkeit verdammt.

Das Unfaßbare war stärker als alle menschliche Kraft.

Carter sah jedes Detail, nahm alles in sich auf, ohne daß er sich dessen bewußt wurde.

Da waren keine Bäume mehr, die den Blick auf die Baustelle versperrten. Aber da war auch keine Baustelle mehr.

Nur gähnende Tiefe.

Ein riesiger Spalt klaffte in der Erde. An den Rändern des Spalts quoll das Erdreich auf, verformte sich und floß wie brodelnde Lava in die Tiefe.

Nur um Steinwurfweite entfernt bröckelte der Rand des Erdspalts weiter ab, kam unaufhaltsam näher.

Carter mußte die Augen schließen, als sein Blickwinkel bis in den gähnenden Abgrund fiel.

Grellrotes Licht blendete ihn, ließ schwarze Kreise vor seinen Pupillen tanzen. Nur langsam konnte er die Augen wieder öffnen, um blinzelnd in die Tiefe zu starren.

Der Rand des Erdspalts war nur noch zehn Meter von dem umgestürzten Baumstamm entfernt, an den Carter sich klammerte.

Doch es war die Vision in der feurigen Tiefe, die ihm einen furchtbaren Schock versetzte.

Es konnte nur eine Vision sein.

Menschliche Körper schienen auf der Glut zu schwimmen, wurden von Feuerfontänen emporgewirbelt, um anschließend zu versinken. Die Konturen lösten sich auf, die Körper verfärbten sich für Sekundenbruchteile wie Papierfetzen, die man ins Feuer wirft.

Danach gab es nur noch die Höllenglut in der Tiefe des Erdspalts.

Reste von schweren Maschinen, zersplitterte Bretter von Baubuden und Abgrenzungen wurden auf die gleiche Weise von der feurigen Lohe verschlungen.

Dann war auch das vorbei.

Carter rieb sich die Augen. Nein, es konnte nicht Wirklichkeit sein, was er gesehen hatte! Mochte der Teufel wissen, durch welche verrückte Laune diese grauenhaften Halluzinationen durch sein Bewußtsein geisterten.

Als er von neuem in die Tiefe starrte, war die Vision verschwunden. Die Glut am Boden des Erdspalts begann zu erlöschen wie erkaltende Lava. Auch die schwarzgrauen Erdmassen an den Rändern kamen zum Stillstand.

Immer noch fassungslos stellte Carter fest, daß er jetzt nur noch fünf Meter von dem gähnenden Abgrund entfernt war. Er schüttelte den Kopf, wie um eine quälende Benommenheit loszuwerden.

Auch das Toben des Orkans schwoll ab. Der Land Rover stand wieder ruhig auf festem Untergrund, und Carter hörte nichts mehr von dem Grollen, das aus der Tiefe gekommen war.

Langsam richtete er sich auf, klopfte sich den Dreck von der Kleidung - bedächtig, sorgfältig, als sei dies das Wichtigste, was es im Moment zu tun gab.

Er sah sich um. Sein Blick war staunend wie der eines Kindes in einem Märchenpark.

Der Erdspalt war Realität. Ebenso wirklich mußte das Unwetter gewesen sein, die Ursache der Katastrophe.

Aber diese merkwürdige Glut, das Höllenfeuer, das Menschen und Maschinen verschlungen hatte?

Carter schüttelte von neuem den Kopf. Es konnte nur eine Art Wahnvorstellung von ihm gewesen sein. Anders war es nicht zu erklären. Der Erdspalt war jetzt nichts weiter als ein dunkler, schwindelerregender Abgrund.

Doch die Baustelle war wie ausgelöscht, als hätte sie nie existiert.

Sekundenlang kreiste dieser Gedanke durch Carters Gehirn.

Jäh zuckte er zusammen, wirbelte herum und hastete auf den Land Rover zu. Am ganzen Körper bebend, wendete er das Fahrzeug, jagte zurück in die Stadt.

Schweißüberströmt erreichte er die ersten Häuser. Er sah Menschenansammlungen auf den Bürgersteigen, hörte aufgeregtes Stimmengewirr und erblickte die von Fassungslosigkeit gezeichneten Gesichter.

Aber er nahm dies alles nicht bewußt wahr.

Keuchend stürmte er in den erstbesten Hauseingang, entdeckte ein Telefon an der Korridorwand und riß den Hörer von der Gabel. Mit fliegenden Fingern wählte er die Nummern, die er auswendig kannte. Er schrie etwas in den Hörer, ohne selbst genau zu wissen, was es war. Er bemerkte nicht einmal, daß die Hausbewohner jetzt hinter ihm standen und in stummen Entsetzen das Unfaßbare mithörten.

Dann, als er die Gespräche beendet hatte, wurden seine Knie weich. Schleier wallten vor seinen Augen auf. Er griff sich an die Stirn, auf der der kalte Schweiß stand. Taumelnd suchte er Halt an der Wand.

Hilfreiche Hände stützten ihn, brachten ihn in ein Zimmer. Kurz darauf rann guter irischer Whisky durch seine Kehle. Ein Mittel, das hierzulande gegen alles nur Erdenkliche angewendet wurde.

Auch Les Carter half es.

***

»… anschließend bin ich sofort in die Stadt geeilt und habe den Katastrophenschutz und meinen Chef in Dublin verständigt«, schloß Carter seinen Bericht. Er atmete tief durch, wie von einer schweren Last befreit. Dennoch hatte er den Schock noch nicht vollends überwunden.

»Das kann ich bestätigen«, sagte John Reilly, der neben Carter auf einem der primitiven Besucherstühle des Polizeibüros von Grimshaw saß.

»Danke, Sir«, nickte Chef-Konstabler Williams und wandte den kantigen Schädel zu seiner Sekretärin. »Schreiben Sie als letzten Satz, Miß O’Shaughnessy: Direktor John Reilly von der Firma Northwestern Construction Enterprises, Dublin, bestätigte diesen letzten Punkt der Aussage des Zeugen Carter.«

Der Bleistift der jungen rothaarigen Frau flog über den Stenogrammblock. Chef-Konstabler Williams wartete, bis sie alles notiert hatte, und blickte dann wieder die beiden Männer an, die vor seinem Schreibtisch Platz genommen hatten. Williams war ein breitschultriger, untersetzter Mann, dessen leichtgerötete Gesichtshaut den Schluß zuließ, daß er den Außendienst der Schreibtischarbeit vorzog.

»Nun noch Ihre Personalien, Mr. Carter«, bat er, »eine notwendige Formsache. Sie verstehen…«

»Selbstverständlich«, erwiderte der Bauingenieur. »Ich heiße Les Carter, bin achtundzwanzig Jahre alt, unverheiratet und wohne in Dublin, Minerva Lane drei - zwo - acht. Genügt das?«

»Nur noch Ihren Geburtsort, Sir«, entgegnete Miß O’Shaughnessy.

»Dublin.«

»Und Sie besitzen die irische Staatsbürgerschaft«, fügte der Chef-Konstabler hinzu. Es war gleichzeitig Frage und Feststellung.

»Ja - ja, natürlich«, murmelte Carter geistesabwesend. Er hatte Verständnis für die Formalitäten. Doch er war in Gedanken bereits weit entfernt. Er ahnte, daß es zu viele Ungereimtheiten geben würde, über die er sich noch den Kopf zermartern mußte. Dinge, die sich durch keine routinemäßige polizeiliche Ermittlungen klären ließen.

Chef-Konstabler Williams erhob sich. Die Uniformjacke spannte sich über seinem mächtigen Oberkörper.

»Ich danke Ihnen, Gentlemen. Sie werden verstehen, daß sich meine Aufgabe in diesem Fall hauptsächlich auf die Feststellung von Fakten beschränken muß. Die Polizei hat keine Fachleute für Naturkatastrophen.«

Reilly schüttelte dem Beamten die Hand.

»Ich habe beim Ministerium ein Geologen-Team angefordert, Konstabler. Sie können sicher sein, daß wir bald Näheres über dieses schreckliche Unglück wissen.«

Naturkatastrophe…

Das Wort hallte in Carters Gedanken nach. Er wußte nicht, weshalb, aber das Wort erschien ihm auf merkwürdige Weise unzutreffend.

Minuten später stieg er gemeinsam mit Reilly in den Land Rover. Die Hauptstraße von Grimshaw war wie ausgestorben. Erst vier Stunden waren vergangen, seit die Erde Menschen und Maschinen verschluckt hatte. Die Einwohner der kleinen Stadt hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen. In den Wohnstuben und an den Theken der Gaststätten gab es nur ein einziges Gesprächsthema. Es war ein Schock, der die ganze Stadt vorübergehend lähmte. Niemand dachte an diesem Tag noch daran, sich wieder dem geregelten Arbeitsablauf zu widmen.

John Reilly war ein hagerer Mittvierziger. In seinem schmalen Gesicht lagen harte Furchen, die unübersehbar zeigten, wie sehr ihn die furchtbare Nachricht getroffen hatte.

»Ich würde es Ihnen nicht übelnehmen, wenn Sie in der Stadt bleiben wollen«, sagte Reilly, nachdem sich Carter hinter das Lenkrad geschwungen und den Motor angelassen hatte.

»Nein, Sir«, entgegnete Carter, »ich muß wieder hinaus. Ich muß sehen, wie es da draußen aussieht. Sonst hätte ich keine Ruhe.«

»Ja«, erwiderte Reilly leise, »man braucht sehr lange, um es zu begreifen.«

Carter wendete wortlos den Land Rover und jagte dem nördlichen Ausgang der Stadt entgegen.

Der Hügel, nur eineinhalb Meilen von Grimshaw entfernt, war die größte Bodenerhebung im Umkreis. Die Provinzialstraße nach Dublin führte am Fuß des Hügels entlang. Zu beiden Seiten der Asphaltfahrbahn erstreckten sich mannshohe Steinwälle, hinter denen die sorgsam bestellten Felder und die sattgrünen Weiden der Bauern des Grimshaw County zu erkennen waren.

Schon von weitem sahen Carter und Reilly, welches Riesenaufgebot inzwischen eingetroffen war, um das Ausmaß der Katastrophe zu sondieren. Daß es nicht mehr möglich war, Menschenleben zu retten, stand nach den ersten Untersuchungen bereits fest.

Besonders stachen die knallrot lackierten Fahrzeuge des Katastrophenschutzes aus Dublin ins Auge. Es handelte sich um eine Spezialeinheit der Feuerwehr - Männer, die dafür ausgebildet waren, mit modernen Maschinen und Geräten den Kampf gegen entfesselte Naturgewalten aufzunehmen.

Carter verlangsamte das Tempo. Er schämte sich beinahe, den Katastrophenschutz alarmiert zu haben. Jetzt, im Nachhinein, wußte er, daß die Spezialisten nicht das Geringste ausrichten konnten.

Ein Streifenwagen der Polizei von Grimshaw stand zehn Meter vor der Abzweigung. Einer von Chef-Konstabler Williams’ Beamten hob die Kelle und veranlaßte Carter, anzuhalten.

Der Uniformierte trat an das Seitenfenster, warf einen kurzen Blick auf den Ausweis des Bauingenieurs und salutierte.

»Sie können passieren, Sir. Bitte, stellen Sie Ihren Wagen im Gelände ab. Wir brauchen viel Platz. Der Weg ist jetzt die einzige Zufahrt zur Baustelle.«

Carter nickte geistesabwesend und ließ die Kupplung kommen.

Die Baustelle…

Dem Polizeibeamten ging es nicht anders als allen übrigen Leuten von Grimshaw. In den paar Wochen hatten sie sich bereits daran gewöhnt, nur noch von der Baustelle zu reden - nicht mehr vom Hügel. Daran änderte sich selbst jetzt nichts. Und vermutlich würde nie wieder eine Baumaschine auf den Hügel rollen. Doch auch dann würde er im Sprachgebrauch weiter als Baustelle rangieren. Zu viele Hoffnungen und Wünsche hatten sich für die Menschen von Grimshaw damit verbunden - zu viele tiefgreifende Änderungen, die sie erwarten durften. Denn die Fabrik, die auf dem Hügel gebaut werden sollte, bedeutete den größten Aufschwung, den die kleine Stadt jemals erlebt hatte.

Niemand konnte sich jetzt schon daran gewöhnen, daß es mit dieser Zukunftsaussicht vorbei war.

Carter am allerwenigsten.

Er zog den Land Rover auf den schmalen Sandweg. Zu beiden Seiten parkten Limousinen, die hastig ins Gebüsch rangiert worden waren. Den Nummernschildern nach zu urteilen, stammten die Wagen vorwiegend aus Dublin. Reporter, Polizeibeamte, Fachleute von der Baubehörde… und möglicherweise auch schon die Geologen, die Reilly angefordert hatte.

Die Fahrzeuge des Katastrophenschutzes standen oben beim Wald, der zur Hälfte versunken war. Uniformierte und zivilgekleidete Männer bildeten ein unüberschaubares Durcheinander. Blitzlichter zuckten, Fotoreporter versuchten, das trübe Licht dieses Tages aufzuhellen. Zwei, drei Ambulanzwagen waren ebenfalls zu erkennen. Die Sanitäter und Notärzte standen tatenlos herum.

 

Carter fand eine Lücke zwischen den parkenden Limousinen und ließ den Land Rover weit genug ins Gelände rollen, so daß er keine Behinderung für die großen Fahrzeuge bildete.

Mit einem kurzen Seitenblick sah Carter, daß Reillys Gesichtszüge wie versteinert waren. Die schmalen Lippen des Mannes schienen blutleer.

Carter konnte die Gefühle seines Chefs nur zu gut verstehen. Für die Firma hatte dieser Auftrag ebensoviel bedeutet wie die Errichtung der Fabrik für Grimshaw. Jetzt war alles aus. Die Konsequenzen ließen sich noch nicht absehen.

»Sir…«, sagte Carter leise, während er den Zündschlüssel nach links drehte und die Handbremse anzog.

»Ja?« Reilly wandte den Kopf.

Carter lehnte sich zurück, holte tief Luft.

»Sir, ich habe beim Polizeichef nicht alles zu Protokoll gegeben…«

Reilly stutzte.

»Menschenskind, Les!« stieß er hervor. »Sie müssen das sofort nachholen! Noch ist es nicht zu spät. Williams wird Verständnis dafür haben, daß Sie ziemlich durcheinander waren.«

Carter schüttelte den Kopf.

»Es handelt sich nicht um eine Beobachtung, von der ich hundertprozentig überzeugt bin, Sir.«

»Was dann?«

»Vielleicht war es eine Sinnestäuschung. Aber ich habe dieses Bild noch immer vor Augen. Es läßt sich nicht wegwischen. Lodernde Glut am Grund des Erdspalts. Ein furchtbares Feuer, das sie alle verschlungen hat. Alle unsere Mitarbeiter, alle Maschinen…« Er brach ab, konnte nicht weiterreden.

John Reilly blickte ihn minutenlang forschend an. Dann atmete er auf. Gleichzeitig nickte er verständnisvoll.

»Denken Sie nicht mehr daran, Les«, riet er väterlich, »versuchen Sie es wenigstens. Es gibt Situationen, in denen ein Mensch dem Schock erliegt und Dinge sieht, - die ihm seine aufgepeitschten Sinne vorgaukeln. Wegen des Protokolls brauchen Sie sich also keine Sorgen zu machen.«

Carter blickte durch die Windschutzscheibe. Seine Augen fixierten einen imaginären Punkt in unendlicher Ferne.

Hatte er diese Reaktion seines Chefs nicht erwarten müssen?

Vielleicht war es besser, wenn er nicht mehr von dem redete, was er gesehen hatte.

***

Es mußte daran liegen, daß sie Direktor Reilly aus Dublin kannten. Mit ihrer beruflichen Spürnase folgerten die Reporter daraus, daß der Mann in Reillys Begleitung jener einzige Zeuge der Katastrophe sein mußte, von der inzwischen alle gehört hatten.

Sie stürmten auf ihn los, als er sich gemeinsam mit Reilly den roten Katastrophenschutzfahrzeugen näherte.

Blitzlichter zuckten in rascher Reihenfolge.

Carter schloß geblendet die Augen. Und plötzlich sah er sie wieder vor sich, diese lodernde Glut, die hilflosen Menschen, die von ihr verschlungen wurden…

Fragen prasselten auf ihn ein.

Carter verstand kein einziges Wort.

In ihm riß der Faden.

»Aufhören!« brüllte er, riß die Augen auf. Seine Schläfenadern schwollen an, als von neuem die Blitzlichter aufglühten.

Er ballte die Fäuste, machte einen drohenden Schritt auf die Zeitungsleute zu.

Die Front der Reporter wich erschrocken zurück. Sie erkannten, welchen Zorn sie in diesem athletisch gebauten Mann hervorgerufen hatten.

Reilly legte ihm behutsam die Hand auf die Schulter.

»Les, bitte!«

Carter ließ die Arme sinken, nickte müde.

»Schon gut«, murmelte er. »Es tut mir leid.«

»Gentlemen!« wandte sich Reilly an die Reporter. »Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß Mr. Carter zu diesem Zeitpunkt noch nicht über seine Eindrücke reden möchte! Ich kann Ihnen aber versichern, daß so bald wie möglich eine Pressekonferenz stattfinden wird. Voraussichtlich schon heute abend.«

Die Presseleute murrten, machten Einwände, wiesen auf ihren Redaktionsschluß hin und versuchten, doch noch etwas aus Reilly und Carter herauszuquetschen. Aber die beiden Männer blieben hart.

Dennoch hielten sich die Reporter auch weiterhin in ihrer Nähe auf - wie Wölfe, die eine schon sicher geglaubte Beute belauerten.

Reilly und Carter schritten die Kolonne der rotlackierten Fahrzeuge ab und erreichten den umgestürzten Baumstamm, hinter dem der vorderste Wagen der Kolonne stand. Dieser schwere Truck verfügte über eine Seilwinde, die zur Hälfte abgespult war. Am Ende des dicken Drahtseils war eine kleine Plattform befestigt, die an der vorderen Kante eine Gummiwalze besaß. Mit der Plattform hatten sich ungefähr dreißig Männer des Katastrophenschutzes in die Tiefe abgeseilt. Unten hatten sie eine Reihe von Brettern ausgelegt, auf denen sie sich sicher bewegen konnten. Vermutlich war das Erdreich weich, und es bestand die Gefahr, daß ein Mann versinken konnte.

Stumm beobachtete Les Carter die Szenerie, die sich ihm bot.

Der Abgrund mochte fünfzig Meter tief sein. Es ließ sich schwer schätzen. Der gesamte Erdspalt hatte eine Länge von annähernd hundert Metern. An der breitesten Stelle klafften die Ränder dreißig bis vierzig Meter weit auseinander.

Die Männer vom Katastrophenschutz trugen orangefarbene Overalls und weiße Schutzhelme. Auf dem Boden des Abgrunds waren sie mit modernen, hochempfindlichen Sonden an der Arbeit. Einige von ihnen benutzten Holzstangen und Schaufeln, mit denen sie im weichen Erdreich stocherten.

Gut zwei Stunden dauerte der Einsatz bereits.

Ein Mann, der ein ovales Metallabzeichen an seinem orangefarbenen Overall trug, trat auf Reilly und Carter zu. Er stellte sich als Captain O’Rourke vor, Leiter des Einsatzes.

Schon die Miene des Captains zeigte, daß er mit keiner positiven Nachricht aufwarten konnte.

»Können Sie schon etwas sagen?« fragte Reilly mit gepreßter Stimme.

O’Rourke schüttelte bedauernd den Kopf.

»Nichts, Mr. Reilly. Wir stehen buchstäblich vor einem Rätsel. Und wenn ich nicht genau wüßte, daß sich hier auf dem Hügel eine Baustelle befunden hat, würde ich glatt das Gegenteil behaupten. Wir haben nicht die geringsten Anzeichen dafür entdeckt, daß dort unten im Abgrund überhaupt Menschen oder Maschinen verschüttet sind. Zum Beispiel reagieren unsere Sonden besonders empfindlich auf Metall bis zu einer Tiefe von fünfzig Meter. Doch es wurde absolut keine Messung registriert.«

Reilly und Carter starrten ihn verblüfft an.

»Aber wir hatten Maschinen im Wert von hunderttausend Pfund im Einsatz!« rief Carter. »Bagger, Planierraupen, Erdhobel, Schwenkschaufler… Das ist eine verdammte Menge Metall, Captain!«

»Was nicht heißen soll, daß uns die Maschinen wichtiger sind als die Menschen«, fügte Reilly hinzu.

Captain O’Rourke nickte verständnisvoll.

»Mir ist das Ganze ebenso unerklärlich wie Ihnen, Gentlemen. Wir müssen zunächst abwarten, bis die ersten Meßergebnisse der Geologen vorliegen. Wahrscheinlich wird das noch heute der Fall sein. Dann können wir entscheiden, ob und wie weit wir den Boden des Erdspalts ausbaggern.«

Carter blickte erneut in die Tiefe. An der gegenüberliegenden Seite des Abgrunds waren auf halber Höhe Reste von Mauern aus Quadersteinen zu erkennen. Es handelte sich nur um Fragmente. Die Steine waren herausgebrochen, lagen weit verstreut und waren teilweise zerbröckelt.

»Hat das etwas zu bedeuten?« wandte sich Carter an den Captain und deutete auf die Mauerreste.

O’Rourke zuckte die Achseln.

»Kaum. Als Baufachmann wissen Sie es sicherlich selbst. Egal, wo Sie in Irland anfangen zu graben - meistens stoßen Sie auf stumme Zeugen der Vergangenheit.«

In der Beziehung konnte Carter nicht widersprechen.

Trotzdem sagte ihm ein unerklärliches Gefühl, daß die alten Quadersteine nicht so bedeutungslos waren, wie O’Rourke glaubte. Aber davon sprach Les Carter vorläufig nicht mehr.

Er war sich selbst nicht sicher, ob er seinen eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen überhaupt noch trauen konnte.

***

Der Abend hatte sein tintenblaues Samttuch über die kleine irische Stadt ausgebreitet. Straßenlampen brannten, warfen mattgelbe Lichtkreise auf Hauswände und Bürgersteige und erzeugten eine Atmosphäre ländlicher Geborgenheit und Beschaulichkeit, wie sie dem Großstadtmenschen Les Carter anfangs fremdartig und unwirklich erschienen war.

Er trat durch die Hoteltür ins Freie, blieb stehen und zündete sich eine Zigarette an. Tief inhalierte er den ersten Zug und blies den Rauch in die kühle Luft. Seine Nerven waren noch immer nicht topfit. Zwei Tage waren seit der Katastrophe vergangen, und seine Erinnerung an das grauenvolle Geschehen begann zu verblassen.

Doch wenn er allein war, tauchte stets von neuem das gräßliche Bild vor seinem geistigen Auge auf. Die lodernde Glut in der Tiefe des Erdspalts, die menschlichen Körper, die wie Papierfetzen welkten und sich in Nichts auflösten.

Carter hatte sich deshalb in den letzten beiden Tagen bemüht, ständig Leute um sich zu haben, mit denen er reden konnte. Nur die Nächte im Hotelzimmer waren schlimm. Alpträume rissen ihn aus dem Schlaf. Nach dem morgendlichen Erwachen fühlte er sich hundeelend und zerschlagen.

So hätte er es auch vorgezogen, die Abendstunden in der gemütlichen kleinen Hotelgaststätte zu verbringen. Aber als leitender Ingenieur des Bauvorhabens Grimshaw war er verpflichtet, an der Versammlung teilzunehmen, die er persönlich für völlig sinnlos hielt.