Eifersucht, Tränen und letzter Wunsch: 5 Arztromane

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Conny Walden, Anna Martach, Lynda Lys, Hans-Jürgen-Raben, A.F.Morland, Thomas West

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Inhaltsverzeichnis

  Eifersucht, Tränen und letzter Wunsch: 5 Arztromane

  Copyright

  Schwester Katjas letzter Wunsch

  Ihr Hochzeitstag - ein Tag der Tränen

  Mobbing und Mord im Krankenhaus

  Rezepte gegen Eifersucht

  ​Ein Goldfisch in der Nordsee

Eifersucht, Tränen und letzter Wunsch: 5 Arztromane
Conny Walden, Anna Martach, Lynda Lys, Hans-Jürgen-Raben, A.F.Morland, Thomas West

Dieses Buch enthält folgende Romane:

A.F.Morland: Schwester Katjas letzter Wunsch

A.F.Morland: Ihr Hochzeitstag - ein Tag der Tränen

Thomas West: Mobbing und Mord im Krankenhaus

Lynda Lys/Hans-Jürgen Raben: Rezepte gegen Eifersucht

Conny Walden/Anna Martach: Ein Goldfisch in der Nordsee

Schwester Katja hat den ganzen Vormittag hindurch Dr. Härtling assistiert, jetzt fühlt sie sich so müde und erschöpft, dass sie glaubt, den Dienst nicht zu Ende führen zu können. Für einen Augenblick geht sie in den kleinen Aufenthaltsraum, schaut forschend in den Spiegel - und zuckt entsetzt zurück. Tiefe Schatten liegen unter ihren Augen, Schweißtropfen glänzen auf ihrer Stirn. Das Zahnfleisch ist blutig; Schwindel erfasst sie, als sie dieses Symptom feststellt.

Schwester Katja ist zwar kein Mediziner, doch sie weiß genug, um zu ahnen, was diese furchtbare Schwäche, unter der sie leidet, zu bedeuten hat: Sie hat Leukämie!

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

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Schwester Katjas letzter Wunsch

Arzt-Roman von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

Schwester Katja hat den ganzen Vormittag hindurch Dr. Härtling assistiert, jetzt fühlt sie sich so müde und erschöpft, dass sie glaubt, den Dienst nicht zu Ende führen zu können. Für einen Augenblick geht sie in den kleinen Aufenthaltsraum, schaut forschend in den Spiegel - und zuckt entsetzt zurück. Tiefe Schatten liegen unter ihren Augen, Schweißtropfen glänzen auf ihrer Stirn. Das Zahnfleisch ist blutig; Schwindel erfasst sie, als sie dieses Symptom feststellt.

Schwester Katja ist zwar kein Mediziner, doch sie weiß genug, um zu ahnen, was diese furchtbare Schwäche, unter der sie leidet, zu bedeuten hat: Sie hat Leukämie!

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Das Telefon läutete in der Villa Härtling. Ottilie, die grauhaarige Haushälterin, ging an den Apparat.

„Bei Dr. Härtling“, meldete sie sich.

Schweigen am anderen Ende der Leitung.

„Hallo!“

Schweigen. Aber die Leitung war nicht tot. Wenn die Wirtschafterin genau hinhörte, vernahm sie das Atmen eines Menschen.

„Hallo! Wer sind Sie? Warum melden Sie sich nicht?“, fragte Ottilie ärgerlich.

Es klickte in der Leitung. Der Anrufer hatte aufgelegt.

„Sehr witzig“, grollte Ottilie und legte ebenfalls auf.

„Wer war das, Ottilie?“, fragte hinter ihr die achtzehnjährige Dana Härtling. „War der Anruf für mich?“

Die Haushälterin drehte sich um. „Der Anruf war für niemanden.“

„Wie bitte?“

„Wer immer das war - er machte aus seinem Namen ein großes Geheimnis. Genau genommen hat er überhaupt nichts gesagt.“

„Vielleicht hätte er sich nur gemeldet, wenn die richtige Person abgehoben hätte“, vermutete Dana Härtling.

„Oder es ist einer von diesen Spinnern, du weißt schon ... Sie schlagen das Telefonbuch auf, wählen irgendeine Nummer und ...“

„Die sagen doch zumeist irgendetwas Unanständiges.“

Ottilie bedachte das Telefon mit einem abschätzigen Blick.

„Vielleicht hat den da der Mut verlassen.“

Dana schmunzelte.

„Als er dein resolutes Organ vernahm. Das wäre möglich.“

Die Härtling-Kinder duzten Ottilie - sie hatten eine Zeitlang gemeint, die alte Getreue siezen zu müssen, waren sich aber rasch ziemlich komisch dabei vorgekommen.

„Das ist in dieser Woche schon der dritte Anruf dieser Art“, sagte Ottilie mit gefurchter Stirn. „Bisher habe ich mich stets in vornehmer Zurückhaltung geübt. Beim nächsten Mal könnte es sein, dass ich ausfallend werde.“

„Aber Ottilie.“ Dana lachte. Sie trug einen kanariengelben Ripp-Pulli und weiße Leggings.

„Ist doch idiotisch, was der da macht“, murmelte Ottilie verdrossen. „Für derlei Spielchen habe ich kein Verständnis. Der verrückte Kerl sollte lieber einer sinnvolleren Tätigkeit nachgehen.“

„Woher weißt du, dass es ein Kerl ist?“

„Solchen Unfug machen nur Männer. Ich habe noch nie gehört, dass eine Frau sich einen so schwachsinnigen Zeitvertreib hätte einfallen lassen.“

„Ich wäre gern dabei, wenn du mit ihm Schlitten fährst“, sagte Dana Härtling amüsiert. Ottilie war eine gute Seele, geduldig und tolerant. Aber wenn man sie wütend machte, war was gefällig. „Hübsche Frisur übrigens“, machte Dana der Haushälterin ein Kompliment.

„Danke.“ Ottilie betastete behutsam ihre grauen Locken, die am Morgen frisch frisiert worden waren.

Der vierzehnjährige Tom und die zehnjährige Josee kamen aus dem Wohnzimmer.

„Da“, sagte Tom, auf die Wirtschafterin weisend. „Und jetzt kriege ich eine Mark von dir.“

„Kriegst du nicht“, gab das Nesthäkchen der Familie Härtling trotzig zurück. Die Tage im Jahr, an denen Josee und Tom einer Meinung waren, konnte man an einer Hand abzählen, und da blieben noch ein paar Finger übrig.

„Spielschulden sind Ehrenschulden“, erklärte Tom mit wichtiger Miene. „Wir haben gewettet, und du hast die Wette verloren.“

„Hab ich nicht“, entgegnete Josee starrsinnig.

„Darf ich fragen, worum es geht?“, erkundigte sich die Haushälterin.

„Um deine Frisur“, antwortete Tom Härtling.

„Oh.“

Tom nickte. „Josee behauptet, du hast sie dir selbst gemacht. Ich sage, du wärst beim Frisör gewesen.“

Ottilie wandte sich an die Kleine: „Tom hat recht, Josee. Ich war beim Frisör.“

 

„Hörst du’s?“, triumphierte Tom. Er streckte die Fäuste hoch, als hätte er im Boxring einen Sieg errungen. „Hast du’s gehört? Ottilie hat es bestätigt. Und nun lass endlich die Mark rüberwachsen.“ Er streckte seiner kleinen Schwester die rechte Faust entgegen und öffnete sie, damit Josee das Geldstück auf seine Handfläche legen konnte.

„Ich habe keine Mark“, eröffnete ihm Josee.

Tom sah sie empört an. „Wieso wettest du dann mit mir darum?“

„Ich war sicher, ich würde gewinnen“, entgegnete Josee.

„Du kriegst die Mark nachher von mir“, rettete Dana ihre Schwester.

Tom sah Dana verständnislos an.

„Wieso von dir?“

„Ich leihe sie Josee“, gab Dana zur Antwort.

Tom wiegte bedenklich den Kopf.

„Da bist du aber sehr leichtsinnig. Weißt du nicht, dass man das, was man Josee leiht, abschreiben kann? Das kriegt man nie mehr wieder.“

„Stimmt ja überhaupt nicht“, protestierte die Kleine mit erhobener Stimme.

„Stimmt sehr wohl“, blieb Tom bei seiner Behauptung.

„Beweise es!“, verlangte Josee kriegerisch. „Beweise es!“

„Schluss damit!“ Ottilie ging energisch dazwischen. „Hört sofort auf, sonst ist der heutige Nachtisch für euch gestrichen.“

„Was gibt’s denn als Nachtisch?“, erkundigte sich Tom.

„Vanilleeis mit heißen Sauerkirschen.“

Josee und Tom schluckten die Bosheiten, die sie sich noch an den Kopf werfen wollten, hinunter, um die Zuteilung dieser süßen Köstlichkeit nicht zu gefährden, und kehrten ins Wohnzimmer zurück.

Ben, Danas Zwillingsbruder, kam nach Hause.

„Hallo, zusammen“, sagte er zu seiner Schwester und der Haushälterin. Und er fügte hinzu: „Ich komme um vor Hunger, Ottilie. Was gibt’s denn heute?“

„Gebratene Lammkeule mit Wurzelsoße und Semmelknödeln“, antwortete die Wirtschafterin.

„Klingt fantastisch. Ist Papa schon da?“

„Muss in Kürze eintreffen“, sagte Dana.

Ben legte die Hand auf seinen leeren Magen und seufzte: „Hoffentlich erlebe ich das noch.“ Er deutete auf Ottilies Frisur und sagte: „Hübsch. Sehr hübsch.“ Dann ging er auf sein Zimmer.

2

Martha Golombek war eine sehr schwierige Patientin. Da sie nicht ernsthaft krank war, konnte sie ihre Nörgeleien und Unleidlichkeiten bis zur absoluten Perfektion kultivieren und damit allen in der Paracelsus-Klinik gehörig auf die Nerven gehen. Schwester Annegret bekam für gewöhnlich alle Patienten schon nach kurzer Zeit in den Griff, doch bei Martha Golombek musste sie passen. Mit der kam auch die alte Pflegerin nicht zurecht. Frau Golombek, eine wohlhabende Geschäftsfrau, die meinte, sich alles erlauben zu dürfen, nur weil sie Geld hatte, lehnte es strikt ab, sich von Schwester Annegret betreuen zu lassen. Sie war mit einer leichten Kreislaufschwäche in die Paracelsus-Klinik gekommen und behandelte das Pflegepersonal wie Leibeigene. Jeder Wunsch, den sie äußerte, war sofort zu erfüllen, und wagte ihr jemand zu widersprechen, brüllte sie ihn mit einer Menge Beleidigungen gnadenlos nieder.

Nur Chefarzt Dr. Sören Härtling, der Leiter der Paracelsus-Klinik, durfte tun und sagen, was er wollte. Ihm ordnete sie sich total unter. Von ihm nahm sie alles an. Er war der einzige, dem sie gehorchte. Nicht, weil sie ihn für fachlich kompetent hielt, sondern weil er ihr so gut gefiel.

Sie wusste, dass er glücklich verheiratet war und vier Kinder hatte, aber das störte sie nicht im mindesten. Wenn es ihr möglich gewesen wäre, ihn für sich zu gewinnen, hätte sie es getan, ohne auch nur die geringste Rücksicht auf seine Familie zu nehmen. Das waren fremde Leute für sie. Namen, nichts weiter. Warum hätte sie auf die Rücksicht nehmen sollen? Vielleicht war sie auch deshalb so unleidlich, weil sie damit erzwingen wollte, dass Dr. Härtling sich persönlich mehr um sie kümmerte.

Doch dafür fehlte ihm die Zeit. Visiten, Besprechungen, Operationstermine, Vormittags- und Nachmittagssprechstunden und fallweise Aushilfen in der Notaufnahme sorgten für ein volles Tagesprogramm des Klinikchefs. Doch er hätte sich auch dann tunlichst von Martha Golombek ferngehalten, wenn seine Terminkalender nicht so dicht gedrängt gewesen wäre, weil er keine Lust hatte, sich von Frau Golombek umgarnen zu lassen.

Die rothaarige Siebenunddreißigjährige war zwar höchst attraktiv, aber seine Frau Jana war ihm dennoch sehr viel lieber als diese verwöhnte, egoistische und rücksichtslose Karrierefrau, der es nicht das geringste ausgemacht hätte, eine intakte Ehe zu zerstören.

Wütend stürmte Schwester Annegret ins Schwesternzimmer, in der Hand ein kleines Tablett, auf dem die für Martha Golombek bestimmten Tabletten lagen. Schwester Katja hatte die alte Kollegin noch nie so zornig gesehen. Katja - vierundzwanzig, hübsch und sanft wie ein Engel, schlank und dunkelhaarig - musterte Annegret mit ihren weichen, warmen Rehaugen.

„Ich kann einiges vertragen“, keuchte Schwester Annegret. „Und ich weiß im Allgemeinen jeden Patienten individuell zu behandeln, aber bei Frau Golombek versagen meine gesamten psychologischen Kenntnisse. Ich komme mit dieser rothaarigen Hexe einfach nicht klar.“

„Was hat es denn schon wieder gegeben?“, fragte Katja Stemmle schmunzelnd.

„Sie weigert sich, diese Tabletten von mir zu nehmen.“

„Mit welcher Begründung?“, fragte Schwester Katja.

„Sie sagt, ich wäre in ihren Augen schon zu alt, um meinen Dienst noch zuverlässig versehen zu können, und sie wolle sich von mir nicht vergiften lassen, weil ich aus - Fahrlässigkeit, Vergesslichkeit oder irgendeinem anderen Grund - ein falsches Medikament für sie aufs Tablett gelegt habe.“

Schwester Katja schüttelte den Kopf.

„Und das Ihnen - der Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit in Person.“

„Eine impertinente Frechheit, mir so etwas zu sagen. Ich arbeite seit mehr als vierzig Jahren in dieser Klinik. Mir ist in dieser langen Zeit sehr vieles untergekommen, aber so etwas musste ich mir noch nie anhören. Ich hätte große Lust, diese freche, unleidliche Person bei ihren roten Haaren zu packen, aus ihrem Bett zu zerren, den Flur entlangzuschleifen und aus der Klinik zu werfen.“ Schwester Katja lachte.

„So aggressiv kenne ich Sie ja gar nicht, Schwester Annegret. Bisher waren Sie doch immer die Ruhe selbst. Ein Fels in der Brandung. Nicht aus der Fassung zu bringen.“

„Diese Frau bringt mich zur Weißglut“, stöhnte Annegret. „Bei der kann ich mich einfach nicht beherrschen. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch ...“

„Soll ich ihr die Tabletten bringen?“

„Das wäre sehr nett von Ihnen.“

Katja Stemmle nahm das Tablett und verließ das Schwesternzimmer.

„Zeit für Ihre Medizin, Frau Golombek“, sagte sie wenig später mit freundlicher Wärme zu der schwierigen Patientin.

Martha Golombek schob triumphierend ihr Kinn vor.

„Hat Schwester Annegret sich über mich beschwert?“

„Warum haben Sie sie so gekränkt?“, fragte Schwester Katja und gab der Frau ihre Pillen.

Martha Golombek nahm sie anstandslos und spülte sie mit Tee hinunter.

„Warum geht sie nicht in Rente?“, fragte sie hart. „Ist sie geldgierig oder was? Hält sie sich für unentbehrlich oder was?“

„Dr. Härtling ist sehr froh, dass sie noch nicht in den wohlverdienten Ruhestand tritt“, erwiderte Katja und schüttelte Frau Golombeks Kopfkissen auf.

„Ach was! Jeder Mensch ist zu ersetzen. Schwester Annegret ist zu alt für diesen schweren Beruf. Wie lange will sie denn noch hierbleiben? Bis sie tot umfällt?“

„Schwester Annegret ist nach wie vor zuverlässig und auf Grund ihrer langen Berufserfahrung fachlich beinahe so kompetent wie ein Arzt.“

„Im Alter lassen Geist und Gehör nach“, behauptete Martha Golombek. „Man kann sich nicht mehr so gut konzentrieren. Man sieht nicht mehr so gut, kann Medikamente verwechseln.“

„So etwas kann es bei Schwester Annegret nie geben.“

„Ist ja klar, dass Sie Ihre Kollegin in Schutz nehmen.“

„Schwester Annegret überprüft sämtliche Medikamente mehrmals, bevor sie sie ausgibt, deshalb kann man bei ihr einen Irrtum mit absoluter Sicherheit ausschließen.“

Martha Golombek maß Katja Stemmle mit einem unwilligen Blick.

„Ich habe eine andere Meinung von dieser alten Frau“, sagte sie giftig, „und Sie täten gut daran, mir nicht fortwährend zu widersprechen, Schwester. Es wäre nicht sehr klug von Ihnen, mich zu Ihrer Feindin zu machen.“

Die junge Schwester erwiderte nichts mehr und zog sich so rasch wie möglich zurück. Auf dem Flur standen Schwester Annegret und Chefarzt Dr. Härtling. Die alte Pflegerin hatte dem Klinikchef ihr Herz ausgeschüttet, und Sören Härtling sagte nun zu Katja Stemmle: „Schön, dass Sie für unser Annchen eingesprungen sind. Hat Frau Golombek die Medikamente von Ihnen genommen?“

Katja nickte. „Anstandslos.“

Schwester Annegrets Augen verschossen Blitze. „Ich könnte sie ...“

„Nicht doch, Annchen“, beschwichtigte Dr. Härtling die alte Pflegerin. Er hatte seinen Arztkittel bereits ausgezogen und war im Begriff gewesen, nach Hause zu gehen, als Schwester Annegret aus dem Schwesternzimmer gekommen war und ihn mit ihrer Beschwerde überfallen hatte, was für gewöhnlich nicht ihre Art war. „In ein paar Tagen sind wir Frau Golombek los und brauchen uns nicht mehr über sie zu ärgern“, sagte er. „Wenn Sie sich das immer vor Augen halten, wenn Sie mit ihr zu tun haben, wird sie Sie nicht mehr beleidigen können.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Wenn die Damen mich jetzt entschuldigen wollen. Ich werde von meiner Familie erwartet. Wir sehen uns morgen in gewohnter Frische wieder.“

Dr. Härtling verließ die Paracelsus-Klinik, stieg in seinen Wagen und fuhr heim. Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten. Als er sein Haus betrat und Ottilie sah, sagte er: „Sie waren beim Frisör, hab ich recht?“

„Ich muss fürchterlich ausgesehen haben, wenn meine neue Frisur gleich jedem so ins Auge springt“, ächzte die Haushälterin.

Dr. Härtling schmunzelte.

„Kann man Ihnen auch mal etwas recht machen? Sagt man nichts, heißt es: Wozu lasse ich so viel Geld beim Frisör, wenn es ohnedies keinem auffällt? Nimmt man die neue Frisur zur Kenntnis, ist es auch nicht in Ordnung.“

Der Klinikchef begab sich ins Wohnzimmer, um seine Familie zu begrüßen, und kurz darauf servierte Ottilie den ersten Gang des Abendessens.

3

Obwohl es ihr nicht optimal ging, suchte Katja Stemmle anderntags ihr Fitness-Center auf, weil sie da mit ihrer Freundin Birgit Mendl verabredet war.

Die Klubmitglieder rackerten sich mit mehr oder weniger großem Ehrgeiz an den Geräten ab, hoben, drückten und stemmten Gewichte, trabten auf dem Laufband, traten auf den Trimmrädern kräftig in die Pedale und sagten überflüssigen Pfunden in der Sauna den Kampf an. Birgit Mendl hatte permanent mit Gewichtsproblemen zu kämpfen. Sie war üppig, aber nicht dick. Und das war sie nur deshalb, weil sie so eifrig trainierte. Jede Trainingseinheit, die sie ausfallen ließ, zeigte sich sofort gnadenlos auf ihrer Badezimmerwaage. Deshalb bemühte sie sich, das Fitness-Center so oft und so regelmäßig wie nur irgend möglich zu besuchen, und sie rackerte sich auf allen Geräten ehrlich ab - weil man, was sie aus Erfahrung wusste, sich und seine Waage nicht belügen kann.

Während sie schwitzend ihre Brustmuskulatur straffte, sagte sie ächzend zu Katja: „Was tut man als Frau nicht alles, um den Männern zu gefallen.“

Katja Stemmle strampelte neben ihr auf dem Trimmrad, das sie auf die leichteste Stufe eingestellt hatte. Sie wollte sich heute nicht plagen. Ein andermal wieder, wenn sie besser in Form war.

Ihre blonde Freundin sah in ihrem farbenfrohen Gymnastikanzug sehr sexy aus, und damit ihr der Schweiß nicht in die Augen rann, trug sie ein Stirnband aus saugstarkem Frotté. Den Männern gefallen, das war Birgit Mendls Lebensinhalt. Es bereitete ihr großes Vergnügen, mit attraktiven Männern zu flirten, und sie war mit allen männlichen Klubmitgliedern, die altersmäßig zu ihr passten, schon mindestens einmal aus gewesen.

„Du strengst dich heute aber nicht besonders an“, stellte Birgit schmunzelnd fest.

„Ich bin nicht ganz auf der Höhe.“

„Bist du krank?“

 

„Glaube ich nicht“, sagte Katja.

„Vielleicht ist bei dir eine Grippe im Anzug. Dann wäre die Sauna eventuell ganz gut für dich.“

Katja rümpfte die Nase und schüttelte den Kopf.

„Ich habe heute keine Lust zu schwitzen.“

Nach dem Training gingen Katja und Birgit duschen.

„Du bist so schön schlank“, sagte Birgit voll ehrlicher Bewunderung, als die Freundin sich neben ihr unter die Dusche stellte. „Ich muss in der ständigen Angst leben, Cellulite zu kriegen. Und sieh dir nur meinen Po an ...“

Katja schmunzelte.

„Soviel mir bekannt ist, gibt es eine Menge Männer, die daran nicht das Geringste auszusetzen haben.“

„Er ist zu groß.“

„Er kommt an.“

„Das sagst du nur, um mich zu trösten.“

„Ich sage es, weil es stimmt. Männer lieben solche Kehrseiten.“

„Jakob auch?“, fragte Birgit Mendl unvermittelt.

„Mein Verlobter ist mit dem zufrieden, was ich zu bieten habe“, gab Katja Stemmle schmunzelnd zur Antwort.

„Jakob ist süß“, sagte Birgit schwärmerisch. „Ich kann ihn sehr gut leiden.“

Katja drohte ihr scherzhaft mit dem Finger.

„Hoffentlich nicht mal zu gut.“

„Na, hör mal!“ Birgit drehte die Duschhähne zu. „Hast du ihn schon gefragt?“

Katja schüttelte den Kopf. „Nein. Noch nicht.“

Birgit schlüpfte in ihren Bademantel.

„Worauf wartest du? Bis er eine andere Sekretärin gefunden hat? Ich brauche den Job, Katja.“

„Na schön, ich rede mit ihm, aber nur, wenn du versprichst, die Finger von ihm zu lassen.“

„Ehrensache.“ Birgit hob die Hand, als wollte sie schwören. „Du bist schließlich meine beste Freundin.“